Die Lügen der Wellness-Gurus: Warum die Wohlfühl-Branche selten Entspannung birgt

Mit immer neuen, wohlklingenden Begriffen buhlen hunderte österreichische Wellness-Betriebe um jeden Entspannungssüchtigen. Doch hinter Ayurveda, Reiki & Co verbergen sich umstrittene, manchmal sogar gefährliche Methoden, die von oft dürftig ausgebildeten Wellnesstrainern praktiziert werden – und meist zu teuer sind. Die Qualitätsmisere könnte die gesamte Wohlfühlbranche in eine schwere Krise stürzen.

Zum Wohlfühlen kam Christian Werner erst gar nicht. Der Wellness-Bereich des Kärntner Hotels, das er vor wenigen Wochen besuchte, wartete mit Einrichtung aus Polyester und elektronischem Firlefanz auf, „zum Fürchten, wie die Grottenbahn im Wiener Prater“. Auf seine Frage, ob es denn auch ein ganz normales Hallenbad im Haus gebe, wusste die vorbestellte Ayurveda-Masseurin nicht Bescheid. „Sie hatte keine Ahnung vom Hotel, weil sie für jede einzelne Behandlung von weit her kommt“, berichtet Werner. Als ihre Ganzkörperbehandlung dann auch nur eher lauwarm ausfiel, stand sein Urteil fest: „Das Hotel ist zum Schmeißen.“

Pech für das Hotel: Werner ist als Herausgeber des so genannten „Relax Guide“ so etwas wie der Marcel Reich-Ranicki der Wellness-Branche. Er testet unablässig im In- und Ausland Wellness-Angebote – und vergibt in seinem eben in der sechsten Auflage erschienenen Buch („Relax Guide 2005“) bis zu vier Lilien für die Betriebe. Sein auffälligster Befund: Allerorten trifft er auf unqualifiziertes Personal. „Auf 70 Prozent der Behandlungen kann ich verzichten“, stöhnt der Prüfer, der öfter, als ihm lieb ist, zum Leid-Geprüften wird.

Warmwasser-Wahn. Werners aktuelles Resümee offenbart die Misere der seit Jahren hoch gelobten Wohlfühlbranche. Ob Großtherme oder Wellness-Sauna, ob Gesundheitsresort oder Seminarzentrum – seit der Gesundheitsbereich von Wirtschaftsauguren und Politikern als Wachstumsmarkt der Zukunft ausgerufen wurde, sind Investoren ebenso wie Bürgermeister, Hoteliers und Ausbildungsstätten den lukrativen Aussichten der Verwöhnindustrie erlegen. Die Wellness-Welle sollte eigentlich ein wah-rer Jungbrunnen für den in die Jahre gekommenen heimischen Tourismus werden – nun stellt sich heraus, dass die Qualität in vielen Betrieben schlicht abgesoffen ist. Konsumenten werden mit nicht erfüllbaren Versprechen in die Therapieräume gelockt, wo sie oft schlecht ausgebildetes Personal, mangelhafte Ausstattung und eine allzu lockere Interpretation diffiziler asiatischer Heilmethoden erwarten.

Dabei wären viele Österreicher bereit, für komprimierte Entspannung auch viel auszugeben – zu selten bekommen sie jedoch eine angemessene Gegenleistung. Die Erkenntnis, dass man viel Geld für eine wenig erbauliche Massage auf den Tisch gelegt hat, ist dann noch der harmloseste Fall. Im schlechtesten Fall werden vorgeschädigte Gelenke bei Yoga-Übungen überbeansprucht, löst die Fußreflexzonenmassage ungewollte Körperreaktionen aus oder fallen dem vermeintlichen Shiatsu-Spezialisten die lädierten Bandscheiben nicht auf.

Der Gerichtsmediziner Ludwig Reiter, Präsident des Dachverbandes der österreichischen Ärzte für Ganzheitsmedizin, warnt eindringlich vor einer unkontrollierbaren Qualifikationslücke im von Laien dominierten Wellness-Bereich: „Hier können durch unsachgemäße Anwendungen Schäden entstehen, deren Tragweite nur Ärzte erkennen können.“

Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass die Prognosen über die Wachstumsaussichten der Branche wohl zu rosig waren: Obwohl allein im Oktober zwei neue Großthermen in Österreich eröffnet wurden und weitere in Planung sind, waren 2003 die Besucherzahlen in den österreichischen Thermalanlagen erstmals rückläufig – und dieser Trend dürfte sich fortsetzen (zum Thermenmarkt lesen Sie „Die Therminatoren“ im neuen trend).

