Das Jahr der Hoffnung

Was kommt? Wie wird’s? Was bringt’s? Trendforscher, Manager, Unternehmer, Politologen, Wirtschaftsexperten – und eine Wirtschaftsastrologin – prophezeien, was das Jahr2004 Gutes bringen wird.

Siemens-Vorstand Brigitte Ederer setzt, was die Zukunft betrifft, auf Intuition. „Es ist vor allem ein Gefühl, aber ich glaube, 2004 wird es eine leichte Erholung geben. Es wird nicht überhitzt sein, aber jedenfalls ein bisschen besser als zuletzt.“

Freilich, nur auf den Bauch zu hören würde ihrer wichtigen Funktion nicht entsprechen, also hat sie auch handfeste Indikatoren für den erwarteten Wirtschaftsaufschwung anzubieten: „Seit diesem Dezember verzeichnet unser Automation-and-Drives-Sektor wieder Auftragszuwächse. Dieser Bereich ist traditionell sehr starken konjunkturellen Schwankungen unterworfen.“

Geht es Siemens gut, darf die Welt nicht klagen – also ist die ehemalige Wiener Finanzstadträtin auch insgesamt und überhaupt frohen Mutes. „Ich glaube, dass es weltwirtschaftlich eine leichte Erholung geben wird. China und die USA wachsen stark, das bringt auch für Europa einen Silberstreif am Horizont.“

Die Konjunktur, ein zartes Pflänzchen. Silberstreif am Horizont, zartes Pflänzchen Wachstum, vorsichtiger Optimismus: Die meisten Unternehmer sehen ein gutes Jahr 2004 heraufdämmern – eines, in dem wenigstens kein großer Krieg, kein Feldzug zu befürchten ist, zumindest vorläufig nicht.

Der trend fragte neben Ederer auch noch andere prominente Manager und ausgewiesene Wirtschaftsexperten nach ihren Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten, das Jahr 2004 betreffend. Grundtenor: Schlechter kann es kaum mehr werden – also muss es zwangsläufig aufwärts gehen.
Veit Sorger, Vorstand der Frantschach AG und damit einer der größten Papiererzeuger des Landes, beschreibt sein 2004-Feeling mit „verhaltenem Optimismus“, denn: „Bei leichtem Wirtschaftswachstum wachsen auch die Verpackungsmengen mit.“ Der wahrscheinliche neue Präsident der Industriellenvereinigung glaubt zwar, „dass wir keine Bäume ausreißen werden, aber die Ostöffnung gibt neue Impulse“.

Eine Einschätzung, die auch „Baulöwin“ Michaela Mischek teilt. „Die Osterweiterung regt die Fantasie an, signalisiert Aufbruch und Optimismus. In Zeiten, in denen es kein großes Wachstum, aber auch keine großen Einbrüche gibt, braucht es einen emotionalen Impuls. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf dieses Datum.“ Auch ihr Optimismus stützt sich auf eine durchaus real existierende Datenbasis: „Die Nachfrage nach Wohnungen hat schon wieder zugenommen, die Hoffnung ist da, dass da die Nachfrage auch 2004 kräftig wächst.“

Zweitausendvier, so viel ist klar, wird ein Jahr mit vielen Unbekannten; der versprochene und so sehr erhoffte Aufschwung ist noch alles andere als ausgemacht. Helmut Kramer, skeptischer Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, predigt eine „leichte Erholung, aber noch keinen nachhaltigen, selbsttragenden Aufschwung“. Er erwartet für kommendes Jahr rund ein Prozent reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts – immerhin mehr als die für 2003 erwarteten 0,8 Prozent.

Stagnierender Werbemarkt. Ein wichtiger Markt, der Indikator für den Gang der Geschäfte insgesamt ist, dürfte 2004 jedenfalls noch nicht so recht in Fahrt kommen. Franz Prenner, umtriebiger Boss des Privat-TV-Senders ATVplus, glaubt, dass der Werbekuchen insgesamt nicht größer wird, denn „es tauchen keine neuen, großen Marken auf“. Für sein Unternehmen hat er die besten Absichten, dem ORF Marktanteile wegzuschnappen, aber insgesamt sieht er einige Probleme auf die Alpenrepublik zukommen: „Die Investitionsbegeisterung von internationalen Konzernen in Österreich hält sich in engen Grenzen. Ich sorge mich um die Zukunft des Landes. Man müsste sich wieder interessanter machen.“

Prenner spricht damit die viel zitierte „Standortfrage“ an; ein Thema, dass Wirtschaft und Regierung durchaus beschäftigt: nämlich wie potenzielle ausländische Investoren ins schöne Österreich gelockt werden können. Zehn neue EU-Länder, die mit wesentlich geringeren Steuerbelastungen und deutlich billigeren Arbeitskosten auftrumpfen und dazu noch Absatzmärkte mit enormem Potenzial darstellen, machen das Problem nicht kleiner. Prenner: „Die Konzerne setzen auf die dort zu erzielenden Margen, die Märkte sind billiger und viel größer.“

Risikofaktor Klimawandel. Klingt hier – durchaus nachvollziehbar – ein bisschen Angst vor der Osterweiterung durch, ist Luxusmöbelerzeuger Heinz Hofer-Wittmann von den Wittmann-Möbelwerkstätten ein erklärter Freund des Ostens, auch und gerade von Ländern, die außerhalb der EU liegen. „Uns wird’s gut gehen, wir bauen den Export gerade vehement aus, und zwar vor allem in Russland und der Ukraine, aber auch in Fernost.“

Seine Sparte, die Möbelbranche, war in den Jahren der Stagnation ebenfalls „mitgefangen“, doch das nächste Jahr, so hofft der Möbelbauer, „werden sich die bis dato rückläufigen Möbelmärkte wieder auf ein geringes Wachstum einpendeln“. Nachsatz: „Die Sparguthaben der Menschen haben jetzt eine gewisse Höhe erreicht, und es ist nichts passiert, die Verbraucher fassen wieder Mut.“

Keiner der Befragten, auch nicht Hofer-Wittmann, lässt den Hinweis darauf aus, dass es „Imponderabilien“, Unwägbarkeiten, sonder Zahl gäbe. Siemens-Vorstand Ederer spricht wie viele andere von der extrem leichten „Verwundbarkeit“ des labil gewordenen Gesamtsystems: „Wenn es irgendwo Terror gibt, bricht alles sofort wieder zusammen.“

Eine Unwägbarkeit, die nun freilich immer deutlicher als berechenbare Größe zutage tritt, macht einigen Wirtschaftstreibenden ernstes Kopfzerbrechen: Das Phänomen des Klimawandels lässt wichtige Teile der heimischen Wirtschaft kräftig zittern. Atomic-Boss Michael Schineis saß Anfang Dezember im salzburgischen Altenmarkt, blickte sorgenvoll auf grüne Hänge und sah graue Gipfel, dort, wo früher um diese Zeit längst das weiße Gold glänzte. „Wir sind in nicht unproblematischen Märkten unterwegs und extrem vom Schnee abhängig“, klagt der erfolgreiche Manager. In Deutschland, dem wichtigsten Markt, war es auch zu Nikolaus noch viel zu warm, um die Käufer massenhaft zu den Carvingbrettln greifen zu lassen; und im Zweifelsfall wird der Kauf von Skiern, die man ja bekanntlich nicht unbedingt zur Existenzsicherung braucht, eben nochmals auf nächstes Jahr verschoben.

Obwohl nicht vom Wintersportfach, macht sich auch Frantschach-Boss Sorger diesbezüglich seine Gedanken. Gesamtwirtschaftlich seien die „Unsicherheiten im Tourismus durch witterungsbedingte Umstände ein Problem“, orakelt der erfahrene Manager. „Wenn der Schnee ausbleibt, so bedeutet das sicher eine Delle für die heimische Wirtschaft.“

Fazit: Es wird fast alles besser, wenn auch nicht mit Riesenschritten. Und: Die Erholung der Wirtschaft bleibt – so wie die Schneelage – eine reine Zitterpartie, die noch dazu vorwiegend von fremden, höheren Mächten gesteuert wird. Kommt der Aufschwung in Good Old Germany, dann kommt er auch bei uns. Erst wenn Deutschland, so prognostiziert beispielsweise die OECD, seinen wirtschaftlichen Turnaround geschafft habe, werde es auch in Österreich wieder aufwärts gehen. Die OECD verspricht Österreich übrigens 1,6 Prozent BIP-Wachstum, doppelt so viel wie im mageren Jahr 2003.

Mehr Pleiten, mehr Konkurse. Neben dem breiten Chor der „Halbwegs-Optimisten“ gibt es auch ein paar durchaus ernst zu nehmende Mahner. Der weltgrößte Kreditversicherer Euler Hermes etwa rechnet für das kommende Jahr trotz konjunktureller Erholungssignale mit einer rapiden Zunahme der Firmenpleiten bis hin zu einem neuen Höchststand. Auch größere und ältere Unternehmen geraten laut dieser Prognose in finanzielle Schwierigkeiten – daraus leiten die Pessimisten zumindest für Deutschland ein weiteres Arbeitslosendesaster ab; Steuerentfall und mehr Geld für die „Stütze“ könnten das zarte Pflänzchen der Konjunktur dort gleich wieder knicken.

Auch vor Österreich dürfte diese Tendenz kaum Halt machen. Der Inkassoverband warnt vor einer stark steigenden Zahl von Privatkonkursen wie auch Insolvenzen im gewerblichen Bereich. 900.000 Östereicher befänden sich demnach bereits jetzt in der „Schuldenfalle“; als Gründe gelten exzessive Handy-Nutzung, unkontrollierte Versandhausbestellungen sowie ganz allgemein „nicht finanzierbare Freizeitaktivitäten“. Im gewerblichen Bereich kracht es nach wie vor kräftig in der Bauwirtschaft sowie in der EDV- und Medienbranche, weiß der Präsident des Inkassoverbands, Manfred Ratz.

