Der wahre Mann des Jahres

Erfolg darf niemals relativ, muss immer absolut betrachtet werden – und so gesehen ist Karl-Heinz Grasser der unbedingte Held von 2003.

Die Wahl des Mannes, der Frau des Jahres ist für den trend eine wahrlich ernste Angelegenheit. Sie trägt den Nimbus eines feierlichen Rituals. Monate hindurch werden Dossiers über die zur engeren Wahl anstehenden Kandidaten referiert, diskutiert, gutgeheißen oder verworfen. Der ganze Modus hat nur einen kleinen, aber entscheidenden Fehler – er findet auf demokratischer Basis eines Verdikts der trend-Redaktion statt.

Und so kam es heuer wieder einmal dazu, dass ein Manager, der in einem schwierigen, riskanten Umfeld im Jahr 2003 seine Entscheidungen besser als alle anderen getroffen hat, aufs Titelblatt dieses trend gehoben wurde.

Natürlich ist Andreas Treichl ein guter Mann, aber genauso ist es beispielsweise sein ex-roter, nur mehr halb österreichischer Konkurrent Gerhard Randa. Er hat halt seine Bank an eine reichlich marode deutsche Mutter verscherbeln lassen. Aber wen kratzt das schon? Randa selber verschafft das eine gar nicht so schlechte Position. Dennoch: Treichl ist der erfolgreichere, sagt die trend-Redaktion: weil er den Börsewert seines vergleichsweise kleinen Instituts durch sein Agieren höher als jenen der Bank Austria Creditanstalt gehoben hat.

Alles relativ realitätsfremdes Getue, meine ich. Der einzig wirkliche und wahre Mann des Jahres heißt Karl-Heinz Grasser. Die Begründung ist absolut einfach: Andreas Treichl hat tatsächlich 2003 eine beeindruckende Performance hingelegt, er wird das auch in den kommenden Jahren schaffen, aber – was ist 2006, 2007? Wird er da noch immer der erfolgreiche Sonnyboy und Banker sein? Wird die Erste vielleicht nicht doch von der russischen Staatsbank, die dann dem neuen Staatschef Michail Chodorkowski gehört, geschluckt? Ja, das kann passieren, wenn man die Wahl des Mannes des Jahres auf den Erfolg eines Jahres fokussiert.

Wollte die trend-Redaktion hundert Prozent sichergehen, dass der Mann des Jahres niemals ein Schicksal jener Menschen, die bereit sind, Risiko einzugehen, erleiden wird, dann hätte eindeutig der Finanzminister den aktuellen Cover zieren müssen. Er wird nie einen Absturz erleben, er wird in zehn Jahren noch genauso lächeln wie gerade, und außer der Frau an seiner Seite wird es keinen Wechsel geben, der für ihn eine Verschlechterung bedeuten könnte.

Warum ich da so sicher bin? Betrachten wir seine Leistung in diesem Jahr:
Der Finanzminister hat sich bekanntermaßen eine Homepage mit seinen Bubifotos, die unter Brüdern 20.000 Euro kostet, von der Industriellenvereinigung mit 175.000 Euro finanzieren lassen. Natürlich gab es böse Fragen, aber hat es Grasser irgendwie geschadet?

Gesetzt den Fall jedoch, die Börse Wien hätte Andreas Treichl und seiner schönen Bank exklusiv einen Auftritt im World Wide Web finanziert. Meinen Sie, er hätte die Attacken der anderen österreichischen Börse-AGs nur einen Tag lang überlebt?
Also: 1:0 für Grasser.

Oder: Karl-Heinz Grasser hat sich seine Reden vor illustrem Publikum teuer bezahlen lassen. Wenn der Finanzminister zu seinen Steuerzahlern spricht, dann darf ihnen das schon 10.000 Euro wert sein – oder nicht? Natürlich. Schließlich spricht auch Treichl auf Roadshows für die Erste Bank vor seinen potenziellen neuen Aktionären, und da er Aktien seines Unternehmens hält, kommt ihm das ja auch einmal zugute.
Also, gleiches Recht für alle. Ja, wenn sie die Einnahmen aus ihrer Tätigkeit auch rechtens versteuern. Nur – wie würde das Finanzamt mit Treichl verfahren, wenn er die gleiche Steuermoral wie der Finanzminister bei der fiskalischen Behandlung seiner Vortragseinnahmen an den Tag legen würde?
Klares 2:0 für Grasser.

Dann wäre da noch ein kleiner Punkt, der für den Finanzminister spricht: Er hat doch voller Stolz (ein guter Tag beginnt mit einem ausgeglichenen Budget) die Erreichung des Nulldefizits angekündigt. Zwar blieb es bei der großen Versprechung, ihm erwuchsen daraus heuer aber keine Konsequenzen.

Nur einmal angenommen, Andreas Treichl hätte die Erwartungen seiner Eigentümer derartig verfehlt, wäre er dann überhaupt noch in der Position gewesen, um 2003 zum Mann des Jahres gewählt werden zu können? Natürlich nicht. Und deshalb ist mit 3:0 absolut klar, dass Karl-Heinz Grasser der wahre Mann des Jahres ist.

Nur die trend-Redaktion sieht das nicht ganz so. Selbst das Argument, Treichl hätte sich ja auch die schützenden Hände von Wolfgang Schüssel und Hans Dichand sichern können, wollte nicht mehr greifen.

Da bleibt nur mehr einzusehen: Eine gute Redaktion wählt halt einfach den besten Mann des Jahres.

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