Handeln mit e-Schmäh

Auktionsplattformen wie ebay oder OneTwoSold werden für immer mehr Österreicher ein lukratives Geschäft. Sie ersparen den Verkäufern teure Mieten und Personal. Doch es steigt auch die Gefahr, kriminellen Betrügern aufzusitzen.

Der Weg von der Küche ins Kinderzimmer ist für Gabriele Stranka mühsam geworden. Um ihre Tochter ins Bett zu legen, stolpert sie über Kisten, zwängt sich an Kleiderstapeln vorbei und rempelt gegen eine Kleiderpuppe.

„Hier quillt wirklich alles über“, stöhnt die Wienerin. Dabei schwingt ein wenig Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme mit. Stranka ist eine ordentliche Frau, doch am Zustand ihrer vollgestopften Wohnung wird das so schnell nichts ändern.

Das Ehepaar Stranka gehört zu mittlerweile etwa 500 Österreichern, die von zu Hause aus einen Online-Shop aufziehen: Sie verkaufen Waren aller Art – von Restposten über Netzstrümpfe bis zu Handys und Gebrauchtwagen. Marktplatz für den Handel sind die großen deutschsprachigen Auktionshäuser ebay.de und OneTwoSold.at. In Deutschland wird die Zahl der neuen Internethändler bereits auf 10.000 geschätzt. Für Kanzler Gerhard Schröder sind sie das Paradebeispiel der neuen Selbstständigkeit, der „Ich AGs“.

In den USA sollen bereits 150.000 Menschen vom Handel über die ebay-Plattform leben. Jede Sekunde werden über ebay Waren im Wert von 729 US-Dollar gehandelt. Das Auktionshaus selbst machte in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres weltweit einen Nettoumsatz von 1,5 Milliarden US-Dollar und ist dabei hoch profitabel: Das Betriebsergebnis stieg im dritten Quartal auf das Rekordniveau von 155,9 Millionen Dollar – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 73 Prozent.

Schnell versilbern. „Jeder Österreicher hat Waren im Wert von 200 Euro bei sich zu Hause liegen, die er nicht mehr benötigt“, schätzt Franz Karner, Geschäftsführer von OneTwoSold.at, der größten heimischen Auktionsplattform. „Das ist in vielen Fällen der Einstieg in das Online-Geschäft.“

Tatsächlich, die Auktionsplattformen verschaffen einigen cleveren Ideen sofort den Durchbruch und bringen den Urhebern schnelles Geld. So etwa sechs findigen Frauen – alle Mitte dreißig – aus Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen. Mitte November versteigerten sie sich selbst plus ein Sixpack Bier an den Meistbietenden. „Habt ihr auf euren Partys zu viele Männer? Immer dieselben langweiligen Pärchen?“, fragten sie die Internetkäufer, „dann kommt in Stimmung mit unserem Sixpack Bier. Das Beste ist, dass wir selbst bleiben und mit euch Party feiern.“ Ihr zweideutiges Angebot fand um den Rekordpreis von 25.500 Euro einen Abnehmer.

Doch das ernste Geschäft mit Internetauktionen ist um einiges anstrengender.

Immer online. „Es begann vor zwei Monaten“, erzählt Gabriele Stranka. Ihr Mann löste seine Softwarefirma auf, über ebay versteigerten sie die letzten Möbel und Computer des Büros. Frau Stranka hatte nun etwas mehr Zeit, sich um Neues zu kümmern, und forschte über die Foren des Online-Auktionshauses aus, wo sie Waren finden könnte, die sich über ebay in Zukunft versteigern ließen. Sie wurde in Deutschland fündig und bestellte in Großmengen Vorjahreskollektionen und Restposten.

Die Kisten voller Schuhe, Plastikgeschirr, BHs und Som-
merblusen verstellen ihr nun die Wohnung. Doch die Umsätze steigen jede Woche. 90 Prozent ihrer Ware liefert sie bereits nach Deutschland aus. „Ich habe mir schon Stammkunden gezüchtet“, erzählt sie. Die Margen sind beim Auktionsgeschäft anfangs sehr klein. Zu Beginn verkauften Strankas bei schleppenden Auktionsverläufen unter dem Einkaufswert. Doch auch hier mussten sie schnell die Ware verschicken, um in der eingeschworenen Internetgemeinschaft einen guten Ruf aufzubauen.

