Die Erfindung der Nervosität

„Warum geht es dem Einzelnen so schlecht, wo es doch allen so gut geht?“
TV-Serie „Der ganz normale Wahnsinn“

Gestern traf mich beinahe der Schlag. Auf die unaufrichtigste und weltweit häufigste Frage („Wie geht es Ihnen, mein Lieber?“) erhielt ich eine merkwürdige Antwort: „Danke der Nachfrage. Es geht mir gut, sehr gut sogar.“ Merkwürdig, da eine positive Antwort heutzutage so selten ist wie italienische Helden, schottische Köche und texanische Demokraten.

Noch merkwürdiger, dass jener Gefragte einer Risikogruppe angehört: Er ist Manager in der Mitte der fünfzig. Also einer jener, die seit Jahren die größte Angst um ihre persönliche Zukunft haben. Die Wahrscheinlichkeit, als „zu alt und zu teuer“ gefeuert zu werden, ist bei Managern relativ groß. Niemand stürzt tiefer als sie, wenn sie den blauen Brief bekommen. Die Chancen auf gleichwertige Comebacks gelten als null und nichtig.

„Woher nehmen Sie Ihre Heiterkeit und Zuversicht?“, fragte ich daher.
„Das hat viele Gründe“, sagte er und zählte auf: Erstens sei er in seinem Fach ziemlich gut. Zweitens sei die schlimmste Zeit
einer „ethnischen Alterssäuberung“, wie er es nannte, vorbei: „Der Jugendwahn ist durch die Desaster der ersten Welle der New Economy gottlob vorbei. Man fängt an, wieder auf Erfahrung und Wissen zu setzen. Ich fände im Notfall auch wieder mehr Stelleninserate, die für mich maßgeschneidert sind.“

„Außerdem“, fuhr er fort, „ist der Job nicht alles. Mir geht es auch persönlich besser denn je. Die Kinder sind aus dem Haus. Man hat weniger Sorgen und mehr Zeit. Ich komme mit dem Geld besser aus. Die wesentlichen Dinge sind angeschafft. Bücher und CDs sind wieder wichtig geworden, wurden aber im Verhältnis zur Kaufkraft eher billiger als teurer.“

Da man nur selten so positiv gestimmte Führungskräfte trifft, notierte ich auch den Rest seiner Aussagen: „Die Diskussion über Jung und Alt ist generell unbefriedigend. Sie ist viel zu flach, fast plakativ. Wir Menschen sind zu individuell, um in grobe Kategorien geworfen zu werden. Ich sehe an meinen Mitarbeitern, Kollegen und Chefs, dass es keine Frage des Alters ist, ob ein Mann oder eine Frau bestimmte Eigenschaften einbringt. Ich kenne Junge und Alte, die müde, uninspiriert und negativ sind und ihre ganze Umgebung verdüstern. Umgekehrt kenne ich Junge und Alte, die leidenschaftlich, inspiriert und positiv sind. Ich erlebte auch schöne Überraschungen, beispielsweise Ältere voll Neugier und Fortschrittslust und Jüngere, die bedachtsam, fair und beinahe weise sind.“

Allerdings, so fügte er hinzu, störten ihn die vielen Ausreden der vielen Unzufriedenen. Jeder versuche, die Schuld an persönlichen Defiziten auf andere abzuwälzen: auf die Politiker, die Unternehmer, die Gewerkschafter, die Kirche, die Juden, die Freimaurer, die Außerirdischen: „Aber spätestens ab fünfundzwanzig ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Alexander der Große eroberte da schon die halbe Welt. Ab fünfundzwanzig zählt nicht mehr nur, ob man genetische Vorzüge oder eine glückliche Kindheit als Geschenk mitbekam. Da gibt es schon Erfahrung, eigenes Wissen und damit Selbstverantwortung. Man ist dann nicht mehr Spielball, sondern Spieler.“ Jene, die sich vor dieser Selbstverantwortung drücken, erkenne man leicht am Satz: „Mir geht es so, wie die anderen wollen.“

So weit die unsentimentale Zeugenaussage eines Mannes, der die Hochebene seiner Reife und beruflichen Macht erreichte.
Man darf sich aber keine Schwachheiten einbilden. Zeugnisse wie diese sind selten. Die Stimmungslage ist generell düster. Sie umfasst alle Altersgruppen und scheint unabhängig von Erfolg und persönlichem Wohlstand.