Diese Titelgeschichte soll sich aber nicht nur um den Wellness-Wahn drehen, um falsche politische und wirtschaftliche Einschätzungen und nicht existente Qualitätskontrolle bei der Ausbildung von Fachpersonal. Wir sagen Ihnen auch, was an einigen der so beliebten Therapiemethoden wie Farblichttherapie oder Qi-Gong wirklich dran ist, warum die Ausbildungen zu den neuen Gesundheitsberufen selten etwas bringen, und warnen Sie, wo statt Wellness Wellnepp droht.

Entspannen mit Methode. Kaum eine Woche vergeht, in der die permanent gestressten Werktätigen des Westens nicht ein neues, möglichst fernöstlich klingendes Wort anspringt und erlösende Entspannung verheißt. Das Gefühl von Schwerelosigkeit nach Aqua-Qigong – wollten wir es nicht alle schon einmal erleben? Lomi-Lomi-Nui, die hawaiische Super-Massage, warum nur haben wir sie fast vergessen? Thalasso, die Therapie mit wertvollen Meeresinhaltsstoffen, wie sind wir ohne sie je über Grippe, Fieber und Schwächeanfälle hinweggekommen?

Von cleveren Marketingstrategen wegen ihrer oft exotischen Namen als ultimative Verwöhnerlebnisse angepriesen, werden diese Methoden nur selten kritisch hinterfragt. In den großen Thermalbädern werden oft sogar Packages („Asia“, „Luxury“ etc.) kombiniert wie Baukastenelemente, die man scheinbar beliebig zusammenwürfeln kann.

Aber auch als Einzelanwendung erfreuen sich Shiatsu & Co größter Beliebtheit, von hunderten freischaffenden Masseuren, Energetikern oder Naturheilkundlern in ihren Praxen angeboten, oft in Anlehnung an komplementärmedizinische Therapien.

Den Entspannungssuchenden müsse allerdings klar sein, so Wolfgang Marktl vom Institut für Physiologie an der Uni Wien, dass das eben „irgendwelche Dinge aus der Erfahrungsheilkunde sind“. Für einen gestandenen Westeuropäer bedeutet das, dass er gleichsam über den Schatten der eigenen Vernunft springen muss. Denn ungeachtet einer Vielzahl von einzelnen Wirkungsnachweisen hat die westliche Medizin bisher wenig schlüssige Beweise für Energieleitbahnen (Meridiane) oder Chakren (Energiepunkte) gefunden, von denen die Mehrzahl der asiatischen Heilmethoden ausgeht. Marktl: „Diese Methoden sind natürlich nie naturwissenschaftlich fundiert – und wir haben uns seit Galileo Galilei nun einmal für diese Art des Denkens entschieden.“

Und selbst wenn der westliche Mensch sich auf den fundamental anderen Zugang der fernöstlichen Lehren, die fast immer mit Religion verquickt sind, einzulassen, ja an sie glauben gelernt hat: Wer sagt, dass eins zu eins auf Mitteleuropa übertragbar ist, was in Indien oder Tibet funktioniert? Dass eine Behandlung mit Inhaltsstoffen aus dem Meer in kurzer Zeit auch im Binnenland wirkt, wo das maritime Rundherum völlig fehlt?

Thermenkaiser Robert Rogner junior liefert selbstkritisch ein schwer wiegendes Argument: „Genau genommen lassen sich die ganzen asiatischen Heilmethoden bei uns nicht sinnvoll anbieten – denn wer bringt schon die inneren Voraussetzungen mit, aus denen sie entstanden sind?“

Oft kommen beim Kunden nur noch Versatzstücke des ursprünglichen Behandlungskonzepts an, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate wie etwa Ayurveda-Ölmassagen. Der Verdacht, dass viel wohlriechendes Öl oder heiße und kalte Steine (wie bei LaStone) den stolzen Aufpreis auf die schlichte, klassische Massage rechtfertigen sollen, kommt manchem kritischen Gast erst, wenn er die Endabrechnung studiert.

