Die G’schicht von der Moral

Darf man sagen, dass die Moral der Manager im Arsch ist?

„Interessant, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist eigentlich nicht, warum sich so viele Leute umbringen, sondern warum so viele nicht.“
Psychiater Erwin Ringel in einem Vortrag im Casino Baden, 1992

Ich erinnere mich mit Freude an den Moment, da Ringel dies sagte. Als Moderator durfte ich das stillste Auditorium genießen. Ganz Baden b. Wien inklusive des Helenentals hielt den Atem an. Alle Ampeln standen auf Rot. Vom Himmel fielen Amseln und Spatzen wie bleierne Satelliten.
Heute frage ich mich, was wohl Ringel, der nun zehn Jahre tot ist, zu den Massen-Melancholien des Jahres 2004 sagen würde (siehe z. B. die Burn-out-Coverstory des trend-Sommer-Specials). Er war berühmt für seine Direktheit und Verständlichkeit. So wie man von Somerset Maugham sagte, er habe keinen einzigen langweiligen Satz geschrieben, wird man von Erwin Ringel sagen, er habe keinen einzigen langweiligen Satz gesprochen, da jeder von jedem verstanden wurde.

Vielleicht würde er Folgendes mitteilen: „Ich kann mir zwei Gründe vorstellen, warum wir heute so viele Verzagte treffen. Wobei die Verzagtheit, meine Damen und Herren, oft von Menschen ausgeht, die in den besten Jahren stehen, attraktiv und wohlhabend und kerngesund sind, aber den bösen Kometen kommen sehen. Diese Verzagten, denen mein Mitleid, nicht mein Spott gilt, leiden unter zweierlei: unter zu vielen schlechten Nachrichten und zu viel schlechter Bildung, um sie richtig einordnen zu können.“
Ringel wäre heute ein Medienpsychiater. Er würde nicht bekritteln, dass tausendmal pro Tag via Zeitungen und Fernsehen das Entsetzliche berichtet wird. Er würde begreifen, dass TV-Sender ohne Wüstenkrieg und deutschen Humor, Radios ohne afrikanische Genozide und Heimatdichter, Tageszeitungen ohne Großkonkurse und Witz-Ecke todgeweiht wären. Er würde allerdings einwenden, dass es zu wenige glaubwürdige TV-Anchormen & -women und Leitartikler gäbe, die das einzelne Entsetzliche werten und gewichten würden, vielleicht sogar in ein Verhältnis zur Geschichte setzten.

Dies würde den negativen Nachrichten, die im Einzelnen fast immer korrekt sind, das Bittere und Knödelförmige nehmen, an dem so viele ersticken und ihre Lebensfreude verlieren. Es liegt in der Natur der Medien, das Entsetzliche über das Erbauende zu stellen.Von Managern und Unternehmern erwarte ich, dass sie sich in der Bewertung der Nachrichten selber helfen. Dies gilt speziell für Wirtschaftsnachrichten über maßlos gierige Bankgeneräle; über Firmen, die alle EU-Gesetzeslücken nützen und Fremdarbeiter ausbeuten; oder über korrupte Wirtschaftsbeamte. All diese gibt es reichlich und hat es immer gegeben, und es gibt mehr von ihnen, als geschrieben steht. Sie sind aber kein Beweis, dass die Welt untergeht.
Der gebildete Nachrichtenkonsument weiß, dass der Humanismus seit der industriellen Revolution in zirka fünf Sprüngen dramatisch anstieg. Dass aber auch die Moral den Zyklen unterliegt. Gute Zeiten fördern gute Menschen, schlechte schlechte.
Der klarste Satz dazu kommt von Bertolt Brecht: „Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Brecht wusste, wovon er sprach. Der Zigarrenmacho beutete in schlechten Zeiten seine FreundInnen und ihre Ideen aus. In guten Zeiten war er wahnsinnig nett und gab von den Euros der „Dreigroschenoper“ ein paar Cents weiter.

Tipp für moderne Manager und Unternehmer: Verhalten Sie sich jetzt antizyklisch. Werden Sie im langen Warten auf die nächste Hochkonjunktur nicht kurzatmig. Werden Sie nicht quartals-hektisch wie die Amerikaner, getrieben von den Wertpapierbörsen. Bleiben Sie normal. Und werden Sie ein wenig nobler. Verstärken Sie als Unternehmer Ihre Sympathiewerte. Erhöhen Sie Ihre Quote an Lehrlingen und allein erziehenden Müttern & Vätern. Stellen Sie freiwillig und gerne einen Behinderten ein. Fördern Sie die Kunst. Sie wären damit als Unternehmer oder Top-Manager keineswegs allein. Business-Größen wie Eder (Voest), Hochleitner (Siemens) und Schweiger (Microsoft) nehmen die so genannten „weichen Faktoren“ mit jedem Tag ernster.
Feuern Sie als Mittel-Manager keine tollen Mitarbeiter mehr, nur um den eigenen Hintern übers nächste Quartal zu retten. In zwei Jahren würden Sie es bereuen und vom Markt gelacht werden. In den Jahren 2006 und 2007 wird alles zum Besseren explodieren. Der Nachfrage-Stau einer langen Baisse wird zu einer langen Hausse führen. Durch den gleichzeitigen Engpass der geburtenschwachen Jahrgänge wird es viel zu wenige gute Mitarbeiter geben. Weshalb Sie sich auch aktiv an der Schulentwicklung Österreichs beteiligen sollten. Ministerin Elisabeth Gehrer ist an jeder Idee interessiert.
Die Moral war in den letzten Jahren, wirtschaftshistorisch gesehen, auf hohem Niveau enttäuschend. Sie wird sich mit Avantgardisten wie Ihnen in neue Höhen schwingen, ab 2006 auch ohne Sie.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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