Gelassenheit

Die Werte und Geheimnisse einer stabilen Seele.

„Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“ Goethe

Der alte Scherz, die Österreicher kennten nur zwei geistige Grundstellungen, nämlich Panik und Koma, ist
auf zweifache Weise falsch. Erstens ist es insofern schlimmer, als die Spannweite größer ist. Man pendelt zwischen Panik und hysterischem Jubel. Zweitens gilt dies, wie jeder Wanderer weiß, auch in anderen Ländern.

Wir haben in diesen Tagen eine gute Gelegenheit, den Wechsel von einer Befindlichkeit in die andere zu studieren. Gestern schockten noch die endgültigen 2003er-Zahlen: Der große Markt Deutschland, seit einem halben Jahrhundert die Wirtschaftslokomotive Europas (vor allem auch Österreichs), habe ein negatives Wachstum von 0,5 Prozent verzeichnet. Das klang in der Tat.

Keine zwei Tage später zogen in Serie die Börsenkurse an. Sie wurden von den Medien laut ausgerufen. Sie klangen wie österliche Kirchenglocken. Sie verkündeten die Auferstehung. Nach vier Jahren Baisse war nun das überfällige Hochamt für die endlich einsetzende Hausse zu erwarten.

Bemerkenswert die geradezu sichtbare Veränderung der BürgerInnen. Gestern noch blass um die Nase, heute rote Wangen.

Das hat zunächst eine gute Seite: Wenn Menschen zuversichtlich sind, verdoppelt oder verzehnfacht sich ihre Energie, verglichen mit Phasen der Verzagtheit. In Summe kann dies zu einer sofortigen Verbesserung aller Leistungsdaten führen, so wie umgekehrt Hoffnungslosigkeit zu Leistungsschwächen, vereinzelt gar zu Arbeitsniederlegungen führt. Dieses Phänomen ist als Selffulfilling Prophecy (sich selbst erfüllende Prophezeiung) bekannt geworden und wissenschaftlich akzeptiert, auch wenn naturgemäß genauere Statistiken und Korrelationszahlen fehlen.

Es kann also kein Nachteil sein, wenn gute Börsebotschaften eine Aufhellung bewirken, vielleicht sogar einen wohltuenden Flächenbrand auslösen ad Konsumation (bei Bürgern, die zuletzt nur noch sparten) und ad Investitionen (bei Unternehmern, die zuletzt bei Neubauten, neuen Maschinen und Neueinstellungen bremsten).

Ein anhaltender Stimmungsumschwung wäre ökonomisch erfreulich. Aus der Warte der Psychologie und Philosophie hat er auch seine blauen Schatten.

Im Grunde ist es demütigend, wie leicht sich die vermeintlich aufgeklärten BürgerInnen des dritten Jahrtausends herumwerfen lassen. Man hat zwar mit wunderbaren geistigen Anstrengungen die Aristokratie überwunden, also den Gedanken einer gottgewollten weltlichen Obrigkeit. Man ist auch auf dem besten Weg, den anmaßenden, weltfremden Kirchen entgegenzutreten. Dafür scheint man umso willfähriger zu sein, den Botschaften der Medien und Wertpapierbörsen zu gehorchen. Das zeugt von relativ geringer Selbstachtung, unglücklicherweise auch von unzureichender Bildung.

Dass die Medien, auch die besten, immer nur eine tagesaktuelle Insel im Fluss des Geschehens abbilden, sollte bekannt sein. Desgleichen ihre Tendenz, die Dinge zu dramatisieren, weil dies zu höheren Auflagen und Quoten führt. Ähnliches, nur noch krasser und durch Eigenarten verschärft, gilt für Signale der Wertpapierbörsen.

Aus der Vogelschau der gesamten Nachkriegszeit gesehen, die uns die längste Friedens- & Wohlstandszuwachs-Epoche seit den Hethitern bescherte, ist die umfassende Volatilität, diese überschnelle und starke Reaktion auf oft kurzfristige Einzelereignisse, enttäuschend, wenn nicht erschütternd.
Zumindest unter den meist erstklassig ausgebildeten, mit Geldreserven versehenen und von Arbeitsplatzängsten weniger betroffenen LeserInnen des trend sollte längst eine gewisse philosophische Gelassenheit erwartet werden. Warum ist diese so schwer zu erwerben?

Die Antwort darauf ist keineswegs leicht. Die Gründe liegen nur teilweise im materiellen Besitzstreben, müssen aber zunächst dort gesucht werden.

Die Vermutung liegt nahe, dass Besitz, wie hoch immer er sein möge, keinen inneren Frieden garantiert. Vielleicht ist man mit der Unfähigkeit geboren, nach unten zu jenen zu blicken, die viel weniger haben – oder zurückzublicken auf die eigene Jugendzeit, als man selbst ärmer war. Vielleicht gibt es diesen zwanghaften Blick nach oben zu jenen, die noch mehr haben. Mag auch sein, dass jene Soziologen Recht haben, die dem TV vorwerfen, höhere Ideale vorzuspiegeln, als man erreichen kann. Wer sich unbewusst an „Dallas“, „Denver“ und „Das Erbe der Guldenburgs“ orientiert, hat lebenslänglich alle Hände voll zu tun, halbwegs in deren Nähe zu kommen – derweil die Seele verkümmert.

Ähnliches vermutet der bedeutende Seminar-Kabarettist Bernhard Ludwig beim Sex. Er definiert Befriedigung längst als Quotienten von Erwartetem zu Erreichtem. So wie auch bei Karrieren vermutet werden darf, dass nie einer glücklich wird, der keine Ruhe gibt, ehe er den höchsten Job der westlichen Hemisphäre erreicht, also den des US-Präsidenten (die Kritik dieser Haltung wird durch Schwarzenegger nun dramatisch unterlaufen).

Jenseits des Materiellen ist natürlich zu fragen, ob denn Fremdbestimmung alles sei. Ist wirklich ausschließlich wichtig, wie man in der Welt und in den Augen anderer dasteht? Gibt es nicht auch Selbstbestimmung – ein Spiel, in dem man zugleich Spieler und der eigene Schiedsrichter ist?

Der französische Philosoph Pascal kritisierte, das Unglück der Menschen rühre daher, dass sie nicht imstande seien, ruhig in ihrem Zimmer zu verharren. Der intellektuelle Nomade Bruce Chatwin nennt diesen Gedanken „den finstersten Moment der Geistesgeschichte“. Ich glaube allerdings, dass er Pascal missverstanden hat. Der meinte wohl, wir sollten lernen, in uns selbst zu ruhen. Es war nicht, wie Chatwin meinte, eine Kritik am Reisen. Das wäre auch absurd, denn vielen Zivilisationsgeschädigten und Unzufriedenen von heute öffnen gerade die Reisen in andere Länder den Blick für das Wesentliche.

Begeisterte Reisende sind immer gelassener als die Daheimgebliebenen und damit ein wenig Zurückgebliebenen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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