Eben das wurmt Marktl gehörig: „Mich stört, dass wertvolle alte Verfahren, die auf einem großen Gedankengebäude beruhen, für ein Wochenend-Marketing missbraucht werden, etwa die LaStone-Therapie aus der indianischen Medizin.“ Es gilt wohl noch immer, was das kritische „Bittere Pillen“-Autorenteam bereits 1995 in seinem Nachfolgewerk „Bittere Naturmedizin“ schrieb: „Dass der Mensch nicht immer im Mittelpunkt der Therapie steht, schwant einem angesichts übervoller Therapeutenpraxen, der Fließbandabfertigung in verschiedenen Therapiezentren und der Tatsache, dass zahllose Behandler so gut wie jedem ihrer Patienten stets ein und dieselbe Diagnose stellen und ein und dieselbe Therapie empfehlen.“

Selbst jene, die an dem Geschäft rund um den Begriff Wellness sonst gut verdienen, machen privat einen Bogen um die dubiosen Angebote. Andreas Weißenbacher etwa, dessen börsenotiertes Unternehmen Best Water Technology (BWT) fast drei von vier Thermen mit den nötigen Wasseraufbereitungsanlagen bestückt hat, ist als Privatmann auffällig Wellness-keusch: „Ich bin 365 Tage im Jahr für BWT unterwegs. Genau einmal habe ich eine Ayurveda-Behandlung gemacht – zum Ausprobieren.“

Und auch Sigi Menz, als Chef der Ottakringer Brauerei Eigentümervertreter des auf der Wellness-Welle sprudelnden Mineralwasserabfüllers Vöslauer („Balance“), hat den durchaus lockeren Zugang der Erfolgreichen zum Thema: „Lieber als eine Thalasso-Packung ist mir ein Sixpack Ottakringer.“

Polit-Fiasko. Wenn aber selbst Profiteure des Wellness-Booms so ihre Zweifel an den Methoden und ihrer Vermittlung hegen – wie ist dann der Siegeszug der Wohlfühltempel und ihrer raffiniert vermarkteten Techniken zu erklären? Wenden wir uns dem vertrackten Zusammenspiel zwischen politisch geschürten Erwartungen, wirtschaftlichem Größenwahn und Laxheit der Qualitätskontrolleure zu.

An einem kalten Novembertag im Jahr 2001 sah die damalige Tourismus-Staatssekretärin Mares Rossmann (FPÖ) in einer Pressekonferenz den „Megatrend Wellness-Tourismus“ heraufdämmern. „Wir rechnen mit einem Zuwachs von 35.000 Jobs bis 2005“, jubelte die Grazer Wirtin in die Mikrofone. Damit sprang die Politikerin auf einen Zug auf, der schon längst angerollt war: Der Besucherzustrom in die großen Thermalbäder zwischen Lutzmannsburg und Geinberg war 2001 nach einigen sensationellen Jahren mit weiteren plus 8,5 Prozent dermaßen überwältigend, dass der Wellness-Tourismus, dessen Flaggschiffe die großen Thermen sind, eine wahrlich paradiesische Heilkur für die innovationsmarode Fremdenverkehrsbranche zu werden versprach.

Ist er doch theoretisch die Lösung eines österreichischen Grundproblems: der Abhängigkeit vom Wetter. Bisher mussten sich Betriebe auf ausreichend Schnee oder Sonnenschein verlassen, um die notwendige Auslastung zu erreichen. Wellness hingegen kann vorwiegend indoor und somit ganzjährig angeboten werden.

Aber auch die Krankenanstalten und Rehab-Zentren, etwa das niederösterreichische Bad Pirawarth oder die private Krankenhausmanagementgruppe Humanomed, drängten rasch in den verheißungsvollen Bereich: Die Verknappung der Zuschüsse aus den öffentlichen Gesundheitstöpfen lassen sie mit ihrer medizinischen Kompetenz nach Alternativen suchen – und im Wellness-Bereich finden.

Und auch der Geräteindustrie stieg das Aroma der vermeintlichen Erfolgsgeschichte in die Nase wie Latschenöl in der Finnensauna. Sanitäranbieter und Wasserspezialisten drängten Hoteliers zu immer größeren, immer spektakuläreren Investitionen. Zusammen mit dem real vorhandenen Bedürfnis der Konsumenten, dem stressigen Alltag für ein paar Stunden zu entfliehen, ergab das den perfekten Mix für einen hitzigen Boom.

Ganz ohne Lilie. Der „Relax Guide“ ist dabei ein verlässlicher Indikator: Im Jahr 1997 wurden ganze 88 Tourismusbetriebe gezählt, die sich mit dem Begriff „Wellness“ am Markt zu behaupten versuchten. Im Jahr 2000 waren es bereits 300, und für die Ausgabe 2005 fand Werner bereits 698 Betriebe – vom Bauernhof über Kuranstalten bis hin zur Supertherme – mit dem viel versprechenden Etikett „Wohlfühlen“.

