Kerrys Sonnyboy

Der demokratische Vizepräsidentschaftskandidat John Edwards hat als „Anwalt des kleinen Mannes“ in vier Jahren 27 Millionen Dollar verdient.

Die Spielregeln der Politik sind in den USA unbarmherzig. Zumindest bei der Offenlegung des Vermögens und der Einkünfte. Wer sich um ein öffentliches Amt bewirbt, muss für den Wähler durchschaubar sein, vor allem was seine Finanzen betrifft. Bei uns ist so etwas unvorstellbar, in den Vereinigten Staaten selbstverständlich.

Als der damals 45 Jahre alte John Edwards 1998 beschloss, seine Anwaltspraxis stillzulegen und als Senator zu kandidieren, hat er eine Vorwärtsstrategie gewählt. Er veröffentlichte nicht nur die Daten und Zahlen bezüglich seines Vermögens, sondern gleich auch seine Lebensgeschichte. Diese Biografie, mit dem Titel „Four Trials“ (Vier Prozesse), entsprach punktgenau dem so genannten „amerikanischen Traum“: der Sohn eines Stahlarbeiters aus South Carolina, der Staranwalt und Multimillionär wurde.

Seine Millionen hat Edwards – laut dieser Biografie – hauptsächlich mit Schadenersatzprozessen verdient. Nicht als fintenreicher Beschützer der Mächtigen und Reichen, sondern als „Rächer der Kleinen und Schwachen“. Der Wohltäter und Großverdiener hat auch Charisma und Charme.

Sicher ein guter Kontrast zu dem eher hölzernen Kerry. Die Paarung John & John soll die Jungwählerstimmen und die Stimmen der Südstaatler bringen und so John den Zweiten zum zweiten Mann der Vereinigten Staaten machen.

Darüber, wie ein Armenanwalt Millionen scheffelt, liest man manchmal Erstaunliches: über die alte Dame Betty Bullock, Kettenraucherin mit Lungenkrebs, die vom Tabakkonzern Philip Morris 28 Millionen Dollar Entschädigung bekam, weil die Firma sie nicht vor den Gefahren des Zigarettenkonsums warnte. Über den Beinbruch einer New Yorkerin, verursacht durch einen Krankenwagen des Rettungsdienstes, der der Jury fünf Millionen Dollar „wert“ war. Ein Fußgänger, der von einem Betrunkenen angefahren wurde, bekam von der New Yorker Stadtverwaltung 6,3 Millionen Dollar, weil der Gehsteigrand – nach Richtermeinung – zu niedrig war. Wenn der klagende „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“ einen tüchtigen Advokaten hat, dann zahlen die betroffenen Firmen oder Institutionen oft freiwillig einen Großteil des geforderten Geldes – sie brauchen keine Publicity durch einen Sensationsprozess. Und die beanspruchten Beträge wurden bei solchen Vergleichen immer höher. Laut einer Untersuchung des Magazins „Newsweek“ stiegen sie in den Vereinigten Staaten zwischen 1997 und 2002 von 500.000 auf 1,2 Millionen Dollar.

Dieses Kassieren mit Gerichtshilfe wird durch das US-Rechtssystem ermöglicht. Bei uns dürfen die Anwälte nur Arbeitszeit, Prozessauftritte, Eingaben und Beratung verrechnen, in den Staaten bekommen sie oft auch ein Erfolgshonorar. Wenn der Klient einverstanden ist, kann dort der Anwalt von der gewonnenen Schadenssumme bis zu 50 Prozent behalten, falls er verliert, kriegt er allerdings gar nichts.

Dass dies für den „kleinen Mann“, als Kläger, auch Vorteile haben kann, erfuhr ich vor zwei Jahren in San Francisco. Ich lernte dort einen „Staranwalt“ kennen, und Mr. Maddock war gerne bereit, von einem seiner spektakulären Prozesse zu erzählen.
Es ging um ein Ehepaar mit einem zwölfjährigen Buben, Kleinverdiener, auf Urlaubsreise, die unterwegs in einem Motel übernachteten. Die Eltern schliefen noch um acht Uhr Früh, als der Junge, vom Swimmingpool angezogen, aus dem Zimmer schlich und einen coolen Kopfsprung wagte. Der Pool war allerdings nur dreißig Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt, keine Absperrung, keine Warntafel. Der Bub hatte einen Halswirbelbruch, der ihn bis zu seinem Lebensende zum Invaliden macht.
Bei uns würde ein Kleinverdiener in so einem Fall kaum wagen, die Hotelkette auf Schadenersatz zu verklagen. Die haben die Top-Anwälte, und wenn der Kläger den Prozess verliert, würden ihn die Rechtsanwaltskosten in die Armut treiben. Und falls er gewinnt, kriegt er einen Schadenersatz von einigen zehntausend Euro. Jene Riesenkosten, die durch eine lebenslange Invalidität entstehen, trägt bei uns der Steuerzahler.

In den USA ist es anders. Wie mich Maddock informierte, gab es dort in den siebziger Jahren ein Urteil des Höchstgerichts, das besagt, dass ein Schadenersatz so hoch sein muss, dass er auch die Dauerfolgen abdeckt. Im Falle des Zwölfjährigen ein Betrag, dessen Zinsen ihm bis zu seinem Lebensende ein Dasein in Menschenwürde ermöglichen.

Maddock hat viel Zeit und Geld in den Fall investiert. Er ließ Archive durchforsten, seine Privatdetektive arbeiten. Der Hotelkonzern hat sich gewehrt, doch nach zwei Jahren Kampf gewann der Anwalt schließlich den Prozess. Die Eltern des Buben bekamen zwölf Millionen Dollar, und Maddock bekam 40 Prozent davon als Erfolgshonorar.

Ist John Edwards also wirklich der Rächer der Kleinen und Schwachen? Auch darüber werden die US-Bürger bei der Präsidentenwahl abstimmen.

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