Der Schöne und das Biest

Jugend ist kein Hollywood-Rezept, Schönheit keine Frauensache mehr: Immer mehr Männer begeben sich freiwillig unters Messer, um dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Das Geschäft mit der Schönheit floriert in Österreich üppiger denn je.

Als der Wiener Rechtsanwalt Alfred Boran bei einem Spanien-Flug zufälligerweise einer alten Bekannten in die Arme fiel, erschöpfte sich die Wiedersehensfreude abrupt. „Heast, du bist aber alt geworden!“, rief die Dame, die sich als Schönheitsmedizinerin mittlerweile einen sehr guten Ruf erworben hatte, über die Köpfe der anderen Fluggäste hinweg. „Deine Kummerfalten – die gehören weg. Du solltest bald in meiner Ordination vorbeischauen.“ Boran, von Natur aus ohnedies mit Attraktivität beschenkt, konterte daraufhin nach außen hin flott, aber innerlich platt: „Ich bin schon vor der Schönheitsoperation schöner als du. Also wer weiß, was da nachher herauskommt …“

Dabei lag es möglicherweise gar nicht in der Absicht der Ärztin, taktlos zu agieren. Ihre Aussage spiegelte vor allem das wider, was ihr und der Mehrheit ihrer Kollegen als Normalität erscheint. Denn nicht nur in Amerika, auch in unseren Breitengraden wird der Besuch beim ästhetischen Chirurgen langsam so selbstverständlich wie jener beim Friseur. „In Österreich werden rund 40.000 Eingriffe pro Jahr vorgenommen“, schätzt Helmut Hoflehner, Vorstandsmitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, „wobei wir mit einer jährlichen Steigerungsrate von 20 Prozent bei den Eingriffen rechnen.“

War es bislang nur Popstars, Hollywood-Schönheiten und gelangweilten Gattinnen vorbehalten, sich körperliche Mankos ausbügeln oder wegschnipseln zu lassen, suchen nun zunehmend „normale“ Menschen den Messermann auf. „Unter meinen Patientinnen finden sich nicht wenige Frauen um die 20, die sich prophylaktisch Botox spritzen lassen. Denn die dadurch eingeschränkte Mimik im Stirn- und Augenbereich zögert die Faltenbildung hinaus“, erzählt die plastische Chirurgin Dagmar Millesi. Der Münchner Schönheitschirurg Werner Mang mit Beauty-Klinik am Bodensee berichtet von dramatischeren Einschnitten: „Früher hatten wir eine Altersspanne von 20 bis 60 Jahren. Heute kommen schon 14-Jährige.“

Und noch etwas ist neu: Männer – Jahrzehnte hindurch durften sie sich an Tante Joleschs legendärem Spruch „Alles, was ein Mann schöner ist als ein Aff, ist ein Luxus“ erbauen – holen, wenn es um die Perfektionierung des Äußeren geht, gewaltig auf. Mit „knapp unter zehn Prozent“ beziffert Helmut Hoflehner den Anteil seiner männlichen Klientel. Schönheitschirurg Arthur Worseg, der im Döblinger Villenviertel ein „Aesthetic-Center“ betreibt, spricht gar von „20 bis 25 Prozent, wobei sich die Zahl der männlichen Patienten in den vergangenen drei Jahren verdreifacht hat“. Die häufigsten Operationen bei Männern sind (hier stimmen die Aussagen der Branchenleader überein): Lidkorrekturen, die in manchen Fällen sogar von der Krankenkasse bezahlt werden (siehe auch „Kasse zur Kasse“, Seite 198), Absaugungen der Tränensäcke, Botox-Straffungen, Facelifting, Fettabsaugungen bei Bauch und Brust sowie Haarepilationen im Rückenbereich (siehe „Brust oder Keule“, Seite 199). „Krone“-Kolumnistin und Schönheitsexpertin Doris Grablowitz ortet außerdem einen Zuwachs im Bereich der Penisvergrößerungen durch Eigenfettaufspritzung. An diesbezügliches Zahlenmaterial ist natürlich nicht heranzukommen. Dafür versichert Grablowitz betont seriös: „Einer, der unter einem zu kleinen Penis leidet, freut sich über zwei bis drei Zentimeter zusätzlich gewaltig.“