Warnende Stimmen. Weil Experten, die negative Prognosen geben, gleich einmal als notorische Aufschwungsschädlinge verteufelt werden, sind „dissenting opinions“ rar. Wenn jemand dann doch seine warnende Stimme erhebt, dann tut er das wohl nicht leichtfertig. Markus Langes-Swarovski, designierter Chef des Swarovski-Konzerns, eines heimischen Paradeunternehmens, glaubt etwa, „dass sich die große Erholung 2004 noch nicht einstellen wird“. Das Unternehmen selbst werde sich auf hohem Niveau behaupten, aber insgesamt sei für exportorientierte Unternehmen die Euro-Dollar-Relation kritisch. Auch der Nahe Osten habe sich noch nicht vom Kriegsschock erholt, „und das schlägt sich im Konsumentenvertrauen nieder“. Erst 2005, so der junge Konzernsprecher, erhoffe man wieder einen „echten Erfolg“.

Jedoch auch das übernächste Jahr ist noch keine „gmahte Wiesn“. Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank etwa und wohl kein wirtschaftspolitisches Leichtgewicht, glaubt zwar auch an ein relativ gutes Jahr 2004, doch „Sorgen mache ich mir um 2005“. Warum? Weil genau dann die USA „abstürzen“ könnten. Walter: „Der Wahlkampf im kommenden Jahr – und die damit verbundenen Zuckerln an die Wählerschaft – dürfte ein noch tieferes Loch in das US-Budget reißen.“ Sollten die bisher durch Steuernachlässe, Rabatte und Umschuldungen finanzierten vorgezogenen Käufe 2005 durch nichts ersetzt werden können, drohe der US-Konjunktur ein Rückschlag, der auch für die EU nicht folgenlos bleiben würde.

Freilich steht Walter damit im Widerspruch zu den meisten, auch heimischen Wirtschaftsforschern, die noch immer fest daran glauben, dass 2005 die Konjunktur erst so richtig losbrummen werde – mit einem BIP-Wachstum jenseits der kritischen 2-Prozent-Marke.

Wifo-Forscher Markus Marterbauer ortet schon jetzt eine „markante Verbesserung der Stimmung in der Exportindustrie“ und interpretiert sie als Anzeichen für eine deutliche Konjunkturerholung, nur leider: Die Bevölkerung insgesamt mag noch nicht so recht auf die Verheißungen der da kommenden, goldenen Jahre vertrauen. Laut einer market-Umfrage von diesem Herbst glauben rund doppelt so viele Österreicher an eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage als jene, die von einer Verbesserung der Situation ausgehen. Die Skepsis, so zeigt die Untersuchung, zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten – daher wurde auch nicht überdurchschnittlich viel Geld in den (Weihnachts-)Konsum gesteckt.

Arbeitslosigkeit als Hauptproblem. Sparen, jeden Euro umdrehen, das müssen naturgemäß vor allem diejenigen, die derzeit und möglicherweise auch im nächsten Jahr ohne Arbeit dastehen. Auf Jobsuche sind jetzt schon 293.000 Menschen, und ein Problem bekommt dadurch nicht nur der Einzelne, sondern auch die gesamte Wirtschaft. Herbert Tumpel, Präsident der Wiener Arbeiterkammer, kann angesichts stark gestiegener Arbeitslosenzahlen keine aufkeimende Aufbruchsstimmung empfinden: „2004 wird das schlimmste Jahr für den Arbeitsmarkt seit langem, bis zu 12.000 Arbeitslose mehr, Monat für Monat.“

Arbeitsmarktexperten wie Josef Wallner von der AK warnen vor einer weiteren signifikanten Zunahme der Arbeitslosigkeit, im Jahresschnitt von derzeit sieben auf 7,3 Prozent. Auch Helmut Mahringer vom Wifo stützt diese Prognose; er fürchtet vor allem, dass sich ein Stock von Dauerarbeitslosen bilden könnte, „die zu lange ohne Beschäftigung bleiben und nicht mehr in dauerhafte Arbeitsverhältnisse zurückfinden. Das kann sich verfestigen und ist nur schwer aufzubrechen.“

Jedes Ding hat zwei Seiten; zumindest ist die Arbeitslosigkeit regional wie sektoral sehr unterschiedlich ausgeprägt. Atomic-Boss Schineis kann die Klagen über die hohe Arbeitslosigkeit nicht nachvollziehen: „Bei uns hier im Pongau finde ich einfach nicht genug Facharbeiter.“

Und Groß-Gastronom Toni Mörwald ist sowieso einer, der „Erfolg durch eigene Kraftanstrengung“ predigt. Das für ihn schon erfolgreiche Jahr 2003 will er 2004 noch toppen: „Wir werden nachrüsten, noch mehr Wert auf Service und Kundenzufriedenheit legen.“ Er ist einer, der grenzenlosen Optimismus zum Programm erhoben hat. Seine hoffentlich eintreffende Generalprognose lautet: „Österreich ist auf einem guten Kurs. Mit noch mehr Einsatz wird’s noch besser gehen.“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente