„Ich hätte nicht abgebrochen“

Telekom-Austria-Generaldirektor Heinz Sundt über die zum falschen Zeitpunkt gescheiterten Verhandlungen mit der Swisscom, die Funkstille zu Karl-Heinz Grasser und seine Verwunderung über die mögliche Neubesetzung des Vorstands.

trend: Sind Sie nach dem Scheitern des Swisscom-Deals erleichtert oder unglücklich?
Sundt: Weder noch. Ich muss ehrlich gestehen, ich war einer der Promotoren die-
ser Angelegenheit, und natürlich ist das Nichtzustandekommen aus dieser Sicht nichts Motivierendes. Auf der anderen Seite haben wir unsere Geschäfte und Strategien immer ohne Berücksichtigung eines strategischen Partners geplant. Die Telekom Austria steht sehr solide da, wir übertreffen sogar die Erwartungen der Finanzanalysten; das heißt, es widerspricht nichts dem Ziel, unsere Vorhaben alleine zu realisieren. Damit ist Frust oder Ähnliches nicht am Platz. Wenn Sie wollen, Ernüchterung ja, weil natürlich die Perspektive gemeinsam mit der Swisscom einige Sichtweisen ermöglicht hätte, die es jetzt nicht gibt.

Das „erleichtert“ bezog sich darauf, dass Sie noch im vergangenen Herbst als Befürworter einer Privatisierung über die Börse aufgetreten sind. Warum der Meinungsschwenk?
Die Sichtweise hat sich gar nicht geändert: Ich habe seit längerer Zeit ein Zusammengehen mit der Swisscom grundsätzlich positiv charakterisiert, weil mir sehr daran gelegen ist, aus einer Situation herauszukommen, dass ein Hauptaktionär, getrieben von seinem Privatisierungsauftrag der Regierung, grundsätzlich immer nur vom Verkauf seiner Anteile spricht. Jeder Vorstand wünscht sich eine stabile Aktionärsstruktur.
Ich habe zu einem anderen Zeitpunkt den Wunsch geäußert, dass eine Sperrminorität in österreichischer Hand gehalten würde. Das ist de facto kein Meinungsschwenk, weil es mir auch bei dieser Aussage darum ging, eine stabile Aktionärsstruktur zu finden. Ob es sich dabei um einen österreichischen oder ausländischen Aktionär handelt, ist nicht unwichtig, aber das Allerwichtigste ist der stabile Aktionär.

In der Situation jetzt wünschen Sie sich jedenfalls wieder einen österreichischen Kernaktionär.
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Verkauf der letzten 25 Prozent an einen Streubesitz aus der Telekom Austria einen Übernahmekandidaten macht. Es zeichnet sich ab, dass die großen europäischen Telekomkonzerne vielleicht schon in zwei Jahren ihre Bilanzen saniert haben werden. Spätestens dann wäre unsere Gesellschaft mit dieser betriebswirtschaftlichen Attraktivität ein Zielobjekt allererster Ordnung, und wir hätten keine Möglichkeit, uns gegen eine derartige feind- liche Übernahme zu wehren.
Die Telekom Austria ist ein führender österreichischer Betrieb, der in Österreich forscht, entwickelt, seine Geschäfte und Entscheidungen trifft. Und das ist nicht sichergestellt, wenn man eine derartige Aktionärsstruktur hat und Ziel einer feindlichen Übernahme ist. Was immer passiert, wir wären dann nicht mehr Herr in unserem eigenen Haus.

Das wären Sie aber durch den Deal mit der Swisscom auch nicht gewesen.
Das ist richtig, auch der Deal mit der Swisscom hätte bewirkt, dass wir nicht mehr Herr unseres eigenen Hauses gewesen wären. Niemand auf der ganzen Welt würde umfangreiche Beträge investieren und dann auf das Sagen verzichten. Und das war auch bei den Schweizern so nicht angedacht. Faktum ist aber, dass wir
mit den Schweizern gemeinsam die wesentlichsten Strategien entwickelt hätten und daher für einen Zeitraum von fünf Jahren eine gemeinsame Auffassung von den umzusetzenden Strategien gehabt hätten. Das schien mir diskutierenswert, denn man kann dieses Unternehmen auch mit einem guten Schweizer Management mit guten Strategien durchaus sinnvoll führen.
Sind die Verhandlungen mit Swisscom Ihrer Meinung nach zu früh abgebrochen worden? Wäre bei längerem Verhandeln der Abschluss doch noch möglich gewesen?
Man kann das Leben nur einmal leben, und die Verhandlungen wurden nun einmal abgebrochen. Ob eine Fortsetzung der Verhandlung zu einem positiven Ende geführt hätte, das steht nicht an zur Beurteilung.

Denken wir uns einmal die Politik weg: Hätten Sie als Unternehmensleiter zu diesem Zeitpunkt abgebrochen?
Mein Verhandlungsmandat war ja eher in einer Überprüfung der strategischen Positionen zu sehen. Ich habe ja nichts zu verkaufen, die ÖIAG wollte was verkaufen. Die Frage an mich ist also falsch adressiert: Ich habe nicht abgebrochen, ich hätte nicht abgebrochen, sondern die Gespräche wurden vom Aktionär abgebrochen.

Also Sie hätten rein aus der Sicht des Unternehmens den Deal nicht zum Scheitern gebracht?
Er wäre weiter verhandelbar gewesen. Ich nehme an, dass ein Teil der offenen Punkte mit Sicherheit geklärt worden wäre, vielleicht hätte es Alternativen gegeben zur Erledigung dieser Punkte, jedenfalls hat aus meiner Sicht nichts den Abbruch dieser Gespräche zu diesem Zeitpunkt erzwungen. Die Entscheidung ist extern getroffen worden.

Wer hat dann die Notbremse gezogen?
Hier ist es vernünftiger, Sie sprechen mit dem Aktionär; hinter dem Aktionär gibt es auch noch ein politisches Szenarium. Wie das Zusammenspiel der Kräfte war, darüber möchte ich mich nicht äußern.

Aber Sie wissen die Antwort auf die Frage.
Ich glaube zu wissen, wie die Entscheidungsfindung gelaufen ist, und Sie sind so liebenswürdig, mich danach nicht zu fragen.

Was halten Sie davon, dass der Bundeskanzler sich zu den Ereignissen nie geäußert hat?
Ich bitte, diese Frage dem Herrn Bundeskanzler zu stellen.

Finanzminister Karl-Heinz Grasser erklärt nun, dass eigentlich die Schweizer Politik dagegen gewesen wäre. Wenn das stimmen würde, wäre es nicht leichter gewesen, die Schuld für das Scheitern gleich den Schweizern in die Schuhe zu schieben?
Ich kann auf Distanz von so enormen Widerständen nicht berichten. Richtig ist, dass im fortgeschrittenen Stadium der Wunsch nach einer tiefer gehenden Due- Diligence aufgetaucht ist. Das war ein problematischer Wunsch für uns insofern, als wir das dann jedem anderen Interessenten auch anbieten hätten müssen.
Ich glaube aber nicht, dass dieser Wunsch völlig unbefriedigbar gewesen wäre. Es wäre zum Beispiel erforderlich gewesen, mit den Schweizern eine Vereinbarung zu treffen, die verhindert, dass man Kenntnisse, die man aus einer Due- Diligence erwirbt, dazu benutzt, um eine feindliche Übernahme zu tätigen. Ob das gelungen wäre oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich glaube, dass hier schon elastische Verhandlungsteile am Werk waren.

Nun gibt es ein Nachspiel im Nationalrat. Werden dort berechtigte Fragen diskutiert, oder werten Sie dies nur als parteipolitisches Geplänkel?
Es ist zu sehen, dass die Telekom exakt an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft positioniert ist. Und wir haben ohne Zweifel in Österreich keine politische Kultur entwickelt, wie es etwa die Schweiz hat, dass sich die Politik aus ökonomischen Dingen heraushält. Es ist scheinbar gute alte politische Mentalität in Österreich, alles politisch zu kommentieren. All das, was rundherum diskutiert wird, lenkt von unseren strategischen Zielen ab. Ich bin besorgt, dass dadurch die schöpferische Kraft des gesamten Unternehmens und seiner Mitarbeiter reduziert ist.

