Die Leichtigkeit des Scheins

Müsste Fiona Swarovski wirklich von den Erträgen ihrer Modefirma leben, läge das Monatsbudget der Kristallerbin nur knapp über einem besseren österreichischen Beamteneinkommen.

Karl-Heinz, Capri, Badehose, Jetset-Lady, Partygirl, Briatore, Niedermeyer, Paris, New York, Mailand, Mutter dreier Kinder von zwei Vätern. So, das hätten wir. Eine Geschichte über Fiona Winter-Swarovski ist schwerlich ohne bestimmte Schlüsselwörter abzuhandeln.

Daneben allerdings soll die 40-jährige Tochter von Marina Giori Winter-Swarovski, der 13,5-Prozent-Miteigentümerin des Kristallkonzerns Swarovski in Tirol, auch noch als Geschäftsfrau gute Figur machen. Sie sei, so überschlagen sich nicht nur Seitenblicke-Magazine aller Art vor Begeisterung, keineswegs das verwöhnte Luxusweibchen, das auf Kosten ihrer Familie beziehungsweise Männer rund um den Erdball jettet und deren Kreditkartenkonten plündert. Immerhin sei sie aktive Designerin, unter anderem für Accessoires. Und tatsächlich: Ende September 2005 präsentiert Fiona Winter-Swarovski bereits ihre dritte eigene (diesmal: Sommer-) Modekollektion – nachdem die Fachwelt schon ihre erste Kaschmir-Linie bewundernd aufgenommen haben soll.

Modisch maßen wir uns kein Urteil an. Wirtschaftlich gesehen zeigt die dem trend exklusiv vorliegende Bilanz der Fiona Winter Studio S.R.L. (FWS), dass auch Frau Swarovski kleinere Brötchen bäckt – und es ohne den großen Kristallkonzern im Rücken wohl viel schwerer hätte, ein erfolgreiches Modelabel aufzubauen. Was andere junge Branchenkollegen bestätigen, die durchaus mit neidischen Blicken auf die sich wie von selbst anbahnende Designerkarriere der Tirolerin schielen. Wiener Szeneliebling und Designer-Jungtalent Nhut La Hong ist nicht unzufrieden, aber: „Wenn man genug Geld hat, ist der Aufbau eines Modelabels eher eine Spielerei. Wie die Produkte dann ausschauen, ist da zweitrangig.“ Allerdings: Warum sollte eine Swarovski die Chancen, die sich ihr bieten, nicht nützen?

Arme Fiona. Mehr als Chancen sind es auch noch nicht. Von der einen Million Euro, die Fiona nach verschiedenen Zeitungsmeldungen bereits mit ihrer Modefirma umgesetzt haben will, hat sie in Wirklichkeit gerade die Hälfte geschafft. Genau 523.630 Euro Umsatz im Jahr 2004 zeigt die Bilanz der Fiona Winter Studio S.R.L. zum 31.12.2004. Und dieser Betrag kam nicht von begeisterten Jetsetter-Kundinnen aus der ganzen Welt, sondern von Wiederverkäufern, also eventuell den konzerneigenen Designerläden, anderen Modeshops und so weiter – was eine Aussage über die wahre Kundenakzeptanz für Fionas Kreationen einigermaßen erschwert.

Immerhin 85.691 Euro Gewinn blieben aus diesem Geschäft für das junge Modelabel übrig. Rund die Hälfte (51 Prozent der Firmenanteile gehören Fiona persönlich, 49 Prozent der Swarovski Italia), also 43.000 Euro beziehungsweise 3600 Euro monatlich, würden ihr zufallen: Das ist nur knapp mehr als das Einkommen eines mittleren österreichischen Beamten vor der Pension. Nur zum Vergleich: Für ein Kleid ihrer eigenen Kollektion müsste die Haute-Couture-Designerin rund 4000 Euro hinblättern, 500 Euro für ein Höschen. Man muss sich um Fiona keine Sorgen machen – dass sich allerdings ihr Jetset-Leben plus das ihrer drei Kinder samt Nannys mit dem Ertrag aus der Firma finanzieren ließe – jetzt sind wir doch beim Fiona-Klischee –, scheint einigermaßen unsicher. Zumal in Wirklichkeit aus dieser Firma gar kein Gewinn ausbezahlt, sondern alles den Rücklagen zugeführt wird, wie die Bilanz zeigt.

