„Dann bin ich eben nicht mehr wichtig":
Eduard Zehetner im Gespräch mit trend

Immofinanz-Chef Eduard Zehetner im Gespräch mit trend-Redakteur Peter Sempelmann über die Sanierung der Immofinanz, Karl Petrikovics, Geld, Moral und Fußball.

trend: Herr Zehetner, am 24. August fand die Hauptversammlung der Constantia Packaging statt, die den Squeeze-out der Kleinaktionäre zum Gegenstand hatte. Damit der überhaupt möglich wurde, musste sich die Immofinanz erst mit der Constantia Packaging vergleichen.
Zehetner: Es gibt keinen Vergleich. Nennen wir es „Berliner Vereinbarungen“.

trend: Gut, aber für den neuen Eigentümer One Equity Partners war es eine Bedingung, dass es zu dieser Vereinbarung kommt.
Zehetner: Logischerweise. Aber dass dann ein Squeeze-out folgt, hat mit der Immofinanz nichts zu tun. Er liegt in der Verantwortung der neuen Eigentümer. Wenn die den beschließen, dann tun sie das eben. Und dann haben sie das auch zu verantworten.

trend: Trotzdem. Sind Sie der Totengräber der Constantia-Kleinaktionäre?
Zehetner: Ach, es gibt doch kaum einen Squeeze-out, bei dem die Kleinaktionäre in Relation zu ihren Einstiegskursen oder dem Kurs, zu dem das Papier von der Börse genommen wird, nicht verdient hätten. Es muss niemand traurig sein. Es gibt ja Spezialisten, die genau dann investieren, wenn ein Squeeze-out angekündigt wird, um in dem Verfahren den Abfindungspreis nach oben zu drehen.

trend: Sie gelten als harter Verhandler und als Manager, der nie einen Konflikt scheut. Bei der TA nicht, bei der RHI nicht und bei der Immofinanz schon gar nicht. Mit der Constantia haben Sie sich ja ein monatelanges Gefecht geliefert. Dazu braucht man eine harte Haut. Wo haben Sie die her?
Zehetner: Persönlich kann mich das nie berühren, und mit zunehmendem Alter wird man natürlich erfahrener, setzt Emotionen und Verhalten gezielt ein. Das Wesentliche ist, dass man das Ziel klar im Auge behält. Darauf muss man zusteuern und hartnäckig sein. Hartnäckigkeit ist etwas, das mich möglicherweise im Vergleich zu anderen auszeichnet. Ich bleibe dran, werde nicht müde. Der Rest ist Taktik, Spielerei, Gruppendynamik.
In der Sache muss man natürlich Alternativen und Optionen sehen und haben. Aber hartnäckig dranbleiben. Und sich intensiv mit der Sache beschäftigen. Je intensiver man sich mit der Sache beschäftigt, desto größer ist der Vorteil, den man allen anderen gegenüber hat. Für die ist es vielleicht nur ein Thema von vielen oder eine Episode. Für mich kann es keine sein. Es ist eine zentrale Aufgabe, die ich verfolgen muss.

trend: Macht Ihnen das Spaß?
Zehetner: Der Motivationstrainer Reinhard Sprenger beschreibt in einem seiner Bücher, wie ein Mann zu einem Indianerstamm kommt, um dort zu leben. Die teilen ihn zum Erdäpfelschälen ein. Der Mann sitzt dann dort und schält einen riesigen Berg Erdäpfel. Eine alte Indianerin kommt und sieht ihm dabei zu, wie er lustlos Kartoffeln schält. Da sagt die Frau: „You have to get into it“ und zeigt auf das Messer. Du musst die Klinge des Messers sein. Nicht, dass du ein Messer in der Hand hältst. Ganz nah dran sein. Es gibt in der moderneren Motivationsliteratur dafür den Begriff Commitment. Das ist das Entscheidende in solchen langen Verhandlungen und Prozessen. Sich intensiver mit den Dingen zu beschäftigen, als es andere tun. Eins werden mit der Sache. Tag und Nacht daran denken.

