Eine Niederlage trägt Früchte

Aber zurück in die achtziger Jahre. 1986 folgt Treichl einem Angebot von David Rockefellers Chase Manhattan Bank, die Niederlassung in Wien zu leiten. „Mich hat einfach der große finanzielle Sprung gelockt“, lächelt Treichl. So wird er sieben Jahre lang, von 1986 bis 1993, Vorstandsvorsitzender der kleinen, aber durchaus florierenden Wiener Chase-Filiale. Doch US-Banken sind launisch wie, nein, das sagen wir jetzt nicht. 1993 beschließt jedenfalls das Headquarter in New York: Die Wiener Niederlassung wird verkauft, und Andreas Treichl darf „seine“ Bank abwickeln.

Das mag wie eine Strafe klingen, erscheint jedoch dem ambitionierten Banker, der jetzt 41 ist, als die große Chance, vom Banker zum Bankier zu werden. „Ich wollte eine gemischte Beteiligung aus Management und institutionellen Investoren“, erinnert sich Treichl. „Ein Investor, an den ich dachte, war die Austria Versicherung. So habe ich Herbert Schimetschek kennen gelernt.“

Doch der schöne Plan geht gründlich schief. Ein unerwarteter Player funkt dazwischen: die Crédit Lyonnais. „Die haben einen irrsinnigen Betrag geboten.“

Treichl wird zwar von den Franzosen übernommen und geht nach Paris, aber es ist in Wahrheit eine Niederlage. Sein Job bei der Lyonnais macht ihm keinen rechten Spaß. Die steile Karriere hat einen Knick bekommen, doch es wird sich zeigen, dass auch Niederlagen Früchte tragen können. Die Connection mit Herbert Schimetschek wird später der entscheidende Karriereturbo für Andreas Treichl werden.

Die ÖVP vor der Pleite. Erhard Busek wurde 1991 Parteiobmann und holte den einstigen Bunte-Vögel-Mitstreiter als Finanzreferent in die Partei, deren Finanzen damals völlig desolat waren. „Die ÖVP war total überschuldet, und ich hatte den Auftrag, sie zu entschulden“, erinnert sich Treichl. Das fiel dem an Kostenmanagement gewohnten Banker anfangs nicht schwer. „Der Parteiapparat war sehr aufgebläht. Wir haben massiv Personal reduziert, und ich bin antichambrieren gegangen zu den Landeshauptleuten, um die Einnahmen der Bundespartei zu erhöhen.“

Doch das alles reichte nicht, die enormen Schulden abzutragen. Erfolgreiche Manager brauchen auch Fortüne, alles andere wäre gelogen. Treichl hatte mehrmals Glück, vielleicht auch, weil er eine Kunst beherrscht, die man auf Neudeutsch Networking nennt. Als Parteireferent kommen ihm zwei „Glücksfälle“ zupass: erstens der Kontakt zum mächtigen Versicherungsboss Herbert Schimetschek, der später zu seinem beruflichen Adoptivvater wird. Zweitens die enorm hohen Immobilienpreise der neunziger Jahre. Die Austria-Versicherung kauft die Mietrechte am Palais Todesco, und Treichl wird zum gefeierten Parteisanierer, erneut wiedergewählt und als künftiger Finanzminister ins Spiel gebracht.

„Meine höchste Befriedigung in der Politik war, dass ich als erster und wahrscheinlich einziger ÖVP-Funktionär mit einhundert Prozent aller Stimmen zum Finanzreferenten wiedergewählt worden bin. Das war so schön, der Moment.“

1994 stand Treichl vor einer entscheidenden Weggabelung in seinem Leben. Der Job in Paris frustriert ihn, und er steht schon mit einem Fuß in der Politik. Busek stellt ihn als Nationalratskandidaten auf. Treichl ist auf dem definitiven Sprung ins Parlament. „Die Politik hat mich sehr gereizt. Ich hätte gerne den Finanzminister gemacht. Aber die Erste kam dazwischen.“