Der Aufwand ist enorm. Im Schnitt wechselt Frau Stranka fünf e-Mails mit jedem Kunden. Dort werden Detailfragen zum Produkt, Zusendung und Zahlungsmodalitäten geklärt. „Das oberste Gebot lautet Freundlichkeit“, sagt sie. Käufer und Verkäufer bewerten einander bei den Internetauktionen jeweils danach, ob der Verkäufer schnell verschickt und der Käufer prompt bezahlt hat. Die Bewertungen sind allen zugänglich und sollen Vertrauen bilden. Wer ein paar negative Bewertungen auf seinem Konto verbucht, hat keine Chance mehr auf gute Geschäfte.

Vor wenigen Tagen hat Frau Stranka unter www.bestpriceparadiese.at einen eigenständigen Online-Shop abseits von ebay eröffnet. Kann sie ihre Kunden zu dieser Seite locken, erspart sie sich etwa vier Prozent des Verkaufspreises, die sie sonst an das US-Auktionshaus abliefern muss.

Die Internetauktionen eignen sich auch für alteingesessene Händler, um neue Käuferschichten zu erschließen. „Vor
dem Eröffnen des ebay-Shops war unsere Reichweite nicht besonders groß“, erzählt Elmar Schmid, Geschäftsführer der Schoeller Münzhandel, einer Tochterfirma der Nationalbank, die auf den Verkauf von Sammlermünzen, Goldschmuck und Uhren spezialisiert ist. „1900 Kunden haben wir in einem Jahr über ebay neu dazubekommen“, schwärmt Schmid.

Sein Kundenprofil hat sich verändert. Inzwischen werden 50 Prozent der Produkte nach Deutschland und 25 Prozent bereits in die USA, nach China und Australien verschickt. Das Internet macht schon zwischen zehn und 20 Prozent des Umsatzes von 30 Millionen Euro aus und beschäftigt bei Schoeller Münzhandel ein Team von drei Personen, die rund um die Uhr mit dem Versand beschäftigt sind.

Auch Mario Puttinger, der früher für Media Markt im Großeinkauf beschäftigt war, ist inzwischen Tag und Nacht für ebay da. „Mein Ziel ist es, dass meine Pakete noch am Tag der Bestellung rausgehen“, erzählt der Tiroler, der seinen Wohnsitz für das Internetgeschäft in die Schweiz verlegte. Ständig überwacht er seine laufenden Auktionen, eingehende e-Mails und überprüft die Seriosität der Mitbieter.

Sogar jetzt, da ihn eine Beinoperation ans Spitalbett fesselt. In seinem Krankenzimmer verfügt er über einen Internetanschluss. „Wer ein paar Tage nicht online ist, kann das Geschäft abschreiben. Ein immenser Verlust“, so Puttinger. Er bezieht seine Ware – Handys, Digitalkameras, Motorräder, Goldschmuck und sogar Autos – direkt von den Importeuren, also bei Nokia oder Sony Europa, und macht damit pro Woche zwischen 3000 und 4000 Euro Umsatz. Bei durchschnittlichen Spannen von 30 Prozent ein durchaus lukratives Geschäft für einen Händler ohne einen einzigen Angestellten.

Abzocker und Scharfschützen. Doch der Boom der Online-Auktionen zieht auch Betrüger magisch an. In den vergangenen Wochen mehrten sich die Klagen von Käufern, die in den letzten Sekunden der Auktionen von anderen überboten wurden. Das Wegschnappen kommt immer häufiger vor, weil sich Profis mit automatisierten Bietprogrammen ausrüsten, die exakt in letzter Sekunde das Höchstangebot an die ebay-Plattform senden. Der treffende Name für die Zocker: Sniper – Scharfschützen. In Europa ist das Bieten mit solcher Software verboten. Bei täglich zwei Millionen Auktionen allein im deutschen Sprachraum ist die vollständige Kontrolle jedoch unmöglich.

Noch schlimmer erwischt es aber den ungeübten Käufer, wenn er einem der verdeckten Strohmänner im Internet begegnet. Die so genannten Pusher legen sich Decknamen zu, bieten bei den eigenen Auktionen mit und treiben so die Preise systematisch in die Höhe. Sie nützen dabei eine Lücke des automatisierten Bietagenten von ebay, um die Limits interessierter Käufer auszuspionieren und sie dann hochzupushen.

Leere Pakete. In den Foren von ebay geht es noch eine Spur wilder zu. „Die Deutschen machen alles kaputt, diese Idioten“, beschwert sich „hebnixauf“ aus Österreich. Er beklagt sich über die fehlende Moral der nördlichen Nachbarn.