Dynamik statt Tränensäcken. Der ausgerufene Trend zur Gesichtskorrektur erscheint da vergleichsweise etwas glaubhafter. Das Bild vom interessanten Mann, dessen Antlitz Lebenserfahrung spiegelt, scheint in die Jahre zu kommen. Stil-Ikonen wie die Hollywood-Stars Demi Moore oder Sharon Stone, die mit erheblich jüngeren, zumeist noch faltenfreien Lovern für Schlagzeilen sorgen, tragen dazu weniger bei, als man meinen könnte. Nicht mehr Jugendkult, sondern „die Ausmerzung des Besonderen“ stehe, so der deutsche Kommunikationswissenschafter und Trendanalytiker Norbert Bolz, bei dem Geschäft mit der Schönheit im Vordergrund. „Die Bearbeitung des Körpers ist zu einer Ersatzreligion geworden. Die bürgerliche Identität war als Selbstbewusstsein über das gegebene kreatürliche Ich und über Vergänglichkeit definiert. Dagegen arbeitet unsere Gesellschaft heute an. Es macht den Menschen immer weniger Probleme, ihre Identität mit künstlichen Eingriffen zu verknüpfen.“

Zu den wesentlichen Insignien dieser Künstlichkeit zählt – nicht erst seit heute und gestern, sondern als Vorboten bereits deutlich in den frühen achtziger Jahren erkennbar – die permanente gute Laune, das konstante Gut-drauf-Sein. „Mit weniger Falten schaut man einfach freundlicher aus“, bemerkt der Wiener Dermatologe und Schönheitsexperte Michael Palatin emotionslos, „bei der Mitarbeiterführung wird es heute als Nachteil angesehen, wenn Manager mit traurig überhängenden Schlupflidern oder Kummerfalten auftreten.“ Dynamik verträgt eben keine Tränensäcke.

Tatsächlich belegen unzählige Studien, dass attraktive Menschen automatisch als erfolgreich angesehen werden. Bei einem Versuch am psychologischen Institut Wien wurden 50 Studenten Fotos von ein und derselben Frau vorgelegt: Auf manchen war sie mit Make-up gestylt, auf anderen Natur pur zu sehen. Ergebnis: Die gestylte Frau wurde nicht nur als schöner, sondern auch als lebenstüchtiger eingestuft.

Den Salzburger Walther Jungwirth, in Österreich einer der längstgedienten Spezialisten für ästhetische Chirurgie, amüsieren solche Aussagen und Ergebnisse: „Natürlich schaut man besser aus, aber ich glaube nicht, dass dieser Aspekt in den heimischen Chefetagen eine wesentliche Rolle spielt“, lacht der Verschönerer. „Ich selbst spritze mir seit Jahren Botox in die Stirn, weil ich das Gefühl habe, dass es mich entspannt und ich seltener unter Kopfweh leide. Außerdem fühle ich mich einfach wohler.“

Mit dieser Offenheit steht Jungwirth auf einsamem Posten, denn sie berührt ein Tabu. Um dem Ideal von Schönheit näher zu rücken, nehmen die Leute zwar zunehmend Kredite auf, verscherbeln das Familiensilber, lösen ihre Ersparnisse auf – „Alles, was Sie hier aufzählen, deckt sich mit unseren Erfahrungen“, bestätigt die Ordinationsassistenz von Doris Grablowitz –, nur: Darüber sprechen möchte keiner. „Vor allem operative Eingriffe sind fast immer mit Schmerzen verbunden“, berichtet der unter anderem auf medizinische Kunstfehler spezialisierte Rechtsanwalt Alfred Boran (siehe Kasten). Sogar ein nicht operativer Routineeingriff wie eine Botox-Unterspritzung ist häufig mit Kopfweh in den ersten Tagen verbunden. „Schönheit muss leiden“, besagt das alte Sprichwort – aber Jammern geziemt sich nicht in Zusammenhang mit dem Aufstieg in den Olymp. Bevor sich der Schönheitsbehandelte der Frage stellen muss: „Na und, wie war’s?“ (das muss er unweigerlich, sobald er zugibt, sich unters Messer gelegt zu haben), behauptet er lieber, alles an ihm wäre „echt“.