Herbert Schimetschek, neben seinen Versicherungsagenden auch Aufsichtsratsvorsitzender der Erste, holt Treichl in den Vorstand und macht ihn drei Jahre später zum Chef. Der Aufsichtsratsvorsitzende war von Treichls internationaler Erfahrung angetan, wurde aber im wahrsten Sinne des Wortes auch eingekocht. Schimetschek: „Er hat mich in seine damalige Wohnung im Cottageviertel eingeladen und mich persönlich einen Abend lang bekocht. Wir sind ja inzwischen auch privat befreundet und teilen die Vorliebe für Rotweine. Bei mir muss es aber kein Chateau Lafitte sein, ich gebe es auch billiger.“

Treichl nützen nicht nur seine Tüchtigkeit und die guten Kontakte zu Schimetschek, sondern ein weiterer Glücksfall: Ausgerechnet Gerhard Randa verhilft Treichl indirekt zu seinem größten Karrieresprung.

Auch wenn die gegenseitige Wertschätzung der beiden Herren, milde gesagt, unterdurchschnittlich ist. Das Leben ist eben voller Ironie.

Der Mann, der alle überrascht. 1997 gelang es Bank-Austria-Boss Randa in einem spektakulären Coup, mithilfe des damaligen Finanzministers Viktor Klima die Creditanstalt zu kapern.

Das Undenkbare führte bei der schwarzen Reichshälfte zu einem tiefen Schock, dessen Wellen auch die Erste erschütterten. Deren Chef war nicht nur bei der Übernahme der Girocredit gescheitert, sondern hatte in den Augen des Aufsichtsratsvorsitzenden Herbert Schimetschek auch die CA-Übernahme verbockt.

Acht Jahre lang war die Erste von Konrad Fuchs geführt worden, in vielem die Antithese zu Andreas Treichl.

Fuchs, nebenbei Uniprofessor und Vizepräsident der Wirtschaftskammer, war eher ein Vertriebsmann, der die Filialen der Erste in den Bundesländern zielstrebig aufbaute – in bewusster Konkurrenz zu den Sparkassen, ohne die Treichl den späteren Haftungsverbund von 53 Sparkassen kaum zustande gebracht hätte.

Nach dem CA-Debakel musste oder wollte, je nach Sichtweise, Fuchs gehen. Und Treichl kam.

„Jetzt musst du die Erste zur neuen CA machen“, sagte Erhard Schaschl, damals Wienerberger-Chef, wie sich Treichl erinnert.

Gemeint war nicht nur die politische Couleur, sondern die vermeintlich neue Zielrichtung der Bank: das Investmentbanking. Wir erinnern uns: Die Börsen boomten, man glaubte, die Kurse würden ewig steigen, die Banken verdienten sich mit den Börsegängen von Unternehmen goldene Nasen. „Als ich in die Chefposition kam, haben alle gedacht, dass ich in Richtung Investmentbanking gehe“, sagt Treichl, „aber so was ist in Österreich chancenlos. Das war mir klar.“

Ende der Konkurrenz. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt hat Treichl „ein recht gutes Gefühl, was auf dem österreichischen Markt möglich ist. Hier würden wir nie die Renditen verdienen, die sich unsere Finanzinvestoren erwarteten.“

Kurze Rückblende: Im Zuge des Randa-Coups darf die Erste die Girocredit übernehmen und muss dafür acht Milliarden Schilling bezahlen. Geld, das Treichl an der Börse sucht und findet, wenn auch nicht ohne Widerstände.

Treichl: „Der wesentliche Punkt war, dass mit der Übernahme der Giro der Börsegang verbunden war. Der 100-prozentige Eigentümer der Erste war aber ein Verein, der nun nach 178 Jahren in die Minderheit gehen sollte. Das durchzusetzen war nicht leicht für jemand, der relativ neu war. Sofort unter die 50 Prozent zu gehen war aber die Voraussetzung für alles, was danach kam.“

Treichls Analyse nach einem Jahr als Erste-Boss war: Auch wenn die Erste noch aggressiver als bisher die Bundesländer bepflügen würde, wäre in Österreich ertragsmäßig kein Staat zu machen. Die Zinsmarge lag bei mageren 1,4 Prozent. Daraus leitete der neue Chef zwei Strategien ab: Erstens mussten die Sparkassen zu Vertriebsstellen der Ersten werden, statt einander zu konkurrenzieren und gegenseitig die Margen zu drücken. Und zweitens müsste man dort investieren, wo die Margen zum Teil dreimal so hoch waren wie in Österreich: im Osten.

