Energiewerte: Kohle vom Kraftwerk

Heftige Stromausfälle und teures Erdöl sorgen für reichlich Zündstoff bei den Energieversorgern. Wie Sie für Hochspannung in Ihrem Aktiendepot sorgen können, zeigt Ihnen der trend.

Eigentlich hätte Freitag, der 14. August 2003, ein ganz normaler Arbeitstag werden sollen. Morgens mit der U-Bahn in die Stadt, und dann ab ins Büro. Doch an dem Tag kam es nicht nur für die Einwohner von New York anders als sonst. Ein gewaltiger Stromausfall legte streckenweise die Nordostküste Kanadas sowie der USA stundenlang lahm. Ein Land ohne Licht, ohne U-Bahn, keine Computer – alles stand still. Geschätzter Gesamtschaden des Blackouts: umgerechnet 4,4 Milliarden Euro.

Europa spottete über das veraltete Stromnetz der Amerikaner – und bekam kurz darauf die Rechnung präsentiert. Zappenduster blieb es nur Wochen später in London und in Skandinavien, auch in Italien tappte man im Dunkeln.
Die ansonsten klaglos funktionierende Energieversorgung rückte mit einem Mal ins Licht der breiten Öffentlichkeit, und Anleger stellten sich die Frage: Was bedeuten all die Stromausfälle für ein Investment in dieser Branche? Klar ist, die Energieversorger brauchen Geld, viel Geld. Allein in den USA geht man von einem Finanzbedarf von umgerechnet 45 Milliarden Euro aus.

Zu liberal. Vor allem in den USA seien die völlig veralteten Stromverteilernetze Auslöser des Black-outs gewesen, analysiert Robin Batchelor, Fondsmanager des Merrill Lynch World Energy Fund. Schuld daran ist wiederum die Marktliberalisierung, „die eigentlich gar keine war. Denn die Endverbraucherpreise für Strom wurden gleichzeitig eingefroren“, beschreibt Christian Tury, Manager des Tury Energie/Rohstoffe Equity Fonds, das Dilemma. Auch der steigenden Nachfrage konnte man aufgrund schrumpfender Kapazitäten nicht mehr nachkommen. So ist es auch wenig verwunderlich, dass derzeit mehrheitlich europäische Versorger und nur wenige US-Pendants die Energiedepots zieren.

Zu den Favoriten zählt bei der Tury Invest die Suez: „Der französische Energieversorger konnte im 1. Halbjahr 2003 mit Ergebnissen aufwarten, die deutlich über den Erwartungen lagen. Damit dürfte sich eine Trendwende zum Positiven abzeichnen“, ist Tury optimistisch. Nach einem Gewinnrückgang von 52 Prozent in den vergangenen drei Jahren wird jetzt mit einem Anstieg von mehr als 70 Prozent bis 2007 gerechnet. Der Verkauf von Sparten, die nicht zum Kerngeschäft zählen, sowie ein Rückgang der Geschäftstätigkeit in den Schwellenländern dürfte weiter zum Schuldenabbau beitragen, meint der Energieexperte. Insgesamt investiert der Tury-Energiefonds ein Viertel des Vermögens in Versorgerwerte.

Auch die deutsche Siemens möchte in der Stromwirtschaft kräftig mitschalten: Der Ausrüster erhofft sich einen Milliardenauftrag zum Ausbau der US-Stromverteilernetze. Erste Gespräche mit Politikern und Energieunternehmen wurden bereits bestätigt. Für die Experten von Goldman Sachs steht der Wert deshalb hoch auf der Empfehlungsliste. Auch die Sparten der Medizin- sowie der Antriebstechnik laufen nach Angaben der RZB erfreulich. Einzig die Mobilfunksparte des deutschen Industriekonzerns entwickle sich schleppend. Für das Gesamtjahr will das Unternehmen eine Ergebnissteigerung von zwölf Prozent erzielen. Bereits im dritten Quartal 2003 (April bis Juni) überraschte der Konzern mit einem Gewinn von 632 Millionen Euro. Erwartet wurden rund 400 Millionen Euro.

Kurzschluss. Aber nicht nur das große Investitionsvolumen macht die Branche für Anleger interessant, bei den Marktteilnehmern gibt es auch einiges an Übernahmefantasie. „Aufgrund der Stromausfälle könnte es zu Fusionen bei US-Stromkonzernen kommen, um in Zukunft besser gewappnet zu sein“, ist Rosemarie Stipkovich-Wimmer, Leiterin der Gruppe Aktien Global/Partner der Raiff-eisen Capital Management, überzeugt. Daher werde im Raiffeisen-Energie-Aktien Fonds sehr selektiv in Firmen wie Exelon Corporation oder FPL Group investiert. „Größte Positionen halten wir dennoch in europäischen Versorgerwerten, wie die britische National Grid oder die spanische Endesa“, fügt die Aktienleiterin hinzu. Damit sei man mit dem Fonds eher defensiv positioniert.

Teures Öl. „Versorgeraktien bieten traditionell eine hohe Dividendenrendite“, erklärt Julius Hechtl, Fondsmanager des Capital Invest Energy Stock. Damit hätten Anleger mit ihrem Investment eine gewisse Einnahmequelle, die zeitweise eine Verzinsung von Bundesanleihen übertreffen würde. Der Capital-Invest-Fonds investiert allerdings weniger als 20 Prozent in Versorgerwerte. Vielmehr stehen Aktien aus der Ölbranche im Vordergrund. Beispielsweise bescheren einzelne Investments in chinesische oder russische Ölwerte eine erfreuliche Performance. Und die am 24. September überraschend beschlossene Produktionskürzung bei den OPEC-Staaten eröffnet anderen Ölproduzenten zusätzliche Chancen. Nicht vergessen sollten Investoren auch den Sektor der erneuerbaren Energie: „An erster Stelle steht bei den alternativen Erzeugern die Windenergie. Ganz vorne sind etwa die Skandinavier mit dem Konzern Vestas. Aber auch an der Energiegewinnung aus Brennstoffzellen oder der Sonne wird fleißig geforscht“, unterstreicht Hechtl.

Zudem bereiten sich immer mehr Ölkonzerne, wie etwa Royal Dutch oder BP, darauf vor, dass die Reserven eines Tages doch zu Ende gehen werden. Eine Alternative wird unumgänglich sein. Daher investieren auch diese Konzerne zunehmend in den Ausbau von erneuerbaren Energien.
Hartnäckige Hausse. Laut John Segner, Fondsmanager des Invesco Energy Fund, sprechen noch weitere wesentliche Gründe für ein Investment in Ölmultis: „Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Meinungen glaube ich nicht an einen Rückgang des Ölpreises der Sorte Brent unter 24 Dollar pro Fass.“ Dazu trage nicht nur die Opec mit einer Kürzung der Fördermenge bei. Auch der Verbrauch – vor allem in China und dem restlichen Asien – nehme rasant zu. Während vor 15 Jahren der tägliche Weltverbrauch noch bei 58 Millionen Fass pro Tag lag, ist die Zahl mittlerweile auf 78 Millionen geschnellt. Zudem sind die Überkapazitäten von 25 auf nunmehr fünf Prozent geschrumpft. Deshalb investiert der Invesco-Fonds auch nur in Gesellschaften, die in der Öl- und Gasbranche tätig sind.

Die schwindenden Reserven bringen wiederum jene Unternehmen in den Vordergrund, die auf Ölbohrungen und Ölfeldausrüstungen spezialisiert sind. Zu den interessanten Werten zählt laut Bernard Mignon, Fondsmanager des ING Invest Energy Fund, unter anderem der US-Konzern Schlumberger. „Das Unternehmen profitiert von einer steigenden Nachfrage aus Lateinamerika, Russland, aber auch aus dem Nahen Osten“, fügt Tury hinzu. Zudem spült der Verkauf von SchlumbergerSema zusätzliches Geld in die Kassen. Damit sollten die Schulden bis Ende 2004 von umgerechnet 3,47 Milliarden Euro auf etwa 1,8 Milliarden Euro abgebaut werden.

Auf der Suche nach neuen Quellen bohren in jüngster Zeit internationale Konzerne zunehmend auch Russlands Reserven an. Zum einen sind die Russen an neuen westlichen Technologien interessiert. Zum anderen ist man bemüht, den Wirtschaftsaufschwung mit dem Export des schwarzen Goldes zu unterstützen. Bis 2010 sollen die Ölexporte von derzeit vier Millionen Fass pro Tag auf sieben Millionen ansteigen. „Und politisch ist die Lage seit Putin wesentlich stabiler. Deshalb investieren wir einen Großteil des Portefeuilles in Russland“, fügt Batchelor von Merrill Lynch hinzu.

Auch der US-Ölgigant Exxon hat großes Interesse an Russland: Derzeit wird eine 40-prozentige Beteiligung an dem größten russischen Ölkonzern Yukos für umgerechnet 20 Milliarden Euro angepeilt. Doch vor allem das zu Jahresbeginn gegründete Gemeinschaftsunternehmen der britischen BP mit dem russischen TNK imponierte den Experten: „Damit dürfte BP jährlich um rund sieben Prozent wachsen“, gibt sich Segner euphorisch.

Zudem dringt BP immer mehr in das Gasgeschäft vor, insbesondere auf dem US-amerikanischen Markt: „Davon wird der Konzern noch kräftig profitieren. Auf der Suche nach Alternativen zu Öl kommt gerade in den USA und in Kanada Erdgas immer mehr infrage“, ist ING-Manager Mignon überzeugt. „Zudem ist Gas weniger umweltverschmutzend“, so Mignon weiter.

Die Russen wollen auch im Gasgeschäft nicht fehlen: Mit dem Bau neuer Pipelines nach Europa sowie der Anbindung Chinas und Japans bis 2010 soll der Export von derzeit 127 Milliarden Kubikmeter auf mehr als 200 Milliarden Kubikmeter jährlich ansteigen. Vor allem die russische Gazprom wetzt schon in den Startlöchern. „Im Verhältnis zu den Rohstoffpreisen sind gerade Aktien aus der Öl- und Gasbranche noch sehr günstig zu kaufen. Da gibt es einiges an Aufholpotenzial“, ist Merrill-Lynch-Experte Batchelor überzeugt. Allerdings sollten Anleger auf jeden Fall das mögliche Währungsrisiko beachten, denn die meisten Energiefonds investieren einen Großteil in nordamerikanische Titel.

Fazit. Anfang der siebziger Jahre prophezeite der Club of Rome das nahe Ende der fossilen Brennstoffe. Mehr als 30 Jahre später erwies sich diese Vorhersage zwar als übertrieben, doch ein Engpass bei der Energieversorgung wird zu Beginn des zweiten Jahrtausends wieder deutlich spürbar. Zum einen durch die Anfälligkeit der veralteten Stromnetze, zum anderen durch die politische Instabilität in den Öl produzierenden Ländern. Unerfreuliche Aussichten für die Energieverbraucher – aber höchst interessant für Anleger.

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