Elite für alle?

Die Ablehnung einer „University of Excellence“ macht Österreichs Wissenschafter nicht gerade nobelpreisverdächtig.

Intelligenz und Kapital haben zwei Wesenszüge gemeinsam: Sie suchen sich stets jenes Umfeld, in dem sie am besten gedeihen können. Und sie zählen zu den begehrtesten Gütern jeder Volkswirtschaft.

Die saftige Spielwiese für das Kapital hat Österreich ganz gut gepflanzt. Die Wiener Börse zählt mittlerweile zu einem anerkannten Nischenmarkt. Und Privatstiftungen lassen das Land als guten Nährboden für private Vermögen erscheinen.
Nur bei der Intelligenz sieht es etwas finsterer aus. Nicht dass Österreichs Universitäten nicht brauchbare, in den Arbeitsprozess passabel integrierbare Akademiker hervorbringen würden, das schon, aber eben nur. Die Zeiten, wo beispielsweise die Wiener medizinische Schule Weltgeltung hatte, leuchten leider längst nicht mehr so hell. Andere Universitäten, wie etwa die Wirtschaftsuni Wien, ersticken in den Problemen der akademischen Menschenmassenproduktion. Und Wissenschafter, die auf internationalem Niveau forschen wollen, verlassen zunehmend – siehe eingangs – das Land.

Eben deshalb brauchen wir mehr Geld, ertönt der akademische Hilferuf der Herren Rektoren – akademisch auch deshalb, weil ihn der Finanzminister nicht erfüllen will.
Und gerade zu dem Zeitpunkt kommt die Forderung des gerne als möglichen Nobelpreiskandidaten gehandelten, aber mittlerweile wenigstens zum Medienstar graduierten Experimentalphysikers Anton Zeilinger nach einer Eliteuniversität daher. Ein Pendant zur weltberühmten ETH Zürich oder dem MIT in den Vereinigten Staaten solle entstehen: eine eigenständige exklusive Universität, nennen wir sie AUST, Austrian University for Supreme Technology, an der die international anerkanntesten Wissenschafter und Forscher lehren und die begabtesten Studenten ausgebildet werden. Die Folgen (rein theoretisch): Der Wettkampf zwischen den Universitäten produziert auf breiterer Basis mehr wissenschaftliche Ergebnisse; in- und ausländische Forscherkapazitäten sowie besonders engagierte Studenten betrachten Österreich im internationalen Vergleich als interessanten Standort; Österreichs Unternehmen und ihre Mitarbeiter erhalten den Vorsprung, den sie im europaweiten Wettkampf um Arbeitsplätze am meisten brauchen: Wissen.

Die Folgen ganz real: Kanzler Wolfgang Schüssel zeigt sich begeistert. SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer auch. Nur ihre Parteien sind es nicht. Die Grünen laufen beim Begriff Elite sowieso gleich violett an. Und die Uni-Professoren sind schlicht entsetzt.
Warum eigentlich? Haben die Damen und Herren der hehren Lehre nicht begriffen, dass besagte Elite-Uni nicht auf ihre Kosten gehen soll? Dass die heimische Wirtschaft aufgerufen ist, jene „University of Excellence“ zu finanzieren, von der sie sich so viel erwartet?

Unvorsichtigerweise nannte der Physiker Zeilinger auch Zahlen. Die Kosten seiner wissenschaftlichen Vision betragen 100 Millionen Euro jährlich. Das ist exakt jener Betrag, den die durch seinen Vorschlag sich ins Eck der „Zweite-Klasse-Wissenschafter“ versetzt fühlende österreichische Professoral-Gemeinde gerade vom Finanzminister verzweifelt fordert.

Ihr fehlen 100 Millionen Euro für den bestehenden universitären Betrieb, und dann sollen 100 Millionen in eine einzige Elite-Uni fließen, selbst wenn dabei nicht an die Verwendung öffentlicher Mittel, sondern an Unterstützung von Banken und der Industrie gedacht ist? Das geht auf keinen Talar.

Aber noch einmal: Es geht nicht um die Frage der Finanzierung einer Elite-Uni oder von bestehenden Universitäten, sondern um die Frage: Mehr Geld für alle? Zeilinger holt es sich privat und die Professoren vom Staat. Der Kampf wird für beide hart genug sein.

Aber mit dem Begriff Elite kann in Österreich, wo der Neid am liebsten alle gleich macht, noch immer nicht umgegangen werden, selbst unter Akademikern nicht. Und so haben Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer und die Universitätsprofessoren auch schon die akademische Lösung parat: Es sollen Exzellenzzentren an den bereits bestehenden Fakultäten installiert werden; die sollen das Geld der privaten Förderer bekommen. Davon wird die Industrie und wissenschaftliche Welt auf breiter Ebene bestimmt beeindruckt sein: ein wenig Elite für alle halt.

Aber Zeilinger hat seinen Vorschlag einer österreichischen Elite-Uni nicht als Sanierungskonzept für die bestehenden Universitäten verstanden. Das ist ein eigenes Kapitel. Er wollte einfach das in vielen Bereichen geltende Prinzip „Spitzenleistungen ziehen Spitzenleistungen an“ zu einem für Österreichs Wirtschaft und Wissenschaft erfolgreichen Modell machen. Man stelle sich vor, Österreich hat, nicht plötzlich, aber nach Jahren des Aufbaus, auch ein INSEAD, ein Fontainebleau, ein Harvard, ein MIT ...

Der international anerkannte Wissenschafter sagt, dass er jede Lösung, die für seinen Vorschlag gefunden wird, akzeptieren wird, er sei schließlich Demokrat. Mal sehen, wie lange er das in Österreich sein wird.

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