Das Märchen vom sicheren Gewinn

Seit Jahren locken die Banken Anleger mit dem Argument, Fonds seien sicherer als Aktien, in diese Papiere. Doch nicht erst seit dem Wirbel um Quadriga bauen Investmentfonds oft Schwindelerregende Verluste.

Es war einmal ein Anleger. Der dachte: „Ich kaufe keine Aktien – das ist zu riskant. Was geschieht, wenn die Firma, an der ich beteiligt bin, Pleite macht? Dann verliere ich einen großen Teil meines Geldes. Bei der Bank höre ich immer wieder, Fonds seien viel sicherer. In so einem Fonds sind mehrere Dutzend Aktien drinnen, das reduziert das Risiko.“
Weil der Anleger nicht nur an die Argumente der Banken, sondern auch an die Segnungen der modernen Technologie glaubte, kaufte er den Emerging Information Science von Putnam, einer internationalen Fondsgesellschaft. Das war im Jahr 1985. Bis zum Jahr 1999 legte der Fonds jährlich im Schnitt 22,6 Prozent zu, und der Anleger freute sich sehr. Zwischen Februar 1999 und Februar 2000 waren es plus 330 Prozent, und der Anleger freute sich noch mehr. Doch zwischen Februar 2000 und März 2003 verlor der Fonds 91 Prozent – um dann bis Jänner 2004 wieder 192 Prozent zuzulegen. Da wurde dem Anleger ganz schwindlig, und er dachte: „Da muss ich wohl etwas falsch verstanden haben – wie war das doch gleich mit den sicheren Fonds?“

Fonds mit Nervenkitzel. Die (echten) Zahlen des (fiktiven) Anlegers zeigen: Auch Fonds können schwindelerregende Kursschwankungen liefern. Und spätestens seit die österreichische Kapitalanlagegesellschaft Quadriga/Superfund wegen Problemen mit der Zulassung in Deutschland den Sprung in die Schlagzeilen geschafft hat, denken auch breitere Anlegerschichten über die Sicherheit ihrer Fonds nach.
Seit Jahren verkaufen Banken Fonds mit dem Argument, diese seien vor allem
für sicherheitsbewusste und weniger gut informierte Anleger die Patentlösung schlechthin. Wer Aktien kauft, sei der Kurs-Hochschaubahn an der Börse direkt ausgesetzt. Ganz anders, so das Argument der Banken, bei Fonds: Professionelles Management, breite Streuung des eingezahlten Kapitals auf mehrere Aktien – was soll da noch schief laufen?
Zwar zählt der Putnam Emerging Information Science zweifellos zu den Extrembeispielen, doch schief gelaufen ist in letzter Zeit einiges. Die hochgejubelten Hedgefonds lieferten in den vergangenen Monaten relativ häufig Verluste, bei Aktienfonds gab es eine deftige Flurbereinigung mit zahlreichen Fondsschließungen und -fusionen, und bei Anleihenfonds zittern Anleger wie Fondsmanager derzeit vor den negativen Auswirkungen möglicherweise bald steigender Eurozinsen. Bei einigen Fonds müssen sich die Anleger inzwischen fühlen wie auf einer Hochschaubahn mit Turbo.
„Das Thema Fonds und Risiko wird in Zukunft immer wichtiger“, signalisiert Hans Leitner, Manager des Espa Stock Technologiefonds der Erste Sparinvest, ein Umdenken in der Branche. „Es ist schon richtig, dass Anleger in der Vergangenheit nicht immer einen Zusammenhang zwischen den Begriffen Fonds und Risiko gesehen haben. Aber die Frage nach dem Risiko sollte für Anleger bei jedem Kauf eigentlich die erste sein.“
Leitner weiß, wovon er spricht. In einem „Negativranking“ der Fonds mit den größten Wertschwankungen (Volatilität) rangiert der von ihm gemanagte Espa Stock Internet Fonds unter jenen mit den größten Ausschlägen – kein anderer österreichischer Fonds liefert seinen Inhabern einen vergleichbaren Nervenkitzel. Mit durchschnittlichen monatlichen Schwankungen von 13,51 Prozent – beobachtet wurde dabei der Zeitraum zwischen August 1999 und Juli 2004 – stellt der Fonds einige Anforderungen an das Nervenkostüm seiner Inhaber.

Das Timing macht es aus. Doch eine für Anleger eher unangenehme Erkenntnis liefert das Ranking auch noch: Trotz der hohen Volatilität zeichnete der Fondsdatenbank-Betreiber Standard & Poor’s den Espa-Fonds für überdurchschnittlich gutes Management mit vier von fünf möglichen Sternen aus. Was den Schluss zulässt, dass Anlegern bisweilen vielleicht gar nicht erspart bleibt, ein gewisses Risiko einzugehen. „Risiko ist die Voraussetzung für Gewinne“, meint Leitner. „Es gibt eben kein Investment, das 100 Prozent Wertzuwachs verspricht, das aber bei nur fünf Prozent Risiko.“ Den Zeitpunkt für einen Einstieg in Internetwerte hält der Fondsmanager derzeit übrigens trotz flauer Börsenstimmung für günstig.
Dass einander exorbitante Verluste und hohe Renditen keineswegs ausschließen, zeigt der Nippon Portfolio der Gutmann KAG. Mit einem maximalen Verlust (Maximum Drawdown) von 55,35 Prozent in einer Bewegung zählt er zu den schlechtesten Fonds seiner Kategorie. Nur ein einziger Fonds (Baring Japan Growth) lieferte in seiner Geschichte einen geringfügig höheren Verlust. Der Gutmann-Fonds war damit sogar hauchdünn schlechter als der Index.
Doch das ist nur die unerfreuliche Hälfte der Wahrheit. Die erfreuliche: Mit Stichtag 30. April lag der Fonds auf Jahresbasis mit einem Plus von fast 75 Prozent praktisch uneinholbar in Führung, der zweitbeste Fonds schaffte bloß die halbe Performance, und auch im 3-Jahres-Vergleich lieferte der Fonds als einziger trotz des katastrophalen Marktumfeldes ein Plus. Alle Mitbewerber lagen im Minus.
Friedrich Strasser, Geschäftsführer
der Gutmann Kapitalanlagegesellschaft: „Man muss Privatanlegern einfach den Rat geben, auf das Timing zu achten. Wenn ein Privatanleger selbst über sein Investment entscheidet und das nicht einem Dachfonds überlässt, dann muss er den Markt eben ganz genau beobachten.“ Ob Kleinanleger damit nicht überfordert sind? „Nicht unbedingt. Wer die Wirtschaftszeitungen aufmerksam gelesen hat, konnte beispielsweise feststellen, dass Japan immer häufiger in positivem Zusammenhang genannt wird und dass die Deflationsspirale überwunden ist. Da kann man schon über einen Einstieg nachdenken.“
Weniger Glück mit hohen Schwankungen hatte indes der Österreich-Zweig der Schweizer Vontobel-Bank. Mit einem Maximalverlust von 63 Prozent bescherte der Austrian Selected Growth Fund den Anlegern zwar bisweilen schlaflose Nächte, doch insgesamt schaffte der Fonds immer wieder den Sprung in die Spitzengruppe. „Wir zählten zu den erfolgreichsten Österreich-Fonds. Aber das hat leider nicht gereicht“, trauert Peter Gruber von der Vontobel-Kapitalanlagegesellschaft dem Fonds nach: Dieser wurde im Sommer geschlossen. „Wir haben nie das nötige Volumen erreicht“, meint Gruber bedauernd. Dass die hohen Wertschwankungen daran einen gewissen Anteil haben könnten, glaubt er freilich nicht. „Wir sind keine ausgesprochene Retailbank. Der Sparkassensektor oder Raiffeisen hat da viel bessere Möglichkeiten, unter Umständen auch schlechtere Fonds ins Publikum zu verkaufen.“

Wetten, dass ... Dennoch gibt es auch Fonds, die es (zumindest bisher) geschafft haben, ohne größeren Vertriebsapparat zu reüssieren: die Hedgefonds. Streng genommen dürfen sol-
che Fonds in Österreich erst seit der jüngsten Fondsgesetznovelle im Frühjahr verkauft werden, doch findige Finanzgenies fanden einen Ausweg: Statt eines Fonds gründeten sie eine Aktiengesellschaft, deren Aktien an der Börse gehandelt werden und die das Geld aus den Aktienemissionen so anlegt, als wäre sie ein Hedgefonds.
Nach dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 stieg diese Anlagekategorie in kürzester Zeit zum Star des Investmentuniversums auf. Hohe Renditen, unabhängig von den Börsen – das versprachen die Manager damals. Doch heuer läuft das Geschäft weit weniger erfreulich: Mehrere dieser alternativen Investments bauen Verluste, und dann warf noch die „Quadriga-Story“ einen Schatten über die Branche. Ende Juli verfügte die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin einen Verkaufsstopp für die Quadriga/Superfund-Genussrechte A, B und C, weil diese gegen das Verkaufsverbot von Single-Hedgefonds in Deutschland verstießen.
Die Attacke der deutschen Behörden – die den Rückzug des österreichischen Anbieters fünf Monate vor Ablauf der Übergangsfrist erzwang – kam zur Unzeit. Zwar kann Quadriga auf beachtliche Erfolge in der Vergangenheit verweisen: Seit 1996 belief sich der Wertzuwachs auf mehr als 400 Prozent. Doch mit den neuen Superfund-Produkten gibt es Probleme. Der Superfund A rutschte seit dem Start im Vorjahr bis zum Verkaufsstopp in Deutschland mit 20 Prozent ins Minus, der Superfund C verlor sogar 38 Prozent.
Für Quadriga-Verkaufsleiter Helmut Spitzer sind das aber keineswegs alarmierende Zahlen. „Wir liegen da absolut im Branchendurchschnitt, und der ist im Moment eben nicht so toll. Als Trendfolger leiden wir darunter, dass es momentan eben kaum ausgeprägte Trends gibt, aber so eine Situation hält üblicherweise nicht lang an.“ Solche Trendfolger setzen auf Auf- oder Abwärtstrends an sämtlichen Märkten, egal, ob Aktien, Schweinebäuche, Gold oder Weizen. Solang es klare Bewegungen gibt, läuft die Sache gut. Probleme tauchen nur bei volatilen, also schwankenden Märkten auf, wie sie für die vergangenen Monate charakteristisch waren. Da sehen Hedgefonds, die die Trendfolge-Strategie anwenden, alt aus.

Nie auf nur ein Pferd setzen. Den Wirbel um die alternativen Investments kann Spitzer dennoch nicht verstehen. „Bei Aktien gab es immer wieder Abwärtsphasen von drei Jahren und mehr – da hat niemand daran gezweifelt, dass Aktienfonds grundsätzlich etwas Vernünftiges sind. Ich sage trotz der momentanen Schwäche: Die Zeit der Hedgefonds kommt erst.“
Eine gewagte These, die Franz Wilhelm, Chef des Fondsmanagements der
C-Quadrat Kapitalanlagegesellschaft, zumindest nicht für völlig unsinnig hält. „Das Risiko für einen Einzelfonds kann man nie ausschließen, aber auch hier lässt sich durch Diversifikation einiges an Problemen vermeiden. Nur sollte niemand den Fehler begehen, auf ein einziges Pferd zu setzen.“ Wilhelm erinnert dabei an das Debakel des Mega-Hedgefonds LTCM, der von Vollprofis – und sogar einem Nobelpreisträger – gemanagt wurde, 1998 aber dennoch nur durch eine größere Finanzspritze vor dem Zusammenbruch bewahrt werden konnte. „Außerdem soll man es wie der US-Milliardär und Investmentguru Warren Buffett halten und nur das kaufen, was man auch versteht“, meint Wilhelm.

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