trend: Können Sie dann auch noch gut schlafen?
Zehetner: Ja, ich schlafe immer gut. Lege mich ins Bett, mache die Augen zu und schlafe. Ich habe selbst in den schwierigsten Phasen null Probleme mit dem Einschlafen. Ich bin immer müde am Abend, weil ich ohnehin immer zu wenig Schlaf habe. Im Wachzustand lassen sich die Themen aber nicht ausblenden. Das ist der Vorteil, den ich dann gegenüber anderen am Verhandlungstisch habe. Die sind oft mehr und größere Teams. Und natürlich ist es auch etwas wert, 35 Jahre im Geschäft zu sein.

trend: Eigentlich wollten Sie aber für den IBAG-Bond 512 Millionen. Dann haben Sie aber nur 217 Millionen Euro in bar, 55 Millionen Immofinanz-Aktien und die Leintuchgesellschaften herausverhandelt. Ist das für Sie nicht eine Niederlage?
Zehetner: Ich würde nicht sagen, dass es eine Niederlage war. Man musste eben versuchen, einen tragfähigen Kompromiss zu erreichen, und dabei kommt man in der Mitte zusammen. In diesem Fall war es ohnehin nicht die Mitte, denn die wäre für uns nicht akzeptabel gewesen. Kompromisse müssen aber natürlich das gesamte Rahmenumfeld und die Möglichkeiten des anderen betrachten. Es hilft mir ja nichts, wenn ich etwas zu erreichen versuche, das die Gegenseite nicht leisten kann. Dann kann die gleich ganz verlieren. Wenn ich jemanden dorthin treibe, wo es egal ist, ob er in fünf Jahren ein Gerichtsverfahren verliert oder jetzt alles bezahlt, dann kann er nicht zustimmen.

trend: Und wie verhandlungsbereit war die Gegenseite?
Zehetner: Wir haben angefangen bei einer Situation, wo sie gesagt haben: „Schleichts euch!“ Ich habe mir dann gesagt: Okay, so können wir das auch spielen und unsere Kanonen in Stellung gebracht. Ein Prozess hätte aber schon in der ersten Instanz 25 Millionen Euro Gerichtsgebühren gekostet. Da zuckt man natürlich auch einmal zurück. Also haben wir eine Guerilla-Taktik entwickelt, waren lästig. Haben gedroht, zwei, drei Gesellschaften zu zerschießen. Das hat nichts gekostet, aber für Frau Castelbajac wäre es nicht angenehm gewesen, das in der Zeitung zu lesen.
Dann ist man bei der Constantia über die Bücher gegangen und hat nachgesehen, was man tun kann. Ursprünglich wollten sie nur 25 Prozent der Firma verkaufen. Damit hatten sie geglaubt, das Problem lösen zu können. Das hätte aber nie gereicht.

trend: Wie sind Sie dann auf die 350 Millionen Euro gekommen?
Zehetner: Der Betrag ist relativ rasch gestanden. Die Zahl habe ich im Februar 2009 errechnet. Damals waren 36 Millionen Immoeast-Aktien dabei. Der Kurs lag damals irgendwo bei 60, 70 Cent. Ich habe gesagt: Ich bin nicht so. Für mich sind die Aktien zwei Euro wert.
Die Reaktion der Gegenseite war erstaunlich. Ich habe richtig gesehen, dass die gedacht haben: „Wenn er so blöd ist, dann soll es uns recht sein.“ Ich war mir aber sicher, dass zwei Euro überhaupt kein Thema sein werden. Ich habe damals sogar gewettet, dass die Aktie zu Jahresende 2009 auf jeden Fall zwei Euro wert sein wird. Im Sommer 2009 bekam ich schon die sechs Flaschen Rotwein, weil es so weit war.

