Die Zeit geht mit der Mode

Uhren mit komplizierten mechanischen Werken von Gucci, Chanel oder Louis Vuitton sind der Dernier Tick. Klassische Luxusmarken wie Jaeger-Le Coultre, Rolex oder Patek Philippe reagieren standes-, aber zeitgemäß.

An eine Gucci-Uhr am Handgelenk könnte er sich schon gewöhnen. „Die meisten Kreationen dieses Labels finde ich sehr schön – warum also nicht auch einmal eine Uhr kaufen, wenn die Funktionen stimmen“, zeigt sich Bernhard Ramsauer offen für zeitliche Experimente. „Hätte Gucci einen Chronographen im Sortiment, wäre ich einer der Ersten, der ihn kauft.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass sich der Vorsitzende der Privatbank Sal. Oppenheim von optischen Reizen verführen lässt. „Ich bin schon öfter Opfer der Werbung geworden“, schmunzelt er und erwähnt in diesem Zusammenhang einige Swatch-Uhren und eine Pulsar. Zweitere trägt er allerdings vorwiegend beim Sport, „weil sie den Puls misst“.

Für den beruflichen Alltag greift der Bankier auf einen Klassiker zurück und schnallt sich einen Chronometer von Blancpain – Richtwert: ab 15.000 Euro aufwärts – ums Handgelenk: „Ein Brandname bürgt eben automatisch für Qualität.“

Hört man sich unter Uhrenhändlern um, ticken angeblich immer mehr Männer wie Ramsauer. Ein Fashion-Label am Handgelenk wird nicht mehr zwingend als modischer Fauxpas empfunden – vorausgesetzt, es verfügt über eine modische, aber schlichte Fasson und/oder technische Raffinesse.

Mode für Männer. Uhren entwickeln sich somit mittlerweile zu einem Fashion-Accessoire, das zur jeweiligen Kleidung adjustiert wird. „Es ist heute wirklich keine Seltenheit, dass jemand zehn bis zwanzig Uhren besitzt“, beobachtet der Wiener Juwelier und Uhrenhändler Herbert Schullin. Auch sein Kollege Christian Hübner vom Juwelier Hübner am Graben registriert ein deutlich wachsendes Modebewusstsein unter der männlichen Klientel: „Ich habe zum Beispiel einen Kunden, der die Uhrenbänder zu seinen Schuhen und Gürteln abstimmt. Ein Traum für jeden Händler!“

Hübner berichtet weiters von Kunden, bei denen es vor einigen Jahren noch unvorstellbar erschien, dass sie sich ein Designerstück ums Handgelenk schnallen – „und auf einmal sehe ich Herren, die immer eine Patek Philippe oder eine Vacheron Constantin getragen haben, hin und wieder mit einer Swatch oder einer Calvin Klein. Da hat sich sicher einiges gelockert.“

Am stärksten von diesem Trend profitieren jene Uhrenhersteller, die sich auf die Verfeinerung von Design und Material konzentrieren, deren Gehäuse selbst aber weiterhin mit Quarzwerken ausgestattet sind. Dolce & Gabbana etwa bringt alle zwei Monate neue Kollektionsteile auf den Markt, die stark den aktuellen Modetrends angepasst sind und im Schnitt nicht mehr als 180 Euro kosten. „Derzeit haben wir sehr viel Weiß, passend zum Trend zu weißen Anzügen und Herrenschuhen“, nennt Erek Stoisser, Verkaufsleiter von „Dolce-&-Gabbana Time“-Österreich, ein ebenso aktuelles wie repräsentatives Beispiel der D&G-Firmenpolitik. Mit diesem Konzept ließen sich beachtliche Erfolge erzielen. „2001 haben wir mit dem Verkauf von Dolce-&-Gabbana-Uhren in Österreich begonnen und sind gleich auf einem sehr hohen Level eingestiegen“, erzählt Stoisser. „In den ersten beiden Jahren verzeichneten wir ein Umsatzplus von 40 bis 60 Prozent. 2004 konnten wir gegenüber 2003 ein Plus von 80 Prozent erreichen.“

Unter Stilpuristen besonders geschätzt sind vor allem die Kreationen von Calvin Klein, einem Unternehmen der Swatch-Group. „CK hat seinen Auftritt von Anfang an minimalistisch gehalten und ein stilsicheres Auftreten. Deshalb führen auch exklusive Geschäfte wie Hans Schullin in Graz oder Juwelier Köck in Wien, die sonst Marken wie Glashütte, Omega, Breitling oder Tag Heuer anbieten, einige Modelle in ihrem Sortiment“, weiß Rudolf Semrad, Geschäftsführer der Swatch-Group-Österreich. Kosten der durchgehend mit Quarzwerken ausgestatteten Uhren: 150 bis 500 Euro.

