Gleich sein statt frei sein

Bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat ein Drittel der ehemaligen DDR-Bürger gegen die „westliche“ Freiheit gestimmt.

Anlässlich seiner Budapest-Reise Mitte September hat der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder auch die Kirche der Heiligen Familie besucht. Als Malteser-Pater Imre Kozma ihn respektvoll begrüßen wollte, umarmte er den ungarischen Priester lang und herzlich wie einen alten Freund. Die Begleiter des Kanzlers, darunter Ungarns Premier Péter Medgyessy, wussten warum. Es war einen Geste der Dankbarkeit, weil dort, auf dem Gelände des Malteser-Hilfsdienstes, im Sommer und Herbst 1989 mehr als 48.000 DDR-Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten.
Auf das ganze Land verteilt waren es rund 150.000. Sie kamen aus dem roten Stasi-Reich in das rote Ungarn, wohin sie ausreisen durften, in der Hoffnung, dass sie nicht zurückgeschickt werden und irgendwann die Grenze nach Österreich passieren dürfen.

Obwohl die damalige DDR-Führung tobte, wurden sie nicht zurückgeschickt. Ich erinnere mich an die TV-Bilder aus dem burgenländischen St. Margareten, wo im August 1989, nach 40 Jahren Stacheldrahtzaun und Minenfeldern, von den magyarischen Grenzbeamten ein Tor zur Freiheit geöffnet wurde. Hunderte DDR-Flüchtlinge, Männer, Frauen sowie Kinder, stürmten das Tor, rannten hinüber, jubelten, weinten und knieten nieder, als sie österreichischen Boden betraten. Diese Bilder gingen damals rund um die Welt, und dieser Durchbruch war der Beginn der Befreiung Ostdeutschlands.

Millionen Menschen, die in einer brutalen Diktatur lebten, ein Großteil von ihnen an der Armutsgrenze, wurden vor 14 Jahren plötzlich gleichwertige Bürger der drittgrößten Industrienation der Welt. Die Ostmark, die in DDR-Zeiten ein Fünftel der D-Mark wert war, wurde dieser übergangslos gleichgestellt. Was für eine Euphorie: Auch Kleinverdiener, Arbeitslose, Kindergeldbezieher und Pensionisten konnten sich erst einmal als wohlhabend empfinden.

Sogar Einheitskanzler Helmuth Kohl gibt heute zu, dass diese Eins-zu-eins-Umrechnung der größte Fehler im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung war. Die veraltete ostdeutsche Industrie konnte nicht mit Billiglöhnen trumpfen wie die Betriebe in den anderen postkommunistischen Ländern und wurde deshalb von den Investoren links liegen gelassen. Und die Empfänger von Sozialgeldern hatten erst einmal keinen zwingenden Grund, Arbeit zu suchen.

Was die Politiker der Bundesrepublik für die armen Ostbrüder tun konnten, um auch dort „blühende Landschaften“ zu schaffen, haben sie getan, natürlich auch wegen der Wählerstimmen. Von der alten DDR-Tristesse ist kaum etwas übrig geblieben, überall neue Straßen, neue Häuser und eine moderne Infrastruktur. Trotz einer Arbeitslosenrate von 20 Prozent ist das Haushaltseinkommen nur wenig geringer als in den „alten“ Ländern, und die Sparquote ist genauso hoch.

Nur die Mentalität der Menschen ist anders. Sie lebten jahrzehntelang in einer kommunistischen Diktatur wo, zumindest theoretisch, alle „Genossen“ gleich waren. Wenn sie brav den Mund gehalten haben, dann konnten sie sich darauf verlassen, dass der Staat, zumindest was das Nötigste betraf, für sie sorgte. Und die Armut ist nicht gar so störend, wenn rundherum alle arm sind. Diese „Gleichheit“, mit Ausnahme der Parteibonzen, war für die DDR-Bürger der Ersatz für die „Freiheit“. Nach der Wende genossen sie eine Zeit lang beides. Doch die Tüchtigsten unter ihnen verabschiedeten sich bald Richtung Westen. Und auch beim Rest wurden die sozialen Unterschiede zwischen brav und tüchtig immer größer.

Ganz dramatisch wird diese Distanz durch den Sparkurs der Regierung Schröder, vor allem bei den öffentlichen Transferleistungen, von denen ein Drittel der Ossis nach wie vor lebt. Seit der neue Bundespräsident Horst Köhler in einem Zeitungsinterview gesagt hat, dass der unterschiedliche Lebensstandard zwischen Ost und West nicht allein durch milde Gaben ausgeglichen werden kann, weil so ein „zementierter Subventionsstaat der jungen Generation eine untragbare Schuldenlast auferlegt“, ist er bei den Ossis unten durch. An den „Montagsdemonstrationen“ gegen das Sparprogramm „Hartz IV“ waren in Ostdeutschland bis zu 85.000 Menschen beteiligt, in westdeutschen Städten gerade 6000. Bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen bekam die postkommunistische PDS 23 bis 28 Prozent der Stimmen und zwei rechtsextreme Gruppen 6,1 bis 9,2 Prozent. Rechnet man noch die Nichtwähler dazu (40 bis 45 Prozent), dann hat sich eine klare Mehrheit gegen die Demokratie entschieden. Weil, so 68 Prozent der Ossi-Wähler in einer Meinungsumfrage, ihnen die Gleichheit viel wichtiger ist als die Freiheit. Mit einem kleinen Unterschied: Früher waren sie gleich arm, heute wollen sie gleich reich sein.

Wenn man sich an die Bilder von St. Margareten erinnert, dann laufen einem bei diesem Votum kalte Schauer über den Rücken. Man erkennt, dass für die meisten Menschen auch das Wichtigste, wenn sie es haben, an Wert verliert und selbstverständlich wird.

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