trend: Sie sind also mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden?
Zehetner: Ich würde mir jeden, der glaubt, er hätte ein besseres Ergebnis zustande bringen können, gerne als Lehrer einladen. Ich glaube aber nicht, dass es so jemanden gibt. Und das hat auch noch niemand behauptet. Letztlich hat aber die Eigentümerseite der Constantia Privatbank doch einen Teil ihrer Versprechen eingelöst und ist zu der Verantwortung gestanden, die man irgendwann einmal durch die Übernahme einer Garantie eingegangen ist. Das muss man auch anerkennen. Man hätte aber natürlich auch einen blutigen Prozess auf vielen Ebenen führen können. Das, was hier früher passiert ist, war ja ein galaktischer Sauhaufen. In vielen Fällen jenseits der Demarkationslinie und absolut im strafrechtlichen Bereich. Und: Es gilt keine Unschuldsvermutung.

trend: Was ist denn für Sie eine Niederlage? Wie gehen Sie damit um? Werden Sie dann grantig?
Zehetner: Verlieren muss man akzeptieren können. Ich habe lange genug Fußball gespielt und spiele Tennis und verliere dabei immer wieder. Damit muss man umgehen können. Daraus lernen und versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen.
Es gibt Situationen, in denen man lange vorher weiß, dass man verlieren wird. Wie in einer griechischen Tragödie, wo man schon am Anfang weiß, dass das Ereignis in zwölf, achtzehn Monaten eintreten wird. Alle bemühen sich, das Gegenteil zu erreichen, aber die Dinge bewegen sich wie auf einer Schiene unausweichlich auf die Katastrophe zu.
Das ist mir einige Male passiert. Dann muss man eben versuchen, die Niederlage zu optimieren. Man kann versuchen, es für die anderen möglichst schmerzhaft zu machen oder selbst möglichst viel zu profitieren. Persönlich hat es eine durchaus reinigende Wirkung, mit der Tatsache der Niederlage umgehen zu können. Man denkt nachträglich durch und überlegt, was man vielleicht doch noch probieren hätte können. Dann sagt die Vernunft wieder: Nein! Es hätte gar nicht gutgehen können. Das ist auch ein Weg, um mit Niederlagen fertig zu werden. Sonst verliere ich eher nicht.

trend: Das soll ich jetzt glauben?
Zehetner: Ich habe vor vielen Jahren, als ich zu verkaufen begonnen habe, gelernt, mich zu fokussieren. Ich habe EDV-Systeme verkauft und dabei zu Beginn mit der Schrotflinte geschossen. Mit dem Resultat, dass ich nur einen von zehn Deals gemacht habe. Dann habe ich meine Taktik geändert und nur noch dort angeboten, wo ich eine realistische Chance hatte. Dann habe ich drei von vier Deals gemacht. Das war viel lohnender. Man arbeitet nicht unnötig und hat Erfolg. Auf heute umgemünzt, heißt das, dass ich nicht mehr jeden Krieg führe. Ich suche mir die aus, die es zu gewinnen gibt.

trend: Sie meinten, eine Möglichkeit, eine Niederlage positiv erscheinen zu lassen, wäre, möglichst viel mitzunehmen. Ihr Vorgänger Karl Petrikovics hat Ihnen bei der Immofinanz einen Scherbenhaufen hinterlassen. Dessen Niederlage hätte eigentlich auch absehbar sein müssen. Macht Sie das grantig, wenn Sie daran denken?
Zehetner: Der gute Herr Petrikovics ist hochintelligent. Er ist ein kommunikativer Autist, der dieses Unternehmen wie ein Einzelunternehmer geführt hat. Er hatte hier Leute, die so agiert haben wie er. Die alles alleine gemacht haben und alles unter Kontrolle hielten. Dabei wurde ein Businessmodell gefahren, das davon ausging, dass die Wirtschaft geradlinig positiv verläuft. Dabei sind es Sinusschwingungen und die Gerade immer nur ein kleines Stück des Weges.
Und um Defizite zuzudecken oder nicht hochkommen zu lassen, wurde das Schwungrad immer schneller gedreht, immer noch eine Kapitalerhöhung. Es war ein Glück, dass die Wirtschaftskrise gekommen ist. Sonst hätte es diese Unternehmensgruppe zerrissen. Noch zwei Kapitalerhöhungen, und sie wäre explodiert.

trend: Ein Manager wie Petrikovics wäre bei Ihnen unten durch?
Zehetner: Es gab so viele Unzulänglichkeiten. Petrikovics war ein unglaublich schlechter Manager. Das hat er in manchen Interviews auch zugegeben. Er hat zum Beispiel einmal gesagt, dass er in der Beratung bei Arthur Andersson gearbeitet hat und die Firma, die er beraten hat, gleich pleiteging. Petrikovics ist so ein „Finanzgenie“, das immer mehr Geld braucht, um die Löcher, die es schafft, zu stopfen. Der Untergang war absehbar, aber Leute wie er nehmen ab einem gewissen Zeitpunkt die Realität nicht mehr zur Kenntnis. Wenn in den Medien steht, wie supergut sie sind, dann beginnen sie, das auch selbst zu glauben und halten sich selbst für unfehlbar. Dann ist Hopfen und Malz verloren, und das Ding fährt gegen die Wand. Ob mit Wirtschaftskrise oder ohne.

trend: Petrikovics und seine Vorstandskollegen haben dabei aber sehr gut verdient. Viel mehr, als wir beide in einem Leben verdienen können.
Zehetner: Und das mitunter in einem Jahr. Die Gier ist ein Problem. Es gibt zwei furchtbare Managerlaster und -fehler: die Gier und die Eitelkeit. Beides sind Todsünden, und die Kombination beider potenziert das Problem. Petrikovics hat ja einmal gesagt, dass er für den Bettel, den er in einer börsennotierten Gesellschaft bekommt, wo er ausweisen muss, was er verdient, nicht arbeiten würde.

trend: Halten Sie das für gerecht? Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie? Ist sie ein wichtiger Wert?
Zehetner: Gerechtigkeit ist ein sehr wichtiger Wert. Der Maßstab für Gerechtigkeit ist ein schwieriger. Für Manager ist Geld natürlich auch ein Maßstab des Erfolgs. Aber diese Entlohnungen, wie es sie hier gab, sind natürlich völlig ungerecht. Vor allem in Relation zu dem, was man vielen Kleinaktionären angetan hat. Von denen hätten viele nie Aktionäre werden dürfen. Ich habe etliche Briefe bekommen. Zum Beispiel von einer 82 Jahre alten Frau, die ihre letzten 20.000 Euro in Immofinanz-Aktien gesteckt hat, die damals nichts mehr wert waren. Da packt einen die heilige Wut. Das wäre nicht notwendig gewesen. Wenn ich mich mit dem Thema beschäftige und mir Aktien kaufe, dann bin ich selbst schuld. Solche Kleinanleger verdienen aber einen Vertrauensschutz, der über die gesetzlichen Vorschriften hinausgeht. Herr Petrikovics hat diesen Leuten das Geld weggenommen. Alles, was er hier kassiert hat, ist direkt in seine Tasche gewandert.
Ich habe eine christlich-kleinbürgerliche Herkunft. Da ist es wichtig, fleißig und ehrlich zu sein. Viel zu arbeiten, um es irgendwann zu etwas zu bringen. Nicht dass ich irgendjemand etwas neidig wäre. Wenn jemand 25, 50 Millionen verdient, ist mir das egal. Deswegen habe ich nicht weniger. Die Frage ist bloß: Wer bezahlt das, und hat der, der es bezahlt, auch zugestimmt? Dann ist es ein fairer Deal. Wenn sich der aber nicht dagegen wehren kann, ist es ungerecht.

trend: Was sind denn wertgerechte Bezahlungen für Manager? Sind Bonuszahlungen in Krisenzeiten gerecht?
Zehetner: Da gibt es viele Zugänge. Keiner regt sich auf, wenn bei einer Fußball-WM ein Haufen Spitzschießer herumlaufen, die eine, zwei oder noch mehr Millionen im Jahr netto verdienen. Nichts gegen Fußballer, ich habe selbst 25 Jahre lang Fußball gespielt. Aber dort applaudieren alle. Es gibt eben einen Markt, und die Leute werden nach Marktkriterien bezahlt. Wenn diese Kriterien außer Kraft gesetzt werden, ob in der Bestellung oder der Entlohnung, wird es absurd. Es gibt dramatische Auswüchse, die nicht notwendig sind.

trend: Wie stehen Sie zu staatlichen Eingriffen und Kontrollen?
Zehetner: Ach, die funktionieren doch nicht. Soll ein Beamter, ein Sektionschef entscheiden, wie viel ich verdiene? Damit hätte ich ein Problem. Deshalb arbeite ich auch nicht in einem staatsnahen Unternehmen. Dort gibt es wieder Beschränkungen. Nicht, dass ich damit nicht zufrieden wäre, aber ich will das einfach nicht. Ich will nicht, dass jemand, der mit dem Unternehmen nichts zu tun hat, sagen kann, dass ich um 20 Prozent zu viel verdiene. Es gibt einen Aufsichtsrat, der mich geholt hat und mich erleiden muss, was nicht immer so einfach ist.

trend: Was macht Sie nicht so einfach?
Zehetner: Nun – ich bin wie eine Rakete. Einmal abgeschossen, fliege ich. Und dabei entscheide ich selbst, wie ich fliege. Da gibt es keine Strippen und Bänder, mit denen man mich steuern könnte. Es kann gerne jeder mit mir diskutieren und Vorschläge einbringen. Wenn mich jemand überzeugt, ist das kein Thema. Zurufe oder andere Dinge sind aber entbehrlich, vor allem in schwierigen Zeiten. Hier bei der Immofinanz hat sich ohnehin keiner eingemischt. Wenn es wirklich eng wird, gibt es keine Besserwisser. Das ist auch in Ordnung so.

trend: Als Sie Ende 2008 bei der Immofinanz angetreten sind, haben sich viele gefragt, warum Sie sich diesen Job antun. Das Unternehmen war ausgeplündert und beinahe pleite. Im Zuge der Finanzkrise war der Aktienkurs im Keller. Was hat Sie daran gereizt?
Zehetner: Ich wollte schauen, ob es geht. Andere gehen auf Achttausender. Ich bin 35 Jahre im Geschäft und habe gewisse Fähigkeiten angesammelt. Bei der Immofinanz habe ich eine Chance gesehen. Es gibt auch Jobs in Österreich, die ich nie machen würde.

trend: Zum Beispiel?
Zehetner: Das sage ich jetzt nicht.

trend: ÖBB-Generaldirektor?
Zehetner: Das haben Sie gesagt. Der wurde aber ohnehin eben erst neu besetzt. Und ich wurde nicht gefragt. Den Job würde ich aber nicht machen. Das ist ein Himmelfahrtskommando. Ich kenne Herrn Kern und bewundere ihn. Ich wünsche ihm jetzt - ganz ohne zynisch sein zu wollen - wirklich alles Gute. Das ist nämlich wirklich schwierig.

trend: Die Immofinanz zu sanieren ist leichter?
Zehetner: Anders. Die verlangt andere Fähigkeiten. Man muss wissen, ob man auf eine Situation passt. Ob die spezifischen Eigenschaften, die man hat, gesucht sind. Ist jemand gesucht, der konsequent ist und Konflikte nicht scheut? Wenn man das ist, dann hat man die ersten zwei Etappen bereits gewonnen. Man fängt ja gleich ganz woanders an, wenn man das Image hat und es auch bestätigen kann. Es gibt aber auch Situationen, in denen man diplomatischer sein muss, andere persönliche Eigenschaften braucht, die ich nicht habe. Ich kann auch keine Haydn-Symphonie auf dem Klavier spielen.

