Hirn und Seele

„Keine Flugmaschine kommt an Schmetterlinge heran.“ Vladimir Nabokov

Es gab gute Sachbücher mit internationalem Erfolg. Viele sind es nicht. Man hat Mühe, sich ihrer Titel zu entsinnen. „In Search of Excellence“ von Tom Peters zählt dazu, auch „Differentiate or Die“ von Jack Trout oder halbbiografische Sachbücher wie David Ogilvys Klassiker „Geständnisse eines Werbemannes“.

Die meisten Sachbücher, fast alle, lassen dich enttäuscht zurück. Selten halten sie, was sie versprechen. Sie kosten viel Geld und viel Zeit. Sie sind dicker, als sie sein müssten: Kleine Gold-Nuggets werden zu breiten Schaufeln geschmiedet. Ihre Sprache liebt jeder, der missionarische Töne mag. Selbst wenn sie besser wären, als sie sind, hätten die Sachbücher zwei dramatische Nachteile.

Erstens: Sie können in Einzelfällen einen Starken noch stärker machen, erfüllen aber niemals die Hoffnung der Dünnbrettbohrer, nach Lektüre des „One-Minute Manager“ ein zweiter Jack Welsh oder Bill Gates zu werden.

Zweitens: Für die Vermittlung dauerhaften Wissens sind sie zu direkt. Ihre peinliche Geradlinigkeit führt ins Leere. Sie ähneln den Frontalvorträgen, die früher von gottähnlichen Lehrern gehalten wurden, die das Herz nicht erreichten und dumpfe Auswendiglerner hervorbrachten. Heute wird der Unterricht klüger und interessanter gestaltet, mit Diskussionen und interaktiven Rollenspielen.

Genau dies bieten auch die Romane. Sie erreichen nicht nur das Hirn, sondern auch Herz und Seele. Sie führen während der Lektüre zu interaktiven, stummen Zwiegesprächen. Sie wecken Erwartung und Spannung. Die Mühelosigkeit, ja Unterhaltsamkeit des Romanlesens lockert die Empfangsbereitschaft des Gehirns. Alles, was ohne Zwang kommt, macht auch das Merken leichter.

Romane sind sogar medizinisch wertvoll. Wir wissen heute, dass Lesen auch den Körper freut. Die günstige physische Befindlichkeit eines Lesenden hat aber nichts mit Entspannung im Sinne des Faulenzens zu tun. Lesen ist besser als reine Entspannung. Es ist Umspannung. Es führt mit erheblichem Energieaustausch in eine berufsferne Welt. Es wirft rationale Manager aus der kalten linken Gehirnhälfte, in der das Viereckige zu Hause ist, in die warme, brachliegende rechte Gehirnhälfte, in der die Wolken wohnen. Beispielsweise die Gefühle, das Schöpferische und die Grundbausteine der emotionalen Intelligenz, also Elemente, deren Wirkung auf die Karriere noch immer unterschätzt wird.

Der größte Vorteil der Romane freilich, um den es in diesem Essay geht, ist der mühelose Erwerb von lang haftendem, neuem Wissen; zumindest eines besseren Verständnisses der Welt.

Dies wird bei Krimis und Liebesromanen nur am Rande der Fall sein, obwohl man die psychologische Wucht eines Georges Simenon und Hakan Nesser oder einer Françoise Sagan nicht unterschätzen darf.

Für jene Romane, die in den Kanon der Weltliteratur fallen, gilt dies doppelt und dreifach. Kein einziger, der nicht günstig belehrte. Albert Camus’ „Der Fremde“ bringt uns die humanistische Seite des Existenzialismus näher als Sartres „Der Ekel“, beide Nobelpreisträger für Literatur. Wer als Friedenskind ahnen will, was Krieg ist, liest den bis heute größten Bestseller deutscher Sprache, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Thomas Manns „Buddenbrooks“ gibt Einblick in die Dekadenz von Dynastien und in geschichtlich interessante Zeitbrüche, sein „Zauberberg“ überdies einen Einstieg in die verengende Isolierung von Kranken. Der Wert des „Faust“ ist nur noch anekdotisch zu überhöhen. Ein später Konsument dieses Werks soll ausgerufen haben: „Goethe hat es sich beim Faust leicht gemacht, er hat einfach ein Zitat an das andere gereiht.“ William Somerset Maugham, Paul Theroux, Bruce Chatwin und Cees Nooteboom haben neben ihrem Spezialwissen (englische Kolonien, Fotografie, Reisetechnologie, Ethnologie, Archäologie und Kunst) immer auch das vermittelt, was Antoine de Saint-Exupéry mit seinem drittberühmtesten Satz meinte: „Lehre deine Männer die Sehnsucht nach dem Meer.“ Wobei man im Sinne dieses Essays das Wort „Meer“ durch das Wort „Mehr“ ersetzen darf.