Die Umarmungsstrategie. Reinhard Ortner, Auslandschef der Erste und seit zwanzig Jahren im Vorstand der Bank, war schon einmal Treichls Oberchef beim ersten Gastspiel in den achtziger Jahren und lernte ihn bei einer Reise nach Saudi-Arabien näher kennen, wo die Erste bei der Baufinanzierung des Al-Ali-Hospitals Geld in den Sand gesetzt hatte. Ortner erinnert sich an den Moment, als Andreas Treichl als neuer Erste-Boss im Mai 1998 auf der Sparkassentagung in Bad Gastein den überraschenden Sparkassen-Umarmungskreuzzung lostrat. „Es herrschte allergrößtes Misstrauen und das übliche Gejeier. Wir wurden als Jäger gesehen. Ein Sparkassendirektor polterte: Solange eure Filiale mein größter Konkurrent ist, zahle ich doch nicht in ein gemeinsames Werbebudget.“

Genau das erkennt Treichl: Will er den Sparkassensektor einen, am Ende womöglich sogar zu einem Konzern zusammenführen, will er das Vertrauen gewinnen, muss er die Konkurrenz im Sektor unterbinden, zuallerst die eigene. Also offeriert der neue Bankenchef einen sensationellen Deal: Die Erste gibt alle ihre fünfzig Bundesländerfilialen (außer Wien, Niederösterreich und Burgenland) auf, um die Sparkassen als Vertriebspartner an sich zu binden. Im eigenen Haus ist man entsetzt. Aber zur allgemeinen Verblüffung gelingt der Coup. Die Erste, die schon 1996 die Salzburger Sparkasse geschluckt hatte, beteiligt sich an der Linzer Sparkasse und übernimmt nach zähem Ringen die Mehrheit an der Tiroler Sparkasse. Die Sparkassen verkaufen jetzt Erste-Produkte, treten einheitlich auf, gründen eine gemeinsame Softwareentwicklungsfirma und legen weit gehend Einkauf und EDV zusammen. Vier Jahre später, am 1. Jänner 2002, wird die s Haftungsverbund und KundenabsicherungsGmbH von der Erste mit 53 Sparkassen gegründet. Treichl hat sein strategisches Inlandsziel erst einmal erreicht.

Auf Einkaufstour. Nach dem Börsegang im Dezember 1997 ist die Kriegskassa der Erste prall gefüllt, und Treichl will losschlagen. Die Fusion mit der Girocredit wickelt er in sechs Monaten schnell und knallhart ab. Von den neun alten Vorständen der beiden Banken bleibt ein einziger übrig: Reinhard Ortner, Treichls ehemaliger Chef. Der Kahlschlag geht von der Presse relativ unbemerkt über die Bühne. Aus der ersten Führungsebene der einstigen Kaderschmiede Girocredit wird kein einziger Manager übernommen, außer einem, der bald die Flucht antritt. Der damalige Girocredit-Chef Ferdinand Lacina winkte von vornherein ab: Er wollte nicht unter Treichl dienen. In der Führungsmannschaft der Erste findet sich heute nur eine einzige politische Couleur: schwarz.