Allerdings: Diese Überhitzung hat den Sinn dafür getrübt, wonach den Konsumenten der Sinn wirklich steht. Abseits der erfolgversprechenden Kernkompetenzen wird in den neuen Rollen gehörig geschludert: die Hotelbetreiber als Gesundheitsanbieter und die Krankenanstalten als Gästebetreuer. 53 Prozent der in Österreich und 61 Prozent der in Deutschland für den „Relax Guide“ getesteten Hotels erhielten keine einzige Lilie und wurden als „Minderleister“ qualifiziert. Dieser Befund wird von fast allen Branchenexperten bestätigt. Lutz Hertel, Chef des deutschen Wellness-Verbandes, stellt seiner Branche ein ernüchterndes Zeugnis aus: Maximal zehn Prozent der in Deutschland untersuchten Hotels erfüllen die eigenen Qualitätskriterien.

Der Tourismusberater Jakob Edinger analysiert den betriebswirtschaftlichen Effekt: „Es gibt zwei Dutzend Top-Betriebe, die mit dem Wellness-Boom besser verdienen als je zuvor. Aber der ganze Mittel- und Unterbau, die Mitschwimmer, Trittbrettfahrer, Imitatoren, die werden alle gröbste Probleme bekommen.“ Robert Rogner, mit den Thermen Blumau und Bad Heviz in Ungarn ein grenzüberschreitender Wellness-Anbieter, befürchtet gar: „Ohne Regulative wird der ganze Markt zusammenbrechen.“

Traumberuf Wellness-Trainer? Er könnte Recht bekommen. Vor allem bei der Ausbildung des therapeutischen Personals wird das Jammertal einer Branche ersichtlich, die zu einem Gutteil eigentlich aus professionell-liebevoller Dienstleistung bestehen sollte. Obertester Werner hat in Hotels schon beobachtet, dass Wellness-Neulingen vor der Massage nicht einmal gesagt wird, dass sie bei Shiatsu das T-Shirt anlassen können, oder dass vorgebliche Fachkräfte nicht wissen, dass eine einmalige Thalasso-Therapie völlig wirkungslos ist. Werner: „Da wird verkauft auf Teufel komm raus.“ Immer mehr Konsumenten stellen sich nach Negativerfahrungen die Frage, wer denn da den Rücken knetet, die Aquagymnastik leitet oder das Qi zum Fließen bringt.

Ja, wer? Und wie wird man das eigentlich: Wellness-Dienstleister? Stimmt es, was Rogner, der für seine eigenen Betriebe die Rogner Academy installiert hat, zähneknirschend zugibt: „Ich darf das ja eigentlich nicht laut sagen: Viele der Gäste, die sich für die neuen Heilmethoden interessieren, sind besser informiert als die Trainer?“

Die Jubelprognose von Staatssekretärin Rossmann im November 2001 hörte auch Fred Pschill im Ö1-„Morgenjournal“. Der Leiter der Hildegard-von-Bingen-Schulen in Wien und Wiener Neustadt, die bislang vorrangig Lebens- und Sozialberater oder Masseure ausbildeten, reagierte sofort und schuf zusammen mit der Wiener Gesundheitswerkstatt eine viersemestrige Ausbildung zum Wellness-Trainer. Pschill war eines klar: „Für Wellness sind die Leute bereit, etwas auszugeben.“

Das Arbeitsmarktservice (AMS) hatte passenderweise in seiner Broschüre „Jobs mit Zukunft“ im Jahr 2002 die Wellness-Berufe als einen Ausweg aus der Arbeitsmarkttristesse gepriesen; es dirigierte mit Förderungen Arbeitssuchende in den neuen Trendberuf. Für viele wechselwillige Arbeitnehmer in Stressbranchen bot sich erstmals eine attraktive Exit-Strategie an. „Auffallend viele unserer Bewerber“, so Gesundheitswerkstatt-Leiter Werner Gruber, „kommen aus der IT-Branche oder sind Flugbegleiterinnen, die aussteigen wollen.“

Beruf ohne Kontur. Private Institute wie die Wiener Vitalakademie, die niederösterreichische Landesakademie oder die im oberösterreichischen Haslach angesiedelte body & health academy brachten ähnliche Kurse auf den Markt, die in gut 500 Stunden medizinische Grundlagen, Massagetechniken, aber auch Marketing-Know-how lehren. Die stolzen Kosten: zwischen 5000 und 9000 Euro.

