„Die Frau ist anders gebaut als der Mann“

Interview. Österreichs Motorsport-Ikone Gerhard Berger denkt nach: über das ungeliebte Transportgewerbe, über schlechte Politiker und sein privates Herzblut. Über Alternativen zu Tempo 160, seine Nicht-Rückkehr in die Formel 1, über die Siegeschancen von Red-Bull-Mateschitz, seinen persönlichen Marktwert und die Rolle von Frauen im Rennsport.

trend: Sitzen Sie, so wie viele Österreicher, jetzt jeden Formel-1-Sonntag vor dem Fernseher und drücken Christian Klien die Daumen?
Berger: Ich habe bis jetzt keinen Grand Prix verpasst. Ich drücke dem Christian Klien die Daumen, als Österreicher – keine Frage. Aber ich habe auch noch viele Bekannte in der Formel 1, denen ich auch allen die Daumen drücke. Ich bin noch BMW verbunden, auch Ferrari. Ich schau gerne aus einem gewissen Abstand zu und finde auch die Perspektive ganz toll, sich in die Rolle des Fans zu versetzen und nicht jedes strategische Detail zu wissen. Meistens werde ich noch kurz vor dem Start angerufen und erhalte letzte Informationen.

Wer ruft Sie da an?
Einige Bekannte. Die sagen mir, wer mit welchen Reifen und mit welcher Strategie unterwegs ist.

Und da werden Sie auch um Rat gefragt?
Bei längerfristigen Entscheidungen. Aber bei Rennwochenenden nicht, das sind kurzfristige Entscheidungen.

Fiebern Sie bei den Rennen noch mit, oder ist es pures Business, das Sie mit der Formel 1 verbindet?
Eine Kombination von beidem. Vor allem kurz vor dem Start, bei der Startaufstellung, kommen Erinnerungen aus der eigenen Zeit zurück. Es sind ja die meisten Strecken noch dieselben. Da gibt’s die eine oder andere Emotion. Aber insgesamt sehe ich es als Geschäft. Nervös bin ich nicht, wenn ich vor dem Fernseher sitze.

Fliegen Sie gar nicht nach Bahrain oder Malaysia, um live dabei zu sein?
Ich bin nur in Monte Carlo vor Ort, weil ich da zu Hause bin. Oder fahre einen Tag nach Monza rüber, weil ich dort Freunde treffe. Sonst fahre ich nirgends hin. Da könnte ich ja gleich wieder selbst was machen.

Mit Red Bull ist ein österreichisches Team in der Formel 1: Tut es Ihnen, trotz gegenteiliger Beteuerungen, nicht doch leid, dass Sie da nicht mit dabei sind? Mateschitz und Sie, das wäre doch kein schlechtes Gespann?
Sicher, es wäre eine ideale Voraussetzung, mit einem Freund von mir zu arbeiten. Ich war der erste Sportler überhaupt, den er je in seinem Team gehabt hat. Das bindet. Ich habe eine fast 20-jährige Vergangenheit mit ihm, wir sind wirklich gute Freunde. Aber das Timing passt nicht. Er kann sein Geschäft nicht auf meine Zeiteinteilung abstimmen. Und ich will mich nicht während der Woche nach England setzen, an den Wochenenden dann bei den Rennen sein und meine Frau, meine Kinder alleine lassen.

Ab wann könnte es wieder passen?
Das kann morgen sein oder in fünf Jahren nicht. Es kann sein, dass ich eines Morgens aufstehe und das Gefühl habe: Ich brauch es wieder. Dann mach ich es.

Aber da besteht die Gefahr, eines Tages nicht mehr gefragt zu sein.
Viele haben prophezeit, dass man ohne Arbeit in ein tiefes Loch fällt: Das habe ich nicht. Ich habe auch nicht zu wenig Arbeit, ich weiß, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Gleichzeitig denke ich schon manchmal nach: 25-jährige Erfahrung brachliegen lassen, da fragt man sich schon manchmal, ob das gescheit ist. Aber zum Motorsport gehören 24 Stunden Einsatz. Das geht, wenn die Kinder groß sind, wenn man keine Familie hat.

Gerhard Berger ist also ein Dauerurlauber, der vorwiegend mit seinen Töchtern spielt?
Das kann ja auch Arbeit sein (lacht). Aber zuallererst habe ich noch den Betrieb in Tirol. Da bin ich seit zwei Jahren ziemlich eng dran. Wir haben immerhin 350 Angestellte. Mein Schreibtisch ist voll von verschiedenen Projekten. Man schaut, dass sein Geld idealerweise mehr wird. Ich habe immer auch gern gedealt. Geschaut, wo man etwas Brauchbares kaufen und verkaufen kann. Das macht auch Spaß. Da kann ich mir die Zeit völlig frei einteilen, ganz anders als im Motorsport. Das ist ein Luxus, den ich schon lange nicht mehr gehabt habe.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Unternehmen?
Es ist ein Familienunternehmen, das ich übernehmen musste. Es ist nicht im Zentrum des Interesses, und das ist auch das Problem. Es hat nie von mir jene Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hätte. In den letzten Jahren war es dann ein bisschen in Schieflage, also habe ich mich mehr gekümmert, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Mein Herzblut steckt aber noch immer nicht in Lkws.

Sie wollen nicht Europas größte Spedition werden?
Mein Leben ist Motorsport, keine Frage. Und ich mache auch gern Geschäfte. Das Geschäft als Transportunternehmer ist auch nicht eines, mit dem man viel Lorbeeren ernten kann, weder finanziell noch in der Öffentlichkeit.

Und dessen Zukunft nicht gerade rosig ist.
Absolut, das ist eine brutale Sache. Wenn man sieht, wie der Osten aufmacht, wie die Leute zur Arbeit rüberkommen, dann weiß man, dass die Zukunft der westlichen Wirtschaft, speziell in diesen Bereichen, extrem schwierig wird. Wenn ich unsere Tiroler Politiker höre, schüttle ich auch nur noch den Kopf. Sie beschäftigen sich primär damit, wie unangenehm der Transit ist, aber kaum damit, wie viele Arbeitsplätze in Österreich am Transportgewerbe hängen. Bei den Leuten kommt offenbar am besten an, wenn man sagt: Wir brauchen keine Lkws, wir machen alles mit der Schiene. Ob das funktionieren kann, ist dann sekundär. Jeder, der eine Blockade organisiert, wird populär. Aber dass den heimischen Unternehmern die Luft ausgeht und die Ost-Unternehmer aufgrund ihrer Kostenstruktur unter Fahrverboten viel weniger leiden, das sehen die wenigsten.

Gibt es eine Lösung für das Verkehrs-Dilemma, in dem vor allem Tirol steckt?
Die Politiker sagen, dass es in Tirol aufgrund der Umweltproblematik keinen Platz mehr für das Frachtgewerbe geben kann. Sie schaffen aber auch keinen Ersatz für die daran geknüpften tausenden Arbeitsplätze. Sie wollen mit Nachtfahrverboten und anderen Schikanen den Transitverkehr reduzieren. Die Transitproblematik regelt sich aber schon zum Teil selbst, weil heute vorrangig im Osten und in Spanien produziert wird. Das große Deutschland-Italien-Geschäft wird sich dadurch reduzieren. Den Politikern ist ihre eigene Zukunft wichtiger als die Lösung von Sachproblemen, sie kümmern sich viel zu wenig um die heimischen Arbeitsplätze.

Heißt das, die Politiker gefährden den Wirtschaftsstandort?
Mit der derzeitigen Kostenstruktur kann man in Österreich eigentlich keinen eigenen Lkw mehr haben. Man kann nur überleben, wenn man Tankstellen oder andere Möglichkeiten zur Quersubventionierung mit dabei hat. Damit verdient man zurzeit sehr gut. Der Durchzugsverkehr tankt in Österreich, die Transportunternehmer sanieren sich über diesen Bereich. Oder man macht ein Vermittlungsgeschäft. Wir haben polnische, tschechische, ungarische Lkws, die unseren Transit fahren, und wir, als österreichische Unternehmer, vermitteln nur noch das Geschäft. Wir verdienen über diese Schiene. Dazu brauchen wir nur mehr einen Disponenten, aber keinen Mechaniker, keinen Fahrer, keinen Lkw. Aus, brauchen wir nicht mehr! Sehr viele Unternehmen verlagern ihre Sitze auch gleich ganz in den Osten.

Wann werden Sie in den Osten gehen?
Wir flüchten nicht. Ich lebe ja nicht unbedingt von diesem Geschäft. Ich möchte mir kein Imperium in Tschechien aufbauen. Wenn es sich in Österreich nicht mehr ausgeht, dann geht es eben nicht mehr.

Sind Sie mit Ihrem Unternehmen eigentlich jetzt ökonomisch über den Berg?
Der Turnaround ist geschafft. Dank einer alteingesessenen, fleißigen Mannschaft.

Dann geht es ja doch, in Österreich zu bleiben.
Ja, es geht, aber eben nur, weil wir das Kerngeschäft mit anderen Bereichen subventionieren. Wir verdienen überall Geld, nur nicht dort, wo wir eigene Lkws und damit viele Arbeitsplätze haben.

Wie gefällt Ihnen, dass in Österreich bald eine Tempo-160-Versuchsstrecke eingerichtet wird?
Ich habe es für einen Blödsinn gehalten, Tempo 130 einzuführen, jetzt halte ich es genauso für einen Blödsinn, es wieder abzuschaffen. Wir haben Tempo 130. Man könnte doch die Polizei anweisen, zu bestimmten Zeiten, in der Nacht, bei wenig Verkehr, Temposünder weniger hart zu bestrafen. Eine Kulanzlösung, eine weichere Lösung praktizieren. Generell aber – und so gern ich 160 km/h fahren würde – weiß ich nicht, ob das sein muss.

Sie fahren gern schnell?
Eigentlich nicht. Ich verspüre keine große Lust dazu. Ich möchte auch nicht gern auffallen. Wenn ich in eine Polizeikontrolle fahre, ist das unangenehm. Entweder will mir jemand helfen und drückt ein Auge zu, oder er ist mir böse, weil ich als Vorbild das nicht tun sollte. Ich versuche, mir solche Situationen zu ersparen.

Sie haben es ja gut, Sie können auf eine Rennstrecke ausweichen.
Vergangenes Jahr habe ich mir nur zwei derartige Späße geleistet. Ein Rennen mit einem historischen Fahrzeug, einem Jaguar aus Anfang der sechziger Jahre, das war toll. Und noch toller war: Ich habe zwei Tage in der Wüste ein Fahrzeug für Paris–Dakar getestet. Das war landschaftlich ein einmaliges Erlebnis.

Und spaßhalber ein Formel-1-Auto?
Formel 1 kann man nicht spaßhalber fahren. Das Auto kommt erst auf Betriebstemperatur, wo sich der Spaß schon aufhört. Ich weiß nicht, ob ich das noch jemals machen werde.

Wenn Sie Bernie Ecclestone wären: Was würden Sie im Formel-1-Business besser, spannender machen?
Es gibt zwei Grundprobleme: Sehr viele Entscheidungen werden mit politischem Hintergrund getroffen. Und: Das so genannte Concorde-Agreement besagt, dass alle Teams bei Änderungen des Reglements zustimmen müssen. Einige Teams haben nun kein Interesse daran, das Reglement dahin zu ändern, dass die Kosten reduziert werden, sie können den Gegner schon allein durch ihre finanzielle Stärke in Schach halten. Dieses Agreement gehört weg. Die Teams müssen akzeptieren, dass es mit der FIA eine sportliche Hoheit gibt, die Entscheidungen trifft.

Die Budgets der Teams müssen begrenzt werden?
Die Budgets müssen unbedingt runter. Der Markt ist heute nicht mehr in der Lage, die Gelder einzuspielen, die ein Top-Team braucht. Die Top-Teams leben von den Herstellern, die technikgetrieben sind. Die wollen ihre Kompetenz zeigen und scheuen keine Kosten. Neueinsteiger haben keine Chance.

Aber der Mateschitz hat es doch geschafft?
Es gibt wenige Unternehmer, die bereit sind, solche Marketingbudgets in den Motorsport zu investieren. Kleinere Teams, die aus der Formel 1 kommen, gibt es nicht mehr. Es gibt nur mehr Mercedes, BMW, Toyota und wie sie alle heißen.

Das ist eine schlechte Entwicklung?
Zumindest eine einseitige. Es braucht neben großen Marken auch Persönlichkeiten, wie Frank Williams, Eddy Jordan, Minardi. Heute sind 20 Autos am Start. Wenn da ein oder zwei Teams aussteigen, wird’s knapp. Es sollten mindestens 26 Autos am Start sein.

Red Bull hat kolportierte 140 Millionen Jahresbudget. Stimmt die Zahl?
Ich weiß es nicht (lacht). Ich weiß es schon, aber ich sage es nicht.

Aber er müsste sein Budget verdoppeln, um Weltmeister zu werden.
Nicht unbedingt. Er hat ein perfektes erstes Jahr hingelegt, trifft richtige Entscheidungen fürs nächste und auch fürs übernächste Jahr. Er hat den besten Chassisbauer eingekauft. Das zusammen mit dem Ferrari-Motor wird ihn in eine Liga bringen, wo er ab 2007 auch schon Rennen gewinnen kann. Er hat kaum etwas gemacht, was ich anders gemacht hätte. Er hat die nötige Lockerheit ins Spiel gebracht, gegen die Abgeschlecktheit von manchen anderen Teams eine Wohltat.

Haben Sie Mateschitz auch in der Causa Spielberg-A1-Ring beraten?
Ich war nie begeistert von dem Projekt. Wirtschaftlich gesehen wäre es schwierig gewesen, daraus ein Unternehmen zu formen, das sich selbst trägt. Da war bei ihm als Steirer eine emotionelle Komponente dabei. Ich war nicht involviert.

Wird da noch jemals etwas draus?
Mich würde es wundern.

Hat der steigende Öl- und Benzinpreis Auswirkungen auf die Formel 1?
Indirekt ja. Die Automobilindustrie, die ja den größten Beitrag in der Formel 1 leistet, leidet unter den Treibstoffpreisen. Wenn Unternehmen sparen müssen, ist auch die Formel 1 relativ schnell ein Thema. Es besteht die Gefahr, dass der eine oder andere Hersteller wegkippt. Gewinnen kann ja immer nur einer. Und wenn ein anderer immer nur Fünfter wird, kann es bald einmal heißen: Das ist nicht fördernd, sondern schädlich fürs Image. Also lassen wir es. Ecclestone und die FIA müssten die Reißleine ziehen und das Format der Formel 1 grundsätzlich ändern.

Wer wird 2006 Weltmeister?
Der Reifen ist einer der ganz dominierenden Faktoren. Wenn die Reifenfrage zwischen Michelin und Bridgestone ausgeglichen ist, schätze ich Ferrari sehr stark ein.

Welcher Fahrer?
Das Grunddilemma ist, dass die Elektronik die Arbeit des Fahrers übernommen hat. Das Verhältnis Fahrer/Technik hat sich stark geändert. Es geht viel zu sehr darum, wer das technisch beste Auto hat. Der Fan will aber wissen, wer der beste Fahrer ist, will Überholmanöver sehen, will sehen, wie sich Persönlichkeiten in der Gefahr benehmen und wie sie das Risiko handhaben. Man muss das Zuviel an Technik wieder rausnehmen, die Technik ist zu dominant.

Wie geht es mit der Technik im normalen Kfz-Bau weiter?
Wird es die Hybrid-Revolution geben?

Jeder will ein schönes Auto. Das Design ist ein wichtiger Faktor und wird es bleiben. Schnell fahren ist nicht mehr ganz so wichtig. Man stellt sich die Frage, ob man 500, 400, 300 PS braucht. Die Hersteller arbeiten alle an Alternativkonzepten. Und alle leiden an Überkapazitäten.

Glauben Sie, dass Sie noch ein Idol sind?
Ich weiß es nicht. Ich pflege es nicht sehr. Ich will nicht überall meinen Senf dazugeben.

Sie haben aber noch beachtlichen Marktwert. Eine Studie reiht Sie unter die prominentesten Österreicher ein.
Das würde mich überraschen. Seit ich bei BMW aufgehört habe, gebe ich wenig Interviews. Auf Dauer wird man in Vergessenheit geraten. Aber natürlich ist mir mein Image nicht ganz wurscht.

Setzen Sie den Marktwert, den Sie haben, noch in Werbung um?
Ja, demnächst für die Hypo-Alpe-Adria. Die machen einen Börsegang, und ich begleite sie dabei.

Ihre Töchter sind acht und zehn Jahre ...
Und 25. Meine älteste Tochter Christina lebt in Innsbruck.

Was ist, wenn die Mädchen auf die Idee kommen, Autorennen zu fahren? Es werden ja Formel-1-Fahrerinnen gesucht.
Ich würd’s nicht unterstützen. Weil ich glaube, dass die Frau anders gebaut ist als der Mann. Und daher in einem Sport, bei dem es keine eigene Damenklasse gibt, kaum Erfolgschancen vorhanden sind.

Bei Rallyes sind Frauen aber schon sehr erfolgreich gewesen.
Einmal war eine erfolgreich. Ich glaube, dass Frauen sehr gut Auto fahren können. Aber so wie in allen anderen Sportarten müsste es einen eigenen Frauenbewerb geben, sonst ist es nicht fair.

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