Treichls erster Deal im Osten, der Kauf der ungarischen Mezöbank, entwickelt sich aber gleich zu einem veritablen Flop. Treichl: „Wir haben da ziemlich alles falsch gemacht, aber viel gelernt dabei. Ich erkannte damals noch nicht, wie essenziell es ist, ein Management zu haben, dem man vertrauen kann, das im Konzern eingefügt ist und mit dem man engen Kontakt hat. Wir haben keine guten Leute ausgewählt und sie nicht genug integriert.“

Die Mezöbank wird das Lehrgeld für den nächsten spektakulären Deal, den überraschenden Kauf der Ceska sporitelna mit 5,4 Millionen Kunden und 17.000 Mitarbeitern, mehr als viermal so viel als die Erste selbst. Für den Erwerb von erst 51 und schließlich 95 Prozent an der tschechischen Sparkasse muss die Erste in zwei Tranchen insgesamt 1,3 Milliarden Euro hinblättern. Geld, das erst einmal verdient werden muss. Nach dem Mezöbank-Desaster ist der Widerstand im eigenen Haus groß. Reinhard Ortner resümiert: „80 Prozent der Mitarbeiter waren total dagegen. Aber Treichl neigt zu Alleingängen und dazu, den Vorstand mit Faits accomplis zu konfrontieren.“ Und Ikrath erinnert sich: „Die Leute im Haus sagten, jetzt spinnt der Treichl total. Und Randa lachte nur, weil da auf einmal eine kleine Sparkasse zupackte mit dem verrückten Treichl und einer offensichtlich völlig abgehobenen Truppe.“

Es folgte Schlag auf Schlag: Ein gutes halbes Jahr später, im Februar 2002, erwirbt Treichl die Slovenska sporitelna mit 2,3 Millionen Kunden und berappt 600 Millionen Euro. Im Mai desselben Jahres folgt die kroatische Rijecka banka, die gerade ins Zwielicht geraten war, weil ein ehrgeiziger Devisenhändler in Überschreitung seiner Kompetenzen hundert Millionen Euro Verlust gebaut und die Bank an die Wand gefahren hatte.

Treichls letzter Coup, der Kauf der ungarischen Postabank heuer im September um satte 400 Millionen Euro, der wahrscheinlich höchste Preis, der je für eine Bank in Osteuropa im Vergleich zum Buchwert gezahlt wurde (siehe Kasten auf Seite 60), ist höchst umstritten, selbst im Vorstand. „Es wurde im Vorstand heftig gestritten“, sagt Treasury-Chef Franz Hochstrassser, „aber wir haben sicher die richtige Entscheidung gefällt.“

2,5 Milliarden Euro hat Andreas Treichl bislang im Osten investiert, obwohl selbst die acht Milliarden Schilling vom Kauf der Girocredit noch nicht völlig abbezahlt sind. Es hätte im Übrigen noch mehr werden können, wären seine Avancen in Bulgarien und in Slowenien nicht gescheitert. Finanziert wird die Shoppingtour durch den Börsegang, der 1,2 Milliarden in die Kassa spült. Der Rest wird, so Treichl, aus Eigenmitteln finanziert. Allein in den letzten eineinhalb Jahren hat die Erste freilich über Anleihen 800 Millionen Euro aufgenommen.

Die größte Herausforderung der Ostexpansion war der Deal in Tschechien. Wäre das Projekt schief gelaufen, säße Treichl vermutlich nicht mehr auf seinem Vorstandssessel. Aber nach dem Ungarn-Debakel läuft diesmal alles wie am Schnürchen. Treichl: „Die Schwierigkeit für eine kleine Bank war: Wie übernehme ich so eine viermal größere, wie lehre ich die das Bankgeschäft, wie kann man die Kontrollfunktionen wahrnehmen? Wir haben 300 bis 400 Leute aus der Erste immer wieder nach Tschechien geschickt, ich selbst war ein Jahr lang jede Woche drüben, und in allen Bankbereichen wurden präzise Ziele gesteckt.“

Treichl, der gerne pokert und auf alles oder nichts setzt, hat Glück. Der Amerikaner Jack Straw, den er als neuen Sanierer der schwer verlustreichen Tschechentochter holt, macht daraus eine Cash Cow. Andreas Treichl erweist sich als erfolgreicher Sanierer und Kostendrücker. Auch wenn das Jobs kostet. Seit seinem Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender 1997 wurden und werden in Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Kroatien 10.000 Jobs abgebaut.

Am Mount Everest. Andreas Treichl ist jetzt 51 und hat den langen Schatten des Vaters abgeworfen: Keiner glaubt jetzt mehr, der Papa habe es gerichtet. Die Erste hat den Börsenwert der Bank Austria überholt und ist jetzt auf jenen Märkten, wo die Analysten das stärkste Wachstum erwarten. Treichls Kunden im Osten werden Jahr für Jahr reicher und damit auch die Gewinne der Bank üppiger – so die Hoffnung.

Auch Treichl selbst geht bei dieser Strategie nicht leer aus. Er bezieht ein stattliches Gehalt: „Ich verdiene heuer brutto eine Million Euro. 700.000 Euro fix, der Rest ist abhängig vom Erfolg, gemessen an der Eigenkapitalverzinsung.“ Und er verfügt über eine größere Machtfülle als jeder andere österreichische Bankdirektor.

Treichl ist ein cleverer Techniker der Macht. Er hat jetzt ein Durchgriffsrecht im Sparkassensektor und kann sogar in einzelnen Sparkassen über ein Komitee – je nach Sichtweise unbotmäßige oder ineffiziente – Direktoren austauschen, obwohl die jeweilige Sparkasse gar nicht der Erste gehört. Treichl selbst meint dazu: „Hilfeleistungen des Sparkassenverbundes können eben von bestimmten Forderungen abhängig gemacht werden, wozu auch der Austausch des Managements zählt. Wir haben bestimmte Mindestkriterien für Sparkassen. Zum Beispiel muss die Eigenkapitalrendite der Sekundärmarktrendite plus zwei Prozent entsprechen. De facto greift man aber schon viel früher ein. Drei-, viermal ist das schon passiert.“

Das ist auch der Grund, warum einige Sparkassen den Haftungsverbund scheuen. Eine davon ist die Kitzbüheler Sparkasse. Ihr Direktor Manfred Grimmenstein: „Wir wollten nicht, dass die Erste einen direkten Zugriff zu unseren Eigen-

mitteln bekommt. Der zweite Grund war das Durchgriffsrecht. Wir wollen lieber selbstständig bleiben. Ich habe aber eine gute Gesprächsbasis mit Herrn Treichl, und wir vertreiben selbstverständlich Erste-Produkte.“

Wem gehört die Erste? Während der Sparkassensektor auf dem Weg zur Konzernstruktur ist, hat sich Andreas Treichl selbst weit gehend freigespielt. Er ist

de facto auch sein eigener Eigentümer, und es droht auch kaum Ungemach vom Aufsichtsrat. Dort finden sich inzwischen mehr Freunde als kritische Geister. Neben „Adoptivvater“ Herbert Schimetschek fungiert als Verbindungsmann zur Industriellenvereinigung Herbert Kessler. Besonders moniert wurde die Bestellung von Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler, nicht eben eine ausgewiesene Bankenexpertin.

Dass Treichl auch quasi die Eigentümerrolle innehat, hängt mit der besonderen Konstruktion des Sektors und der Frage zusammen: Wem gehört die Erste eigentlich?

Größter Eigentümer war bislang ein Verein, die Anteilsverwaltungssparkasse (AVS), mit einem Anteil von 35 Prozent, sechs Prozent hält die Uniqa Versicherung, der Rest ist in Streubesitz, wobei zehn Prozent die Sparkassen halten, zwei Prozent die Generali und ebenso viel die Kommerzbank. Der Rest entfällt großteils auf internationale Investmentfonds. Nur etwa 5000 Kleinanleger halten Aktien der Erste Bank.

Das Pikante an der Konstruktion: Vorsitzender der AVS war bislang Andreas Treichl selbst. Die offensichtliche Unvereinbarkeit, die vor allem internationalen Investoren aufstieß, führte letzte Woche zur Umwandlung in eine Stiftung. „Es ist völlig klar, dass die Stiftung von der Organstruktur der Bank getrennt werden muss“, sagt Aufsichtsratspräsident Schimetschek. „Es gibt eben zuweilen unterschiedliche Interessenlagen zwischen den Interessen eines Großaktionärs und denen eines Bankvorstandes.“ Nichtsdestotrotz avancierte freilich Treichl auch zum neuen Stiftungsvorsitzenden, bleibt also sein eigener Eigentümer.

Die neue Sparkassenstiftung ist ein Lieblingsprojekt des Erfolgsbankers: „Die Stiftung wird nichts anderes machen, als die Beteiligung an der Bank zu halten und wohltätigen Zwecken nachzugehen, wenn einmal die Schulden zurückbezahlt sind. Die Sparkassen sind 1819 gegründet worden, um etwas Wohltätiges zu tun. Das ist aber völlig in Vergessenheit geraten.“

Das Projekt fasziniert Treichl wahnsinnig: „Stellen Sie sich vor, in ein paar Jahren haben wir in Österreich eine Stiftung, die vier bis fünf Milliarden Euro wert ist und aus der Erträge wohltätigen Zwecken zufließen. Ich finde, das ist eine herrliche Verbindung aus aggressiver betriebswirtschaftlicher Tätigkeit und gleichzeitig sozialer Tätigkeit. Es gibt aber da unterschiedliche Tendenzen im Haus und bei einzelnen Sparkassenräten, deshalb will ich über Erträge und Ausschüttungen der Stiftung vorläufig nicht zu laut reden.“

Gute Verbindungen. Eine der großen Begabungen des Andreas Treichl ist die Kunst, Menschen zu überzeugen. Dazu gehört auch ein virtuoser Umgang mit Medien und den politisch Mächtigen. Wenn Treichl zu einer Analystenrunde nach London eilt, steigt er zwar im Claridges ab, einem der teuersten Hotels der Stadt, trifft er sich aber mit einer Journalistin der „Financial Times“, dann lieber in Starbucks Café. Wie Jörg Haider versteht es Treichl, unterschiedliches Publikum zu bedienen, und vermittelt Journalisten den Eindruck, einer der ihren zu sein, wobei ihm beim weiblichen Teil auch sein gutes Aussehen helfen mag.

Treichl beschäftigt den möglicherweise besten Lobbyisten Österreichs, Wolfgang Rosam, der auch Pate seines zweiten Kindes ist. Er gilt als gelegentlicher Wirtschaftsberater Wolfgang Schüssels und verfügt mit seinem Kommunikationschef, dem Nationalratsabgeordneten Michael Ikrath, über exzellente Verbindungen in die ÖVP. Der langjährige Treichl-Freund sitzt im Finanz- und Justizausschuss des Parlaments und sagt selbst: „Ich bin ein politischer Verbindungsspieler, das wird mit dem Wörtchen Corporate Affairs auf der Visitkarte ein wenig vernebelt. Im Parlament kennen sich von 183 Abgeordneten vielleicht sechs bei Finanzthemen aus. Da gibt es enorme Gestaltungsmöglichkeiten. Zum Beispiel konnten wir in der berühmten ‚Lombard Club‘-Nacht-und-Nebel-Aktion das Damoklesschwert einer Suspendierung der Bankdirektoren abwenden.“

Die Klage. Doch gerade das reibungslose Zusammenspiel mit der Politik könnte Treichl jetzt Ungemach bescheren. Nach der Gründung des Haftungsverbundes wurde im Expresstempo unter Umgehung der zuständigen Nationalbank eine Kartellrechtsnovelle verabschiedet, die den Verbund kartellrechtlich ermöglichte. Selbst die Finanzmarktaufsicht, damals noch im Finanzministerium angesiedelt und nicht unabhängig, gab ihren Segen. Auch aus dem Brüsseler Büro des Wettbewerbskommissars Mario Monti kam grünes Licht: Das ist nationales Recht, keine Einwände.

Doch im Dezember brachte die Bank Austria völlig überraschend eine Klage bei der Europäischen Kommission ein: wegen Verstoß gegen die EU-Bankenrichtlinie und das EU-Kartellrecht (Paragraf 81). Kommt die Bank Austria mit ihrer Klage durch, platzt der Haftungsverbund in der jetzigen Form, das Rating der Ersten würde sinken, die Refinanzierungskosten steigen. „Die Erste Bank verstößt klar gegen das EU-Kartellrecht“, sagt Bank-Austria-Chef Karl Samstag. Die Erste habe durch die Konsolidierung der ihr nicht gehörenden Sparkassen ihr Kernkapital um 290 Millionen Euro aufstocken und so ihr Rating verbessern können.

Insider haben zwei Erklärungen für den plötzlichen Vorstoß des mächtigen Konkurrenten. Erst kürzlich hat die Landesbank Hessen-Thüringen mit den Sparkassen ihrer Region das Erste-Modell fast eins zu eins abgekupfert. Auch in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein sind ähnliche Überlegungen im Gange, die der deutschen HypoVereinsbank gar nicht gefallen. Ein Urteil gegen die Erste könnte allen ähnlichen Entwicklungen Einhalt gebieten und wäre ganz im Sinn der Bank-Austria-Mutter.

Die zweite, profanere Erklärung: Eine ÖVP-nahe Mitarbeiterin in Mario Montis Büro habe die Kartellrechtsnovelle eigenmächtig abgesegnet, sei aber jetzt ausgehebelt und durch einen bankenkritischeren Mitarbeiter ersetzt worden.

Treichl übt nach außen demonstrative Gelassenheit: „Das ist keine dramatische Affäre für uns. Es dreht sich um 290 Millionen Euro. Wenn nötig, platzieren wir das in sechs Minuten, geht die Klage durch, müssten wir halt sicherstellen, dass wir aus Kartellgründen keine gemeinsame Preisgestaltung machen.“ Doch in Wahrheit wäre damit das Kernstück von Treichls Österreich-Strategie, die Ausschaltung von Preiswettbewerb innerhalb des Sektors zur Erzielung höherer Erträge, dahin.

Probleme drohen Treichl und der Erste auch in Tschechien. Und schuld ist schon wieder Brüssel. EU-Wettbewerbshüter Mario Monti zieht seit Jahren gegen staatliche Beihilfen zu Felde und hat jetzt den tschechischen Bankensektor hart ins Visier genommen. Bis Mai 2004 will Monti entscheiden, ob die Subventionen eingestellt werden müssen oder gar saftige Rück-

zahlungen drohen.

Die tschechische Regierung hatte bei der Privatisierung des Bankensystems unbegrenzte Garantien für faule Kredite gegeben und gleichzeitig das Kapital dieser Institute aufgestockt. Insgesamt flossen zehn Milliarden Euro. Nutznießer waren die belgische KBC, die französische Société Générale und eben die Erste.

Tatsächlich gelang es Andreas Treichl, in Tschechien einen Super-Deal abzuschließen, ohne die eigene Bank mit drohenden faulen Krediten zu gefährden. „Ich habe darauf bestanden, dass wir uns Kredite über einen längeren Zeitraum anschauen können, und wenn sie uns nicht gefallen, sie an eine Regierungsagentur zurückgeben können. Das war natürlich für die tschechische Politik sehr schwer zu verdauen, dass die Erste für 19 Milliarden Kronen 51 Prozent der Bank kriegt und der Staat fast 100 Millionen an Kreditrisken übernimmt.“

Bislang hat die Erste mit dieser Regelung ein glänzendes Geschäft gemacht und ein Kreditvolumen von 1,5 Milliarden Euro einfach zurückgegeben. Gerüchte besagen, Treichl-Freund Ernst Gideon Laudon habe seinerzeit den Deal eingefädelt und einen hochrangigen Politiker der Regierungspartei, die erst gegen den Verkauf war, umgestimmt, der wiederum später Erste-Konsulent geworden sei.