Auch WIFI oder bfi, die Berufsförderungsinstitute von Wirtschafts- und Arbeiterkammer, wollten sich die verlockenden Gewinnaussichten nicht entgehen lassen und zogen mit schmalspurigeren Wellness-Trainer-Ausbildungen nach. Und im Fünfeck zwischen Ernährungsberatern, Psychologen, Sportwissenschaftern, Ärzten und Touristikern wurde flugs ein neuer Beruf kreiert, der vieles können muss, aber in Wirklichkeit von allem nur ein bisschen kann: der Wellness-Trainer, hin und wieder auch Vitalcoach, Gesundheitsinstruktor und Ähnliches genannt.

Wie sich jetzt zeigt, scheitern die ersten Absolventen dieser Lehrgänge am Arbeitsmarkt kläglich. Die Spitzenanbieter der Wellness-Branche bestätigen unisono, dass sie mit den Absolventen der einschlägigen Wellness-Trainer-Ausbildungen schlicht nichts anfangen können. Wolfgang Franz, dessen Firma SMC Sportmanagement die Wellness-Bereiche der Thermen Stegersbach und Loipersdorf managt, stöhnt mit Hinweis auf mangelnde Praxiserfahrung der WIFI-Absolventen: „Wie soll man in der Realität bestehen, wenn man bei so einem Kurs nur einen zehnminütigen Lehrauftritt vor der eigenen Gruppe hat? Bei einer zweistündigen Wassergymnastik vor 30 fremden Leuten schmeißen die dann die Nerven weg.“ Leider, fügt Franz hinzu, „wird denen suggeriert, dass sie am Arbeitsmarkt gefragt sind“.

Irmgard Derka, seit zehn Jahren sportliche Leiterin des Wellness-Parks der Therme Wien-Oberlaa, bemängelt, „dass diese Leute in keiner Sparte wirklich spezialisiert sind“. Sie weiß zwar nicht, wie man das Problem entschärft, aber sehr wohl, wie man es verlagert: „In einem Wellness-Hotel sind sie vielleicht ganz gut aufgehoben.“ Die Verdienstaussichten, weiß Derka, sind trist: „Neulich hat mich ein Familienvater, der in einer Bank arbeitet, gefragt, ob er so eine Ausbildung machen soll. Ich habe ihm dringend davon abgeraten. Als Wellness-Trainer ist es schwer, eine Familie zu ernähren.“

Sogar Renate Moik, Chefin der niederösterreichischen Landesakademie, die eine eher theorielastige Wellness-Trainer-Ausbildung anbietet, weiß von ihren inzwischen rund 600 Absolventen, wie es in der Wirklichkeit aussieht: „Es ist irreführend zu sagen, da draußen gibt es tausende Jobs.“ Optimistisch setzt sie hinzu: „Es gibt sie noch nicht. Da braucht es eine Art Bewusstseinserweiterung seitens der Tourismusbetriebe.“

Tiefe statt Breite. Denn was die Arbeitgeber brauchen – vor allem jene, die sich ein unverwechselbares Image beim Konsumenten geben wollen –, das sind keine Generalisten, sondern Spezialisten einer Methode, von Shiatsu über Thalasso bis hin zur Farblichttherapie. Viele der großen Wohlfühlanbieter gehen überhaupt verstärkt in die medizinische Richtung, wo Allrounder schon gar nicht gefragt sind. Andrea Zauner-Dungl, Chefin des Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) im Dungl-Biohotel in Gars am Kamp: „Das Problem ist, dass die meisten, die bei uns arbeiten wollen, nicht einmal anatomisches Basiswissen mitbringen“.

Die Therme Loipersdorf schwörte gerade erst dem Wellness-Begriff ab. Thermenchef Thomas Lunacek: „Jeder gibt intern zu, dass er das Wort schon nicht mehr hören kann. Wir waren Vorreiter des Booms und setzen jetzt auf den nächsten.“ Und der heißt in Loipersdorf wie auch anderswo: Better-Aging, also mit diversen medizinischen Dienstleistungen drumherum. Ob die Better-Aging-Coachs schon in den Startlöchern sitzen?