Man lernt und lernt und lernt in den Romanen, während man glücklich liest und liest und liest und dabei auch noch körperlich gesünder wird.

Um kurz zurückzukehren zu meinem primitiv-pädagogischen Schlenker – die zwei berühmtesten Sätze Exupérys lauten ungefähr so: „Du musst dich den Menschen vertraut machen“ und „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Beides glaublich aus „Der kleine Prinz“, einem Buch, das fair die Waage hält zwischen Genie und Kitsch, vergleichbar dem heutigen Star Paulo Coelho, der eigentlich unerträglich ist, jedenfalls langweiliger und larmoyanter als der wilde Esoteriker Castaneda, der zu meiner Hochschulzeit wichtig war.

Missionsbemühungen in meinem kleinen Freundeskreis belehrten mich, dass Manager und Unternehmer, ehe sie freiwillig „nutzlose“ Romane zur Hand nehmen, eine Zwischenstufe als Schuhlöffel brauchen, also Lesestoff mit hohem Anteil an Sachlichkeit.

Feinspitze akzeptieren dafür Briefwechsel wie jenen von Hugo v. Hofmannsthal und Richard Strauss. Erdigere können mit Biografien auf den richtigen Weg gebracht werden.

Beispielsweise mit einer Autobiografie von Heinrich Treichl, die für trend-LeserInnen ideal ist. Ich empfehle sie aus Überzeugung, obwohl auch schlechtes Gewissen eine Rolle spielt. Ich habe sie lächerlich spät gelesen. Ich dachte, ich kennte Dr. Treichl, den Ex-CA-Generaldirektor, ohnehin gut. Eine Fehleinschätzung, wie ich heute weiß, begünstigt durch frühere, lange Gespräche mit ihm und ein einst herzliches, heute freundlich verblasstes Verhältnis zu seinen Söhnen Michael und Andreas. Jetzt, nach Auffressung seiner Biografie „Fast ein Jahrhundert“ (Zsolnay, Wien 2003), begreife ich dies als Illusion.

Ich habe das Buch, ohne ein anderes einzuschieben, fertig gelesen. Dies gelang zuletzt mit der Autobiografie des Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez: „Leben, um davon zu erzählen“. Márquez hat seine Heimat Kolumbien keineswegs tiefer gezeichnet als Treichl sein Österreich.

Heinrich Treichl, 1913 geboren, hat die Chance genützt, „fast ein Jahrhundert“ von der Monarchie über die Erste Republik zur Zweiten Republik bis in die heutige Welt der Wirtschaft & Politik begreiflich zu machen, mit einer für mich verblüffenden, rhythmisch aufleuchtenden Selbstkritik, ja gut platzierter und witziger Selbstironie. Ich wünschte mir, dieses Buch würde neben Stephan Vajdas „Felix Austria“ ein Pflichtobjekt des Geschichtsunterrichts werden, vielleicht ausgependelt durch ein vergleichbares Werk von links.

Mein Tipp: Lesen Sie den Treichl als Schuhlöffel und als Pflichterfüllung im Sachlichen und gleich danach die literarischen Werke von Grass, Böll, Bellow, Joyce, Bernhard, Handke und die „Wilden Gräser“ von Lu Xün und die modernen Japaner und die teuflischen Beschaulichen wie Stifter und Fontane, und lesen Sie so, wie eine Sau aus dem Trog frisst. Vor Ihnen, falls Sie nicht eh schon mittendrin sind, liegen mindestens 200 Werke. Jedes davon versöhnt Hirn und Seele.

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