Geschmack ist keine Frage des Geldes

Architekten entdecken das Instant-Haus, und die Hersteller von Fertighäusern planen vermehrt mit Architekten. Das Haus von der Stange gewinnt deutlich an Stil.

Frau Susi brauchte neuen Wohnraum. Und zwar kurzfristig und ein bisschen dalli. Frau Susi stellte sich dabei nichts großartig Aufregendes vor, aber auch keine Notlösung. Sondern ein alltagstaugliches, fesches, unkompliziertes und nicht allzu teures Haus. So entstand „Su-Si“. Kein Scherz, sondern ein einfaches Haus im architektonisch anspruchsvollen Stil.

Die 3,5 Meter breite und 12,5 Meter lange Holzzelle kostete nicht viel mehr als 70.000 Euro, wurde mittels Sattelschlepper als fertiges Gebäude angeliefert und war binnen wenigen Stunden bezugsfertig.

Die Dame, die einem der bekanntesten mobilen Häuser des Landes den Namen gab, hatte das Glück, eine enge Verwandte des innovativen Vorarlberger Architekten-Duos Johannes und Oskar Leo Kaufmann (Kaufmann 96) zu sein. Es hat das kleine Holzhaus konzipiert und das Erfolgsprodukt mittlerweile an die zwanzigmal verkauft.

Auch Ulrich Aspetsberger von der Wiener Architektengruppe caramel stand vor der Herausforderung, ein Haus zu entwerfen, das günstig, praktisch und trotzdem stilvoll sein sollte. „Wir sollten auf die veränderten Lebensumstände einer jungen Mutter reagieren, deren Mann aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt ziehen musste“, erzählt Aspetsberger. Die – ebenfalls erwerbstätige – Frau befand sich in einer günstigen Ausgangslage: Die Schwiegereltern, die ein Einfamilienhaus mit Garten bewohnen und tagsüber auf das Kind schauen, boten ihr ein Stück der Grünfläche an. „Dadurch war es uns möglich“, so der Architekt, „das Projekt als Zubau einzureichen und an die Infrastruktur des bereits vorhandenen Haupthauses anzuschließen.“

Dies bedeutete eine Ersparnis von mindestens 7000 Euro. Auch sonst musste die Bauherrin von „haus lina“ nicht allzu tief in die Tasche greifen: Die Kosten für die Holzkonstruktion, deren Außenhaut aus einer glasfaserverstärkten PVC-Membrane besteht, liegen bei 1000 Euro pro Quadratmeter.

Junge Freundschaft. Beide Geschichten sind symptomatisch. Denn die Zeiten, in denen Neubauten von der Stange als Inbegriff spießiger Beliebigkeit galten und über das Schrebergarten-Image kaum hinauskamen, sind vorbei. Die jahrzehntelang vorherrschenden Berührungsängste zwischen Architekten und Serienfertigung gelten heute als weitestgehend abgebaut. Damit stehen die Fertighausarchitekten in guter Tradition. Schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erstellten Baukünstler wie Frank Lloyd Wright, Adolf Loos oder Le Corbusier immer wieder Konzepte, wie Wohnen durch die Serienfertigung von Bauteilen verbilligt werden könnte. Doch erst in den vergangenen zehn Jahren verhalfen Architekten den Überlegungen ihrer Vordenker zum Durchbruch.

Das 1995 von Matteo Thun entwickelte Niedrigernergiehaus „O sole mio“ gilt als das Urhaus der erfolgreichen Kooperation von Architekten und Fertigteilhersteller. Der Südtiroler Architekt und Designer entwickelte das mehrfach ausgezeichnete Modell für den Kärntner Standardhausanbieter GriffnerHaus. Aufgrund des stolzen Anschaffungspreises – 246.000 bis 372.500 Euro – wurde das Sonnenhaus zwar bisher nur 15-mal verkauft, „zur Image-Aufbesserung der Branche hat es aber erheblich beigetragen“, ist Griffner-Geschäftsführer Hellfried Gugel überzeugt.

Mittlerweile gehört für die heutige, jüngere Architektengeneration das Kapitel Fertighaus längst zum selbstverständlichen Repertoire. „Wir versuchen auf die Lebensumstände einzugehen, indem wir flexibler, kostensparend und trotzdem stil- und qualitätsbewusst arbeiten“, beschreibt etwa Alkhafaji Zaid von uma architekten die vorherrschende Grundhaltung. Anders ausgedrückt: Anspruchsvolle Architektur und niedrige Errichtungskosten sind kein Gegensatz mehr. Um rund 1000 Euro pro Quadratmeter werden Häuser mit außergewöhnlichen Formen, Materialien und Grundrissen angeboten. „Unser ,uma‘-Fertigteilhaus bewegt sich ebenfalls in dieser Preisklasse. Die meisten Kollegen bieten Lösungen in dieser Kategorie an.“

Parallel dazu erweitert auch die Fertigteilindustrie das handelsübliche Angebot in Richtung anspruchsvolleren Stil. Großanbieter wie Elk oder Griffner beschäftigen nicht mehr nur sporadisch bekannte Zugpferde wie Pininfarina (Elk), Eduard Hoke, Sohn des Künstlers Giselbert Hoke, oder eben Thun (beide für Griffner), sondern gleich mehrere hauseigene Architekten, deren primäre Aufgabe es ist, das stereotype Bild des Massengeschmacks zu durchbrechen. Immerhin stammt bereits ein Drittel der jährlich rund 16.000 errichteten Neubauten von der Stange. Kein Wunder, dass sich unter diesen Umständen die Produktpalette nicht ausschließlich in provinziellem Landhaus-Protz, Mallorca-Bögen oder kolonialem Säulenflair erschöpfen kann.

Holz mit Stil. Das architektonische Upgrading ist vor allem auf den Imagewandel und die Weiterentwicklung im Holzbau zurückzuführen. Das Material, das früher als hinterwäldlerisch galt, genießt heute nicht nur aus ästhetischen Erwägungen Vorteile. Die leichte und kostengünstige Transportierbarkeit, die guten Vorfertigungsmöglichkeiten und erhebliche ökologische Vorteile haben dem lang geschmähten Baustoff sowohl bei Baukünstlern als auch bei Fertighausherstellern fast schon Lieb-Kind-Status beschert. „Holz hat alle guten Eigenschaften eines Naturbaustoffs“, schwärmt Michael Flach, Professor für Holzbau an der Universität Innsbruck, „durch die Feuchtigkeitsregulierung, die warme Oberflächentemperatur und hervorragende Eigenschaften bei der Wärmedämmung erhöht Holz das subjektive Wohlbefinden.“ Auch das Risiko für Schimmelbefall liege beim trockenen Holzbau deutlich niedriger als beim Massivbau. Daher erscheint es sinnvoll, dass heute fast 80 Prozent aller Fertigteilhäuser in einer tragenden Holzriegelkonstruktion ausgeführt werden.

Einer, der bei seinen Holzbauten von Anfang an auf enge Zusammenarbeit mit Architekten gesetzt hat, ist der Fertighausanbieter Bernhard Mittermayr. Erstaunlich flexibel ist der Unternehmer in der Wahl seiner Partner: „Wir versteifen uns nicht auf unsere Experten bei der Planung und Gestaltung, sondern arbeiten auf Wunsch auch mit dem Architekten zusammen, den der Bauherr vorschlägt.“

Mittermayrs Firma, die im oberösterreichischen Walding sitzt, hat sich auf die Konstruktion von Niedrigenergiehäusern und Passivhäusern spezialisiert. Derzeit offeriert er sechs Haustypen, die so genannten „m-häuser“, deren schlichtes, unaufgeregtes Äußeres tatsächlich auf die Einwirkung fachkundiger Zeichner schließen lässt.

Die wahre Stärke seiner Objekte liegt jedoch in deren Sparsamkeit. „Die nach wie vor rund zehn Prozent höheren Anschaffungskosten eines Niedrigenergiehauses gegenüber einem herkömmlichen Bau wirken zwar auf viele potenzielle Kunden abschreckend“, bekennt Mittermayr, „langfristig zahlt sich die Investition aber aus. Bedenkt man, dass die österreichische Heizsaison durchschnittlich 235 Tage dauert, kommt ein Niedrigenergiehausbesitzer mit nur 30 bis 40 Tagen aus und kann sich nebenbei noch über ein angenehmes Wohnklima freuen.“

Edle Gesinnung hin oder her – die Hauptmotivation für den Kauf eines Fertighauses ist eine andere: Statt eines zeit-, nerven- und geldraubenden Häuselbauerschicksals wollen immer mehr Menschen preiswert und einfach zu ihren vier Wänden kommen. Diesem Anspruch wird beim Kauf eines Fertighauses schließlich Genüge getan: Der Kunde muss sich nicht mit verschiedenen Subunternehmen und Professionalisten herumschlagen, denn er hat nur einen Ansprechpartner. Er kann sich für einen Grundriss entscheiden, diesen aber auch nach individuellen Wünschen umgestalten und selbst in Folge noch erweitern. Letzter Punkt ist ein Plus, das vor allem die Architektenhäuser auf ihr Konto verbuchen.

Maximale Flexibilität. Konventionelle Einfamilienhäuser wachsen meist – nicht immer im Einklang mit der Architektur – mit den sich verändernden Ansprüchen der Eigentümer mit. Anbauten, Zubauten, Dachausbauten, je nach Bedarf, prägen das Bild der Vororte. Bei vielen Architektenfertigteilhäusern wird drauf bereits Rücksicht genommen. So integrierte das Wiener Architektenbüro planhaus gleich von Anfang an die Veränderbarkeit von Lebensumständen in ihre Planung: Ihr Niedrigenergiehaus „sol“, dessen Design an den amerikanischen Bungalowstil der dreißiger Jahre erinnert, ist in sieben verschiedenen Ausführungen zu haben – „egal“, so die Architekten, „ob man ein Heim für die Großfamilie sucht oder einen Singlehaushalt betreibt“. Jedes „sol“-Haus setzt sich aus massiven Holzblocktafeln zusammen, die, je nach Bedürfnissen und Wünschen zusammengesetzt, erweitert und natürlich auch wieder reduziert werden können. Große südseitige Fensterflächen und Glasschiebetüren verbessern die passive Nutzung der Sonneneinstrahlung, eine gasbetriebene Fußboden- und Wandheizung gehören zur Standardausstattung und sind in den Quadratmeterpreis von 1750 Euro inkludiert. Trotz der vielen Extras beträgt die Bauzeit nur drei Monate.

Ein Höchstmaß an Flexibilität bietet auch das eingangs erwähnte „uma“-Haus, das ebenfalls in verschiedenen Größen angeboten wird – beginnend bei schlanken 69 und endend bei großzügigen 171 Quadratmetern. Je nach Lebensphase können einzelne Module zugekauft oder wieder abgetragen und den Kindern, wenn sie einmal von daheim ausziehen, als „Anfangsbaustein“ für ein eigenes Heim mitgegeben werden. Sogar die Fassade, die mit einer Farbfolie überzogen ist, lässt sich je nach Jahreszeit wechseln, schmunzelt Architekt Zaid: „Jede Farbe ist lieferbar. Theoretisch kann man unseren Häusern alle sechs Monate ein frisches Kleid überziehen.“

von Michaela Ernst • Mitarbeit: Judith Denkmayr

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