Kaufen in der Krise

An den Börsen wächst die Unsicherheit. Doch trotz politischer und wirtschaftlicher Turbulenzen gilt: So billig wie jetzt waren Aktien in diesem Jahrtausend noch nie – und sie könnten bald noch günstiger werden.

Christian A., Wiener Anwalt, der sich zum Ziel gesetzt hat, seine Honorareinnahmen durch gezielte Aktientransaktionen ordentlich aufzupäppeln, geht gerade durch Himmel und Hölle. Nach dem Absturz der OMV von ihrem Kurswert um 58 Euro im Mai stieg der Hobbyspekulant recht günstig bei 44 Euro ein – um nach einem kurzen, aufbauenden Anstieg wieder einen nervenzerrüttendoen Kursverfall erleben zu müssen.
Dennoch raten Analysten, Anlageberater und Fondsmanager keineswegs zur panischen Flucht aus den Beteiligungspapieren – eher im Gegenteil: „Wir glauben, dass man Aktien derzeit übergewichten soll“, zeigt sich Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank, optimistisch. Monika Rosen, Chefanalystin im Asset Management der Bank Austria Creditanstalt, rät immerhin zu einer 40-prozentigen Aktienquote: „Das entspricht einer neutralen Gewichtung.“
Dabei könnte vieles besser sein. Zum Beispiel könnten die Ölpreise endlich wieder fallen. Zwischen 65 und 75 Dollar je Barrel ist schon einigermaßen heftig und für die Wirtschaft alles andere als förderlich. Auch die politische Lage könnte sich doch langsam beruhigen. Im Libanon ein wackeliger Waffenstillstand, im Iran das Damoklesschwert drohender Luftangriffe auf die Uran-Anreicherungsanlagen – eine friedliche Welt sieht anders aus. Und ein bisschen mehr Sicherheit über die künftige Zinspolitik könnte wohl auch nicht schaden, denn immer noch fürchten Anleger weiter steigende Zinsen in Europa und den USA. Alles in allem: Kein wirklich erfreuliches Umfeld für Aktien.
Turbulent. Was treibt Marktkenner dann aber trotz des spürbaren Gegenwindes zu dieser zumindest vorsichtig optimistischen Einschätzung der Börsen? Sollen Anleger trotz mehrfacher Belastung der Märkte durch politische und wirtschaftliche Krisen jetzt Aktien kaufen oder nicht doch lieber ihre verbleibenden Aktienbestände auf den Markt werfen?
„Kaufen bei Kanonendonner“ lautet eine – politisch nicht unbedingt korrekte, aber häufig zitierte – Börsenregel. In eine etwas weniger verfängliche Umgangssprache übersetzt, würde das bedeuten: Anleger sollen zugreifen, wenn die Gelegenheit gerade nicht günstig und das Umfeld turbulent erscheint. Was derzeit zweifellos der Fall ist.

