Im Vollrausch der Preise

Weinhandel. Schmerzhafte 65 Euro für die Cuvée Batonnage aus Illmitz, fruchtige 120 Euro für einen Sauvignon Blanc von F. X. Pichler oder kräftige 399 Euro für einen Leoville aus dem Bordelais. Schlagen die Winzer mit ihren Preisen dem Fass den Boden aus?

Hanns-Henning, deutscher Tourist aus Castrop-Rauxel, zu Gast am idyllischen Neusiedler See, war nach dem abendlichen Heurigenbesuch ganz hin und lall. „Janz ordentliches Weinchen habt ihr da.“ Doch der wirkliche Kater kam erst ein paar Tage später. Als Hanns-Henning vor der Abreise „schnell noch n’ paar Kartongs“ aus der Gebietsvinothek
(„Ab-Hof-Preise“!) in sein Wohnmobil packen wollte, kippte er fast aus den Birkenstock-Pantinen. Unter 20 bis 30 Euro die Flasche war von seinen „ordentlichen Weinchen“ nichts zu haben. Von wegen, gleich beim Eingang schlug eine Flasche Club Batonnage mit kräftigen 65 Euro auf ihn ein. „Als ich vor 20 Jahren da war, kostete eine Flasche Veltliner oder Riesling 35, 40 Schilling, also rund drei Euro“, japste der Deutsche vor Verblüffung. Was ist passiert? Wird Wein heute nicht mehr aus Weintrauben gemacht, in Holzfässern und Stahltanks vergoren, in Glasflaschen gefüllt und mit Papieretiketten beklebt?

Das schon, aber passiert ist tatsächlich eine ganze Menge. Der kellertechnische Aufwand stieg ebenso wie die Marketingkosten, erstklassige Weine dürfen für einen Weinbaubetrieb von Renommee längst keine Zufallstreffer mehr sein, sondern werden von Publikum, Gastronomie und Fachpresse als Standard erwartet. Das macht die Sache nicht gerade billiger. Für Top-Weine wird heute mit Erträgen gearbeitet, die etwa bei der Hälfte früherer Normalwerte liegen, Keller mit bis zu 300 Barriques sind längst keine Seltenheit mehr, die Temperatur der großen Gärtanks lässt sich vom Computer im Büro aus steuern, die Zahl der jüngsten Designerkeller-Projekte – all das hat seinen Preis – rechtfertigte unlängst sogar schon eine Ausstellung im Wiener Architekturzentrum, Winzer engagieren Star-Grafiker zur Etikettengestaltung, Winzer legen sich aufwändige Websites zu, Winzer haben PR-Berater, nehmen an Messen im Ausland teil. Wein wurde vom Nahrungs- zum Genussmittel. Winzer sind heute nicht mehr Weinbauern, sondern Popstars. Und Weinfreunde sind heutzutage keine Weinbeißer mehr, sondern önologische Experten auf höchstem Niveau.

Winzergold. Wein ist mittlerweile aber zweifellos jenes (legale) landwirtschaftliche Produkt, mit dem man den größten Gewinn aus Grund und Boden holen kann: Der Château Latour 2005 ist in Subskription (Vorbestellung, spätere Auslieferung) derzeit um 672 Euro pro Flasche zu haben, das legendäre Premier-Grand-Cru-Weingut in Pauillac erzeugt an die 200.000 Flaschen seines „Grand Vin“ (das sind etwa 55 Prozent der gesamten Erzeugung des Weinguts) – da bleibt wohl schon ein bisschen was für Weihnachten übrig. Solche fabelhaften Summen sind aber selbst in Bordeaux äußerst selten – gerade in den vergangenen Jahren hatten kleinere, unbekanntere Weingüter in Bordeaux extreme Absatzprobleme –, sie lassen auch leicht vergessen, welche wirklichen Kosten im „normaleren“ Weinbau anfallen.

Die da wären: Grund und Boden, entweder im Erwerb oder in Pacht, samt entsprechender Steuer; Kellereigebäude mit entsprechendem Equipment (Fässer, Presse, Pumpen, Filter, Kühl- und Heizaggregate, Füllanlage, Lagerräume); Traktoren und entsprechende Zusatzgeräte (Spritzen, Mähbalken, Bodenbearbeitungsgeräte, Laubschneider); Arbeitszeit, und zwar die eigene sowie jene von Fremdarbeitskräften; Dünger, Spritzmittel, Diesel, Strom; Versicherungen (etwa gegen Hagel); Flaschen, Korken, Etiketten und Kartons und damit zusammenhängende Entsorgungsabgaben; Vertriebskosten, Bemusterung von Händlern, Importeuren, Gastronomen und Presse, Mitgliedsbeiträge bei Marketinggemeinschaften beziehungsweise generelle Marketingkosten, Laboranalysen, Prüfnummern, Beiträge für Kammern und die Weinmarketing Gesellschaft.

Für Winzer mit qualitativ hohen Ansprüchen ergeben sich aber auch immer mehr Unwägbarkeiten bei der Kartonkalkulation: „Was die Ausstattung kostet, das weiß man“, erklärt Peter Veyder-Malberg, Kellerei-Verantwortlicher des Weinviertler Groß- und Paradebetriebs Schlossweingut Graf Hardegg, „denn das steht auf den Rechnungen.“ Schwierig sei hingegen die Kalkulation der Kellerkos-
ten und der Kosten im Weingarten, und zwar aufgrund zahlreicher Variablen, die sich nicht wirklich einschätzen lassen: So kann – und das ist das entscheidende Kriterium – die Ernte hoch oder niedrig ausfallen, was in der Folge eine jährliche Extremschwankung der Preise mit sich bringen würde, „aber das ist dem Markt nicht zumutbar“. Weshalb man eine über mehrere Jahre wirkende Mischkalkulation versucht. Veyder-Malberg: „Bei manchen Weinen und in manchen Jahren zahlen wir auch drauf.“

Preisproduktion. Geht man etwa von einem Ertrag zwischen 6000 (hier beginnt es, qualitativ interessant zu werden) und 9000 Kilo pro Hektar (das ist die gesetzliche Obergrenze in Österreich für „Qualitätswein“, Weine mit höheren Hektarerträgen werden als Land- und Tafelwein deklariert) aus, so rechnet das Agrarwissenschaftliche Institut mit variablen Kosten zwischen 6200 und 7600 Euro pro Hektar, was bei einem angenommenen durchschnittlichen Verkaufspreis von 4,7 Euro (350 Euro pro Hektoliter) einen Deckungsbeitrag zwischen 7400 und 10.500 Euro pro Hektar ergibt, aus dem die Fixkosten bestritten werden. Das klingt nach einem guten Deal, allerdings geht diese Rechnung von Weinen mit durchschnittlicher bis guter Qualität aus, mit denen man allerdings nicht gerade auf die Titelseiten der Wein-Magazine kommt.

Bei seinen Top-Weinen schaue die Rechnung ganz anders aus, erklärt Veyder-Malberg, „für unseren Viognier (29 Euro ab Hof, französische Weißweinsorte aus dem Rhône-Tal) ist der Aufwand im Weingarten extrem hoch, etwa viermal so hoch wie für unseren Basis-Veltliner“. Und das, was den Aufwand so erhöht und damit die Preise nach oben treibt, sei die manuelle Arbeit, „über die halt leider nichts geht“. Und zwar sowohl im Weingarten – „die Laubarbeit wird in Zukunft immer wichtiger und teurer werden“ – als auch vor allem bei der Lese: Denn für Spitzenweine wird extrem streng selektiert, jede Traube kontrolliert, notfalls zerlegt und Beere für Beere nach Güte zugeteilt.

Selbstausbeutung. Genau bei der manuellen Arbeit ist auch eine der größten Verzerrungen der Kosten zu finden, wie Fred Loimer, Top-Winzer in Langenlois, erläutert: „Gerade in Familienbetrieben wird die Arbeit der Familienmitglieder nur selten bezahlt, Selbstausbeutung ist die Regel.“ Was bei angenommenen 400 Arbeitsstunden pro Hektar (das Agrarwissenschaftliche Institut spricht sogar von einer Arbeitsleistung zwischen 550 und 870 Stunden pro Hektar) und dem Preis einer Arbeitsstunde (eines angemeldeten Landarbeiters) zwischen zehn und zwölf Euro auch eine ordentliche Summe ausmacht – bei angenommenen zehn Hektar und einem Ausstoß von 50.000 Flaschen immerhin knapp 90 Cent pro Flasche. Veyder-Malberg: „Bei einem Flaschenpreis von 1,99 Euro im Supermarktregal verdienen der Supermarkt, der Handel und der Transport – aber der kleine Weinbauer irgendwo in Sizilien, der bekommt für seine Trauben fast gar nichts. Den Letzten beißen die Hunde.“

