Die merkwürdige Mrs. Morris

Mai und Muttertag – was liegt da näher, als einer ungewöhnlichen Mutter zu gedenken?

Sie war fast 1,80 Meter groß und gut 80 Kilo schwer, sie trug meistens einen als „schroff“ bezeichneten Gesichtsausdruck zur Schau und einen sechsschüssigen Trommelrevolver bei sich. Esther Hobart McQuigg Morris sah energisch aus – und war es zu ihrem Glück auch, denn sie wollte nichts Geringeres erreichen als die gleichen Rechte für Frauen.

Sie wollte diese Rechte für alle Frauen der Territorien des noch nicht einmal 100 Jahre alten unabhängigen Amerika, vor allem aber dort, wo sie lebte – im Wilden Westen. Am Anfang des Jahres 1869 war sie mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Söhnen von Illinois nach Wyoming gezogen, um sich in dem Goldgräberlager South Pass City anzusiedeln. Die gesellschaftlichen Umgangsformen waren etwas direkter als im Osten, und die Unterlegenen mancher Meinungsverschiedenheiten bereicherten den boothill (Stiefelhügel = Friedhof), man munkelte gar, selbst Mrs. Morris habe sich schon ein paarmal nachdrücklich ihrer Haut erwehrt, und dies wäre für eine 55-jährige Lady doch recht bemerkenswert, aber dennoch wurde der Ort rasch größer und erlangte dank der Zuwanderer aus allen vier Winden ein legeres bis liberales politisches Klima. Dieses wollte sich die studierte Juristin, die im Allgemeinen ihrer Wortgewalt vertraute, zunutze machen. Als Monate später die Bezirksratswahlen anstanden, lud sie die aussichtsreichsten Kandidaten wenige Tage vor der Wahl zu einer Teeparty ein. Unter ihren Gästen war auch der aus Virginia stammende William H. Bright, und über den Hergang der Geselligkeit gab es zwei Erzählweisen; die eine besagte schlicht, Mrs. Morris habe nicht nur starken Tee serviert, die andere, Mrs. Morris habe Mr. Bright diskret daran erinnert, dass sie seiner Frau bei einer schweren Entbindung das Leben gerettet hatte.

Über den Ausgang der Party gab es keinen Zweifel, denn Bright brachte eine Vorlage für die Erteilung des Wahlrechts für Frauen ein. Der Vorschlag wurde mit nur wenigen Gegenstimmen klar angenommen; angeblich deshalb, weil es in der rauen Westernstadt sehr viele Junggesellen gab, die hofften, das Wahlrecht könnte viele Frauen anlocken, dorthin zu ziehen.

Im Herbst 1869 war Wyoming das erste Land der Welt, in dem Frauen wählen durften, und Esther Morris wurde landesweit in Zeitungen als „die Mutter des Frauenwahlrechts“ gefeiert. In anderen Blättern des auch politisch puritanischen Ostens erschienen jedoch auch spöttische Kommentare, deren ungeachtet wurde Mrs. Morris 1870 Friedensrichterin von South Pass City. Während in den ersten Gerichtsverhandlungen noch höhnische Zurufe störten, änderte sich das Verhalten der Schaulustigen schlagartig, als Mrs. Morris vor Beginn jedes Prozesses neben die Bibel ihren Peacemaker legte – was ihrer Berufsbezeichnung eine neue Bedeutung verlieh.

Zur Überraschung vieler Einwohner westlicher Territorien zog der Mormonen-Staat Utah wenige Monate später nach. Brigham Young, geistiger Führer der Mormonen, die in Polygamie lebten, war sicher, die in den anderen Regionen als „Harems-Sklavinnen“ bedauerten Frauen würden wählen wie die Männer, während männliche Gegner hofften, die 3:2-Mehrheit der Frauen würde die Polygamie abschaffen. Als Young indes Recht behielt, wurde das Frauenwahlrecht 1887 durch ein Bundesgesetz wieder aufgehoben. 1896 wurde Utah aber Mitglied der Vereinigten Staaten von Amerika, schwor der Polygamie ab und erhielt das Frauenwahlrecht zurück.

Drei Jahre zuvor schon war es ausgerechnet im männerdominierten Messerstecher-Territorium Colorado anerkannt worden. Vorreiterin in dem Land der Gold- und Silberminenschürfer war die Lehrerin Caroline Churchill aus Denver, die die Macht der Presse einsetzte. 1879 stampfte sie mit geliehenem Geld die Monatszeitung „The Colorado Antelope“ aus dem Boden, 1882 wurde daraus die Wochenzeitung „Queen Bee“. Ms. Churchill wetterte gegen das „Saufen und Schießen ekelerregender Gestalten, die für uns keine Männer mehr sind“, verlangte darin aber auch Berufsausbildung für Mädchen („Cowgirls denken schneller als Cowboys, aber sie rechnen und schreiben auch schneller, also öffnet ihnen eure Banken und Betriebe!“) und Kostgeld für Mütter abhängiger Kinder. Ms. Churchill schrieb nach 1893 mit Recht, dass „wohl keine andere Frau unter den gleichen Bedingungen ebenso viel erreicht hätte“.

Auf städtischer Ebene hatte sie im Nachbarterritorium Kansas eine Genossin gefunden, die für ihren tadellosen Umgang mit ihrer Winchester 73 so populär war wie für ihre politischen Pläne: Susanna Salter, die 1887 in Argonia, Kansas, die erste Bürgermeisterin US-Amerikas wurde. Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen wurde bundesweit erst 1920 verankert.

Wyoming wurde am 23. Juli 1890 der 44. Bundesstaat der USA, und dem neuen Gouverneur wurde die Fahne mit 44 Sternen erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten von einer Frau überreicht: von Esther Hobart McQuigg Morris mit ihrer merkwürdigen Meinung, Frauen sollten dieselben Rechte haben wie Männer.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente