Heimatliebe

Ökonomische, kulturelle und polyglotte Anmerkungen zu einem picksüßen Begriff. „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Karl Valentin

Dieser Tage wandelte mich Heimatliebe an. Das ist keine Schande. Allerdings merkte ich Einschlüsse von Patriotismus, wenn nicht gar Chauvinismus. Diesen besorgniserregenden Zustand verdankte ich dem Zufall. Einige positive Vektoren hatten sich überkreuzt und verdichtet. Sie stimmten mich froh, in Österreich zu leben.
Erstens lernte ich optimistische Unternehmer und kluge Studenten kennen. Zweitens las ich die März-Titelgeschichte des deutschen „manager magazins“, die Österreich als Wirtschaftsstandort weit über Deutschland hob. Drittens diskutierte ich nach einem Abendvortrag mit österreichischen Managern, die international unterwegs sind. Wir glichen unsere Reiseeindrücke ab. Hauptthema: Asien und Amerika, die zwei wichtigsten Geschäftspartner und Konkurrenten Europas.

Es ging dabei um eine philosophisch-ökonomische Bestandsaufnahme. Die Übereinstimmung war verblüffend. Man darf von Kongruenz, einer perfekten Deckung, sprechen. Ergebnis: Wir sind besser drauf als die anderen. Unterstützung bietet die Literaturwelt. Bücher, die Europa als Herrscher des 21. Jahrhunderts sehen, boomen.

An Asien – bei aller Wertschätzung der tiefen Kultur, der Künste und der Talente für angewandte Electronics – schreckt immer wieder die mindere Wertschätzung des Einzelnen. Der hoch entwickelte Individualismus der europäischen Bürger ist dort unbekannt. Serge Bramly schreibt in seinem Begleittext zu Bettina Rheims’ neuestem Bildband „Shanghai“: „Unsere Philosophie beginnt mit dem Grundsatz:
Erkenne dich selbst. Die Asiaten dagegen zwingen sich dazu, die Natur der Dinge in ihrer Umgebung zu erforschen, die zehntausend Gegebenheiten zu durchdringen, denen sie sich unterworfen wissen.“

Das kommt zwar asiatischen Kunstformen zugute, beispielsweise dem japanischen sumi-e (Tuschemalerei) und ukyio-e (Holzschnitt), führt aber im Menschlichen zu einer Gleichgültigkeit gegenüber Einzelschicksalen. Europäer frieren an Orten, wo die Natur über den Menschen und die Masse über den Einzelnen gestellt wird.

Japan als tüchtigste Nation Asiens macht zwar auf Druck der Jugend halbherzige Versuche, die alten erstarrten Systeme aufzubrechen. Aber es ist kein Zufall, dass immer wieder die gleichen Namen genannt werden, wenn es um japanische Individualisten geht, darunter populäre Porno-Fotografen, mächtige Yakuza-Gangster, Schriftsteller mit einem Hang zu rituellem Freitod, der Dirigent Seiji Ozawa oder der legendäre Sony-Präsident Akio Morita, der über den Tod hinaus als Beispiel herhalten muss.

Morita verliebte sich in den freien Geist Europas und Amerikas. Er wurde zu einem engen Freund des genialen Egomanen Herbert von Karajan. Er war der erste Japaner, der gerne und verständlich Englisch sprach. Er machte Sony groß, weil er Japans Sinn für Ästhetik und Disziplin mit einer neuen Freiheit für junge Sony-Manager verband, die an der längeren Leine mehr leisteten. Die Nähe und Liebe zum Westen veränderten auch Morita selbst. Er hob sich bald von seinen holzpuppenhaften Kollegen ab. Er wirkte, soweit sich dies von einem Japaner sagen lässt, übermütig. Als mein Kollege Herbert Völker (ein universell gebildeter Individualist, im Hauptberuf Herausgeber der „autorevue“) vor zwanzig Jahren das erste Morita-Porträt für den literarisch anspruchsvollen „Playboy“ schrieb, eröffnete er die Story mit dem Satz: „Wenn Akio Morita seine Stereoanlage einschaltet, schlagen im E-Werk von Tokio die Zeiger aus.“

Es ist nicht so, dass Morita keine Nachfolger gefunden hätte. Viele Japaner gewöhnten sich rasch und gern an die freiere Atmosphäre Europas, zumal diese, wie mir ein Top-Manager namens Yajima erklärte, erfreulicherweise in Traditionen wurzle. Sie sei nicht so beliebig wie jene Amerikas. Gleichwohl kehre man immer wieder gern nach Japan heim.