Treichl ganz privat. Über viele Jahre galt der erfolgreiche Banker als stadtbekannter Bohemien. Eine erste Ehe mit Marie-Therese von Steinhart wurde geschieden. Treichl galt als Frauenfreund. „Ich bin von der Bank abendessen gegangen. Vom Abendessen direkt in die Bar. Dann hab ich bis um drei in der Früh gesungen, hab mich ein paar Stunden schlafen gelegt, um dann wieder ins Büro zu gehen. Ich habe sehr lange und ausgiebig alles gemacht, was man in meinem Beruf nicht machen sollte. Inzwischen habe ich aber daran völlig das Interesse verloren. Es macht mir einfach keinen Spaß mehr.“

1998 heiratet er die Journalistin und jetzige Herausgeberin des „H.O.M.E“-Magazins Desirée Treichl-Stürgkh. „Irgendwann ist bei ihm die tiefe Sehnsucht nach einem Hafen entstanden. Man kann ja als Banker manchmal auch ziemlich deprimiert sein“, weiß Freund Ikrath. „Er hatte das Glück, in der Daisy eine Frau zu finden, die warmherzig ist, aber gleichzeitig auch Zeit für die Familie einfordert, was ihn davor schützt, von seinem Job aufgesaugt zu werden.“

Inzwischen haben die Treichls, die in einem Dachgeschoss in der Metternichgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk wohnen, drei Söhne, Alfred, Jakob und Paul. „Er ist zu meiner absoluten Überraschung ein besonders liebevoller Familienmensch geworden“, meint Vater Heinrich Treichl. Nachsatz: „Von mir hat er gelernt, wie ein Familienvater nicht sein soll.“ Tatsächlich bescheinigen enge Freunde, zu denen der Gynäkologe Peter Husslein und Mittelschulkommilitone Wilhelm Gorton, heute geschäftsführender Gesellschafter der Klassenlotterie Hohe Brücke, zählen, wie vernarrt Treichl in seine Kinder ist.

„Man soll sich nicht in den Sack lügen“, philosophiert der Banker. „Natürlich brauchen einen die Kinder, aber man selbst braucht die Kinder auch. Vielleicht weil ich schon ein relativ alter Vater bin, möchte ich nichts versäumen. Es ist sensationell mitzuerleben, wie sich Kinder jede Woche verändern. Meine Söhne gehen mir viel mehr ab als ich ihnen. Allerdings: Wenn ich sie drei Tage hintereinander hab, können sie mir auch ziemlich auf den Keks gehen.“

Gastronom Treichl. Ansonsten gilt Andreas Treichl als relativ sportlich – dreimal die Woche laufen –, als passionierter Klavierspieler, der einst vierhändig mit Paolo Conte in einer Bar auftrat, und als exzellenter Koch, der schon mal den Vorstand mit Risotto einkocht. Mit Freund Rosam wurde er sogar Gastronom. „Wir waren ständig in der ‚Cantinetta‘ und im ‚Antinori‘ essen. Da haben wir eines Tages beschlossen, wir machen selber eines auf“, erinnert sich Rosam, mit Treichl einer der fünf Gesellschafter des Restaurants „Fabios“, das sich im Erste-Hauptgebäude eingemietet hat. „Der Andreas ist einer der wirklichen Weinkenner“, sagt Rosam. „Er ist sozusagen mit seinem Lieblingswein Rothschild-Lafitte aufgewachsen.“

Zu den Passionen des Andreas Treichl zählt auch die Jagd, die er von seinem Wochenendhaus in Leogang im Pinzgau, einem vierhundert Jahre alten Anwesen, aus betreibt. Wie der Vater geht er am liebsten auf die Gamsjagd.

Eben waren die Treichls auf der Karibikinsel St.Martin bei Freunden urlauben. Der Mann des Jahres ist nach dreieinhalb Stunden Interview schon ein wenig müde, draußen am Graben ist es schon dunkel. Aber Treichl hat noch den strikten Auftrag zum Einkaufen. Pressesprecher Mauritz bietet an einzuspringen. „Okay“, sagt Treichl. „Ich brauche ein Kilo Lungenbraten, supersensationell fettfrei vom Meinl, und ein Kilo Basmatireis.“ Dann kramt Österreichs erfolgreichster Banker in der Geldbörse. „Tut mir Leid, ich hab gerade kein Geld.“

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