Flacher Abgang

Das Weingesetz soll novelliert werden. Zur Debatte stehen Tankwagenexporte – und die Banderole, seit dem Weinskandal das Sicherheitszeichen für heimischen Qualitätswein schlechthin.

Es ist so etwas wie ein önologisches Córdoba: Anfang Oktober meldete die Tageszeitung „Kurier“, dass deutsche Abfüller österreichischen Wein mit anderen vermischt und dennoch als „Österreichischen Qualitätswein“ vermarktet hätten. Rund 20 Jahre nach dem österreichischen Weinskandal, der in völlig überzogener Reaktion (auch) des deutschen Marktes die Exporte einbrechen ließ, ist so ein Skandälchen mit umgekehrten Vorzeichen Balsam auf die nach wie vor tief gekränkte rotweißrote Weinseele: die Deutschen – auch nicht heiliger als wir.

Es wäre nicht Österreich, wenn dieser Anlass nicht gleich für einen neuen Ernteeinsatz genutzt würde – in Form neuer gesetzlicher Regelungen: Der Weinexport solle in Zukunft nur mehr in Flaschen möglich sein, fordert die heimische Winzerschaft, um solche, nur bei Tankwagenlieferungen möglichen Panschereien von Haus aus zu verhindern. Und es wäre nicht Österreich, wenn nicht auch noch ein zweites, politisch durchaus heikleres Anliegen dem Wunschpaket an das Landwirtschaftsministerium zur Gesetzwerdung beigepackt würde, bestätigt Josef Pleil, Präsident des Weinbauverbandes: Zur Debatte steht auch die so genannte Banderole – eine Art Versiegelung jeder in Österreich verkauften Bouteille Qualitätswein (die höchste der gesetzlich definierten heimischen Qualitätsstufen) und seit dem Weinskandal das Symbol für strenge Kontrollen schlechthin.

Banderole ohne Kontrollfunktion. Wichtigster Bestandteil der Banderole ist eine aufgedruckte fortlaufende Nummer. Sie gewährleistete bisher – so die Theorie –, dass jede Flasche nachverfolgbar blieb, um eventuelle Panscher sofort aus dem Verkehr ziehen zu können. Doch mittlerweile sind viele Weinbauern den bürokratischen und logistischen Aufwand leid. Zum einen, weil die Optik viele stört. Und zum anderen wegen einer offenbar gar nicht so wichtigen Kontrollfunktion. Prominente Winzer sind sich durch das Fass einig. Hans Nittnaus aus Gols: „Da herrscht sowieso Chaos, keiner kennt sich aus – und die Optik stört es auch.“ Willi Bründlmayer, Langenlois: „Statt eine Pseudosicherheit zu vermitteln, kann man sie gleich ganz weglassen. Wichtiger wäre, die Kellereiinspektoren hätten ein größeres Budget.“ Und auch Klaus Klein, Geschäftsführer des Weingutes Schloss Fels im Eigentum der Lebensmittelkette Spar, eines der größten Weinhersteller Österreichs, kann dem Vorhaben etwas abgewinnen: „Die Ban-derole wird uns seit 20 Jahren als angebliches Sicherheitsmerkmal eingebläut und hat seit 20 Jahren absolut keinen Sinn. Da wird ein Datenfriedhof produziert, der nur viel Geld kostet.“

Weinbaupräsident Pleil sieht wiederum hauptsächlich organisatorische Gründe, warum die Banderole gekippt werden soll: „Die einzelnen Flaschen zu nummerieren ist bei größeren Mengen einfach nicht mehr machbar.“ Seine Forderung: Statt der fortlaufenden Nummerierung sollte es reichen, eine Betriebsnummer auf jede Banderole aufzudrucken – womit sie allerdings als Kontrollsystem tatsächlich obsolet würde. Denn Angaben zum Winzer, sogar der Abfüllcharge, stehen ohnehin auf jeder Flasche Qualitätswein (in Form einer staatlichen Prüfnummer, die für jeden Wein im Zuge einer sensorischen und chemischen Analyse erteilt wird).

Doch einige Winzer sind gegen die Verwässerung. Franz Weninger aus Horitschon etwa: „Ich würde es eher strenger machen – denn Kontrollen sind nicht schlecht.“ Und auch die Weinmarketinggesellschaft (ÖWM) wäre über eine Abwertung der Banderole eher unglücklich – müsste sie den Konsumenten doch mühsam erklären, warum ein 20 Jahre lang vermarktetes Sicherheitssignal plötzlich doch nicht so aussagekräftig ist. Susanne Staggl, Pressesprecherin der ÖWM: „Die Wichtigkeit der Banderole soll nicht verwässert werden.“

Staatsdruckerei muss zittern. Doch nicht nur die Winzer kostet das Banderolensystem viel Nerven. Auch die banderolenherstellenden Firmen haben so ihre liebe Not damit. Zwei der drei im Weingesetz genannten, für die Banderolenproduktion zertifizierten Betriebe – die Banderole ist ein offizielles Dokument, das nicht jeder drucken darf – sind mittlerweile in Konkurs. Die dritte Firma ist die ehemals staatliche, nun privatisierte Österreichische Staatsdruckerei. Sie hat den Teilbereich der Kapselherstellung an die Firma Printcom verkauft, womit beide zum Ärger vieler Winzer eine

Art Monopolstellung behalten konnten. Aber auch sie müssen zittern. Denn die Aufträge müssen nach Vertragsablauf vom Landwirtschaftsministerium demnächst EU-weit neu ausgeschrieben werden. Die aufwändige Banderolen- und Kapselherstellung allerdings wäre wie geschaffen für die mit weitaus geringeren Lohnkosten operierenden Mitbewerber aus den neuen östlichen EU-Staaten. Für Staatsdruckerei und Printcom wird es daher nicht ganz einfach werden, die Aufträge neuerlich an Land zu ziehen, mutmaßen Insider – vor allem, wenn die Einzelnummerierung fällt.

Bis jetzt ist das Anliegen der Weinbauern erst einmal auf dem Schreibtisch von Landwirtschaftsminister Josef Pröll gelandet, der nun eine konkrete Novelle ausarbeiten muss und in dieser heiklen Angelegenheit zu keiner Stellungnahme bereit war.

Es wäre jedenfalls nicht die erste Anpassung in der langen Geschichte des österreichischen Weingesetzes nach dem Weinskandal 1985. Es begann mit der Neufassung des Weingesetzes (1999) nach dem EU-Beitritt, bei der Österreich die teilweise großzügiger gefassten europäischen Spielregeln einführen musste. Danach wurde jährlich weiter novelliert: So etwa stufte die Weingesetznovelle 2000 das Süßen von Prädikatswein von einem Gerichtsdelikt zu einer Verwaltungsübertretung herunter, und eine Ausnahmeregelung erleichterte die Verwendung gebietsfremder Trauben. Die Novelle 2002 wiederum lockerte die Bestimmung zur Süßung. Die Novelle 2003 vereinfachte „Großversuche“, mit denen Ausnahmen von Verboten geregelt wurden. Bei den Weinbezeichnungen fällt überhaupt das strenge „Verbotsprinzip“. 2004 wurde die Obergrenze für den Alkoholgehalt nach Aufbesserung aufgehoben.

Strengstes Weingesetz ist Geschichte. Grundsätzlich gilt mittlerweile: Das Weingesetz passt sich in weiten Strecken den Praktiken der Winzer an, nicht umgekehrt. Im Zweifelsfall wird ganz offiziell eher ein Grenzwert verschoben als eine Ernteeinbuße in Kauf genommen – ganz im Gegensatz zum gerne verbreiteten Image, dass sich österreichische Weinbauern ohne Rücksicht auf Verluste (im wahrsten Wortsinn) an einem in Paragrafen gegossenen Winzer-Ethos orientieren müssen. Diese Message ist – zumindest im Europavergleich – so nicht mehr richtig. Philippe Ricoux, Franzose, Önologe und als einer von wenigen österreichischen „flying winemakers“ Berater verschiedener burgenländischer Winzer, kennt den internationalen Vergleich: „Dass das Weingesetz in Österreich besonders streng sei, ist eine Legende.“ Auch oberste Bauernvertreter erkennen zunehmend die Diskrepanz. Präsident Pleil: „Ich bemühe mich mittlerweile, den Begriff vom strengsten Weingesetz der Welt nicht mehr zu verwenden.“

Dass ihm das nicht allzu schwer fällt, dazu könnte auch der ehemalige Aufsichts- ratschef der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft und Wirtschaftskammerfunktionär Hermann Katzler beitragen. Als Chef des Großherstellers Winzerhof Paul vertreibt Katzler unter dem Namen „Winzersteig“ eine preisgünstige Weinschiene im heimischen Lebensmittelhandel. Offiziell und beim Kun-den eingeführt als streng kontrollierter, gesetzlich definierter „Qualitätswein“, der eigentlich sehr engen bundesländerspezifischen Herkunftsregeln unterliegt. Katzlers „Winzersteig“ jedoch hat seinen Ursprung – je nach Angebot – gleich in ganz Europa, steht im Kleingedruckten auf dem Etikett. Womit er offenbar ganz knapp nicht mit dem Paragrafen 10, Weingesetz über „Qualitätswein“, in Konflikt kommt und auch nicht mit dem Paragrafen 20 über „Bestimmungen zum Schutz vor Täuschung“ – könnten die deutschen Skandalkollegen uns Österreichern glatt vorhalten.

von Markus Groll

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