Vice versa kommt man als Österreicher gern von Japan zurück, weil die dortige makroökonomische Struktur nervt. Sie wirkt ungleichgewichtig, keineswegs zukunftssicher. So, als sei Japan an den Rändern stark und habe nichts in der Mitte. Einerseits die riesigen, verflochtenen Konzerne (inklusive Versicherungen, Banken und eigener Parlaments-Lobby), anderseits die Heerschar winziger, billiger, oft elender Zulieferbetriebe.

In Österreich fühlt man sich danach wie in frischer Luft nach einer Nacht im Hochofen. Unser Land ruht erratisch auf seinem stabilen Mittelstand, mit null Globalriesen und beinahe null Kleinstelend. Die gesunden, oft weltmeisterlichen, teils sogar weltmonopolistischen KMUs (Klein- und Mittelunternehmen) halten uns sozial spannungsfrei unter den Top Ten der Erde.

An Nordamerika, den USA, schreckt nichts, was nicht schon früher geschreckt hätte, und freut nichts, was nicht schon früher gefreut hätte.

Ein Kulturschock und Entsetzen liegt unverändert im Terror des Billigen und Billigsten, der das Land überzieht, mit Hamburger-Buden, Motels und Videokameras, die fünf Jahre alt sind und als letzter Schrei gekauft werden. Feinsinnige Europäer erschüttert der Mangel an sophistication.

In den zentralen US-Bauernländern und im reichen Süden, wo die so genannten red necks zu Hause sind, ernüchtern selbst große Unternehmer mit ihrer schlichten Sicht der Dinge. Generell befremdet die Spannung eines Wirtschaftsliberalismus, der von Faustrecht kaum zu unterscheiden ist. Er lässt die Ärmsten zurück, hilft aber auch den Big Companies nicht wirklich. Boeing, eine Ikone der US-Wirtschaft, wird von der wesentlich komplizierter gebauten, europäischen Airbus-Gesellschaft überrundet. Und bei General Motors, seit ewig die Nr. 1 der Autoindustrie, zählt man die Tage, bis Toyota nicht nur im Profit (was längst der Fall ist), sondern auch im Umsatz die Spitze übernimmt.

Was in den USA unverändert entzückt: die professionelle Einbindung aller Künste in den Konsum der Wohlhabenden. Auch wenn dies in erster Linie für Metropolen wie New York, Philadelphia, Atlanta, New Orleans, Chicago, San Francicso und Los Angeles gilt, müsste es Vorbild für österreichische Reformen sein.

Mein Vorschlag: eine Reformliste der beiden Gentlemen Peter Marboe und Ernst Hilger anzufordern und umzusetzen. Beide wissen alles über die Kulturmechanismen auf beiden Seiten des Atlantiks. Allen wäre damit gedient: den Künstlern, dem Kunsthandel, dem kunstwilligen Volk und den Regierungsparteien. Bis auf Burgtheaterschauspieler, Volksliedersänger und Herrgottsschnitzer kenne ich keinen Künstler, der bisher Schwarz oder gar Blau gewählt hätte.

Weiters interessant in den USA: die fröhliche Atmosphäre auf jedem Universitäts-Campus. Auch hier müsste man Wissende fragen: Liegt die Fröhlichkeit an der Naivität der Studenten? Lesen sie immer noch Salingers „Fänger im Roggen“, während unsere Studenten Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ lesen? Liegt es an der Verbindung Wissen & Sport, inklusive der Cheerleader-Girls? Liegt es an einer klügeren Vernetzung von Professoren und Privatwirtschaft?

Die USA sind keine reine Freude, aber sie blieben interessant, so wie Japan und die meisten asiatischen Märkte. Den Rest der Welt, beispielsweise Südamerika, holen wir uns wie den Ex-Ostblock: sobald er halbwegs zur korruptionsarmen Demokratie wurde.

Was ich eigentlich im Vorübergehen sagen wollte: Man muss nicht sentimental sein, diese Heimat und ihre Zukunftsperspektiven zu lieben.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente