Im Reichtum der Mitte

Die Aufwertung der Währung macht China als Ziel für Anleger noch interessanter.

Am 10. August fanden sich in der „Financial Times“ auf insgesamt sieben Seiten Berichte über die Volksrepublik China. Unter anderem erfuhren die Leser der internationalen Wirtschafts-Tageszeitung mit untrüglichem Feeling für wichtige Trends von Preisreduktionen bei Volkswagen, einer Ausstellung chinesischer Produkte in Dubai, australischen Plänen, Uran nach China zu liefern, und von Problemen der europäischen Textilbranche mit Importen aus dem Reich der Mitte.

Das wachsende Interesse der internationalen Medien an China (übrigens: die China-Berichterstattung der „Financial Times“ war umfangreicher als die China-Berichte sämtlicher österreichischer Tageszeitungen zusammen) hängt mit einem wichtigen Datum zusammen: dem 21. Juli 2005. An diesem Tag wertete China seine Währung auf und verabschiedete sich von der fixen Bindung des Yuan an den Dollar. Seither nimmt nicht nur die Intensität der internationalen Berichterstattung über China stetig zu, sondern auch die Beachtung, die das Land bei Anlegern erfährt. „China ist als Anlageziel interessanter geworden“, so Patrick Butler, Vorstand für Treasury und Investment Banking der Raiffeisen Zentralbank. „Wir sehen die Aufwertung sehr positiv.“

Schon seit Jahren lockt die Volksrepublik mit hohen Wachstumsraten und einem schier unerschöpflichen Markt Investoren an. Mit einer weit gehenden Liberalisierung der Wirtschaft, hunderten Millionen billiger Arbeitskräfte und enormen Ausgaben für die Verbesserung der Infrastruktur präsentierte sich das kommunistische Regime internationalen Investoren als idealer Wirtschaftsstandort. Privatanleger verhielten sich dagegen eher vorsichtig.

Erwünschte Bremse. Immer wieder setzte es nämlich Kritik an der Währungspolitik. Die starre Bindung des Yuan an den US-Dollar mit einem eher willkürlichen Verhältnis führte zu einer laufenden Abwertung gegenüber zahlreichen anderen Währungen – unter anderem dem Euro. Dadurch verbilligten sich zwar chinesische Waren auf dem Weltmarkt, doch die Exporterfolge nährten Befürchtungen über eine Überhitzung der chinesischen Wirtschaft, die letztlich in einen Crash münden könnte.

Dementsprechend interpretiert Butler die Aufwertung um rund 2,1 Prozent als Maßnahme zur Stabilisierung der Wirtschaft. „Die Aufwertung bedeutet eine Bremse für die Inflation und eine Bremse für die Wirtschaft. Das war wirklich notwendig.“ Thomas Gerhardt, Leiter des Bereichs Global Emerging Markets und Senior-Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS, sieht das ähnlich: „Ich gehe davon aus, dass es eine moderate Abschwächung der Wirtschaft geben wird.“ Von derzeit neun bis zehn Prozent fielen die Wachstumsraten seiner Meinung nach auf acht bis neun Prozent. „Was aber immer noch ein kräftiges Wachstum bedeutet.“

Dass die Anleger den überschäumenden Wachstumsraten nicht vertrauten und die Aufwertung ein durchaus willkommenes Bremsmanöver ist, zeigt ein Blick auf den Kursverlauf der chinesischen Aktien. Diese legten eine um rund 15 Prozentpunkte schlechtere Performance aufs Börsenparkett als der Durchschnitt der asiatischen Aktienmärkte – was angesichts von 9,9 Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr 2003 und 9,5 Prozent im Jahr 2004 doch ein wenig überrascht.

DWS-Asienexperte Gerhardt sieht darin hingegen keinen Widerspruch. „Das größte Problem bei Investments in China besteht darin, dass sich Aktienmarkt und Wirtschaft nicht unbedingt parallel entwickeln.“ Ein hohes Wirtschaftswachstum bedeute nämlich keineswegs, dass es allen Unternehmen gut gehe. Zwei Schwachstellen ortet Gerhardt: „die mangelnde Kapitaldisziplin und die Managementqualitäten“. Die Unternehmen haben, so Gerhardt, relativ einfach Zugang zu Kapital. Dies verleite sie dazu, Überkapazitäten aufzubauen. „Ein gutes Beispiel dafür liefert die Automobilbranche. Noch 2003 haben sich hier alle goldene Nasen verdient. So war beispielsweise für Volkswagen China der profitabelste Markt. Das hat aber dazu geführt, dass wie verrückt Autofabriken gebaut wurden. Heuer gibt es daher enorme Überkapazitäten, VW baut einen beträchtlichen Verlust, und die Preise sind unter Druck geraten.“

Managementschwäche. Schwächen ortet der Fondsmanager auch, was die Managementqualitäten betrifft. „Wenn ich chinesische mit indischen Unternehmen vergleiche, schneiden die indischen Manager deutlich besser ab“, meint Gerhardt. Hier kommt den Indern die längere Erfahrung mit marktwirtschaftlichen Mechanismen zugute. Nicht wirklich erschüttern können den Investmentprofi hingegen die periodischen Korruptionsskandale. „Das sehe ich ganz pragmatisch: Damit muss man in allen Emerging Markets eben leben, und es gibt keinen Unterschied zwischen der Korruption in China, Brasilien oder sonst wo.“

Mehr zu schaffen macht ausländischen Investoren da schon die mangelnde Transparenz bei chinesischen Unternehmen. Corporate Governance ist in China gleich in zweifacher Hinsicht ein Fremdwort. „Aber da gibt es Verbesserungen. Und Unternehmen, die sich stärker an westlichen Spielregeln orientieren, sind an der Börse üblicherweise höher bewertet“, so Gerhardt.

Anleger, denen die China-Story gefällt, haben zwei Möglichkeiten, in chinesische Unternehmen zu investieren: indirekt über Fonds oder direkt in chinesische Aktien. So gut wie jede größere internationale Fondsgesellschaft bietet einen in Österreich zum Vertrieb zugelassenen China-Fonds an. Gehandelt werden die Aktien überwiegend an den Börsen Shenzen, Shanghai und in Hongkong. Doch die hohen Spesen bei einem direkten Kauf schreckten Privatanleger lange Zeit ab – bis die Berliner Börse die Marktnische entdeckte.

Seit rund eineinhalb Jahren werden in Berlin chinesische Aktien in größerem Stil gehandelt – ein Angebot, das vor allem Privatanleger in immer stärkerem Ausmaß annehmen. „Das Anlegerverhalten hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert“, berichtet der Berliner Makler Oliver Jacobi von der Maklerfirma Berliner Freiverkehr (Aktien) AG, ein Spezialist für den Handel mit chinesischen Wertpapieren. „Die Anleger sind heute wesentlich informierter. Auch die deutschen Zeitungen berichten immer mehr über chinesische Unternehmen, Börsenbriefe und Internet sind ebenfalls häufig genutzte Informationsquellen.“

Natürlich gebe es aber noch Schwächen. „Was die Zahlen betrifft, ist nicht alles durchschaubar, aber die Anlegerfreundlichkeit nimmt merklich zu“, lobt der Makler die Bemühungen Chinas um mehr Transparenz. Zahlreiche Anleger setzen auf die breit kapitalisierten Blue Chips. Doch auch die Zahl jener, die sich über kleinere Unternehmen wagen, wächst. Beide Gruppen warnt Jacobi freilich vor übertriebener Euphorie: „Der Markt ist relativ gefährlich.“ Eine Meinung, der sich auch Gerhardt anschließt. „Ich rechne aus jetziger Sicht nicht mit einem Absturz, aber wer glaubt, die Entwicklung geht von links unten nach rechts oben, der wird sich täuschen. Es kann immer wieder Rückschläge geben.“

Ein Problem für Anleger stelle auch das nur auf den ersten Blick große Angebot an Aktien dar. „Der Markt ist nicht so breit und so tief, wie man sich das als Anleger wünschen würde. Er wird von wenigen Sektoren und wenigen Aktien getrieben“, so Gerhardt. Ausländer können vor allem in den Bereichen Telekommunikation und Energie investieren. Der stark wachsende Konsumsektor bleibe ihnen hingegen weit gehend verschlossen: Hier dominieren kleinere und mittlere Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von 200 bis 300 Millionen US-Dollar und einem Mehrheitsaktionär.

Doch die Juli-Aufwertung hat die Stimmung der Investmentprofis verbessert – und das dürfte noch nicht der letzte Schritt gewesen sein: „Da das gesamte Wechselkurssystem geändert wurde, werden mit der Zeit weitere Aufwertungen folgen“, glaubt Patrick Lo, Fondsmanager bei Fidelity, dem weltweit größten Fondsanbieter. Für die Aktien eröffne das positive Perspektiven: „Es wäre nicht überraschend, wenn liquide Titel großer Unternehmen, die ihre Erträge in Yuan angeben, davon profitieren.“

von Franz C. Bauer

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