Das Geheimnis von Red Bull

Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz verkauft heuer weltweit unglaubliche 1,5 Milliarden Energy-Drink-Dosen und hat sein Produkt endgültig zu einer globalen Marke gemacht. Doch der charismatische Firmenchef gilt nur als Red-Bull-Minderheitseigner. Den thailändischen Kaufmann Chaleo Yoovidhya, Haupteigentümer des Paradeunternehmens, hat hierzulande noch niemand gesehen. trend geht der Frage nach, wem Red Bull wirklich gehört, und veröffentlicht erstmals die sagenhaften Gewinne des Energy-Drink-Weltmarktführers.

Drüben in Amerika geht gerade das Red-Bull-Wunder um. 450 Millionen schlanke Alu-Dosen mit dem legalen Aufputschmittel werden heuer zwischen New York und San Francisco verkauft, das sind schon fast zwei Stück pro US-Bürger. Ein sensationeller Erfolg. Kein österreichisches Produkt hat es in den USA so weit gebracht und ist weltweit so bekannt. Die Marke mit dem roten Stier wurde längst zum Mythos.

„Unlängst“, feixt Dietrich Mateschitz, „hat mich eine amerikanische Mitarbeiterin völlig verblüfft mit den Worten begrüßt: ‚Oh, you really exist!‘“ Ja, das Leben ist voller Überraschungen. Dietrich Mateschitz gibt es wirklich, das können wir bezeugen, aber hat eigentlich schon jemals irgendjemand den geheimnisvollen Haupteigentümer von Red Bull gesehen?

Die Hongkong-Connection. Szenenwechsel. Red Bull auf der Spur in Hongkong. Die Stadt hat schon bessere Zeiten erlebt. Trotz längst verebbter Lungenkrankheit SARS bleiben die Touristen immer noch aus, und die Immobilienpreise sind seit dem Abzug der Briten um satte siebzig Prozent gefallen.

Auf der Halbinsel Kowloon, an der früher malerische Dschunken vorbeizogen, in der Mody Road 71 steht ein gesichtsloser Büro- und Geschäftskomplex namens South Sea Centre. Genau hier, in einem einzigen Zimmer mit der Bezeichnung Room 306, 3/F, Tower I, im Stadtteil Tsimshatsui, residiert laut Gesellschaftervertrag der Red Bull GmbH, der im Firmenbuch des Salzburger Landesgerichts hinterlegt ist, der wichtigste Eigentümer der österreichischen Red Bull GmbH. Wir wollen uns überzeugen: Does he really exist?

Die in der Salzburger Seegemeinde Fuschl angesiedelte, weltgrößte Energy-Drink-Firma mit einem globalen Marktanteil von über siebzig Prozent gehört laut Firmenbuch drei Gesellschaftern, von denen zwei freilich bislang in Österreich noch nie öffentlich in Erscheinung getreten sind.

Dietrich Mateschitz, der wahrscheinlich erfolgreichste österreichische Unternehmer des letzten Jahrzehnts, gilt offiziell mit 49 Prozent als Minderheitseigentümer. Seine Anteile sind in einer Firma namens Distribution & Marketing GmbH mit Sitz und zwei Mitarbeitern in Salzburg gebündelt.
Weitere 49 Prozent von Red Bull gehören der Hongkonger Briefkastenfirma T.C. Agrotrading Company Limited in Kowloon. Zwei Prozent wiederum hält der Bangkoker Kaufmann Chalerm Yoovidhya, der sowohl in London als auch in der Ekachai Road im Bangkoker Stadtteil Bangbon seinen Wohnsitz hat.

Glaubt man der publizierten Gründungsgeschichte von Red Bull, ist die bunte Gesellschafterschar eher zufällig entstanden. Im Sommer 1982 saß Dietrich Mateschitz, damals gerade 38 und Marketingdirektor bei Blendax Deutschland, in der Bar des Hongkonger Mandarin Oriental Hotels und überflog in „Newsweek“ eine Liste der größten Steuerzahler Japans. Auf Platz eins fand sich da nicht Sony und nicht Toyota, sondern ein gewisser Herr Taisho, welcher einen angeblich energiespendenden Drink namens Lipovitan äußerst lukrativ unters Volk gebracht hatte. Die offenbar enormen Margen, die mit dem legalen Aufputschmittel zu erzielen waren, weckten das Interesse des gebürtigen Steirers Dietrich Mateschitz.

Die Thai-Connection. Der Blendax-Zahnpasta-Marketingmann nützte alsbald seine Geschäftsverbindungen zu dem thailändischen Kosmetikartikelunternehmen T.C. Pharmaceuticals Ltd., das außer Zahnpasta auch einen billigen Energy Drink namens „Krating Daeng“ vertrieb, der vorwiegend von thailändischen Lastwagenfahrern getrunken wurde. Die Firma gehörte mehrheitlich einer thailändischen Industriellenfamilie namens Yoovidhya.

Damals, so die offizielle Version, sei ein Joint Venture gegründet worden, das bislang nicht wesentlich verändert wurde: Demnach hält der heute 75-jährige Chaleo Yoovidhya über die Hongkonger Firma T.C. Agrotrading 49 Prozent an der Red Bull GmbH, sein Sohn Chalerm besitzt weitere zwei Prozent, womit die Familie Yoovidhya die Mehrheit der Red Bull GmbH kontrolliert.

Doch ob Dietrich Mateschitz wirklich nur Minderheitseigner ist, wird in der Branche durchaus angezweifelt. „Wie muss das Ego eines Haupteigentümers aussehen, der sich trotz des Welterfolgs seines Unternehmens niemals einmischt und niemals öffentlich in Erscheinung tritt?“, fragt ironisch ein bekannter heimischer Getränkehersteller.

Tatsächlich führt genaueres Hinschauen zu Überraschungen. Im Hongkonger Handelsregister liegt unter der Nummer 122565 die Gesellschafterliste der T.C. Agrotrading auf. Chaleo Yoovidhya findet sich freilich nicht unter den elf Inhabern der Briefkastenfirma und damit auch der Red Bull GmbH in Fuschl. Die elf Red-Bull-Eigner, die laut Hongkonger Handelsregister alle im selben Zimmer wohnen, sind mit jeweils gleichen Stammanteilen an der T.C. Agro beteiligt. Die Beteiligungen wurden bereits auf die Familienmitglieder übertragen. Clan-Oberhaupt ist allerdings nach wie vor Yoovidhya.

Bedenkt man, dass seriöse Wirtschaftsprüfer wie etwa BDO-Auxilia-Chef Karl Bruckner auf Basis der trend vorliegenden Red-Bull-Bilanz das Unternehmen heute mit mindestens 700 Millionen Euro bewerten – die Markenrechte noch gar nicht eingerechnet –, erscheint auch der Gesellschafteranteil des Dritten im Bunde, des Bangkoker Weinkaufmanns Chalerm Yoovidhya, erstaunlich. Der Mann, der etwa bei einer Übernahme von Red Bull durch einen Weltkonzern wie Coca-Cola seine mehrheitsentscheidenden Anteile multimillionenschwer versilbern könnte, hat sich bei der Red Bull GmbH 1997 mit erstaunlichen 10.000 Schilling als Stammeinlage eingetragen. Manchmal scheinen eben Werbesprüche zu stimmen: Red Bull muss wohl Flügel verleihen.

Dividenden mit Flügeln. Die geheimnisvollen Haupteigentümer von Red Bull sind, so viel ist sicher, keine windigen Strohmänner, sondern bekannte thailändische Industrielle.

Die 1978 von Chaleo Yoovidhya gegründete T.C. Pharmaceutical Industries Company Limited machte im Vorjahr umgerechnet rund 100 Millionen Euro Umsatz und einen Nettogewinn von 15 Millionen Euro. Das Thai-Pendant zu Red Bull, das keine Kohlensäure enthält und als billiger Flaschendrink verkauft wird, ist mit einem Marktanteil von 32 Prozent allerdings weit weniger erfolgreich als die österreichische Kopie, die den Siegeszug um die ganze Welt antrat.

Dennoch rangiert Chaleo Yoovidhya auf der Reichenliste des US-Magazins „Forbes“ auf Platz 386. Sein Vermögen wird von „Forbes“ auf 1,1 Milliarden Dollar geschätzt.

Die geschäftliche Verbindung zwischen der österreichischen Red Bull GmbH in Fuschl am See, die zuletzt mit knapp 1500 Mitarbeitern weltweit einen konsolidierten Rekordumsatz von 1,15 Milliarden Euro erwirtschaftete, und den hintergründigen Thais veränderte sich freilich. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, erwarb die österreichische Red Bull GmbH 1999 die Lizenz, also die Markenrechte, für das inzwischen global bekannte Label. Damit beendete Dietrich Mateschitz eine bedrohliche Abhängigkeit von den thailändischen Gesellschaftern: Ein Lizenzentzug hätte das jederzeitige Aus des österreichischen Firmenwunders bedeuten können.

Brancheninsider schätzen den Wert der Markenrechte, die den eigentlichen Kern des Unternehmenswertes ausmachen, auf mindestens eine Milliarde Euro.

Auch bei den Gewinnentnahmen veränderte sich die Firmenstrategie. Obwohl Dietrich Mateschitz stets beteuerte, keine Gewinne zu entnehmen („Format“-Interview, Oktober 2001: „Red Bull ... schüttet auch keine Dividenden aus, weil die gesamte Wertschöpfung in die Marke reinvestiert wird.“), wurden in Wahrheit bereits ab dem Jahr 2000, also unmittelbar nach dem Lizenzerwerb, jährlich vierzig Prozent der Gewinne entnommen, insgesamt 78 Millionen Euro (Gewinnausschüttung 2000: 34 Mio. Euro, 2001: 28 Mio. Euro, 2002: 16 Mio. Euro).

Die Gewinnentnahmen werden laut Gesellschaftervertrag im Verhältnis 49 zu 49 zu 2 aufgeteilt. So hätte Dietrich Mateschitz im Geschäftsjahr 2002 gemäß seinem Anteil 17,1 Millionen Euro verdient – ohne sein Geschäftsführergehalt.
Erstaunlicherweise wurden aber in der Mateschitz-eigenen Marketing & Distribution GmbH, in welche die Gewinnausschüttung floss, Eingänge von rund dreißig Millionen Euro verbucht. Wirtschaftsprüfer werten dies als Indiz dafür, dass zumindest der Gewinnaufteilungsschlüssel anders sein könnte, als es die Beteiligungsverhältnisse suggerieren. Karl Bruckner, Boss der BDO Auxilia Wirtschaftstreuhand GmbH: „Rein theoretisch gibt es da mehrere Erklärungen. Eine wäre ein geheimer Firmenanteilsverkauf, steuerfrei zum Buchwert. Möglichkeit zwei: Es existiert eine geheime Vereinbarung, dass Herr Mateschitz einen Großteil des Gewinns erhält. Möglichkeit drei: Er hält 85 Prozent der Anteile, und die anderen Gesellschafter agieren nur als Treuhänder. Möglichkeit vier: Das zusätzliche Geld kommt von irgendwo anders her.“

Ist also Dietrich Mateschitz in Wahrheit doch nicht nur Minderheitseigentümer der Red Bull GmbH? Was der charismatische Paradeunternehmer selber dazu sagt, lesen Sie im Interview.

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