Sensationelle Stimmung. Ganz allgemein zeigt sich die Konjunktur in der Uhrenbranche so feurig wie schon lange nicht mehr. So gilt das Jahr 2004 als eines der erfolgreichsten überhaupt in der Vermarktung von Zeitmessern. Die Schweizer Hersteller, um die sich nach wie vor alles, was Rang und Namen hat, schart, vermelden den historischen Exportrekord von elf Milliarden Franken (etwa sieben Milliarden Euro). Damit erlebten Konzerne wie die Swatch-Group, die innerhalb eines Jahres ein Umsatzwachstum von fast fünf Prozent einfuhr (allein für Jänner und Februar 2005 wird eine weitere Steigerung von 13 Prozent vermeldet), ein Spitzenjahr. Auch Luxuskonzerne wie Richmond – mit einer Umsatzsteigerung von neun Prozent – oder LVMH (plus elf Prozent) vermelden Top-Ergebnisse.

Die Folge: Immer mehr Fashion-Designermarken nützen die Gunst der Stunde, wagen einen nächsten Schritt nach vor und bemühen sie sich nun um die feinmechanischen Entwicklungen großer Meister. Das Interessante dabei: Die Kreationen werden auf Anhieb akzeptiert. Chanel etwa lancierte eine 120.000 Euro teure Tourbillon auf dem Markt, die in La Joux Perret entwickelt wurde, „einem Ort“, wie die Chanel-PR-Abteilung geheimnisvoll andeutet, „der als das Mekka der Tourbillon-Herstellung gilt“. Louis Vuitton wagt preislich gar den Sprung auf eine Ebene mit dem ehrwürdigen Traditionsbetrieb Patek Philippe und verlangt für seine nagelneu präsentierte Tourbillon unfassbare 200.000 Euro. Der Hersteller von edelstem Reisegepäck griff für seine exquisite Komplikation auf das Know-how der Konzernschwester Zenith zurück. Ebenfalls aus dem Hause Zenith stammt auch die „Chiffre Rouge“ von Dior. Das traditionsreiche Pariser Modehaus geht übrigens mit seinem ersten Männeruhrenmodell etwas kundenfreundlichere Wege. „Wir bezeichnen unsere typischen Kunden als Fashion-forward-Publikum. Es handelt sich also um Herren, die einmal etwas anderes suchen, ein trendiges Nischenprodukt für bestimmte Anlässe.“ Zur Einstiegs-Erleichterung wurden daher einige der von Dior-Chefdesigner Hedy Slimane entworfenen Modelle mit Quarzwerken ausgestattet. Sie sind ab 992 Euro zu haben. Die Preise für die ausgefeilteren Dior-Modelle pendeln zwischen 1600 Euro für die 3-Zeiger-Uhr und 2800 Euro für den Chronographen.

Ein leuchtendes Beispiel dafür, dass die neuen zusätzlichen Zweige ordentlich Früchte tragen können, auch wenn die Kernkompetenzen ganz woanders liegen, liefert der Füllfederhersteller Montblanc: „Wir haben im Jahr 2003 das Modell ‚Big Date‘ vorgestellt. Mit einem Preis von 2700 Euro handelt es sich für Montblanc-Verhältnisse um eine hochpreisige Uhr. Deshalb waren wir vorsichtig mit unserer Planung“, erzählt Norbert Platt, CEO von Richemond und Präsident von Montblanc International. Dass das Modell dann dermaßen einschlagen würde, hätte der Konzernchef nicht gedacht: „Die Uhren waren bei der Messe bereits ausverkauft – und wir sind dann voll gegen die Wand gelaufen, weil uns die Nachfrage überforderte.“

Kritik an der Kompetenz. „Man kann sagen, dass durch die steigende Qualität der Fashion-Uhren eine neue Dynamik in den Markt gekommen ist, die derzeit leicht zugunsten des Fashion-Marktes arbeitet“, meint Tag-Heuer-Geschäftsführer Markus Stadelmann. Eine Entwicklung, die sein Branchenkollege Tom Meggle, General Manager von Cartier Deutschland-Österreich-Osteuropa, für nicht unbedenklich hält. Dessen Befürchtungen richten sich allerdings eindeutig gegen den Fashion-Markenbereich, der seiner Meinung nach in dem Billigpreissegment bleiben sollte, aus dem er stammt: „Ich halte diese Tendenz zur Komplikation für nicht ungefährlich, weil dadurch eine gewisse Banalisierung von höchst entwickelten technischen Prozessen eintritt.“ Meggle ortet ein diesbezügliches Risiko vor allem bei der Tourbillon-Technik, die die Stände bei den Messen in Basel und Genf in mindestens 50 verschiedenen Ausführungen regelrecht überschwemmte (siehe auch Kasten): „Wenn bestimmte Marken ihre Kollektionen mit Komplikationen ab 1200 Euro auf dem Markt anbieten, dann hat dies für mich einen seltsamen Touch. Das ist genauso, wie wenn man im Wirtshaus ums Eck ein achtgängies Menü mit Foie gras und Champagner um 30 Euro bekäme. Da würde man sich doch ebenfalls wundern.“

Eine Designeruhr stellt für Meggle „im Prinzip nicht viel anderes als ein modisches Accessoire dar, das kurzen Zyklen unterworfen ist. Ausnahmen sind dabei lediglich Klassiker wie die Kelly-Bag von Hermès“. Die Chancen von Gucci, Dior oder Vuitton, sich ernsthaft auf dem Markt zu etablieren, erachtet Meggle daher als „begrenzt“ – seiner Ansicht nach liegt die Kernkompetenz dieser Marken schlichtweg außerhalb des Uhrensegments.

Weniger polarisierend und durchaus nuancierter sieht der Wiener Nobeljuwelier und Uhrenhändler Herbert Schullin die Situation: „Firmen wie Louis Vuitton geben heute sehr viel Geld für die Entwicklung ihrer Uhren aus. Was hier passiert, kann also durchaus ernst genommen werden.“

Reaktion der Tradition. Um diesem Ansturm aus der Modewelt gut gewappnet entgegenzutreten, scheinen die Traditionshäuser zunehmend Anleihen bei der Modewelt zu nehmen. IWC etwa rüstet seine „Cousteau Divers“ mit einem Kautschukband aus (Kosten: 3670 Euro). Auch Hublot wagt Brüche und kombiniert eine edle Golduhr mit einem Band aus Kautschuk.

„Selbst Häuser, die auf sehr viel Tradition zurückblicken, wie Jaeger-LeCoultre, Vacheron Constantin, Rolex oder Patek Philippe passen sich den Zeichen der Zeit an und kommen jetzt wieder mit größeren Gehäusen auf den Markt“, so der Uhrenhändler Hübner. Schmunzelnder Nachsatz: „Natürlich schauen die ganz genau, was sich auf dem Fashionmarkt tut.“ Swatch-Group-Boss Semrad legt auf eine differenzierte Betrachtung Wert: „Bei der Kommunikation nach außen zieht man durchaus Modelle heran, die etwas modischer sind. So propagiert Omega derzeit ganz besonders seine orange „Planet Ocean“, obwohl es das Modell in zehn verschiedenen Ausführungen gibt. Aber Orange ist eine tolle, angesagte Farbe, deshalb findet hier eine modische Annäherung statt. Von Konzession an die Mode würde ich aber nicht sprechen.“

Der gängigste Modernisierungsschub erfolgt meist in Überarbeitungen von Klassikern wie bei der bereits erwähnten „Pasha“ von Cartier – oder der „Aquaracer“ von Tag Heuer. „Das Modell, das nun schon seit 23 Jahren auf dem Markt ist, wird nun etwas vergrößert angeboten, weil die Proportionen generell gestiegen sind“, erläutert Stadelmann. In reinen Zahlen klingt die Veränderung vernachlässigbar, erst auf dem Handgelenk macht sie sich wirklich bemerkbar. So wurde der ursprüngliche Durchmesser der „Aquaracer“ von 37,4 Millimetern jetzt auf 38,4 Millimeter vergrößert. Beim Chronographen aus der gleichen Serie wuchs das Gehäuse von 38 auf 41 Millimeter.

Kaum zu glauben – aber selbst hinter so minimalen Zahlen verbirgt sich jahrelange Präzisionsarbeit. Schließlich ist es nicht damit getan, ein bereits bestehendes Uhrwerk einfach in eine größere Hülle zu stecken. Jedes Einzelteil muss den neuen Proportionen angepasst werden, damit die zeitliche Exaktheit auch weiterhin garantiert ist. „Entwicklungen auf dem Uhrensektor benötigen mindestens drei Jahre“, erklärt Semrad, „bei technischen Revolutionen wie dem Zentraltourbillon von Omega, das sich in der Mitte des Ziffernblatts befindet, steckt sogar eine Schöpfungszeit von fast zehn Jahren dahinter.“

Dass in Zeiten der totalen Beschleunigung ausgerechnet das Uhrenhandwerk als eine der letzten Bastionen von hervorragender handwerklicher Tradition auffällt, beinhaltet eine interessante Widersprüchlichkeit. Auch dies macht die Aura der legendären Häuser aus, die sich mit Leichtigkeit dessen zu bedienen scheinen, wovon andere Branchen nur träumen können. Sie nehmen sich Zeit. Die Zeit, die man braucht, um Qualität zu entwickeln.

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