Hals- und Beinbruch!

Im Winter herrscht Hochsaison für FREIZEITUNFÄLLE. Versicherungen warnen vor den hohen KOSTEN von Behandlungen oder Hubschraubertransporten. Dabei sind viele Österreicher GESCHÜTZT, ohne dies zu wissen.

Welches Hobby übt ein Versicherungsmakler aus, der bereits 16 Spitalsaufenthalte absolviert hat? Freeclimbing, Biken, Boxen? Fallschirmspringen tut’s auch. Wenn Günther Nanke seinen Kunden etwas über Unfallversicherungen erzählt, kann er auf einen reichen Schatz eigener Erfahrungen zurückgreifen: Nach mehr als einem Dutzend Knochenbrüchen rät Versicherungsprofi Nanke allen Sportbegeisterten vor allem eines: „Wichtig ist es, an die Zeit danach zu denken. Versichern sollte man vor allem die Invalidität.“

Spätfolgen. Selbst jetzt, in der Hochsaison für Skifahrer mit täglich hunderten Unfällen, ist Panik freilich keineswegs angebracht. Zwar werben die Assekuranzen mit Vehemenz für spezielle Sport- und Freizeitversicherungen, doch wer nur die wirklich wichtigen Risiken versichern will, kann gegenüber einem umfassenden Schutz einiges sparen. „Was die ärztliche Versorgung betrifft, braucht man sich keine Sorgen zu machen“, weiß Nanke aus eigenem Erleben. Gut abgesichert hat sich der risikofreudige Fallschirmspringer allerdings gegen die Spätfolgen eines Unfalles. Rund 450.000 Euro Versicherungssumme – dafür bezahlt Profi Nanke eine Jahresprämie von rund 280 Euro – sollten reichen, um den Freiberufler im Fall der Fälle nicht ins Leere fallen zu lassen.

Dass die Sorge des Versicherungsmaklers nicht in erster Linie der akuten Heilbehandlung gilt, liegt am an sich hervorragenden österreichischen Sozialsystem. Jeder, der über eine Sozialversicherung verfügt, ist nämlich entgegen einem – weit verbreiteten und von manchen Versicherungsunternehmen bisweilen zumindest unterschwellig geförderten – Vorurteil auch bei Sport- und Freizeitunfällen voll versichert. „Der Staat hat vor rund einem Jahr eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge um einen Zehntelprozentpunkt verfügt und das mit der Zunahme der Freizeitunfälle argumentiert“, erklärt Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse. „Jeder Sozialversicherte, der einen Unfall hat, egal, ob am Weg zur Arbeit oder auf der Skipiste, erhält auch ohne Zusatzversicherung die optimale Betreuung.“

Vorurteile. Doch schon zum Thema „optimale Betreuung“ gibt es verschiedene Auffassungen. „Für Profisportler ist es bei einem Unfall klar, dass sie sich nur von einem Spezialisten operieren lassen – hier geht es um die völlige Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. Und ich rate jedem, der Sport betreibt, auch für diesen Fall vorzusorgen“, meint Wolfgang Held, Versicherungsmakler mit Spezialgebiet Sport. Verpfuschte Kreuzbänder, schlecht eingerichtete Brüche, nicht erkannte Bänderrisse – Begleiterscheinungen der Routinearbeit in den Spitälern, die Ärzte oft bis jenseits der Grenzen des Zumutbaren fordert. „Wer über eine Unfall-Krankenversicherung verfügt, kann sich den Operateur und meist auch die Operationszeit selbst aussuchen – ich halte das für einen großen Vorteil“, meint Held, der unter anderem Europas größten American-Football-Club, die Chrysler Vikings, versichert hat.

Doch ausgerechnet dieser Club zeigt, dass Vorurteile zum Thema Sport oft jeder Grundlage entbehren. Wo unerschrockene Jungs in martialischen Rüstungen ohne nennenswerte zivilisatorische Hemmungen übereinander herfallen, geht es vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet verhältnismäßig harmlos zu. „Auf dem Spielfeld passiert unseren jungen Spielern weniger als in der Schule“, resümiert Karl Wurm, Präsident des erfolgreichsten österreichischen Clubs, die vergangenen Jahre. Und fügt noch eine überraschende Erkenntnis hinzu: „Unsere Cheerleader sind öfter verletzt als die Spieler.“

Dennoch hat Wurm seine Spieler versichert. „Die Vikings haben eine Kollektiv-Unfallversicherung abgeschlossen, die allerdings keine Heilkosten abdeckt – das wäre zu teuer“, erläutert Versicherungsmakler Held, der neben dem Allgemeinen Sportverband Österreichs (ASVÖ) unter anderem auch die Vikings betreut. Die Erstversorgung bis zur medizinischen Wiederherstellung finanziert dabei der jeweilige Sozialversicherungsträger, „die Deckungssummen sollen danach vor allem für die Rehabilitation verwendet werden“, rät Held. Physiotherapie, Massage oder speziell angeleitete Heilgymnastik lassen sich so finanzieren – sinnvolle Investitionen auf dem Weg zurück zur völligen Wiederherstellung.

Teure Luftrettung. Doch dieser Weg beginnt bisweilen mit einem teuren ersten Schritt: Vor allem bei Unfällen im alpinen Bereich tritt zunächst der Hubschrauber in Aktion. Der unfreiwillige Helikopterausflug schlägt mit einer empfindlichen Summe zu Buche. „Ein Alpineinsatz kostet rund 2200 Euro“, so Manfred Pfnier, Sprecher der ÖAMTC-Flugrettung.

Jedes Jahr fliegt der ÖAMTC, dessen Notarzthubschrauber die größte österreichische Luftrettungsflotte stellen, etwa 1800 Alpineinsätze. Im Laufe einer einjährigen Beobachtungsperiode wären 30 Menschen ohne den Einsatz des Notarzthubschraubers nicht mehr am Leben, und in immerhin 18 Prozent aller Luftbergungen konnten durch den schnellen Transport zum nächstgelegenen Spital lebensbedrohliche Situationen vermieden werden – eine Erfolgsstatistik, die freilich auch ihre Schattenseiten hat.

„Die Sozialversicherung deckt gerade 852,31 Euro“, zeigt Pfnier eine echte Lücke in der Unfallversorgung auf. Die Differenz von rund 1300 bis 1400 Euro bleibt zunächst ungedeckt, bezahlen muss hier das Unfallopfer selbst oder dessen Versicherung. Doch sogar um den Ersatz der 852,31 Euro aus der Sozialversicherung wird bisweilen gestritten. Erst bei relativ schweren Verletzungen, beispielsweise einem offenen Oberschenkelbruch oder einer mindestens 15-minütigen Bewusstlosigkeit, ist die Sache klar. Bei einem Abtransport leichter Verletzter drohen regelmäßig Streitereien.

Dementsprechend dienen Verweise auf den teuren Hubschraubertransport den Assekuranzen ebenfalls als willkommenes Verkaufsargument für Freizeitunfallversicherungen. Doch auch dieses Argument hält bei genauerer Betrachtung nur in relativ seltenen Fällen stand. Keine Sorge um die Kosten des Hubschraubertransportes brauchen sich beispielsweise die Inhaber eines ÖAMTC-Schutzbriefes zu machen. Der Brief deckt in jedem Fall den Hubschraubertransport, und zwar auch durch andere Anbieter als den ÖAMTC. Immerhin rund eine Million Schutzbriefe (die minderjährige Kinder einschließen) sind im Umlauf. Einen vergleichbaren Schutz gewährt der ARBÖ-Sicherheitspass – und vermutlich wissen zumindest einige zehntausend Mitglieder der Autofahrerverbände gar nicht, dass sie über diese Form der Versicherung verfügen.

Vereinsnetz. Auch Inhaber von Kreditkarten verfügen oft, ohne es zu wissen, über einen Versicherungsschutz, der ebenfalls die Hubschrauberbergung deckt – freilich nur unter bestimmten Bedingungen, etwa der, dass die Reise mit der Karte bezahlt wurde. Keine Sorge wegen der Hubschrauberbergung müssen sich jedenfalls die Mitglieder des Alpenvereins und zahlreicher anderer Vereine machen, die ihre Aktivitäten unter dem Dach der Bundessportorganisation (BSO) entfalten – und ein brauchbares Netz für ihre Mitglieder gestrickt haben. Hier besteht die „BSO-Versicherung“, die um bescheidene 6,60 Euro pro Kopf einen Unfallschutz bietet, der den Hubschraubertransport einschließt. Private können diese Variante allerdings nicht abschließen. Vertragspartner sind in diesem Fall ausschließlich die Vereine, die den Schutz für ihre Mitglieder anbieten.

Wirklich teuer ist es allerdings auch für jene, die einer Vereinsmitgliedschaft nur wenig abgewinnen können, nicht, sich die Sonderklasse im Spital von einer Versicherung bezahlen zu lassen: Um rund zwölf Euro pro Monat offerieren mehrere Assekuranzen Unfallversicherungen für den privaten und Sportbereich, die neben Hubschraubertransport auch freie Arztwahl, Sonderklasse und Rehabilitation bezahlen oder zumindest unterstützen.

Zwangsversicherung. Doch ob die Unfallvorsorge noch lang auf freiwilliger Basis möglich ist, erscheint fraglich. Jüngste Wortmeldungen aus der Branche unterstützen nämlich politische Forderungen nach einer Zwangsversicherung für Hobbysportler. „Wer auf einen Tennisplatz geht, Squash spielt oder einen Skipass löst, findet nichts dabei, dafür zu bezahlen. Und hier gäbe es die Möglichkeit, mit der Benützungsgebühr gleich eine Versicherungsprämie einzuheben“, fordert Herbert Fichta, Generaldirektor der Niederösterreichischen Versicherung. Von den rund 700.000 Unfällen, die sich jährlich in Österreich ereignen, seien nämlich nur noch 120.000 Berufsunfälle. Fichta: „Wer sich in Gefahr begibt, soll die Kosten tragen.“ Ein Motto, das wohl so manchem Politiker gefallen könnte.

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