Gesundheit und Vorsorge: Kampf gegen Kilos

Fett bedroht die westliche Welt, die Behandlungskosten sprengen die Gesundheitsbudgets. Doch die Forschung weiß inzwischen: Fett ist keineswegs an allem schuld.

Dicke Menschen: Einst galten sie als fruchtbare Schönheiten, später als wohlhabende Prestigeträger, in den Zeiten des Schlankheitswahns wurden sie als willensschwache Fresssäcke abgetan. Heute wissen wir: Übergewicht ist eine chronische Krankheit, die in jedem von uns lauert. Die alltägliche Kombination von Bewegungsmangel, falscher Ernährung und Stress kann schnell zu einer Gewichtszunahme führen. Steuert man nicht dagegen, ergreift langsam, aber sicher das Fett die Herrschaft über den Körper – und den Geist.

Denn das Fettgewebe ist kein träger Speicherstoff. Es produziert Hormone wie Leptin, das im Zusammenspiel mit weiteren Hormonen wie etwa Ghrelin oder PPY sowohl das Sättigungsgefühl als auch die Fettverbrennung steuert. Die Leptin-Konzentration im Blut gibt dem Gehirn Aufschluss über die vorhandenen Fettreserven im Körper. Ist der Fettspeicher im Blut voll, reduziert ein hoher Leptin-Spiegel das Hungergefühl. Viele Übergewichtige empfinden jedoch selbst bei hoher Hormonkonzentration keine Sättigung, sie scheinen resistent gegen die Wirkung des Leptins. Heißhunger und verstärkte Fettproduktion sind die Folge, die Gewichtsabnahme wird immer schwieriger. Forscher der schottischen Universitäten Edinburgh und Newcastle-upon-Tyne glauben zudem, dass das Gehirn das Dicksein als Normalzustand registriert und jeden Abnehmversuch als gefährliche Attacke auf den Körper interpretiert. Daher verlangsame es den Stoffwechsel, um weniger Kalorien zu verbrauchen.

In Österreich leidet derzeit rund 10,5 Prozent der Bevölkerung an Adipositas, dem schweren Übergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 Prozent. Die Hälfte der Österreicher gilt als übergewichtig (BMI über 26 oder Bauchumfang von mehr als 100 Zentimetern bei Männern und 90 bei Frauen). Die Kosten für die Behandlung der Folgekrankheiten – Diabetes, Herz-Kreislauf-System, Schäden am Bewegungsapparat oder auch Depressionen – sind schon jetzt enorm. Und die Zukunft lässt nichts Gutes ahnen: Mediziner schätzen, dass in Österreich bis zu 500.000 Menschen an unentdecktem Diabetes leiden, darunter rund zehn Prozent Kinder unter 15 Jahren. Auch jeder dritte Herzinfarkt wird auf Diabetes zurückgeführt – von dem der Betroffene oftmals keine Ahnung hatte. In den USA beliefen sich die Behandlungskosten im vergangenen Jahr auf rund 60 Milliarden Euro. Hier leiden 60 Prozent der Bevölkerung an Übergewicht, die Hälfte davon an Adipositas. „Wir müssen schnell handeln, wenn wir nicht amerikanische Verhältnisse haben wollen“, warnt Primar Harald Kritz, Leiter des Lipidforum Austria. „Wir stehen auf der Kippe.“

Geheimnisvolles Fett. Spektakuläre Entdeckungen haben in den letzten Jahren vielfach Hoffnung auf Medikamente gemacht, mit denen Übergewicht gestoppt werden könnte oder schwere Folgekrankheiten erfolgreich zu behandeln sind. Erst kürzlich gelang es Wissenschaftern aus der Schweiz und den USA, das Fettgewebe übergewichtiger Ratten in fettverbrennendes Gewebe umzuwandeln. Die Forscher erhöhten dazu mithilfe einer Gentherapie die Menge des Leptins und wurden Zeugen einer dramatischen Wandlung: Die Fettzellen veränderten sich so, dass sie das gespeicherte Fett vollständig verbrannten. Für die Entwicklung einer wirksamen Therapie muss allerdings erst die Frage geklärt werden, warum sich in Gewebe mit natürlich hoher Leptin-Konzentration gar nichts tut. Steuert auch hier der Körper in noch unbekannter Weise gegen den Fettverbrennungsprozess?

„Wir haben durch die Forschung sehr wichtige Erkenntnisse gewonnen“, bestätigt Kritz. „Fett ist ein faszinierender Stoff.“ So ist mittlerweile bekannt, dass ohne ihn im Körper gar nichts läuft – die lebensnotwendigen Vitamine A, D, E und K sind nur in Verbindung mit Fett wirksam. Säuglinge kommen mit „braunem Fett“ auf die Welt, das neben Fett auch eine Vielzahl an Mitochondrien aufweist, die „Kraftwerke“ der Zelle. Sie können so in den ersten Monaten Wärme erzeugen, und in den ersten drei Jahren nutzen die Kleinen ihren „Babyspeck“ als Energiedepot für eine optimale Entwicklung des Gehirns. Kritz: „Trotz dieser Erkenntnisse können wir nicht hoffen, dass morgen die Wunderpille auf den Markt kommt, die man einfach einwirft, und dass man damit alle Probleme loswird. Bis ein Medikament für die breite Masse zugänglich wird, dauert es Jahre bis Jahrzehnte. So viel Zeit haben wir nicht mehr. Wir müssen selbst aktiv werden, nachdenken und die Ernährung ganz neu begreifen lernen.“