Beliebigkeit. Der zweite Grund für die Jobmisere liegt in den mangelhaften Ausbildungsrichtlinien der Institute. Wellness-Trainer, Vitalcoachs oder Body & Health-Instruktoren haben oft in viele, für sich genommen höchst intensive Berufssparten aus dem Feld der asiatischen Heilslehren, aber auch herkömmlicher Trainingsmethoden wie Aquagymnastik gerade einmal hineingeschnuppert. Und das noch dazu in einem uneinheitlichen Ausmaß: Mangels klarer Richtlinien für die Ausbildung schnitzte sich jedes Institut ein eigenes Ausbildungsmodell. Je nach Zahlungskraft des Kundenkreises mal mit weniger, mal mit mehr Ausbildungseinheiten.

Das reicht von einem 10-Tage-Kurs der Sportunion Österreich („nur für den internen Gebrauch“) bis zu über 1070 Unterrichtseinheiten der privaten Wellness-Trainer-Schule Bergler in Graz, die sogar noch eine offizielle Masseursausbildung inkludiert, eines der wenigen gewerberechtlich anerkannten Berufsbilder aus diesem Bereich.

Besonders bei den stark in Mode gekommenen Entspannungsmethoden mit Fernost- oder Südsee-Touch tummeln sich durch den skizzierten Ausbildungs-Fleckerlteppich viele Schnellsiede-Masseure und selbst ernannte Energetiker.

Scharlatanerie. Was immer man von Reiki oder Lomi-Lomi-Nui auch halten mag – die Kenntnis medizinischer, insbesondere anatomischer Grundlagen ist ebenso unverzichtbar wie eine Ahnung von dem größeren Ganzen, aus dem die praktizierte Methode kommt. Der Wiener Ganzheitsmediziner Gerhard Hubmann, der auch die Wiener Gebietskrankenkasse in komplementärmedizinischen Angelegenheiten berät: „Das Um und Auf ist fundiertes medizinisches Grundwissen – ein Computermann, der zwei Kurse macht, das ist gefährlich.“

Wenn aber beide Seiten – Anwender und Kunde – über Techniken und Wirkungen nur ungenau Bescheid wissen, dann wird der Scharlatanerie Tür und Tor geöffnet.

Vorläufig sitzen aber hunderte angebliche Wellness-Coachs, Vitaltrainer und Bodyworker im eiskalten Luftzug eines nicht aufnahmebereiten Marktes wie nach einem Saunaaufguss bei offener Türe. Bei der LSC Personalvermittlung, der zentralen Jobvermittlung für die großen Hotelmarketingvereinigungen Schlank & Schön sowie Gsund &Vital, stehen derzeit ganze sechs offene Stellen aus dem Wellness-Bereich 57 Stellensuchenden gegenüber. Und aus einer Studie der Österreichischen Gesellschaft für angewandte Tourismusforschung geht hervor, dass bei den 27 untersuchten Unternehmen 2002 104 Akademiker, 193 Angestellte mit schulischer Ausbildung (MTA, Kosmetik), 319 Masseure, 42 Bademeister – und ganze vier Wellness-Trainer werkten.

Gibt es einen Ausweg aus der Krise in weiten Teilen der Wellness-Branche? Können die bombastischen Hotelanlagen, großflächigen Schwimmbecken und mit Aromaduft erfüllten Massageräume durch medizinisch gebildete Fachkräfte zum Leben erweckt werden, die obendrein Kundenwünsche erkennen und erfüllen können?

Wellness ade? Vielleicht wäre der Abschied vom Begriff Wellness tatsächlich ein Anfang: Das Wort, das laut „Oxford English Dictionary“ 1654 erstmals in einer englischen Monografie auftauchte („I blessed God for my daughter’s wealeness“) und Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts vom US-Präventivmediziner Halbert Dunn als Kreuzung zwischen Wellbeing und Fitness geprägt wurde, zerrinnt den Hoteliers ohnehin unter den Fingern wie die Gesichtsmaske im Dampfbad.

Nicht nur Thermen wie Loipersdorf oder Geinberg vermeiden das Wort in letzter Zeit penibler als Hygienebewusste den Fußkontakt mit öffentlichen Duschtassen. Auch die Ausbildner des Sektors sind unglücklich damit. „Unseren jungen Leuten hier geht das Wort schon gehörig auf die Nerven“, sagt Johannes Zeibig, Leiter des Sport- und Gesundheitszentrums in der Alpentherme Gastein, die ebenfalls eine eigene Wellness-Trainer-Ausbildung (mit dem Zusatzzertifikat „Alpine Wellness“) anbietet.

