Dollars von Rosina

Fremdarbeiter in reichen Ländern sind durch milde Gaben, die sie Daheimgebliebenen schicken, zu einem wichtigen Faktor der Weltwirtschaft geworden.

Sie schuften schwer und machen alles: die Zimmermädchen im Hotel, die Bauarbeiter auf dem Gerüst, die Putzfrauen, Krankenpflegerinnen, Fließbandroboter und Spargelpflücker. Sie kommen aus den armen Ländern und haben in den reichen Ländern zumeist jene Jobs, die die Einheimischen, wenn möglich, links liegen lassen. Nach westlichen Maßstäben arbeiten sie oft für einen Niedriglohn, nach den Maßstäben ihrer Heimat sind sie allerdings Bestverdiener. Und viele von ihnen schicken regelmäßig Geld nach Hause, um ihren Verwandten das Überleben zu sichern. Brav und berührend würde man meinen. Aber was haben diese mickrigen Summen mit dem Riesenvolumen der Weltwirtschaft zu tun? Einiges. Denn aus Milliarden von Wassertropfen wird ein tropisches Gewitter, und aus Milliarden von Bäumen und Pflanzen entsteht der brasilianische Urwald.

Um über diese „Milliarden von Wassertropfen“ einen Überblick zu bekommen, hat die Weltbank eine Untersuchung durchgeführt, die unlängst veröffentlicht wurde. Laut dieser Studie fließen die Gastarbeitergaben aus den westeuropäischen Ländern hauptsächlich in die Balkanstaaten, in die Türkei und nach Polen. Von den Dollars aus den USA und Kanada profitieren vor allem die Regionen Karibik und Südamerika. Die Asiaten sind allgegenwärtig, sehr viele in den Ölländern des Nahen Ostens, wo sie praktisch alles machen, was Schwerarbeit ist oder mit Dienen zu tun hat. Und jetzt die verblüffenden Zahlen: Laut Weltbank arbeiteten 2003 175 Millionen Menschen, fast drei Prozent der Weltbevölkerung, in fremden Ländern. Sie schickten mehr als 100 Milliarden US-Dollar nach Hause, ein Betrag, der die Gesamtsumme der global geleisteten Entwicklungshilfe übersteigt.

Von diesem gigantischen Geldstrom profitieren natürlich auch die Zielländer. Die kubanischen Emigranten unterstützen durch ihre Spenden das verhasste Castro-Regime mit mehr als einer Milliarde Dollar pro Jahr. Die Mehrheit der Bevölkerung des Armenhauses Haiti überlebt vor allem durch jene rund 800 Millionen US-Dollar, die die Auswanderer alljährlich nach Hause schicken. Auch Polen profitierte 2003 mit mehr als zwei Milliarden Euro von der Auslandsarbeit seiner Bürger. Laut der Zeitung „Rzeczpospolita“ werken rund eine halbe Million Landsleute, zumindest einen Teil des Jahres, vor allem in Deutschland und in den USA, und sie schickten oder brachten pro Kopf im Durchschnitt 4000 Euro nach Hause.

Nach Meinung der Weltbankanalysten findet hier eine stille, aber sehr wirksame Umverteilung statt. Die Emigrantengaben sind insgesamt nicht nur größer, sondern auch viel effizienter als jene Gelder, die die reichen Länder den armen Staaten als Entwicklungshilfe zukommen lassen. Diese versickert oft in undurchsichtigen Kanälen, während die Zuwendungen der Fremdarbeiter direkt bei den Bedürftigen landen und verlässlicher fließen. Manchmal erzielen sie auch jene Wirkung, die der eigentliche Sinn der Entwicklungshilfe sein sollte: ein Anstoß zur Selbsthilfe.
Rosina ist eine liebe Freundin, karibikbraun und lebenslustig. Sie stammt aus der Dominikanischen Republik, wohnt seit zwanzig Jahren in Wien, ist längst österreichische Staatsbürgerin, hat einen guten Job als Grafikerin und schickt, wie es sich gehört, seit Jahren regelmäßig Geld nach Hause.

Ihre Eltern, samt Bruder, Schwägerin und vier Kindern, leben in der Umgebung der Kleinstadt San Juan de la Maguana. Ein Häuschen, längst renovierungsbedürftig, rund vier Hektar Kaffeeplantage, wo die ganze Familie arbeitet, und der entnervende Kampf mit den Händlern, die ständig den Abnahmepreis drücken wollen. Sie sind nicht bettelarm, doch wenn die Mutter ein Huhn kauft, dann muss schon ein besonderer Anlass da sein.

Bei ihrem vorletzten Besuch in Maguana wurde Rosina klar, dass der Erwerb eines neuen Esstisches fällig ist. Der Bruder, der gerne bastelt, hat das alte Stück schon öfter repariert, doch ohne Werkzeug war nichts mehr zu machen. Und weil es in Maguana weder ein Möbelgeschäft noch eine Tischlerwerkstatt gibt, musste die Neuerwerbung mühsam mit einem Pferdegespann aus Santo Domingo nach Hause gekarrt werden.

Beim feierlichen Abendessen erzählte der Bruder von einem Wunschtraum. Er möchte eine Tischlerwerkstatt errichten, doch dazu bräuchte er eine Motorsäge, eine Bohrmaschine, einen Hobel usw. Auch der alte Schuppen müsste als Werkstatt hergerichtet werden. Wie viel würde das alles kosten, fragte Rosina. Na ja, rund 2000 Dollar, meinte der Bruder schüchtern. Sie flog zurück nach Wien, nahm einen Kredit auf und schickte die 2000 Dollar.

Als wir uns nach ihrem letzten Besuch trafen, erzählte sie strahlend: Die Maschinen sind da, der Schuppen wie neu, der Bruder arbeitet bereits mit drei Taglöhnern, und in der ganzen Umgebung von Maguana hat sich herumgesprochen, dass es im Ort endlich eine Tischlerwerkstatt gibt. Das Huhn auf dem neuen Esstisch wurde inzwischen alltäglich.

Ich hörte gerührt zu. Und mir wurde klar, dass die Dollarspende von Rosina eine Entwicklungshilfe im besten Sinn war.

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