Sie haben soeben gute Bilanzzahlen mit einem Turnaround im Festnetzbereich präsentiert, gleichzeitig spricht Finanzminister Grasser von einem „Neubeginn“, der jetzt nötig sei. Braucht die TA einen Neubeginn?
Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang er den Begriff verwendet hat. Wir haben unsere Strategien schon vor den Verhandlungen mit der Schweiz festgeschrieben, und wir können sehr gute Ergebnisse vorweisen. Von der Notwendigkeit eines Neubeginns vermag ich nichts zu erkennen. Wenn es ihm hingegen um eine Initialzündung für die Entwicklung unseres Aktienkurses geht, dann bin ich auch dafür.

Grasser spricht auch davon, dass es nun „ein Signal der Sicherheit und Stabilität“ geben müsse. Sind Sie ein Unsicherheitsfaktor?
Die losgetretene Vorstandsdiskussion ist kein Beitrag zur Sicherheit, weder aus Sicht der Mitarbeiter noch aus Sicht der Aktionäre, und ich glaube, dass diese Diskussion so schnell wie möglich beendet werden sollte. Man muss den Aktionären klar machen, wer die Personen sind, die am Steuerrad drehen, und ich glaube, dass die, die am Steuerrad gedreht haben, in den vergangenen Jahren in die richtige Richtung gedreht haben. Darauf aufbauend sollte die Vorstandsfrage einer umgehenden Beantwortung zugeführt werden. Alles andere würde bedeuten, dass dieses Schiff als steuerlos erkannt wird, und das wäre gefährlich bei einem Tanker, wie es die Telekom Austria ist.

Ärgert Sie es, dass trotz guter Zahlen offensichtlich nicht das Vertrauen des Finanzministers in Sie gegeben ist?
Ich kann nicht sagen, dass ich mich ärgere, ich wundere mich.

Werden Sie sich wieder bewerben?
Die TA war ein schwerer Sanierungsfall, und ich freue mich, daran beteiligt gewesen zu sein, dass die TA heute auf soliden Beinen steht. Das schreibe ich diesem Vorstand zu, und ich bin Teil dieses Teams und möchte mich hier auch nicht ausnehmen in der Erfolgszuteilung. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn wir uns in diesem Bewusstsein weiterhin auf die Ziele des Unternehmens konzentrieren könnten.

Würden Sie auch einen Konsulentenvertrag annehmen?
Ich möchte darüber nicht spekulieren.
Sie haben jetzt viel mit Karl-Heinz Grasser im Rahmen der Verhandlungen zu tun gehabt: Ist er die optimale Wahl für den Posten des Finanzministers?
Es steht mir hier nicht zu, ein Urteil anzubringen. Ich darf nur korrigierend sagen: Die Kommunikation, die ich mit Grasser in den letzten Monaten hatte, war schlicht und einfach auf null reduziert – was ich sehr bedauere, was aber der Faktenlage entspricht.

Das überrascht, gerade bei einem solchen Deal …
Ich glaube, es ist unüblich, in so einer Sache keine direkte Kommunikation zu betreiben. Ich halte eine derartige Kommunikation für wesentlich. Man kann sich natürlich anderer Krücken bedienen, und das habe ich getan.

Haben Sie versucht, diese Kommunikation mit Grasser aufzunehmen, oder beruht diese Funkstille auf Gegenseitigkeit?
Was immer ich Ihnen hier darauf sage, würde dann schon wieder in Richtung einer Zuteilung von Schuld gehen. Das bringt nichts. Wir haben nicht kommuniziert in diesem Punkt, andere haben kommuniziert. Aber ich würde mich freuen, wenn wir hier zu einer besseren Kommunikation fänden.

Würden Sie sich als Konzernchef leichter tun mit einer anderen Regierung oder einem anderen Finanzminister?
Darüber möchte ich mir den Kopf bewusst nicht zerbrechen. Der Finanzminister ist Finanzminister, wie er ist, und die Regierung ist Regierungsgruppierung, wie sie ist.

Würden Sie sich generell einen professionelleren Umgang der Regierung mit ÖIAG-Unternehmen wünschen?
Ich möchte hier aus einsichtigen Gründen zu keiner Qualifikation kommen. l

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