Die meisten großen privaten Ausbildner, sowohl Vitalakademie als auch Landesakademie und body & health academy, sprechen in Anlehnung an den Zukunftsforscher Matthias Horx inzwischen lieber von „Selfness“, was im Kontrast zur eher passiven Wellness die aktive Balance aller wichtigen Lebensbereiche ausdrücken soll. Aber: Als Supermarke, die dem ehemaligen Erfolgsgaranten Wellness folgen könnte, scheint auch das untauglich.

Noch wichtiger als begriffliche Klärungen wäre vor allem eine Bereinigung der Ausbildungsszene. Die Österreichische Gesellschaft für angewandte Tourismusforschung fand in ihrer Studie immerhin 238 verschiedene Aus- und Weiterbildungsinstitutionen für den Wellness-Bereich in Österreich, mit 47 unterschiedlichen Berufsbildern. Sowohl bfi als auch AMS rudern bereits zurück. AMS-Sprecherin Beate Sprenger: „Wir zählen die Wellness-Ausbildungen nicht mehr zu unseren Schwerpunktförderungen.“ Und auch das bfi will aktuell gerade „zwei Prozent“ seiner Absolventen in die neuen Gesundheitsberufe schicken.

Nur die privaten Institute geben nicht so schnell auf und produzieren vorerst weiter Wellness-Trainer am laufenden Band. Was einen Teufelskreis in Gang setzt: Mangels anderer Verdienstmöglichkeiten versuchen dutzende Absolventen die hohen Kosten ihrer Ausbildung selbst durch Lehrtätigkeit wieder einzubringen, eine Art Pyramidenspiel, das immer neue Lehrangebote hervorbringt. So listet etwa einer der größten Anbieter, die Vitalakademie, auf ihrer Homepage als einzige Erfolgsstory ihrer Schüler den Job einer Vitalakademie-Absolventin als Trainerausbildnerin im Wiener Wellness-Club Limone auf.

Diese Inzucht wird von einigen Playern in der Szene inzwischen immerhin recht kritisch gesehen. Johannes Kainberger, Direktor der Mühlviertler body & health academy, die nun den „Gesundheitstrainer“ zum neuen Leitbild erkoren hat: „Ein frisch gebackener Absolvent unserer Akademie unterrichtet bei WIFI-Kursen. Das kann es ja wohl nicht sein.“

Gütesiegel für Therapien. Die verzweifelte Strategie der Branche gegen die Verluderung des Wellness-Begriffs und der Ausbildungssituation: verstärkte Qualitätsstandards. Doch in dem für Anbieter wie für Konsumenten zunehmend verwirrender erscheinenden Markt sind die zum Teil gegeneinander arbeitenden Bemühungen so griffig wie die eingeölten Hände eines Ayurveda-Masseurs.

Die größte Initiative aus diesem Bereich nennt sich Best Health Austria (BHA), eine vom Wirtschaftsministerium mit über einer Million Euro geförderte Initiative der Wellness-Wirtschaft, die sich endlich ihr eigenes Gütesiegel verpassen will. Geschäftsführer Christopher Gruber weiß um das Dilemma: „Für den Konsumenten ist das doch nicht mehr überschaubar: Was ist drin, wenn Wellness draufsteht?“

Die Ziele der in einer eigenen GmbH gebündelten BHA sind ambitioniert: Alleine zwei Jahre hat es gedauert, bis man sich auf einheitliche Richtlinien einigen konnte. Nur wer die erfüllt, bekommt eines der in drei Stufen vergebenen Gütesiegel verliehen. Das gilt für Ausbildungsinstitutionen ebenso wie für Einzelpersonen, Hotels, Thermen und Kuranstalten.

Der Clou dabei: Die Überprüfung erfolgt nicht durch die Gesellschaft selbst, sondern durch unabhängige Qualitätssicherungsinstitute, die auch für andere Bereiche, etwa die Lebensmittelindustrie, tätig sind. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll etwa die Hälfte der Anbieter zertifiziert sein.

Dennoch ist BHA-Chef Christopher Gruber skeptisch: „Hinter dem Wildwuchs stecken starke kommerzielle Interessen. Es ist fraglich, ob sich die Entwicklung wieder einfangen lässt.“

Umstrittene ÖNORM. Zudem ist BHA nicht alleine in dem Bestreben, endlich einheitliche Qualitätsnormen einzuführen. So gut wie alles, was Rang und Namen hat, versucht derzeit, ebenfalls unter der Führung des Wirtschaftsministeriums, beim Normungsinstitut eine ÖNORM für einheitliche Ausbildungsrichtlinien zu schaffen. Ein schweres Unterfangen: Nur wenn sich alle Marktteilnehmer einigen, wird eine ÖNORM erlassen. Bis Jahresende soll es geschafft sein. Zentrales Diskussionsthema: Wie viele Ausbildungsstunden genügen für einen Wellness-Trainer?