Falsche Rezepte. Die jahrzehntelang empfohlenen Diäten und Ernährungstipps haben gegen das steigende Übergewicht nichts ausgerichtet. Im Gegenteil: Nach dem österreichischen Ernährungsexperten Erich Rauch sind die in den vergangenen Jahrzehnten propagierten Diätrichtlinien sogar mit schuld an der Kilo-Katastrophe. Der Aufruf, sich fettarm, eiweißarm und kohlenhydratreich zu ernähren, habe vor allem in den USA zu einem übermäßigen Konsum von Kohlenhydraten und dem fast völligen Verzicht auf Fette geführt. Kritz: „Man hat vergessen, dass Fett nicht gleich Fett ist: Ungesundes Fett von Landtieren in Butter, Wurst oder anderen Verarbeitungsformen tut dem Menschen nicht gut und soll nur sparsam konsumiert werden. Vom gesunden Fett aber – Olivenöl, Rapsöl, Sojaöl oder Fisch – kann man essen, so viel man will.“

Genau unterscheiden muss man auch bei den Kohlenhydraten. Zucker und Weißmehl etwa reizen das Speicherhormon Insulin zur Überproduktion, der Glykämie-Index (Glyx) steigt, die Kohlenhydratüberschüsse werden im Körper gespeichert. Der Glyx zeigt den Grad der Erhöhung des Blutzuckers nach dem Genuss eines Kohlenhydrats. Komplexe Kohlenhydrate, die immer in Begleitung von Ballaststoffen daherkommen wie etwa Vollkornprodukte, haben einen niedrigen Glyx, der den Blutzucker nur langsam und wenig erhöht. Wichtig ist auch die Zubereitung der Speisen. „Kocht man Nudeln al dente oder Reis im Reiskocher, erhält man einen ungleich besseren Glyx, als wenn man Nudeln oder Reis totkocht“, weiß Experte Kritz.

Für die dramatische Adipositas-Zunahme in den USA sieht er mehrere Gründe: Unwissen und zu große Portionen auf der einen Seite, Light-Produkte, die den Fettgehalt oft durch Kohlenhydrate mit hohem Glyx ersetzen und so kontraproduktiv wirken, und den übermäßigen Konsum von Limonaden und Softdrinks als „fettfreie“ Durstlöscher auf der anderen Seite.

Mehr Olivenöl, weniger Pommes. Die Erfahrungen aus der Praxis und die Erkenntnisse der Forschung bewirken jedenfalls vielerorts ein Umdenken. Ein Beispiel: Die Harvard-Universität in Boston erarbeitet derzeit eine neue „Ernährungspyramide“, in der Pflanzenöle, Obst, Gemüse sowie Vollkorngetreide und -produkte die Basis der Ernährung bilden sollen. Als weniger gut befunden werden Fisch, Eier und Geflügel, ganz selten sollte man nach der „neuen Pyramide“ zu Wurst, Weißmehlprodukten, Kartoffeln oder rotem Fleisch greifen.

In Österreich bemühen sich derzeit zahlreiche Initiativen um mehr Gesundheit und Bewegung. Der Fonds Gesundes Österreich und das Gesundheitsministerium haben mit der Kampagne rund um den „Inneren Schweinehund“ ein starkes Echo ausgelöst und arbeiten an weiteren Programmen zur Gesundheitsförderung. „Die Österreicher brauchen Motivation und Möglichkeiten, um sich im stressigen Alltag mehr zu bewegen“, glaubt Günter Schagerl, Mitglied im Fachbeirat des Fonds Gesundes Österreich. Die Kürzung der Turnstunden sieht er „angesichts des massiven Problems als äußerst kontraproduktiv, als glattes Foul an der Gesellschaft“.

Auf Information und Motivation setzt auch das Lipidforum Austria. Die Konsumenten sollen durch so genannte Fettpunkte (EU-Fettpunkt-Smiley) auf Nahrungsmitteln und auf Speisekarten (6 Fettpunkte pro Tag entsprechen 30 Gramm gesättigtem, „ungesundem“ Landtierfett) schnell und übersichtlich informiert werden. Im Kochbuch-Erstling „Fett weg – Bauch weg“, das das Lipidforum gemeinsam mit Pro Patient im April auf den Markt gebracht hat, wird diese Strategie bei allen Rezepten anschaulich dargestellt. Verschiedene Förderprogramme für „gutes Fett“, also z. B. Fisch, Olivenöl, sowie Propagierung einer mediterranen und asiatischen Ernährung sollen das Bewusstsein für die Fettarten stärken.

Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Ernährungssituation von Kindern und Jugendlichen dar. „Eltern brauchen leicht verständliche und leicht erhältliche Informationen, die Schulen müssen viel stärker sensibilisiert und in die Ernährungsproblematik eingebunden werden“, ist Kritz überzeugt. Er fordert außerdem, dass die schulärztliche Bauchfettmessung bei Kindern Standard werden soll: Der Bauchumfang gilt besonders bei Kindern als wichtiger Wert für die Diagnose von Übergewicht.

In Großbritannien geht man es radikaler an: Hier sollen „Fettmacher“ wie Burger, Chips und Pommes mit einer höheren Mehrwertsteuer belegt werden, über Warnhinweise auf den Verpackungen allzu fetthaltiger Nahrungsmittel wird nachgedacht – als Vorbild dienen die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen. Auch in Amerika ist man dieser Idee nicht abgeneigt, schließlich stehen die Zeichen dort bereits auf Sturm: Die US-Gesundheitsbehörde CDC befürchtet, dass im kommenden Jahr rund 500.000 Menschen an den Folgen ihres Übergewichts sterben werden. Damit würden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erstmals mehr Menschen an den Folgen der Fettleibigkeit sterben als an denen des Rauchens.

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