Die Feinde des Leberkäses

Überraschende Erkenntnisse aus der Lektüre einer teilweise gut informierten amerikanischen Zeitschrift.

Die Zeitschrift „Fortune“ ist ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin und neben dem etwas schrulligeren „Forbes“ und neben der viel politischeren „Business Week“ ein Zentralorgan des amerikanischen Kapitalismus. Blattlinie: Reichtum ist eine Möglichkeit, sich und andere glücklich zu machen. Inhalt: eine ziemlich seriöse Bestandsaufnahme der Welt der Reichen.
Vor einem Monat bekam ich auf einem Flug von Kuba nach Europa die aktuelle Ausgabe von „Fortune“ zu fassen. Eine aus drei Gründen spannende Sache.
Erstens: der einigermaßen abrupte Wechsel aus dem – gescheiterten – politischen Versuch, einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz zu erzwingen, zum – gelungenen – journalistischen Versuch, der Welt der Dollar-Milliardäre eine menschliche Seite abzujagen.
Zweitens: die Titelgeschichte jener „Fortune“-Nummer über Arnold Schwarzenegger. Die Autorin erklärt da, Schwarzenegger sei 1970 aus einem Land geflüchtet, das von sozialistischen Bundeskanzlern und linken Provinzkaisern beherrscht und darüber hinaus vom angrenzenden Ostblock infiziert war. Aus dieser interessanten Annahme entwickelt „Fortune“ die freiheitsliebende Persönlichkeit des Republikaners und kalifornischen Gouverneurs. (Und die Eliten der USA glauben das jetzt, und sie werden erzählen, dass Franz Strohsack mit gleichem Antrieb und einem auf Frank Stronach lautenden gefälschten Pass den roten Brigaden in der Steiermark entwischte.)
Drittens: „Fortune“ veröffentlichte in dieser Ausgabe eine Liste der 25 mächtigsten Amerikaner in der Wirtschaft (und meint damit stillschweigend die mächtigsten Amerikaner überhaupt, da der Präsident von den Verlegern wohl als eine vergängliche Erscheinung gesehen wird). Diese Liste publiziert das Magazin in jedem Jahr. Aber dieses Mal war das Ergebnis überraschend. Die Journalisten hatten nicht – wie mehrfach zuvor – Microsoft-Gründer Bill Gates oder – wie auch schon in der Vergangenheit – den Investor Warren Buffett (heuer auf Platz zwei) hergenommen. Der aktuell mächtigste Mann der USA ist vielmehr Wal-Mart CEO Lee Scott. Das ist so, als würde man Billa-Boss Veit Schalle zum mächtigsten Österreicher machen.

So absurd? Nein. Bloß ein außergewöhnlicher Gedanke.
Da sind zunächst ein paar Zahlen:
Wal-Mart ist die größte Handelskette der Vereinigten Staaten. Als Unternehmensgründer Sam Walton 1992 starb, war er der zweitreichste Mann der Welt.
Wal-Mart machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 256 Milliarden Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt der Republik Österreich war 2003 gleich hoch: 224 Milliarden Euro.
Wal-Mart ist Amerikas größter Arbeitgeber: eine Million Mitarbeiter in den USA.
Die wahre Macht des Lee Scott liegt aber nicht unbedingt in diesen Zahlen. Sie liegt in der Marktmacht, die erheblich anders aussieht, als würde er um 256 Milliarden Dollar Zement verkaufen oder Strom oder Atombomben. Denn Wal-Mart mischt sich mit seinem Angebot bei der Frage ein, was die Konsumenten überhaupt kaufen können. Wichtiger: Mit 256 Milliarden Dollar – minus Handelsspannen etc. – Einkaufsvolumen bestimmt Wal-Mart, was die Industrie entwickeln, produzieren, anbieten und schlussenlich verkaufen kann.
Die Industrie? Da Wal-Mart von Munition für Feuerwaffen (zu Ehren gekommen in Michael Moores „Bowling for Columbine“) bis zu Autos alles anbietet, diktiert Herr Scott Preise, Ausstattungen, Qualität und damit auch die Trends der amerikanischen und in der Folge der globalen Wirtschaft. Weil Wal-Mart so groß ist, wäre eine Auslistung in den Stores für zigtausende von Unternehmen und für Zigmillionen von Arbeitnehmern tödlich.

Und Veit Schalle? Verdient weniger als Lee Scott. Führt nur die Österreich-Tochter des deutschen Rewe-Konzerns. Verkauft eine schmälere Produktpalette (keine Munition!). Aber der Marktanteil von Billa, Bipa, Merkur, Mondo, Emma ist größer als jener von Wal-Mart: über 30 Prozent bei Lebensmitteln und Konsumgütern.
Also: Es ist überhaupt kein Wunder, dass Billa in diesen Tagen ein wenig zerzaust wird. Der todesmutige Leberkäsehersteller, der sich über die Verhandlungsmacht von Billa beklagt, ist ja nur eine Karikatur der wahren Verhältnisse. Natürlich werden die Leberkäselieferanten und mit ihnen Unilever, Nestlé und Master Food von Veit Schalle ausgepresst wie einst die Autozulieferer von Volkswagen-Vorstand Jose Ignacio Lopez de Arriortua.
Es ist eher ein Wunder, dass sich irgendjemand in diesem Land darüber wundert.

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