John Kenneth Galbraith 1908–2006

Der Nationalökonom erkannte als Erster die Probleme der Wohlstandsgesellschaft.

„Er hatte ein wunderbares und volles Leben.“
Sohn Alan Galbraith, 77

Auch seine Familie hat irgendwie den Überblick verloren. Man schätzt seine Bücher auf zirka vier Dutzend, davon wohl dreißig ins Deutsche übersetzt, dazu tausende Essays, die keinen Autorennamen brauchten. Die Texte waren auch so als seine zu erkennen. Lässig, glasklar, verständlich auch für Laien, obwohl sie von Nationalökonomie, Politik, Corporate Business und der Moral in diesen dünnen Lüften handelten. Sein wichtigstes Merkmal war mitmenschlicher Witz, wenn es um Schwache, und böser Sarkasmus, wenn es um Mächtige ging.

Gefragt nach dem Geheimnis seiner Produktivität, antwortete er mündlich so, wie er schrieb, knapp und lakonisch: „Ich stehe auf, frühstücke gut und fange an.“ Als er um 21.15 Uhr in der Nacht auf Samstag, den 29. April, in einem Krankenhaus in Cambridge an Altersschwäche starb, kam es überraschend. Das mag bei einem, der 97 wurde, merkwürdig klingen, doch war man in den USA längst überzeugt, der groß gewachsene, hagere Mann würde langlebige Geistesgrößen wie Bertrand Russell (98) und Ernst Jünger (102) noch übertreffen.

Sein Name hat bis zuletzt nichts an Strahlkraft verloren, auch wenn das Buch, das ihn berühmt gemacht hat, bereits vor 50 Jahren geschrieben wurde: „Die Wohlstandsgesellschaft“ („The Affluent Society“). An ein Ende der Arbeit dachte er nie. Noch zwei Tage vor seinem Tod erhielt der Verfasser dieses Nachrufs als Geschenk einer WU-Studentin Galbraiths aktuelles Werk „Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft“, Verlag Siedler, München 2005, 111 Seiten, 14,40 Euro).

Leicht möglich, ja wahrscheinlich, dass dieses schmale Werk das letzte ins Deutsche übersetzte ist. So mögen dessen letzte Sätze speziell interessieren. Gespenstischerweise lesen sie sich wie eine Zusammenfassung seiner Lebensphilosophie, die ihn für texanische Politiker und Ölmagnaten suspekt machte.

Jene Sätze lauten: „Wir können vor den Folgen eines Krieges nicht die Augen verschließen: Tod und willkürliche Grausamkeit, die Außerkraftsetzung humaner Werte, die Wirren der Nachkriegszeit. Die gegenwärtige Lage der Menschheit und die Aussichten für die Zukunft liegen klar auf der Hand. Die in diesem Buch beschriebenen ökonomischen und sozialen Probleme, aber auch Massenarmut und Hungersnöte lassen sich durch eine kluge Politik bewältigen. Der Krieg ist und bleibt das schlimmste Versagen der Menschheit.“

Wenn man aktiver Teilnehmer der 68er-Studentenrevolution war (Reporter und Fotograf für Hochschulzeitungen), hat man zwangsläufig eine intensive Erinnerung an John Kenneth Galbraith. Erst recht, wenn Nationalökonomie das Studienfach war. Wer nicht gänzlich links war und irregeleitet von der Sowjetunion schwärmte, hatte zu dieser Zeit eine gewisse Mindestsympathie für die Vereinigten Staaten, zusammengewürfelt aus unterschiedlichen, auch kindischen Gründen. Teils faszinierte Hollywood, das leichtfüßiger wirkte als Europas Filmindustrie, teils Konsumprodukte wie Coca-Cola und die letzten Ausläufer der Cadillac-Saurier, teils der Aufbruch ins Weltall. Im elitär-geistigen, auch ökonomischen Bereich gefielen vor allem die US-Wissenschafter.

Zu einer Zeit, da im deutschsprachigen Raum nur jene zu Wissenschaftern erhoben wurden, deren Habilitationsschriften vollendet unverständliche Zitatengräber waren, war in den USA (wie in Europa erst jetzt, nach und nach) jeder Professor zur Verständlichkeit aufgefordert. „Was man nicht klar und einfach sagen kann, hat man selbst nicht verstanden“, lautete das Motto. Rätselhafte und raunende Wissenschafter wurden vom Markt gelacht. Schon gar nicht kamen sie nach Cambridge, an die Harvard University, deren Star Galbraith von 1934 bis 1939, dann wieder von 1948 bis zu seiner Emeritierung 1975 war.

Österreichische Nationalökonomie-Studenten begeisterten sich Anfang der siebziger Jahre an seinen Büchern „American Capitalism“, „The Affluent Society“ und „The New Industrial State“, die Galbraith zum einflussreichen Berater von Truman, Kennedy und Johnson gemacht hatten. Erst bei den nachfolgenden, viereckigen Rabiatkapitalisten („Rednecks des Geistes“, wie er sie zuweilen nannte, mit George Bush als aktuellem Modell) kam sein ganzheitlich-intellektuelles Interesse für Phänomene der Armut, der Ausbildung und Kunst in Verruf. Die Entwicklung von philosophischer Wirtschaftswissenschaft zur reinen Machtmathematik konnte er so wenig verhindern wie ein zweiter, humaner Hero: Nobelpreisträger Paul Samuelson, dessen „Economics I + II die weitaus besten Lehrbücher waren, auch an der WU Wien.

Zum Nachlesen weiters empfohlen: alles, was er als Folge seiner US-Botschaftertätigkeit in Indien schrieb, und „A Short History of Financial Euphoria“. Mit diesem Buch reagierte er auf die Luftblasen der ersten Welle der Internet-beflügelten New Economy. Er war damals schon 82. Bis zuletzt mit 97 blieb ihm das Frische des Tages wichtiger als die Vergangenheit.

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