Sanfte Eingriffe. Um dieser Sehnsucht nach Natürlichkeit entgegenzukommen, bietet die Medizin zunehmend sanftere Behandlungsmethoden an (siehe Kasten rechts). Vor fünf, sechs Jahren etwa wurde der CO2-Laser noch als Wundermittel gegen Narben- und Faltenbehandlung gepriesen. Dieser Tage wird er nur in Sonderfällen angewandt. Wobei Österreichs Laser-Koryphäe Wolfgang Happak und seine Partnerin Doris Spreitzer ganz auf dessen Einsatz verzichten: „Die Wunden haben oft tagelang nachgenässt. Empfindlichere Patienten waren oft für zwei, drei Wochen aus dem Verkehr gezogen.“ Schönheitsexpertin Dagmar Millesi weiß: „Heute bekämpft man unreine Haut mit Chemical Peelings und wendet in komplizierten Fällen punktuell Laser an.“

Die Dermatologin Hajnal Kiprov rät generell zu sanften Applikationen: „Eigenfettinjektionen bringen wieder ein jugendliches Gesicht zurück.“ Bei den Fettabsaugungen macht sich ebenfalls eine rückläufige Tendenz bemerkbar. Denn auch wenn der Eingriff ohne Schwierigkeiten verläuft, muss der Patient damit rechnen, drei bis vier Monate mit beachtlichen Hämatomen durchs Leben zu laufen.

Der jüngste Fett-Killer kommt aus Südamerika, die „Fett-weg-Spritze“, die den ungeliebten Rundmacher einfach wegschmilzt. „Das Produkt ist in der Medizin schon lange bekannt“, klärt Schönheitsexperte Palatin auf, „es wird zur Senkung des Cholesterinspiegels oder zur Prophylaxe gegen Fettembolie bei orthopädischen Eingriffen intravenös verabreicht.“ Nun ist man draufgekommen, dass es, intramuskulär gespritzt, Fettzellen zum Verschwinden bringt. „Man muss sich anatomisch sehr gut auskennen“, warnt Palatin, „gegen schlaffe Oberarme oder vorhängende Bauchdecken, beides sind keine Fettprobleme, hilft die Spritze nicht. Es hat auch keinen Sinn, wenn die Einspritzpunkte zu weit auseinander gesetzt werden.“ Beherrscht der Arzt aber die Technik, sei sie, so Palatin, „vor allem in Zusammenhang mit der Tiefengewebsmassage Endermology optimal“.

In seiner Aussage lässt Palatin eine ganz allgemeine Problematik anklingen: Ein nicht ungefährlicher Aspekt am Geschäft mit der Schönheit ist, dass dafür keine fundierte Ausbildung existiert. „Es gibt viele Ärzte – Gynäkologen, Praktiker, Dermatologen, die behaupten, die Brust gehöre zu ihrem Bereich –, die nicht mehr als einen Schnellsiedekurs belegt haben und operieren“, warnt Helmut Hoflehner von der Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, „auf unserer Service-Hotline (0820/820-600, Anm.) melden sich immer mehr Patienten, die unzufrieden sind.“ Auch der Schönheitschirurg Walther Jungwirth, der in Salzburg ein Fortbildungszentrum für Kollegen betreibt, weiß von Ärzten zu berichten, „die sich einfach zur Altersvorsorge einen Laser kaufen“.

Ethik oder Ästhetik. In der Schönheitsmedizin ist eben nach wie vor viel Geld zu machen. Trotz Billigkonkurrenz aus dem Osten, trotz vermehrter Konkurrenz im eigenen Land. Arbeiteten im Jahr 1998 noch insgesamt 44 plastische Chirurgen in Österreich, so sind es, laut Auskunft der Ärztekammer, heuer bereits 113. „Die goldenen Zeiten sind jedoch vorbei“, meint Herbert Mandl, stellvertretender Fachgruppenobmann für den Bereich plastische Chirurgie in der Wiener Ärztekammer, „in den vergangenen Jahren ist die generelle wirtschaftliche Situation eines Schönheitschirurgen schwieriger geworden, die Preise haben sich fast halbiert.“ Nach außen hin zieht der Glanz der Branche jedoch weite Kreise. Die Zahl der österreichischen Schönheitsinstitute (die Handelskammer berücksichtigte in diesem Fall allerdings auch Piercing- und Tattoo-Studios) wurde vor drei Jahren mit 6000 angegeben, 2003 wuchs sie auf über 7000.

„Die Ethik in der Ästhetik ist das Wichtigste“, postuliert der Dermatologe Palatin. Genau die scheint aber in einer Zeit, in der auch in der Medizin immer mehr Schnelligkeit und Effizienz verlangt werden, manchmal zu kurz zu kommen. In der Euphorie über das Machbare wird gern übersehen, dass der Körper doch keine Maschine ist, bei der sich im Bedarfsfall ruck, zuck bestimmte Teilchen austauschen lassen. Mitte Jänner dieses Jahres meldeten die Tageszeitungen den Tod der US-Autorin Olivia Goldsmith, deren größter Erfolg ihr verfilmter Bestseller „Club der Teufelinnen“ war. Nach einer kosmetischen Operation war die erst 54-Jährige den Komplikationen erlegen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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