Die Jungen klagen, von einer schwachen, egoistischen Mittelgeneration nicht ausreichend gefördert zu werden. Jüngste Untersuchungen zeigen wenig Zukunftshoffnung der Teens und Twens. Das ist ein Elendszeichen für jede moderne Gesellschaft.

Die Ruhestands-Alten klagen, dass sie in reichen Ländern wie Österreich kälter aufs Abstellgleis geschoben werden als in jedem armen Land, wo man die Würde des Alters noch hochhält.

Die Enttäuschung und Verzagtheit der ganz Jungen und ganz Alten kann man verstehen. Jene in der üppigen Mitte weniger. Warum jammern auch die 30- bis 60-Jährigen? Nie zuvor gab es in dieser Altersklasse so viele Privilegierte.

Offenbar nützt den wenigsten das Wissen, relativ privilegiert zu sein. Also: relativ wohlhabend, relativ einflussreich und relativ gesund. Man ist offenbar unglücklich, weil die absoluten Träume vom eigenen Leben anders aussehen. Und weil es andere Menschen gibt, die noch wohlhabender, einflussreicher, gesünder und schöner sind.

Prof. Helmut Schoeck, der den ersten Bestseller („Der Neid“) in der jungen Geschichte der Soziologie schrieb, sagte sinngemäß: „Zweierlei kann man uns Menschen nachsagen. Erstens, dass wir programmierte Egoisten sind. Zweitens, dass wir auf jeden neidisch sind, der die nächste realistische Stufe vor uns erklomm.“

Das ist ein Teil der Trübsal, die wie eine Seuche über den Seelen liegt. Der andere könnte mit Ängsten zu tun haben, die es früher nicht gab. Als die Medien noch keine globale Info & Fun-Industrie waren, mag es leichter gewesen sein, in der Geborgenheit der Isolation zu leben.

Man kannte die Wechselfälle der Jahresernten, das Auf und Ab von Geburt, Schule, Aufstieg, Hochebene und Tod. Heute ist der Friede der natürlichen Prozesse gestört. Die elementare Ruhe ist hin. Nervosität ist das Grundgefühl der modernen Gesellschaft. Das Fernsehen in erster Linie hat den guten Schlaf geraubt. Es trägt heute zwei Extreme in die letzten Winkel der Erde. Erstens das Entsetzliche aus aller Welt, wie derzeit die Terrorismuskriege und kurzatmige Nachrichten der sonstigen Unglücke. Zweitens die wirklichkeitsfremde Glitterwelt der Schauspieler, Models, Sänger und Fußballspieler, die beweisen, dass der Kopf der Haare wegen da ist. Der Kontrast ist überwältigend und lähmend.

Maximal ein Prozent der TV-Programme hat mit dem wahren Leben der TV-Konsumenten zu tun, beeinflusst aber zur Hälfte ihre Stimmung. Das ist die eigentliche Disparität unserer Zeit. Wie diese geheilt werden könnte, um die Chance auf geistige Erholung zu wahren, ist ungewiss. Man kennt keine Medikamente, deren Nebenwirkungen nicht noch schrecklicher wären – beispielsweise Zensur oder die Wiederentdeckung feinsinniger Diktatoren.

Der gelegentlich kluge Volksmund sagt: Mit dem Schmerz kommt das Heilende. Bis dahin mag es sinnvoll sein, wenigstens für den „gesellschaftlichen Unterbau“ (Karl Marx) ein paar Erleichterungen in Aussicht zu stellen. Die Wirtschaft der nächsten Jahre wird dafür sorgen, dass aus der Nervosität wenigstens keine Hysterie wird.

Die Schrecken und Schwierigkeiten einer zweifachen Transferzeit (Übergang von Handarbeit zu Kopfarbeit und von Analog zu Digital) haben ihren Höhepunkt hinter sich. Wir lernen mit jedem Tag besser damit umzugehen. Zugleich wird sich mit dem Erwachsenwerden der geburtenschwachen Jahrgänge das wesentliche Kriterium „Arbeitslosigkeit“ entspannen.

Eine materiell weniger nervöse Gesellschaft wird dann vielleicht auch begreifen, wie man die geistigen Defizite in den Griff kriegt.

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