Immer mehr Kunden stellen schmerzlich fest, dass sie nach Überweisung des Geldes von den Verkäufern leere Pakete oder kaputte Ware bekommen. Andreas S., ein arbeitsloser Deutscher, als ebay-Mitglied unter „zocker0815“ bekannt, wurde nach eigenen Angaben beim Kauf von 50 Handys selbst mit der „Western-Union-Masche“ um 1000 Euro geprellt. Inzwischen hat er eine eigene Seite auf ebay.de erstellt, wo er vor dem organisierten Betrug warnt. Er habe e-Mails von 350 Geschädigten erhalten, erzählt Andreas S., und habe so einen Gesamtschaden von 700.000 Euro dokumentiert.

„ebay sollte die Probleme der Plattform ernster nehmen“, kritisiert auch Auktionsexperte Stefan Zimara, der eine Suchsoftware namens asearch.de, die alle laufenden Internetauktionen vergleicht, programmiert hat. „Bei allen Problemen beruft sich ebay stets darauf, nur die Plattform für die Geschäfte zur Verfügung zu stellen. Alles andere gehe sie daher nichts an“, so Zimara. Auch Axel Gronen, Autor des Buches „Dirty Tricks bei ebay“, stellt fest, dass die Anzahl
der Betrügereien zunimmt. Auf der Sei-
te www.wortfilter.de listet er mögliche Tricks und Gegenstrategien penibel auf. Gronen: „Natürlich ist das ebay bewusst, völlig kontrollieren können sie den Missbrauch jedoch nicht.“

„Unsere Philosophie ist die einer demokratischen Ökonomie“, orakelt Joachim Guentert, Pressesprecher von ebay Deutschland, in Bezug auf die Vorwürfe. ebay will Chancengleichheit zwischen dem kleinen Mann und dem reichen Großhändler schaffen. Erlaubt ist daher nur das eigene automatisierte Bietprogramm von ebay.

„Den Betrug nehmen wir sehr ernst“, versichert Guentert. Zehn Millionen Dollar habe das US-Unternehmen bereits in die Sicherheit investiert. 100 Mitarbeiter, betriebsintern Marktpolizei genannt, überwachen in Deutschland und Österreich den Großteil der täglich laufenden Auktionen. Stichprobenartig – wie betont wird. „Wir gehen auch massiv gegen Sniper vor. Einige Software-Hersteller haben wir bereits verklagt“, so Guentert.

Probleme bereite dem Auktionshaus jedoch der strenge Datenschutz in Europa. Daten von verdächtigen Usern könnten nur mit Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft weitergegeben werden.

Kampf um Österreich. Ende Jänner eröffnet ebay auch das erste Wien-Büro. Dann, versichert Sprecher Guentert, werde sich auch hier ein Team noch mehr um den Markt kümmern. Geplant sind Sicherheitsschulungen und die gezielte Förderung der gewerblichen Verkäufer an den ebay-Universities. Dort lernen die zukünftigen Online-Händler, wie sie geschickt Preise festsetzen, Produkte beschreiben und Geld entgegennehmen.

ebay dürfte allerdings auch einen Preiskampf vorbereiten. „ebay hat ein Problem damit, dass Österreich weltweit das einzige Land ist, wo es nicht führend ist“, begründet OneTwoSold.at-Geschäftsführer Karner mit Stolz erfüllter Brust die Kampfansage der großen Rivalin. Seine Plattform, die 2001 auch das Auktionshaus Dorotheum übernahm, hat derzeit 250.000 angemeldete User. ebay hierzulande nur 120.000. „Wir haben täglich so viele Besucher wie die Shopping City“, sagt Karner. Pro Tag kommen 300 neue dazu.
Branchenkenner sehen den regionalen Fokus von OneTwoSold als besondere Stärke an. Österreicher schenken heimischen Verkäufern und vor allem der Geldüberweisung an heimische Banken mehr Vertrauen.

Um sich dennoch vor dem Großangriff des Weltmarktführers zu schützen, senkte OneTwoSold vor kurzem die Gebühren der gewerblichen Händler. Der Umsatz der professionellen Verkäufer soll sich damit noch bis Jahresende verdoppeln.
Vielleicht können sich dann mehr Menschen nach dem Vorbild der Familie Stranka eine neue Existenz aufbauen. „Noch schaffen wir das nicht ganz. Aber ich bin überzeugt, dass es sich ausgehen kann“, sagt Gabriele Stranka. Und sie hofft vor allem, dass sie sich dann ein kleines Geschäftslokal leisten kann, um ihre Wohnung wieder lebenswert zu machen.

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