Flachland voraus

Gipfelstürme an der Wiener Börse werden sich 2006 vermutlich nicht wiederholen lassen. Die Wahl der richtigen Aktien wird dadurch umso wichtiger. trend präsentiert die mit den besten Gewinnaussichten und verrät, wie Sie am meisten aus den steigenden Zinsen holen.

Schon lange sorgte kein Banker mehr für solches Aufsehen wie Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank EZB. Als er es vor wenigen Wochen wagte, laut über Zinserhöhungen im Euro-Raum nachzudenken, warnten Politiker wie Analysten vor den Folgen teureren Geldes. Doch Trichet ließ sich nicht beirren: Am 1. Dezember hob die EZB die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent an. Vor allem die Inflationsrate von deutlich über zwei Prozent bewog die Euro-Währungshüter zu dem umstrittenen Schritt, und auch die US-Zinsen legten noch einmal zu. Doch zumindest vorerst blieben die befürchteten negativen Reaktionen diesseits wie jenseits des Atlantiks aus. Weder an den Aktienmärkten noch bei den Anleihen kam es zu gröberen Kursverlusten. Doch zu viel mehr als verhaltenem Optimismus lassen sich die Wirtschaftsforscher für 2006 nicht hinreißen.

Abgedämpft. „Der Konjunkturhöhepunkt ist sehr nahe“, beurteilt Peter Brezinschek, Chefaktienstratege der RZB, die Lage eher vorsichtig. Dies gelte vor allem für die USA, aber auch für Asien. „In Europa rechnen wir etwas zeitverzögert mit einer Abschwächung. Insgesamt wird die Wirtschaft jenseits des Atlantiks 2006 um rund zwei Prozent wachsen“, konkretisiert Brezinschek seine Prognosen. Optimistischer sieht das die Deutsche Bank, deren Schätzungen für die USA um rund 1,5 Prozent über jenen Brezinscheks liegen.

Etwas Positives hat diese Entwicklung freilich: Die Zinserhöhungen des US-Zentralbankensystems FED dürften demnächst ein Ende finden, und die relativ hohe Inflationsrate wird wieder sinken – wofür freilich auch die wieder etwas moderateren Ölpreise verantwortlich sind. „Über die kalte Weihnachtszeit ist vielleicht noch ein Preisschub bei Erdöl möglich. Danach sollten wir in ein ruhigeres Fahrwasser mit Preisen von rund 40 Euro pro Barrel kommen“, prophezeit Norbert Walter, Chef-Ökonom der Deutschen Bank.

Grund zur Panik gibt es bei dem insgesamt leicht eingetrübten Ausblick aber nicht. „Ich sehe keinen Kollaps auf den Aktienmärkten. Dazu sind die Bewertungen zu moderat“, ist Brezinschek überzeugt. Den Börsefahrplan für 2006 sieht der Volkswirt so: Zuerst werde es einen starken Auftakt geben, gefolgt von einem Durchhänger im Sommer. Gegen Jahresende dürften sich die Aktienmärkte dann wieder erholen. „Das Ganze schaut dann aus wie ein U-Hakerl“, illustriert der RZB-Stratege seine Prognose anschaulich.

Weniger humorvoll wird es 2006 voraussichtlich für Anleger an der Wiener Börse zugehen. Nach den fulminanten Zuwächsen der vergangenen Jahre dürfte das Kursbarometer einen ordentlichen Dämpfer erhalten. „Eine große Zahl der Indexschwergewichte im ATX ist schon sehr hoch bewertet“, resümiert Friedrich Glechner, Aktienanalyst der Volksbank Investmentbank (VBIB). Viel Potenzial dürfte es also nicht mehr geben. Vor allem das Geschäft in Osteuropa hatte für reichlich Kursfantasie etwa bei den heimischen Banken, aber auch der OMV gesorgt. „Jetzt weht in der östlichen Finanzbranche ein rauer Wettbewerbswind. Und die OMV hat noch harte Restrukturierungsarbeiten bei der übernommenen Petrom in Rumänien vor sich“, weist Glechner auf mögliche Problemfelder hin.

Rosinenpicken. Ein Sektor, der dennoch herausragen dürfte, ist laut Friedrich Mostböck, Leiter der Erste-Bank-Analyse, die an der Börse gelistete heimische Immobiliensparte: „Eine mögliche Überhitzung in den USA spielt dabei keine Rolle. Das Wiener Preisniveau hat sich kaum verändert“, begründet Mostböck seinen Optimismus. Seiner Meinung nach haben sich die acht in Wien notierten Immobilien-AGs gut etabliert. Solange die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen nicht deutlich über vier Prozent stiegen, gebe es für die Branche auch kein Finanzierungsdilemma, rechnet der Aktienprofi vor. Seine Prognose für den Wiener Börseindex ATX siedelt er dennoch bei müden 3700 Punkten für Ende 2006 an.

Einen Impuls sollte laut Marktbeobachtern der geplante Börsegang der Post AG geben – falls er kommt. Nicht zuletzt aufgrund des Widerstands der Gewerkschaft könnte das Vorhaben aber scheitern. Umso deutlicher stehen dafür die Top-Favoriten der heimischen Analysten fest: Vor allem Werte aus der Stahlbranche, wie etwa Andritz, Böhler-Uddeholm und voestalpine, können überzeugen (siehe auch Tabelle „Perlen-Selektion). Gerade bei hochwertigem Stahl aus Europa und damit verbundenen Produkten sei die Nachfrage anhaltend robust. Auch Mayr-Melnhof oder Verbund stehen hoch in der Gunst der Erste Bank.

Eher verhalten beurteilt auch BA-CA-Chefanalyst Alfred Reisenberger die unmittelbare Zukunft: „Genauso rasant, wie wir mit den Ostbörsen nach oben geschwommen sind, kann es nach unten gehen, falls es dort zu Korrekturen kommt.“ Wenig Einfluss dürften dagegen die Nationalratswahlen im Herbst 2006 haben, meint der Aktienspezialist. Dennoch: „Wer jetzt noch nicht an der Börse Wien investiert ist, braucht erst gar nicht mehr einzusteigen“, warnt Reisenberger.

Transfer. Mit schuld an dem Abebben auf der Wiener Börse dürften freilich auch die rückläufigen Schätzungen zum Gewinnwachstum für Unternehmen aus Österreich und dem Euro-Raum sein. Denn 2006 rutschen die Prognosen erstmals wieder unter die 10-Prozent-Marke. Für die heimische Firmenlandschaft ist das besonders unangenehm, haben sich Anleger doch hier an deutlich freundlichere Zahlen gewöhnt. So lag das durchschnittliche Gewinnwachstum im abgelaufenen Jahr für Österreich bei rund 50 Prozent (in der Tabelle „Durchgerechnet“ auf Seite 123 finden Sie einen Überblick der aktuellen Analystenschätzungen). Damit dürften 2006 US-Gesellschaften eindeutig die Nase vorne haben.

Unsicherheit geht auch von der Währungsfront aus. Kommt es im Euro-Raum zu weiteren Zinserhöhungen, dann könnte der Euro laut Schätzungen bis Jahresende 2006 durchaus die Marke von 1,40 Dollar erreichen. Nur für US-Exporteure ist das eine freudige Nachricht. Europäische Unternehmen, die den Weltmarkt beliefern, müssten da wohl Marktanteilsverluste hinnehmen. „Aber auch der Konsum bleibt in den USA robust. In diesem Bereich erwarten wir anhaltend hohe Wachstumsraten“, glaubt Friedrich Glechner von der Volksbank Investmentbank. Deshalb zählt der Volksbank-Analyst entsprechende Sektoraktien, aber auch Finanztitel zu seinen bevorzugten Branchen in den USA.

Morgenröte. Weniger klar zeichnet sich indessen das Gesamtbild in Asien ab. „Der Exportboom hat sich zuletzt etwas abgeschwächt, und China bleibt wichtigster Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft“, prophezeit Deutsche-Bank-Ökonom Norbert Walter. Der chinesischen Regierung werde es kaum gelingen, das Wachstum einzudämmen. Somit dürfte die Wirtschaft auch 2006 um rund zehn Prozent expandieren. „Investitionen in die Infrastruktur werden wieder einmal treibend sein“, ist der Volkswirt überzeugt.

Auf Chinas Aktienmärkte wird der Trend seiner Meinung nach allerdings kaum abfärben. „Die Börsen laufen dort schon einige Zeit seitwärts. Da dürfte sich 2006 nicht viel ändern“, räumt VBIB-Experte Glechner ein. Schuld daran sei eine Flut an Emissionen von Staatsanteilen. Mit diesen Privatisierungen werde der Aktienmarkt überschwemmt – und zwar teil mit Papieren von echten Sanierungsfällen.

Echte Chancen räumen Investmentprofis hingegen dem japanischen Markt ein. „Die Blase, die sich gebildet hatte, sind wir endgültig los“, ist Walter überzeugt. Erstmals erwartet die japanische Wirtschaft sogar eine minimale Inflation, die nach dem jahrelangen Preisverfall wieder eine Rückkehr zur Normalität bedeutet. Und damit könnte freilich die lang erwartete Erholung auf dem Konsumsektor endlich eintreten – ein gutes Argument für japanische Aktien.

Von Raja Korinek und Franz C. Bauer

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