Die sauberen Tricks der Wellness-Oasen: Thermen, Heil- und Thermalbäder im Test

Doch so manche Wohlfühl-Oase entpuppt sich als Fata Morgana, wenn lärmende Besucher, miserables Essen oder zu hohe Preise die Stimmung ertränken. Wer Entspannung und Gesundheit sucht, kehrt immer öfter als Frustrierter heim – im schlechtesten Fall als Kranker.

Ein Samstag Mitte März, Therme Geinberg im Innviertel. Mit kaum hörbarem Zischen setzen die bauschigen Schneeflocken auf dem 36 Grad warmen, dampfenden Wasser im Außenbecken auf. Dutzende Badende bieten dem hartnäckigen Winter hier im Freien die Stirn.

Doch das eben noch so entspannte Gesicht einer Seniorin am Rand des Beckens wird plötzlich zu Stein, als das Liebespaar am Sitzsims neben ihr mit Intimmassagen beginnt. Langsam bewegen sich die Hände des muskulösen jungen Mannes sanft massierend von den aus dem Wasser ragenden Zehen seiner Begleiterin aufwärts Richtung Körpermitte. Indignierter Blick hier, wohliges Seufzen da.

Die gutturalen Laute verstummen jäh, als ein Jungvater aus dem Innenbereich gestochen kommt, zwei quietschende Kinder im Schlepptau. „Und jetzt durch den reißenden Wildbach!“, kreischt eines der Kinder, gefolgt von einem „Au ja!“ des anderen, bevor sich das Trio auf Geheiß des Vaters auf der Unterwassersitzfläche neben dem Pärchen breit macht. Nach demonstrativem Augenrollen wird die Massage beendet. Die Liebenden flüchten genervt in den Innenbereich, wo sie sich in die dritte Reihe einer Formation von vier mal zwanzig Liegen zwängen.

„Entspannung pur auf 3000 Quadratmetern“, wirbt die Therme Geinberg in ihren Prospekten.

Zur selben Stunde stehen die Besucher vor den Kassen der öffentlichen Großthermen, vom burgenländischen Lutzmannsburg bis Längenfeld in Tirol, Schlange. Und überall suchen sie das, was von den Betreibern so verführerisch versprochen wird: dass für einige Stunden „die Zeit stehen bleibt“ (Therme Stegersbach), dass „neue Wege für die Gesundheit“ eingeschlagen werden (Therme Loipersdorf) oder dass man „das Unerlebte erleben“ kann (Aqua Dome in Längenfeld). Erstmals hat die Zahl der Gäste in den 28 heimischen Thermen 2005 die 7-Millionen-Grenze übersprungen. Für die Eintrittspreise – für eine Tageskarte sind zwischen 15 und 49 Euro hinzublättern – dürfen sie zu Recht die Einlösung dieser Versprechen erwarten.

Thermenfrust. Doch immer mehr Warmbad-Fans erleben statt grenzenlosem Wohlfühlen „ihr ganz persönliches blaues Wunder“, wie der Slogan der Parktherme im steirischen Bad Radkersburg lautet.

Seit bekannt ist, dass Thermalwasser nicht nur heilend wirken, sondern unter bestimmten Umständen auch gefährlich sein kann und vom Hygienestandpunkt ohnehin nur etwas für Abgebrühte ist, werden die heißen Quellen in den großen, öffentlichen Anstalten immer seltener mit Wohlbefinden assoziiert.

Dazu kommt die Enttäuschung darüber, dass viele Betreiber schlecht durchdachte Massenveranstaltungen bieten, in denen die unterschiedlichen Bedürfnisse unweigerlich aufeinander prallen. Sogar für ihre Architektur und Akustik hoch gelobte Thermen wie jene in Geinberg können Kollisionen wie in der zuvor geschilderten Szene nicht vermeiden. Wer einen Single-Verwöhntag sucht, wird allzu oft mit Aquagymnastik für Senioren belästigt, wer einen spaßigen Nachmittag mit Kindern erleben will, trifft auf naserümpfende Gäste jener Hotels, die den meisten Thermen angeschlossen sind. „Die Hotelgäste haben ja das Gefühl, dass sie hier wohnen, dadurch kommt es schnell zur Kollision mit den Tagesgästen“, diagnostiziert Helmut Zolles von der Unternehmensberatung Zolles & Edinger, die seit Langem den Wellness-Markt beobachtet. Fehlende Rücksicht auf den Publikumsmix hält Zolles für eine der Hauptsünden der Thermenbetreiber.

Eine Sünde mit fatalen Folgen: Das anspruchsvolle Publikum wendet sich ab. „Es gibt nur ganz wenige Thermen, wo ich jemals das Gefühl hatte, dass ich gerne dort sein will“, bekennt Christian Köck, Ex-Politiker und nunmehr selbst Thermenresort-Erbauer. Analytischer, aber nicht weniger deutlich formuliert es Johann Haberl, 21 Jahre lang Direktor der Heiltherme Bad Waltersdorf: „Die A-Schicht hat sich aus den öffentlichen Thermen zurückgezogen.“

Haberl hat sich Anfang des Jahres als Berater selbstständig gemacht und sieht jetzt manche Dinge kritischer: „In der öffentlichen Therme bin ich unter tausend Leuten“, das könne nicht funktionieren, meint er. Als Manager habe er diese Entwicklung natürlich nicht korrigiert: „Ich war selbst ja auch stolz, wenn unser Haus überfüllt war.“

Wer wärmt wen? Die Zauberworte der Thermenzukunft heißen deshalb Differenzierung und Profilierung. Gibt es kein klares Profil – sei es für Familien, Ruhesuchende oder Gesundheitsorientierte –, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Besonders ältere Anlagen wie die beiden besucherstärksten im steirischen Loipersdorf (790.000 Besucher) und in Wien- Oberlaa (645.000) haben Probleme, nachträglich Angebote für Spezialinteressen zu schaffen. Wer in Loipersdorf etwa in den angeblich exklusiven Ruhebereich namens Schaffelbad vorstoßen will und dafür neun Euro Aufpreis zum Eintritt von 21,50 Euro zahlt, muss einen verschachtelten Weg durch die labyrinthische Anlage in Kauf nehmen, mitten durch den Rutschenbereich und das Restaurant mit Massenausspeisungs-Flair.

Das Essensangebot dürfte ohnehin der zweitgrößte Frustfaktor sein. Dass in einem angeblich gesundheitsfördernden Umfeld oftmals Schnitzel, Pommes & Co regieren, liegt nicht nur an der Nachfrage, sondern auch an der fehlenden Fantasie, wie man Gesünderes anbietet. Und die Überlegung in den auf Familien spezialisierten Betrieben, dass Kinder vorrangig mit Convenience-Ware abzuspeisen sind, missachtet die Bedürfnisse der Eltern ebenso wie die Ernährungsimperative für die Kleinen.

Verspannung inklusive. Selbst in den Ruhezonen der großen Betriebe, den Wellness-Parks und Saunazonen mit ihren vielfältigen Angeboten an Massagen und Schönheitsbehandlungen, findet man nur im Glücksfall die Entspannung, die versprochen wird. Wem man seinen Rücken da eigentlich anvertraut, ist nämlich schwierig abzuschätzen. Wo ist die beste Beautyfarm? Wer hat den besten Masseur? Und wer den professionellsten Saunameister? Die Boombranche hat im deutschsprachigen Raum zwar über 15 Gütesiegel, von „Alpine Wellness“ bis „Best Wellness Hotels Austria“, hervorgebracht, für fundamentale Kundeninformation bietet aber bisher kein einziges Orientierung. „Der Wirrwarr ist in den letzten Jahren nur noch größer geworden“, befindet Roland Bässler, Professor für Freizeit- und Tourismusforschung an der IMC Krems.

Vielleicht schafft ja eines Tages das Gütezeichen „Best Health Austria“ (BHA) Durchblick. Auf mittlerweile über 100 zertifizierte Betriebe kann das um viele Steuermillionen geförderte Projekt verweisen. Ein Blick auf die fast 170 (!) Kriterien macht freilich skeptisch. So ist für das Erreichen des Zertifikats zwar vorgeschrieben, dass der Hotel- oder Thermendirektor das BHA-Seminar besucht hat, aber nicht, welche Mindestausbildung beispielsweise ein Ayurveda-Masseur in der Therme haben muss. „Und die Küche kommt da überhaupt nicht vor“, ereifert sich Berater Zolles.

Dagegen glaubt Robert Rogner junior, selbst erfolgreich mit seinem Rogner Bad Blumau und federführend in die Entwicklung und Durchführung von BHA eingebunden, dass es „am Ende nichts anderes als BHA“ geben werde, auch über Österreich hinaus. Es sei, so Rogner, ja in Qualitätsfragen entscheidend, „dass sich der Hoteldirektor auskennt“.

Langsam nötigen der scharfe Wettbewerb und die drohende Ostkonkurrenz den heimischen Anbietern dennoch ein schärferes Profil ab. Als „Paradebeispiel für Koexistenz auf engstem Raum“ bezeichnet der Unternehmensberater Andreas Kreutzer etwa das Nebeneinander des Rogner Bads Blumau mit der im Oktober 2005 eröffneten H2O-Therme im nahe gelegenen Sebersdorf. Es gibt also Hoffnung, dass man sich fürs Wohlfühlen nicht gänzlich ins Wellness-Separee zurückziehen muss und das passende Angebot findet.

trend beschreibt in dieser Titelgeschichte, welche Thermen für Sie die richtigen sind, wie Sie auch als Laie beurteilen können, wie es um die Wasserqualität bestellt ist, welche Zusatzangebote die Wellness-Tempel bieten und wie die Experten sie beurteilen.

Einer der profiliertesten Kritiker der Branche hat für sich selbst schon die Lehren aus seinen bisherigen Beobachtungen gezogen. Christian Werner, Herausgeber des „Relax Guide“, testet mit seinem Team alljährlich 800 österreichische Wellness-Hotels und kommt dabei naturgemäß auch mit den großen Thermalbädern in Berührung. Sein schlichtes Fazit: „Ich hasse öffentliche Thermen.“

VON BERNHARD ECKER

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