Ja zur Gesamtschule

Endlich ein ideologiefreies Argument, um eine der unmenschlichsten Einrichtungen der Republik auszuhebeln.

Kann mich noch gut erinnern: Ebensee, Salzkammergut, Spätsommer 1972. Industrieort, kein Gymnasium. Kinder von Arzt, Lehrer, Manager, Unternehmer und der Sohn des Betriebsrates kamen ins Gymnasium. Nach Gmunden oder nach Ischl. Auch die blödesten und die gemeinsten. Einige wenige Arbeiterkinder dürfen mit. Für den Rest heißt das: unauffällig in die Hauptschule diffundieren. Selektion läuft elegant bei sozialer Herkunftslinie.

Fortschritt 1972 ist: Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium war eben abgeschafft worden. Jetzt durfte jeder. Das glaubte jeder. Aber eben nicht. Eine Perversion: Prinzip Begabung ist ersetzt worden durch Prinzip Begüterung. Fortschritt 1972 ist die Abschaffung von Leistungsüberprüfung und die Herbeischaffung von Elternhausüberprüfung.

Sozialdemokratischer Bildungsplan plante leer. Gleichmacherei scheiterte halbwegs.

32 Jahre ist es später. Für gut eine gute Generation ist es zu spät. Der Kanzler rät: „Zu Weihnachten Bücher schenken.“ Aber da lacht das verwundete Land. Verwundert steht das Land nach einer Niederschlagung wieder auf den Beinen. Pisa ist über Österreich gekommen. Kanzlers „kleines Volk, dessen wichtigster Rohstoff zwischen den Ohren liegt“, hat eine Gehirnerschütterung. Wir sind Abfall. Beim Lesen abgefallen vom zehnten auf den 19. Platz, Mathematik von elf auf 15, Naturwissenschaften von acht auf 20.

Die Unterrichtsministerin beweist mit der Hilfe eines Schaubildes, dass sie mehr Geld für Bildung ausgegeben hat als Pisa-Sieger Finnland. Oje. Geld wurde also beim Fenster hinausgeschmissen, Frau Gehrer. Das ist kein gutes Argument der Frau Gehrer.

„Frühe Selektion ist ohne Zweifel etwas, das uns behindert, weil die kompensatorische Erziehung einfach zu kurz ist, um bestimmte Nachteile aus bildungsfernen Schichten in der Schule ausgleichen zu können.“ Auf Deutsch: Wer arm ist, muss arm sterben. Das sagt Günter Haider. Der leitet Österreichs Pisa-Zentrum. Sieht nicht nach Bolschewik aus, der Herr Haider.

Herr Haider sagt, Gesamtschule soll her. Frau Minister sagt zunächst einmal, Herr Haider kann’s nicht gesagt haben. Aber er hat es doch gesagt: Wer mit zehn selektieren lässt, kann Bildungsferne nicht kompensieren. Wer erst mit 15 unterscheidet, hat Arm und Dumm eine Chance gegeben.

Denn das sagt uns Pisa. Hauptschule und Polytechnikum ziehen Österreich nach unten. Andreas Schleicher ist Pisa-Chef der OECD. Schleicher sagt, Österreich hat „ein Problem mit ausgeglichener Leistungsverteilung“. Schleicher sagt: In Österreich hat „sozialer Hintergrund deutlich mehr Auswirkung auf schulische Leistung als individuelle Leistungsverteilung“. Auf Deutsch: Aus Intelligent und Arm macht Österreich Ungebildet und Arm.

Der Kanzler rät, zu Weihnachten Bücher zu schenken.

Sie schreibt im „Standard“: „Man weiß ja gar nicht, wo man überhaupt anfangen könnte, etwas zu kritisieren, wenn immer noch die Gegenreformation marschiert. Kinder werden noch in der Volksschule für ihren späteren Lebensweg buchstäblich selektiert, nur damit diese katholisch geprägte feudalistische Klassengesellschaft ihre Existenzlüge der auserwählten (und in meist katholischen Privatschulen erzogenen) Elite und des ungebildeten Fußvolkes aufrechterhalten kann.“

Obacht: Sie ist jetzt Literaturnobelpreisträgerin. (Nach Bertha von Suttner hat Österreich wieder eine. 2005 ist hundertster Friedensnobelpreisjahrestag. War aber eine Freifrau. „Stammte väterlicherseits aus dem Geschlechte der Kinsky“, so Eintrag bei „Kulturinformationssystem des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur“. Eine Vorabselektierte. Keine Selektierungsgefährdete.) Der Herr Staatssekretär Morak gratuliert der Jelinek. So: „Die Investition der Steuerzahler in die österreichische Kreativität hat sich bezahlt gemacht.“ Hoffentlich ein Zyniker.

Die Jelinek übertreibt. Übertreibt sie? Unterrichtsminister Rudolf Scholten war in der katholischen Privatschule erzogen. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ist in der katholischen Privatschule erzogen. Beide Altschotten. Benediktiner in Wien. Wer kennt einen katholischen polytechnischen Lehrgang? (Das ist jetzt aber polemisch!)
Gesamtschule ist gut. 32 Jahre nach Ebensee und hundert Jahre nach Suttner gibt es jetzt ideologiefreie Beweise. (Frei von preisgekrönter Kommunistenpolemik der Jelinek.) Wer bei Zehnjährigen über gut oder schlecht entscheidet, ist arm dran oder böse drauf. So etwas ist pisagerichtet unsinnig. So etwas ist menschlich unmenschlich. Zehnjährige sind mittlere Kinder.

Der Kanzler rät Buchschenkung. Die Jelinek übertreibt, übertreibt die Jelinek?

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