Auch wäre es weit verfehlt, sich FWS als richtiges Unternehmen mit Mitarbeitern, Nähmaschinen, großen Stofflagern oder dergleichen vorzustellen. Die Firma hat so gut wie alles ausgelagert und macht keinen einzigen Nadelstich selbst – der Personalkostenanteil an den Produktionskosten liegt dementsprechend bei ganzen 30 Euro –, was durchaus auch die Frage nach dem Honorar für die Kreativdirektorin Fiona und den ihr behilflichen Entwicklungspartner Alessandro di Lorenzo aufwirft. Produziert werden die guten Stücke vorwiegend über die befreundete Mailänder Orwell-Gruppe, Fionas Dienstgeber vor ihrer Zeit als selbstständige Designerin und Geschäftspartner des Mutterkonzerns. Die gesamten Aufwendungen der Modefirma FWS gehen denn auch für diese ausgelagerten Dienstleistungen drauf. Rund 350.000 Euro kostet die Produktion der Prachtstücke, die mit den geschliffenen Glaskristallen des Mutterkonzerns bestückt sind. Eva-Maria Schick, Modechefin der deutschen Frauenzeitschrift „Bunte“, beobachtet den Werdegang der Jungdesignerin genau: „Da das Kristallhaus bislang nur andere Modeschöpfer belieferte und deren Kleider und Accessoires bestückte, finde ich es nur logisch, dass eine Lady aus dem Haus jetzt eine eigene Modekollektion macht.“

Der Vertrieb erfolgte in der Vergangenheit über konzerneigene Kristallläden und (wegen des verwendeten Materials – Kaschmir –, das Fiona nach etwas kühnen Angaben der Presseagentur quasi im Alleingang erstmals von einem muffig-bäuerlichen Image befreit haben soll) in den Wintersportzentren der internationalen High Society.

„Bunte“-Expertin Schicks diplomatische Einschätzung: „Die Kollektion ist verrückt und sexy, durchaus international einsetzbar und nichts für jemanden, der nicht auffallen möchte.“ Sie findet die Stücke jedenfalls authentisch: „Es ist wirklich ihre Handschrift. Sie weiß, was sie will. Bestimmt werden wir die Sachen auf den Jetset-Partys wiederfinden.“

Zinsenlose Darlehen. Mit Banken musste Fiona zur Gründung ihrer Firma jedenfalls nicht verhandeln. Der Hauptteil der Finanzierungslast wird aus Mitteln der Gesellschafter – das ist zumindest zur Hälfte der Swarovski-Konzern – abgedeckt. Exakt 300.000 Euro stehen der Firma langfristig zur Verfügung. Und weil ohnehin alles in der Familie bleibt, musste Fiona dafür bisher zumindest so gut wie keine Zinsen bezahlen (ganze 494 Euro im Jahr 2004 sind in den Bilanzen vermerkt, 261 Euro waren es 2003). Das ist verkraftbar. Sogar für eine allein erziehende Mutter. Branchenkollegen aus der Schneider-Welt können dagegen von derartiger Unterstützung nur träumen. Gottfried Birklbauer aus Linz beispielsweise ist erfolgreicher Selfmade-Jungdesigner, der sich mit viel Risiko aus dem Nichts emporgearbeitet, Wettbewerbe gewonnen und bereits mit Models wie Naomi Campbell gearbeitet hat. Er kennt die andere Seite des Modebusiness: „Ich muss mir bis heute für jeden Event eigene Sponsoren suchen und Gelder auftreiben – so ist das reale Wirtschaftsleben eines Designers.“

Fiona Swarovskis Pressebetreuer konnten bis auf die offiziellen Presseaussendungen zum Start der neuen Kollektion trotz mehrmaliger Anfragen in dieser Angelegenheit keine weiteren Informationen oder Kontakte bereitstellen. Der Kristallkonzern in Wattens, Tirol, fühlte sich für derartige Auskünfte nicht zuständig. Der Erfolg von FWS soll wohl für sich sprechen. Der ausgewiesene Umsatz in der Bilanz für das Jahr 2004 bedeutet immerhin eine deutliche Steigerung zum Gründungsjahr, wo erst 255.002 Euro erwirtschaftet wurden.

Die neue FWS-Kollektion für den Sommer 2006 jedenfalls wird im Gegensatz zu ursprünglichen Ankündigungen nicht in New York, sondern doch in der Wahlheimat Mailand vorgestellt. Auf das Thema darf man gespannt sein – schon bei der Herbst/Winter-Kollektion 05/06 hatte Fiona entgegen ihren Ankündigungen nicht den spanischen Künstler Antoni Gaudí, sondern die Roaring Twenties inhaltlich als Vorlage. Sie wollte, so die Aussendung dazu, den Geist der amerikanischen zwanziger Jahre wieder aufleben lassen, es geht um Banditen und Petiten, Jazz und Gin, schummrige Nachtklub-Diven und skrupellose Gangsterbräute. Rebellisch feministisch, sagt ihre Presseagentur. Zur Überraschung des Wiener Jungdesigners La Hong: „Ich kenne nur die Swarovski-Schmuckkreationen, und die langweilen mich als Designer – das ist eher etwas für Hausfrauen.“

Von Markus Groll

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