Das große Geschäft mit dem Glück: Österreich ist ein Land des Glücksspiels

Doch immer mehr private Firmen machen mit spannenden Wettspielen und attraktiven Gewinnmöglichkeiten den halbstaatlichen Casinos und Lotterien Spieler abspenstig. Und 2006 ist ein Schicksalsjahr für die gesamte Glücksspiel-Industrie.

An der Wiener Ringstraße befinden sich zwei Schaltzentralen des europäischen Glücksspielgeschäfts. Beide sind in Gebäuden des berühmten Ring-Baumeisters Theophil Hansen beherbergt. Doch diese Ähnlichkeit ist natürlich reiner Zufall: Im Geschäftsmodell, im Auftreten und in der Strategie liegen zwischen den beiden Unternehmen, die keine fünf Gehminuten voneinander entfernt sind, Welten.

Im Palais Ephrussi am Dr.-Karl-Lueger-Ring residieren die Casinos Austria. Im Foyer signalisieren uralte US-Spielautomaten, dass hier die Tradition wohnt. Das Chefbüro: dunkle Ledergarnitur, wuchtiger Schreibtisch, gediegenes Flair. Der Chef selbst, Leo Wallner, ist die Contenance in Person. Der 70-Jährige würde nie ein aggressives Wort über seine Lippen bringen. Und so sagt er nur leise: „Man kann nachts bei Rot über eine Kreuzung gehen, wenn kein Polizist in der Nähe ist, und wird dafür nicht bestraft werden. Trotzdem ist es illegal.“

Das ist auf Manfred Bodner, 43, gemünzt, den Chef des Online-Glücksspielriesen Betandwin, der im historischen Börsengebäude am Schottenring untergebracht ist. Junge Empfangsladys mit Headset weisen den Weg durch lichtdurchflutete Gänge. Einziges auffälliges Utensil im Chefbüro: ein überdimensionaler Flatscreen an der Wand. Dass Betandwin ohne Rücksicht auf nationale Grenzen und Lizenzen seine Wetten und Casinospiele anbietet, mag Wallner im Palais Ephrussi als illegal brandmarken. Für Bodner, dessen Unternehmen eine Casinolizenz in der britischen Kronkolonie Gibraltar hält, ist es die Vorwegnahme der europäischen Dienstleistungsfreiheit. „Die überbezahlten Halbbeamten in ihren Monopolistenburgen wollen sich doch gar nicht dem Wettbewerb stellen“, lautet seine nicht gerade zimperliche Kritik an den Platzhirschen.

Gaming-Duell. Die beiden österreichischen Anbieter liefern einander einen Kampf auf höchstem Niveau. Casinos Austria und Betandwin sind, jeweils auf ihre Art, Aushängeschilder der Branche. Martin Oelbermann von der Münchner Gaming-Consultingfirma MECN hält etwa die Casinos Austria mit ihren 72 Spielstätten auf dem ganzen Globus für „eines der best gemanagten Glücksspielunternehmen weltweit“. Betandwin wiederum wurde vom Branchenmagazin „E-Gaming Review“ eben zum „European Hotshot of the Year“ geadelt. Mit dem mindestens 474 Millionen Euro teuren Kauf des schwedischen Online-Poker-Anbieters Ongame haben Bodner und sein Co-Vorstand Norbert Teufelberger kurz vor Weihnachten den bisher größten Deal der noch jungen Internet-Gambler-Branche angekündigt.

Woran liegt es, dass ausgerechnet zwei österreichische Unternehmen auf dem internationalen Glücksspielmarkt so gute Karten haben? Kennen sich die Österreicher beim Zocken besser aus? Die Marktzahlen legen es nahe, dass Glücksspiel hierzulande einen höheren Stellenwert hat als beispielsweise im großen Nachbarland: Um zwei Milliarden Euro spielten die Österreicher 2005 in den zwölf heimischen Casinos Roulette, Black Jack oder an den Spielautomaten – im zehnmal größeren Deutschland werden laut MECN in den klassischen Casinos gerade einmal elf Milliarden ausgegeben. 1,8 Milliarden Euro bringen der Casinos-Austria-Beteiligung Österreichische Lotterien Lotto, Toto, Internet-Spielangebote & Co ein – der Deutsche Lotto-Toto-Block erlöste zuletzt 8,1 Milliarden Euro. Und den 400 Millionen Euro, die die Österreicher bei privaten Buchmachern verwetten, stehen rund 1,5 Milliarden im Nachbarland gegenüber.

Kurzum: Während der durchschnittliche deutsche Bundesbürger pro Jahr, Spielautomaten inklusive, 380 Euro auf sein Glück setzt, lassen sich die Österreicher Spannung, Nervenkitzel, Rechthaberei oder schlicht Gier rund 600 Euro kosten – illegale Hütchenspiele oder private Wetten am Fußballplatz sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Früher Einsatz. Die austriakische Liebe zum Glücksspiel hängt wohl damit zusammen, dass sie schon früher gepflegt wurde als anderswo. Leo Wallner hat in 38 Jahren an der Spitze der Casinos Austria aus den damals als halbseiden verschrienen Spielhöllen moderne Unterhaltungsstätten gemacht. Wallners Beharrlichkeit hatte auch auf der Anbieterseite Folgen: Weil für eine ganze Legion ehrgeiziger, talentierter Manager aus dem rasant expandierenden Casinos-Austria-Imperium der Chefsessel unerreichbar war, gründeten sie eben eigene Glücksspielunternehmen. Betandwin-Mann Teufelberger war etwa Manager der Casinos Austria International in den USA und half dann bei der Gründung der – seit 2005 an der Wiener Börse gelisteten – Century Casinos, ehe er in die New Economy wechselte.

Sportwetten wiederum gelten hierzulande als Geschicklichkeitsspiel, das nicht dem Glücksspielmonopol unterliegt – das ist in Europa sonst nur bei den wettfanatischen Briten so. Deshalb gab es im stationären Bereich mit Ketten wie Admiral oder Wettpunkt schon früh ein professionelles Angebot von Privaten, die eine spannende Alternative zum eher langweiligen Toto boten.

Denn die halbstaatlichen Lotterien kennen nur einen wirklichen Gewinner: den Finanzminister. Lediglich 50 Prozent der Einsätze von Lotto und Toto werden ausgeschüttet – während es bei den privaten Sportwettenanbietern, vor allem jenen im Internet, 80 bis 95 Prozent sind. Alljährlich kann sich Karl-Heinz-Grasser so über einen Superjackpot in der Höhe von derzeit rund 550 Millionen Euro aus dem Glücksspielmonopol freuen. Die Gebühren auf Sportwetten privater Firmen, seit 1. Oktober 2005 zwei Prozent, sind dabei noch gar nicht inkludiert.

Neues Spiel, neues Glück. Diese Budgeteinnahmen von Fortunas und Monopols Gnaden sind aber in Zukunft keine sichere Bank mehr. Liberalisierungen in Teilbereichen stehen unmittelbar bevor. Die Stoßrichtung scheint klar zu sein: „Der Staat zieht sich peu à peu zurück“, erwartet Glücksspielexperte Oelbermann. 2006 ist in dieser Hinsicht ein Schlüsseljahr für die gesamte Industrie.

Im Kern geht es um die Frage, wie man mit den unzähligen, meist als Online-Sportwetten-Anbieter gestarteten Plattformen umgehen soll, die inzwischen durchwegs die gesamte Gambling-Palette anbieten, von Roulette bis zu virtuellen Pokerpartien. Auf ein definitives Ende der nationalen Monopole wollen Betandwin, Interwetten & Co aber nicht warten – und operieren daher von Gibraltar oder Malta aus, womit sie teilweise die Wett- und Glücksspielsteuern umgehen. Lotterien-Boss Friedrich Stickler sieht darin einen Wettbewerbsnachteil, „da die Konkurrenz so Quoten anbieten kann, die wir bei unserer Kalkulationsbasis nie anbieten können“.

Bodner und seine Mitstreiter hingegen finden, dass der Staat sie an der freien Berufswahl hindert – und setzten die noch bestehenden nationalen Monopole durch die neuen technologischen Möglichkeiten außer Kraft: „Wenn ein Österreicher oder Deutscher auf betandwin.com wettet, wettet er in Gibraltar, wo die Wette ja bearbeitet wird“, erläutert Bodner seine Sicht der Dinge.

Kontrolle oder Abzocke? Warum will aber der Staat ausschließlicher Anbieter von Glücksspielen sein? Hinter der Monopolisierung steht die Überlegung, dass der menschliche Spieltrieb in geordnete Bahnen gelenkt werden muss – und dass der Staat das am besten kann. Doch je mehr neue Produkte, zuletzt Euromillionen, die Lotterien erfinden und überdies heftigst bewerben, umso stärker drängt sich der Verdacht auf, dass es dem Staat weniger um Angebotsverknappung als um Geldbeschaffung geht. Oder wie es ein privater Buchmacher bei der Anhörung vor dem deutschen Verfassungsgericht im November sagte: „Die Kanalisierung des Spieltriebes dient lediglich der Kanalisierung des Geldflusses.“

Doch nicht nur für den Finanzminister brechen aber womöglich unglückseligere Zeiten an. Die gesamte Branche ist im Umbruch. Fast täglich locken im Internet neue Wettangebote mit angehängtem Online-Casinobetrieb. Sogar tipp3, das Sportwettenangebot von Lotterien, Casinos Austria, Mediaprint und Bundesländerverlagen, kann seit Ende Jänner von zu Hause aus gespielt werden. Hintergrund ist die Aufmerksamkeit, die von der Fußballweltmeisterschaft im Juni in Deutschland erwartet wird. „Eine WM in Europa hat einen anderen Effekt als eine in Südkorea wie 2002“, ist sich tipp3-Vorstand Dietmar Hoscher sicher.

Während in England und den USA Pferdewetten das Geschäft ziehen, regiert in Kontinentaleuropa nämlich auch bei den Buchmachern König Fußball. Über 70 Prozent der Wetten entfallen auf die Sportart Nummer eins. Für die nächsten Jahre werden überdies zweistellige Wachstumsraten für den Gesamtmarkt prognostiziert. Nun pulvern private wie staatliche Anbieter in der Erwartung kollektiven Wettfiebers noch einmal Millionen in die Werbung. Höchste Einsätze in einem alles entscheidenden Spiel – während und unmittelbar nach der WM wird entschieden, wer übrig bleibt, ist der allgemeine Tenor.

Konsolidierungs-Poker. Zusätzlich angeheizt wird der Wettbewerb durch den Umstand, dass die Fernsehanstalten auf der Suche nach alternativen Umsatzquellen zu den bröckelnden Werbeerlösen das Thema Wetten entdeckt haben. Der größte deutsche Privatsender RTL ist Mitte Jänner über seine Tochter RTL interactive mit der Wiener Starbet Holding des Venture-Spezialisten Michael Tojner eine Kooperation eingegangen. Betandwin und wohl auch Frank Stronachs Magna Entertainment Corporation (MEC) verhandeln über eine Kooperation mit Premiere Win, dem Wettableger des Pay-TV-Senders Premiere. „Durch das Fernsehen gewinnt Wetten an öffentlichem Ansehen“, glaubt Experte Oelbermann an einen echten Katalysatoreffekt.

Im erbitterten Konsolidierungs-Poker haben jene die schlechteren Karten, die keine Allianzen mit Medienkonzernen schmieden können und nicht früh genug neue Geschäftsfelder erkennen. Denn „die große Explosion ist schon vorbei“, schätzt Oelbermann die Entwicklung des Wettmarktes zwar als aussichtsreich, aber längst nicht mehr Goldgräber-like ein.

Stattdessen entstehen in der Glückszone Internet quasi über Nacht neue Trends, die man nicht verschlafen darf, wenn man am Ball bleiben will. „Wenn mich vor drei Jahren jemand gefragt hätte, ob Online-Poker einmal ein Geschäft wird, ich wäre skeptisch gewesen“, gesteht Betandwin-Chef Bodner, der mit seiner Neuerwerbung Ongame hochwertige Technologie und eine starke Position am US-Markt gekauft hat. Hollywoodgrößen wie Nicole Kidman oder Ben Affleck haben in Live-Fernsehshows Pokervarianten wie Texas Hold’em und Omaha richtig populär gemacht und so dafür gesorgt, dass der Markt noch immer dreistellig wächst.

Fast blind stürzen sich die börsegetriebenen Gaming-Unternehmen dorthin, wo sie solche Wachstumspotenziale vermuten. So wie schon der britische Betandwin-Konkurrent Sportingbet Ende 2004 eine Pokerplattform gekauft hatte, machen es nun alle. Interwetten mit Sitz im 22. Wiener Gemeindebezirk und Wetterlösen von über 210 Millionen Euro 2005 wird in der zweiten Februarwoche selbst ein Online-Pokerprodukt launchen. Doch wer weiß schon, wohin die Kugel morgen rollt?

„Viel stärker noch als Poker wird der Bereich der ‚kleinen Spielchen‘“, prognostiziert Oelbermann. Dabei handelt es sich schlicht um Internet-Ableger gängiger Geschicklichkeits- und Strategiespiele wie Skat, Solitaire oder Vier Gewinnt. Plattformen wie gameduell.de und worldwinner.com setzen schon jetzt auf diesen Trend. Selbst der heimische Wettlokalspezialist Admiral Sportwetten wird in seine neue Homepage ab Anfang März vom Wiener Anbieter Greentube entwickelte Spiele wie Schnapsen oder Schach integrieren.

Selbstverständlich schlafen auch die Casinos Austria und die Lotterien nicht – und bieten auf ihrer Internet-Plattform win2day.at seit vielen Jahren einen „Gamesroom“ mit Spielen wie Schatzinsel oder ElDorado an. Noch kann sich der halbstaatliche Casino-Lotto-Komplex auch auf die Kraft seiner Marken verlassen: Im Ranking der wertvollsten österreichischen Marken belegten Casinos Austria und Österreichische Lotterien zuletzt die fabelhaften Ränge fünf und sechs – Ergebnis des Einsatzes vieler, vieler Werbemillionen und der Arbeit von Leo Wallner.

Doch schon kommt die Kampfansage vom Schottenring in Richtung Palais Ephrussi. Manfred Bodner lässt keinen Zweifel daran, dass Betandwin die Zukunft gehört: „Wir wollen neben Mozart und Red Bull die dritte große österreichische Weltmarke werden.“

Von Bernhard Ecker, Martina Forsthuber und Alexis Johann

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