Die kritische Masse

Ein Thema für künftige Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften.

„Was vor der Nase liegt, findet man nicht.
Im Wortsinn: Man über-sieht es.“

Erek Lingam, Medicum

Dieser Essay hat zum Ziel, ein Thema aufzurufen, das in vielen Naturwissenschaften eine zentrale Rolle spielt, aber in den Wirtschaftswissenschaften übersehen wird. Am bekanntesten ist die kritische Masse in der Physik, etwa in der Herstellung von Atombomben, wo durch die Einführung eines Uranstabes in eine Urankugel jene kritische Masse überschritten wird, die zum gewünschten Effekt führt.

Viele kritische Massen kennt auch die angewandte Chemie. Sie ist eine Optimierungsorgie, ein Glatteistanz von Heilung und schädlichen Nebenwirkungen. Dort geht es um Milligramme, was man von der Wirtschaft nicht sagen kann. Diese kennt ganz grob nur zwei Arten von kritischen Massen: statistische und psychologische.

Fangen wir mit dem Leichteren an. Welche kritischen Massen, die man in Zahlen oder relativen Kennzahlen ausdrücken kann, kennen wir in der Ökonomie?

Ich erinnere mich an die erste dieser Zahlen, die ich als Student der Wirtschafts-Uni Wien kennen lernte. Wir lasen damals das beste Lehrbuch der Welt, „Economics I+II“ des amerikanischen Nobelpreisträgers Paul Samuelson. Er war sprachlich das einzige Licht in einer Schattenwelt. Er schrieb kreativ und verständlich.

Mich empörte er trotzdem. Er schrieb, es gäbe ein kritisches Minimum an Arbeitslosigkeit von zirka vier Prozent, das nicht unterschritten werden dürfe. Alles darunter würde die Inflation anheizen und die Konkurrenzfähigkeit verringern.
Mit dem Temperament der Jugend hasste ich ihn für diese kühle Analyse. Mein hitziges Ideal einer Arbeitslosigkeit lag bei exakt null Prozent.

Da seit Schumpeters nationalökonomischer Revolution der Unternehmer und sein Innovationsgeschick im Mittelpunkt steht, erhebt sich die Frage: „Gibt es eine kritische Masse der Unternehmensgröße?“

Eigentlich nicht. Derzeit können nur Almromantiker gegen den pragmatischen Größengeist der Amerikaner polemisieren. General Motors entscheidet heute, ob die Saab-Fabriken in Skandinavien oder die Opel-Firmen in Deutschland eingestellt werden. Die Ölriesen wie Exxon und Shell sind in direktem Verbund mit der Bush-Regierung sowieso sakrosankt. Der Universal-Digitalriese HP, der die Firma Compaq schluckte, die DEC geschluckt hatte, ist nicht mehr vom Markt zu denken. Dazu kommt, dass Coca-Cola und McDonald’s seit Jahrzehnten schrittweise die Welt erobern. Auch die japanischen Companys wie Matsushita, Sony, Hitachi, Fuji, Canon, Nikon, Olympus & Co sind nicht wie sieben Zwerge, die mit offenem Hosentürl auf ein Schneewittchen warten.

Der Begriff „kritische Masse“ ist auf Unternehmensgrößen nicht anwendbar. Das glauben allenfalls die letzten Ur-Grünen, die zum Entsetzen Alexander Van der Bellens noch immer nicht Umsatz und Gewinn unterscheiden können.

Gerade wir Österreicher dürfen bei der Unternehmensgröße keine Grenze ziehen. Wir haben mit Glück und Instinkt eine wunderbare Balance gefunden. Riesen wie OMV und Voest reüssieren unter neuen Generaldirektoren wie Wolfgang Ruttenstorfer und Wolfgang Eder weit über Durchschnitt.

Andere Riesen wie BMW und Magna suchen unseren Qualitätsstandort. Zugleich gibt Österreichs Formel-1-Kapital, der Mittelstand, Vollgas. Österreich steht bei Nischenmonopolen wahrscheinlich auf dem Podest der besten drei. Eine stille Erfolgswelt, die wir nur einmal im November-Heft mit dem „Trio des Jahres“ aufscheuchen, im Teamwork mit den Partnern Wirtschaftskammer und Bank Austria Creditanstalt.

Im schwierigeren Fach, der Erfolgspsychologie, gibt es kritische Massen ohne Ende. Sie sind vielleicht der wichtigste Faktor, der nie genannt wird.