Ein schwer vorbelastetes Thema: Immerhin verunsichert Martin Steixner mit seiner Vitalakademie seit langem den Markt, indem er eine von ihm selbst kreierte ÖNORM-Regel (eine rechtlich mögliche, aber kaum geprüfte Vorstufe einer ÖNORM) für sein Institut verwendet. Steixner verteidigt sich: „Die Verunsicherung entstand vor allem deswegen, weil die Vertreter der althergebrachten Gesundheitsberufe plötzlich um ihre Pfründe fürchten.“ Falls man sich überhaupt einigen sollte, befürchten Beobachter, dann nur auf einen Minimalstandard von rund 300 Ausbildungsstunden.

Die Therme Loipersdorf kündigt bereits an, ein eigenes Gütesiegel entwerfen zu wollen. Der AWT – ein Dachverband, in dem sich die niederösterreichische Landesakademie, Vitalakademie sowie Gesundheitswerkstatt und die Hildegard-von-Bingen-Schule zusammengeschlossen haben – vergibt ebenfalls ein eigenes Markenzeichen für ausgebildete Wellness-Trainer. Gsund & Vital, eine Marketinggruppe von westösterreichischen Hoteliers, hat wiederum schon seit jeher eigene Qualitätsstandards, die sie sich durch eine neue ÖNORM sicher nicht konterkarieren lassen würde. Und BHA-Boss Gruber ist sowieso dagegen: „Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn das Wirtschaftsministerium nach der Förderung unserer Privatinitiative wieder eine eigene Norm dagegensetzt.“

Alpentherme-Sportmediziner Zeibig resigniert angesichts dieses Tohuwabohus: „Die unterschiedlichen Ausbildungen zu standardisieren ist fast hoffnungslos.“ Die Arbeiterkammer kommt in einer aktuellen Studie zum Schluss, dass der Wildwuchs bei den neuen Gesundheitsberufen kaum mehr zu stoppen sein wird. Und body & health-Mann Kainberger, der Rebell aus dem Mühlviertel, hält umgekehrt die BHA-Initiative überhaupt für „Geschäftemacherei mit den Standards. Das ist der Versuch, privatwirtschaftliche Normen zu finden, wofür es aber keine Rechtsgrundlage gibt. Das ist aussichtslos.“ Kainberger hat jetzt den Antrag auf Bewilligung einer Privatuniversität in Haslach gestellt, die er mit „potenten Partnern aus dem Verwaltungsbereich“ betreiben will.

Ver-Rücken. Das Hickhack wäre nichts weiter als ein skurriler Branchenstreit um Macht, Moneten und Marktanteile, wenn die Folgen nicht – sprichwörtlich – auf den Rücken der Konsumenten ausgetragen würden. Zwar ist der Wellness-Bereich nicht für Kranke, sondern allenfalls für Gestresste, Verspannte und andere Erholungssuchende gedacht. Doch gerade in diesem Bereich des Vor-dem-krank-Werdens, dessen Bedeutung von den obersten Gesundheitspolitikern des Landes in Sonntagsreden wieder und wieder hervorgehoben wird, liegt vieles im Argen.

Und wenn die Unsicherheit über die Qualität des staatlichen Gesundheitssystems im Zuge der aktuellen Reformdebatten wächst und wächst, wäre Sicherheit über die Qualität des Präventions-sektors dringend erwünscht. Relax-Spezialist Werner schimpft auf die Ignoranz der öffentlichen Stellen: „Der Staat kümmert sich in jedem Bereich um Lehrlinge – warum hat er ausgerechnet in dieser Branche viel zu spät reagiert?“ In diesem politischen Vakuum hat sich folgerichtig der Markt durchgesetzt – was angesichts der sensiblen Materie auch wieder vielen nicht recht ist. Mit dem Tempo der Entwicklung hat keiner gerechnet: „Diese Akademien sind in den letzten Jahren einfach wie die Schwammerln aus dem Boden geschossen“, offenbart Ganzheitsmediziner Hubmann eine gewisse Machtlosigkeit gegenüber dem kollektiven Wellness-Wahn: „Diese Dynamik hat uns überfordert."

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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