Ein anderer Punkt, der bei der Kalkulation von Wein ebenfalls gerne von Winzern vergessen wird und dann zu einerseits erfreulichen Mezzien führt, andererseits zu Verwunderung bei Kunden, die sich die Preisun-
terschiede zwischen zwei ähnlich gearteten Flaschen Wein nicht so ganz erklären können, sind die Kosten für Grund und Keller: Wenn die Betriebsfläche, die ausgepflanzten Weingärten, der Keller samt Gebinden und womöglich auch der Traktor schon seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben wurden, kommt da oft sehr viel davon nicht in die Kostenrechnung. Manche Winzer sprechen sogar davon, dass Weinbau ohnehin gar nicht leistbar wäre, wenn man diese Punkte mitberechnen würde. Fred Loimer – er startete sein Weingut Ende der neunziger Jahre völlig neu – oder andere Start-up-Kellereien müssen da natürlich mit anderen Zahlen operieren: „Eine Investition von 500.000 Euro hat man schnell beisammen, mit der Kellereiausstattung ist man dann bei der Million.“ Das Finanzamt gewährt eine Abschreibung über 25 Jahre, bei Ausstattung sind sieben bis zehn Jahre üblich – eine Belastung von durchschnittlich 40 Cent pro Flasche kommt dennoch zusammen.

Teures Design. Bleibt die Frage, ob ein Designerkeller vom Star-Architekten wirklich notwendig ist oder ob da Kosten auf den Konsumenten abgewälzt werden, die mit dem Genuss am Produkt nicht wirklich in direktem Zusammenhang stehen. Loimer – er erhielt 2002 für seinen avantgardistischen Kellerbau den Bauherrenpreis des Landes Niederösterreich – meint, dass man natürlich auch eine Blechhütte hinstellen könnte, „man kann auch billig bauen, das ist klar“. Die Umwegrentabilität über Branding und Marketing, eventuell höhere Verkaufserfolge durch größeres Publikumsinteresse und gediegenere Präsentationsmöglichkeit – das Publikum wurde schon recht anspruchsvoll – ist aber durchaus gegeben. Der Joiser Star- und Society-Winzer Leo Hillinger etwa eröffnete seinen futuristischen Designerkeller mit prominent besetzten Hubschrauber-Schwadronen und marketingmäßigem Dauerfeuer – und gilt heute als einer der touristischen Hot Spots am Neusiedler See (inklusive Erscheinung in der TV-Serie „Der Winzerkönig“), Manfred Tements siebenstöckiger Monumental-Keller in seiner Lage Zieregg zieht jährlich abertausende Besucher – und Weinkäufer – an.

Selbst Rudolf Rabl, mit etwas mehr als 50 Hektar Weingartenfläche der drittgrößte Betrieb in Langenlois und bis vor Kurzem Vertreter einer recht radikalen Niedrigpreispolitik, sieht die Sache mittlerweile ebenfalls ein bisschen anders: Aufwändig und auffällig gestaltete Designerkeller hätten bei Weingütern mit größerer Öffentlichkeit durchaus ihren Sinn. Seine auffällig niederen Preise hätten nicht zuletzt mit seinen Konsumenten zu tun gehabt, „die Preise haben einfach existiert, die Kundschaft hatte sich daran gewöhnt, da kann man nicht von einem auf den anderen Tag erhöhen“, erklärt Rabl seine Preise von zehn, zwölf Euro für seine durchwegs hoch dekorierten Weine. Außerdem sei er einer der wenigen Winzer gewesen, die bei der Umstellung von Schilling auf Euro nicht 10:1 rechneten, sondern das ursprüngliche Preisniveau beibehielten, man habe sich mittlerweile aber fließend dem gängigen Langenloiser Weinpreis angeglichen. „Das Problem ist freilich, dass man ab einer gewissen Betriebsgröße an den Preisen des Weltmarktes gemessen wird – und da wird’s dann schwierig“, meint Rabl.

Fasspreise. Und die Barriques? Fässer mit geringem Inhalt (225 Liter = 300 Flaschen), händisch in Hochpreis-Lohnländern aus speziellen Hölzern (langsam gewachsene, engporige Eichen, lange gelagert) hergestellt: Inbegriff der kellertechnischen Internationalität, prestigeträchtig und teuer – aber auch notwendig? Zwischen 350 und 600 Euro schlägt ein Fässchen zu Buche, erfährt man beim heimischen Marktführer Pauscha in Wolfsberg, wobei erstens von einer Lebensdauer von mindestens drei Jahren ausgegangen werden kann und zweitens viele Winzer die Fässer auch viermal pro Jahr umfüllen und die Barriques nur für kurzzeitige Lagerung ihrer Weine benutzen, um eben gerade einmal einen geschmacklichen Holz-Touch zu erzielen. „Je nach Wirtschaftslage eines Betriebs werden die Fässer seltener oder häufiger gewechselt und kürzer oder länger für die Lagerung benutzt“, erfährt man bei Pauscha. Durchschnittlich mache der Barrique-Einsatz eine Flasche Wein um etwa einen Euro teurer, rechnet Günter Triebaumer, Ruster Winzer und Vortragender bei der Wein-Akademie in Rust, vor. Dazu kommt natürlich auch, dass nur bessere, also reifere Weine mit geringeren Erträgen ins Barrique kommen, was die Sache noch einmal teurer macht. Für den reinen Holzgeschmack seien die viel diskutierten und seit Kurzem auch in der EU zugelassenen Oak-Chips natürlich weitaus billiger (zirka 1,5 Cent pro Flasche, wie Thomas Woytek von der Firma Erbslöh in Geisenheim/Deutschland vorrechnet), erfährt man bei Pauscha.

Kork oder Kapsel. Ein relativ neues Thema ist die Frage des Flaschenverschlusses, nämlich ob ein Schraubverschluss nur billig aussieht oder auch billiger ist. Von ästhetischen Vorlieben einmal abgesehen, ist der Metallverschluss tatsächlich billig: 15 Cent pro Schraubverschluss stehen einem preislichen Spektrum von 13 Cent (für sehr einfache Qualität) bis 1,30 Euro für ein Stück Kork (für extrem lange, extrem gut gewachsene, kontrollierte Prestigeware) gegenüber, erfährt man beim Wiener Tochterunternehmen des portugiesischen Korkkonzerns Amorim. Der durchschnittliche und am häufigsten bei österreichischem Wein verwendete Korkverschluss komme allerdings auf 35 Cent, das Gleiche kostet die Flasche. Gebinde für den Schraubverschluss sind derzeit noch um zehn Cent teurer (45 Cent), auch die Umrüstung der Füllanlage kostet natürlich Geld, was allerdings durch das Ausbleiben von Fehlern wettgemacht wird.

Auch die Prüfnummer kostet Geld, zwischen 53 Euro und 80 Euro pro Wein, auch die Österreichische Weinmarketing Gesellschaft muss sich finanzieren, und zwar mit 180 Euro pro Jahr und Hektar. Überhaupt sei Marketing längst keine luxuriöse Spielerei mehr, meint Veyder-Malberg, sondern je nach Region essenziell. „Im Weinviertel ist der notwendige Marketingaufwand weitaus höher als zum Beispiel in der Wachau“, erklärt der Weinmacher.

Betrachtet man die reinen Gestehungskosten, kommt man, je nach Qualität der Trauben, auf Zahlen von knapp drei bis 4,50 Euro (siehe Tabelle auf Seite 63). Die Differenz zum Preis sind also Verwaltungs- und Marketingkosten – und der Gewinn. Denn Winzer sind keine armen Bauern. Sie fahren keine Traktoren, sondern VW Touareg, Porsche Cayenne oder auch einen Hummer. Sie tragen keinen zerschlissenen Blaumann, sondern schicke Designer-Labels. Und das alles hat sei-
nen Preis.

Und der Weinpreis wird noch teurer werden, da sind sich alle einig. Zumindest bei den Top-Weinen, die in Zukunft auch vermehrt nach biologischen und biodynamischen Richtlinien hergestellt werden, was noch mehr Arbeitsaufwand und noch kleinere Erträge mit sich bringt. Einfache Weine werden durch höheren Grad an Mechanisierung und tendenziell höhere Erträge hingegen billiger werden. Veyder-Malberg: „Man steht jetzt vor der Frage, für welchen Weg man sich entscheiden soll."

Von Florian Holzer

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