Vom Standpunkt der Psychologie aus betrachtet, erscheint diese Strategie nicht unlogisch. Wenn sich alle vor Krieg, Ölpreisexplosion und Zinserhöhung fürchten, kaufen nur besonders Beherzte Aktien, die Mehrheit der Anleger aber findet sich auf der Verkäuferseite. Als Folge sinken die Kurse. Und genau das ist derzeit der Fall. „In Euroland und den USA sind die Aktien so billig wie seit zehn Jahren nicht mehr“, bemerkt Monika Rosen, Chefanalystin im BA-CA Asset Management. Nicht nur das. „Seit mehr als drei Jahren weist das Gewinnwachstum ständig nach oben, und die Prognosen werden ebenfalls ständig nach oben angepasst“, berichtet Helge Rechberger, Chefanalyst der Raiffeisen Zentralbank. Die Kauflaune der Anleger konnte dies freilich nicht stimulieren.
Einstiegschance. Das Ergebnis dieser Kombination aus steigenden Unternehmensgewinnen und gleichzeitig wachsenden Anlegersorgen sind Bewertungen, die historisch betrachtet nur als „Ausverkaufsangebote“ bezeichnet werden können. So wies der Standard & Poor’s 500-Index – er repräsentiert die 500 wichtigsten börsenotierten US-Unternehmen – noch vor wenigen Jahren ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 30 auf. Im Schnitt waren die Unternehmen also mit dem 30-Fachen ihrer Jahresgewinne bewertet bzw. mussten Anleger 30 Jahre warten, bis ein Unternehmen seinen Börsenwert verdient hat. Derzeit liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 14, in Euroland sind es knapp über zwölf. „Im langfristigen Vergleich ist das ganz einfach billig“, so Rechberger.
Vor allem im Vergleich mit Anleihen ergibt das beachtliche Gewinnrenditen. „Besonders institutionelle Anleger schauen sehr genau auf diese Kennzahl, und die spricht eindeutig für Aktien. Diese liefern Gewinnrenditen, die um bis zu vier
Prozentpunkte über den Anleiherenditen liegen“, weiß Erste-Analyst Friedrich Mostböck.
Doch Anleger nehmen das offenbar nicht zur Kenntnis. „Von Jahresbeginn bis Mitte August haben Aktien unter dem Strich verloren“, berichtet Analystin Rosen. Gemessen wird die Performance der internationalen Aktienmärkte mit dem Morgan-Stanley-Aktienindex (MSCI World), und dieser lag Mitte August mit einem Prozent im Minus. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass der entsprechende Index für Anleihen doppelt so schlecht war. „Solche Phasen gibt es immer wieder, aber für meine Begriffe dauert das jetzt schon sehr lang“, meint Rosen.
Über die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind, herrscht unter den Analysten freilich keineswegs Übereinstimmung. „Wir fürchten, die nächste markante Bewegung geht nach unten“, sieht RZB-Analyst Rechberger noch günstigere Kaufgelegenheiten kommen. „Aber das wäre dann der ideale Einstiegszeitpunkt.“
Korrekturphasen verlaufen nämlich oft in drei Wellen, zwei davon gab es bereits. Die dritte Abwärtsbewegung könnte laut Rechberger September/Oktober folgen.
Aufschwunghoffnung. „Wenn das so eintritt, dann wäre das ein Idealszenario und ein Signal, um wieder einzusteigen“, meint Rechberger. Auch dafür, dass die Hausse-Phase bald kommen könnte, finden sich Anhaltspunkte in der Vergangenheit. Die US-Börsen wirken weltweit als Leitbörsen, und an der Wall Street hat man in den vergangenen Jahrzehnten einen Zyklus beobachtet, der mit den US-Präsidentenwahlen zusammenhängt.
Dabei ist jeweils das zweite Jahr einer Präsidentschaft das schlechteste Börsenjahr. Dieses Jahr läuft jetzt aus, danach kommen die so genannten Midterm Elections, also die Wahlen zu den US-Vertretungskörpern Senat und Repräsentantenhaus. Diese Midterm Elections gehen im kommenden November über die Bühne, der die Halbzeit der Administration Bush II einläutet.
Das dritte Jahr einer Präsidentschaft bringt meist ein freundlicheres Börsenklima, und dass Wahljahre – also das jeweils vierte Jahr einer Präsidentschaft – gute Börsenjahre sind, lässt sich statistisch nachweisen und hat sich auch bei europäischen Anlegern herumgesprochen.
Problemfaktor USA. Garantie für einen solchen aus Anlegersicht durchaus wünschenswerten Verlauf der nächsten Monate gibt es allerdings keine, ausgerechnet die US-Konjunktur bereitet der internationalen Finanzwelt einige Sorgen. Das Budgetdefizit ist nach wie vor astronomisch hoch, die US-Konsumenten sind verschuldet wie lang nicht mehr, und die jahrelang gestiegenen Immobilienpreise weisen nach unten.
Gerade hier liegt die größte Gefahr für die US-Konjunktur. Die lockere Hand bei der privaten Verschuldung lässt sich nämlich durch die Immobilienpreise erklären. Wenn der Wert eines Hauses jährlich praktisch automatisch steigt, dann führt das dazu, dass sich der Besitzer der Immobilie „reicher“ fühlt und großzügig Kredite aufnimmt. Aber wehe, die Immobilie wird einmal tiefer bewertet: Die unmittelbare Folge sind Konsumeinschränkungen.
In dieser Phase kommt dem US-Notenbanksystem FED eine zentrale Bedeutung zu. Dessen neuer Chef Ben Bernanke sieht sich freilich in einer schwierigen Situation. „Alles, was das FED jetzt tut, ist falsch“, beschreibt Brigit Kuras die No-Win-Situation, in der sich Bernanke derzeit befindet. „Lässt er die Zinsen unverändert, dann wird jeder sagen, das ist ein Zeichen für eine schwächere Konjunktur, und das hat natürlich Folgewirkungen. Erhöht er aber die Zinsen, dann wirkt das in der ohnedies schon schwierigen konjunkturellen Phase noch weiter dämpfend.“
Erträge in Europa. Erfreulicher sieht da schon die Lage in Europa und den Schwellenländern aus. Vor allem in Deutschland laufen die Geschäfte derzeit weit besser als noch vor Kurzem erwartet. „Die für das kommende Jahr in Deutschland geplante Mehrwertsteuererhöhung führt sicher zu Vorziehkäufen, das stimuliert die Wirtschaft“, analysiert Friedrich Glechner von der Österreichischen Volksbanken AG die momentan bei unseren Nachbarn herrschende Aufbruchstimmung. Auch in anderen europäischen Ländern läuft die Wirtschaft nämlich gar nicht so schlecht. Während die USA für das zweite Quartal ein Wachstum von 0,6 Prozent melden, beschleunigte sich das Wachstum in Europa auf 0,9 Prozent.
Österreich kann hier dank der engen Verbindungen zu den „jungen“ EU-Mitgliedsländern in Zentral- und Osteuropa punkten. Mit einem Konjunkturplus von einem Prozent im zweiten Quartal und einer Jahres-Wachstumsrate von prognostizierten 2,6 Prozent liegt Österreich vor seinen Nachbarn Italien (laut IHS-Prognose 1,5 Prozent) und auch noch sehr deutlich vor Deutschland (das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut rechnet hier mit 1,9 Prozent).
„Von der Bewertung her liegen wir im Mittelfeld“, warnt Peter Szopo, Chefanalyst von Sal. Oppenheim Österreich, aber vor zu großer Euphorie. Die Euro-Unternehmen werden laut durchschnittlicher Analystenschätzung in den kommenden Jahren ein Gewinnwachstum zwischen sechs und 16 Prozent schaffen, für Österreich lautet diese Schätzung auf elf Prozent. „Außerdem liegen in fast allen Schätzungen die Gewinne 2008 unter den Gewinnen des Jahres 2005“, so Szopo.
Analystenkollegin Birgit Kuras von der Raiffeisen Centrobank kann freilich auch in diesen gedämpften Aussichten Positives erkennen. „Wenn einmal die Analystenschätzungen zurückgenommen werden, dann ist auch die letzte Übertreibung aus dem Markt, dann kann es wirklich wieder kräftig bergauf gehen."

Von Franz C. Bauer

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