Um es auf den kürzesten Nenner zu bringen: Wer mengenmäßig eine kritische Masse von harter Arbeit leistet, kann nicht mehr untergehen.

Heutige Erfolgsgurus reden zu viel von den weichen Faktoren der Karriere. Dies stimmt zwar für die obersten Ränge, verbildet aber die karrierehungrigen Jungen. Manche wurden zu Chefschleimern, weil man ihnen erzählte, emotionale Intelligenz sei das Höchste. Das ist richtig, sobald du Mitglied des Vorstands bist. Bis dahin ist reine, einfache, klare, kritiklose, altmodische Mengenarbeit gefragt. Aber das trauen sich die heutigen Weicheier im Personalmanagement nicht zu sagen. Man könnte sie ja für reaktionär halten. Das sind sie durch ihr feiges Schweigen umso mehr.

Der tend hat meines Wissens als erstes Magazin den Beweis geführt, dass es eine positiv-kritische Masse des altmodischen Fleißes gibt. Damals wollten wir herausfinden, warum die Provinzler in Wien erfolgreicher sind als die Wiener selbst. Ergebnis: Die Dirndln und Buam aus den Bundesländern haben zunächst einen Minderwertigkeitskomplex. Sie fühlen sich in jeder Hinsicht unterlegen, in Vorschule, Manieren, Kleidung und Kommunikation. Wie junge Stiere rasen sie mit gesenktem Haupt durch ihre Auftragsarbeiten. Wenn sie erstmals ächzend das Haupt heben, weil sie nicht mehr können, sind sie zu ihrem freudigen Entsetzen Abteilungsleiter geworden. Oder stellvertretender Chefredakteur des trend, wie es einem Mann widerfuhr, der aus den Tiefen des Schwarzatals kam. Ich kenne ihn vom täglichen Rasieren.

Kritische Massen begleiten den Aufsteiger weiterhin, als Segen und Fluch. Wer nach ersten Erfolgen nicht zurücksinkt, sondern weiterarbeitet, vielleicht noch härter als zuvor, verliert zunächst die Bindung an liebe Menschen, die Workaholics lächerlich finden.

Dann kommt die höchste kritische Masse des Lohns: die Beförderung in jenen Stand, der noch höheres Gehalt bringt und zugleich eine Übernahme aller sekundären Ausgaben durch die Firma. Ein plötzlicher Wegfall der Kosten des eigenen Autos samt Versicherung & Steuer, der City-Tiefparkgarage, der Riesengarnelen in Edelschuppen wie Fabio und Da Conte und der Junior Suite im Great Wall Sheraton in Peking.

Das ist die Phase der Blutbildung, des verblüffenden Kontowachstums und Wohlstands. Gesegnet und gesalbt ein jeder, der in diesen großen Tagen den Kopf auf dem Hals behält. „Viele werden in diesem Stadium übermächtig“, sagt Elfriede „Gabi“ Gabriel, eine große Wissende der Wiener Innenstadt, deren Bonbonniere-Bar seit Jahrzehnten eine erstklassige Oase für durstige Workaholics ist. Kaum ein erfolgreicher Geschäftsführer, der in der Spiegelgasse 10 nicht Rat und Wasser suchte.

Der Abschied, der eines Tages kommt, hat nur sprachlich mit kritischer Masse zu tun. Er wird für viele kritisch, weil eine Masse von Entbehrungen einstürzt. Es gibt keine Sekretärinnen mehr. Es gibt keine Schleimer mehr. Es gibt keine Flüge und Hotels und Austern mehr, die auf Firmenkreditkarte gehen. Selbst die Erben werden aufrichtig, also kühl. Gestern gierte die Welt nach dem hohen Mann und der hohen Frau, plötzlich nicht einmal Liesing.

An diesem schwarzen Loch verenden viele, obwohl das Phänomen des Pensionsschocks längst rundgelutscht und Teil der Bildung ist.

Es sei denn freilich, die kluge Leserin und der schöne Leser hätten rechtzeitig vorgesorgt. Dies heißt konkret zweierlei. Erstens eine kritische Masse von Sparguthaben, die weiterhin garantiert, mit einem Partner seines Herzens maßvoll verwöhnt zu leben. Zweitens eine kritische Masse an Bildung, Kunstverstand und einer eigenen Ambition, um am Ende einer Karriere den stillen Frieden nicht als Katastrophe zu sehen, sondern als Geschenk.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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