trend: War es nicht auch das Geld? Schlecht bezahlt ist der Job doch sicher nicht.
Zehetner: Aber nein. Wegen des Geldes hätte ich es nicht gemacht. Da habe ich schon genug verdient. So einen Job kann man auch nicht wegen des Geldes machen. Außerdem: Bei jeder Roadshow werde ich gefragt, wie viele Prozent des Unternehmens jetzt mir gehören. Das sind 0,00-irgendwas. Ich habe ein paar Aktien, das war es. Die Amerikaner sehen mich dann verständnislos an und glauben das nicht. In den USA würden mir vermutlich jetzt zehn Prozent der Firma gehören, und es hätte niemand ein Problem damit. Alle wären happy.
Als ich hierher gekommen bin, hatten die beiden Gesellschaften zusammen einen Börsenwert von 250, 300 Millionen Euro. Jetzt sind es fast drei Milliarden. In 18 Monaten werden es fünf Milliarden sein, davon bin ich überzeugt.
Wenn ich mehr Geld verdienen wollte, müsste ich nach Amerika gehen. Das möchte ich aber nicht. Ich lebe lieber hier. Natürlich bekomme ich ein Gehalt, das über dem des Bundeskanzlers oder dem des Bundespräsidenten liegt. Das ist schon richtig. Da gibt es aber auch viele in Österreich. Ich muss nicht diskutieren, ob das jetzt brutto um 100.000 zu viel oder zu wenig sind. Ich verdiene nicht schlecht, das ist keine Frage. Angemessen, aber nicht brüllend. Im ATX gib es einen ganzen Haufen CEOs, die mehr verdienen. Um mehr Geld zu verdienen, kaufe ich mir eben ein paar Aktien.

trend: Was ist für Sie eigentlich Luxus?
Zehetner: Zeit. Die ist für mich Luxus.

trend: Die Zeit dieses Gesprächs?
Zehetner: Ist durchaus eine Zeit für Reflexion und damit zumindest nicht verschwendet. Aber Zeit ist das knappste Gut, über das ich verfüge. Zeit mit meiner Familie, mit meiner Frau, mit mir alleine. Irgendetwas anderes zu tun.
Eines ist klar: So eine Tätigkeit und die Intensität, mit der ich mich ihr widme, lässt einen im gesamten Wachzustand nicht los. Ich stehe um sieben Uhr morgens auf, und um halb acht läutet das Telefon, weil irgendeiner meiner Gesprächspartner in diesem Universum weiß, dass er mich dann erreicht. Dann geht es los, und meine Arbeitstage dauern dann bis elf, halb zwölf Uhr nachts. Bis mich die Alarmanlage aus dem Büro scheucht. Das liegt nicht daran, dass ich nach 35 Jahren im Geschäft nicht gelernt hätte, mir die Zeit richtig einzuteilen.
Entweder man macht den Job so intensiv, dass man einen Vorteil bekommt, oder nicht. Wenn man nur acht oder zehn Stunden arbeitet, dann hat man eben auch nur den Erfolg von acht oder zehn Stunden im Gegensatz zu dem Erfolg von zwölf oder vierzehn Stunden.

trend: Sie könnten ja delegieren.
Zehetner: Das war bisher schlecht möglich. Ich habe ja schon gesagt, dass Petrikovics ein unglaublich schlechter Manager war. Es gab hier viele Funktionen gar nicht. Die haben wir neu aufgebaut. Und dann gab es viele Mitarbeiter, die so ausgesucht waren, dass sie keine Selbstläufer werden können. Die keine eigenen Vorstellungen haben und keine blöden Fragen stellen. Die hat man überzahlt, ihnen einen dicken Bonus gegeben, damit sie ruhig bleiben. Mit richtigen Führungskräften, Selbstläufern, die mitreden, muss man diskutieren. Je mehr solcher Leute man hat, desto besser ist es und umso mehr Zeit hat man, selbst zu arbeiten. Mir ist noch in keiner Firma die Arbeit zu wenig geworden. Es gibt immer irgendetwas, das man verbessern kann.

trend: Andere Manager gehen golfen oder bergsteigen. Wenn man Ihre Vita ansieht, scheint es, als wollten Sie sich den Kick durch extrem schwierige Sanierungsaufgaben und besonders herausfordernde Management-Jobs holen.
Zehetner: Das stimmt. Für mich ist es eine Herausforderung, das unternehmerisch fast unmöglich Erscheinende zu erreichen. So wie andere Marathon laufen oder den Weltrekord über 100 Meter verbessern wollen. Nicht dass ich mich jetzt mit Usain Bolt vergleichen will, aber der hat auch ein extrem herausforderndes Ziel, für das er alles geben muss.

trend: Was sagt Ihre Frau denn dazu, dass Sie sich immer wieder derartige Hasardjobs aufhalsen? Sie hätten nach Ihrer Zeit als CFO der RHI doch einen weniger aufreibenden Job annehmen können.
Zehetner: Ich bin, nachdem ich mit einigen Aufsichtsräten gesprochen hatte, nach Hause zu meiner Frau gefahren und habe sie gefragt, was sie dazu sagt. Sie meinte bloß, dass ich mich doch ohnehin schon lange entschieden hätte. Im Grunde genommen war das auch so.
Sie hatte damit aber auch nie ein Problem. Sie hat im Alter von 53 Jahren selbst noch eine neue Apotheke aufgesperrt und das Unternehmen aufgebaut. Sie kann das gut nachvollziehen.

trend: Als Sie damals von der jet2web weggegangen sind, war das ganze Team betroffen. Ein TA-Mitarbeiter meinte, es wäre der Vater abhandengekommen. Der wäre zwar gelegentlich etwas grantig und mürrisch gewesen, aber eben eine Integrationsfigur. Sind Sie ein mürrischer Mensch?
Zehetner: Nein, das bin ich nicht. Ich fühle mich nicht so, aber ich komme so an. Das weiß ich. Meine Frau sagt auch immer wieder, dass ich nicht so böse schauen soll. Ich habe aber kein anderes Gesicht, und Leute, die mich lange kennen, wissen, dass ich extrem ruhig bin. Sehr stimmungskontrolliert. Ich persönlich sehe mich als sehr ausgeglichen. Nicht als mürrisch. Zynisch, sarkastisch möglicherweise.

trend: Was bedeutet Ihnen ein gutes Team, Wegbegleiter, auf die man sich verlassen kann?
Zehetner: Ich bin sehr abhängig von guten Leuten. Je bessere Leute ich um mich habe, desto besser geht es mir. Bei jet2web waren wir wirklich eine coole Firma. Und die Leute haben gerne dafür gearbeitet. Es gab etliche Beamte, die froh waren, endlich richtig arbeiten zu können.
Im Nachhinein war das Ziel der Reorganisation der Telekom und der Aufbau von jet2web aber so eine griechische Tragödie. Die Personalstruktur, die Vorstände – die jet2web hat sich viel schneller bewegt als die Muttergesellschaft. Wir haben die anderen vor uns hergetrieben. Mit einem Glasfasernetz in ganz Österreich hätten wir den Rest nicht mehr gebraucht. Das hatten wir aber nicht. Nach 15 Monaten war absehbar, dass die Vorstände uns nur wieder eingliedern wollten. Die haben ja verhindert, dass wir Geschäft machen. Ich könnte die unglaublichsten Geschichten erzählen.
Das steigert natürlich das Bewusstsein im Team. Ich habe im September 2000 mit 18 Prozent Marktanteil begonnen. Zwölf Monate später hatten wir 40 Prozent. Wir haben viel zustande gebracht. Schade war nur, dass die TA alles wieder kaputt gemacht, eingegliedert und abgedreht hat.

trend: In so ein Unternehmen, in dem Sie gegen den Vorstand arbeiten mussten, wollten Sie danach nicht mehr?
Zehetner: Der Anfang war ja anders. Dann aber wurde Heinz Brasic gekillt, und es wurde anders gespielt. Das Imperium hat zurückgeschlagen und alles, was zwölf Monate vorher im Börsenprospekt stand, hat nicht mehr gezählt. Was ja eigentlich auch bedenklich ist. Danach war es nur noch ein Abwehrkampf gegen die eigene Mutter. Wenn man 100 Meter laufen soll und bis zum Bauch im Schlamm steckt, kommt man nicht mehr sehr schnell vom Fleck. Der Düsentreibstoff ist im Schlamm verpufft. Da war nichts mehr mit Jet. Ich habe dann das Angebot von der RHI bekommen und bin weg.

trend: Sie haben schon einige Male erwähnt, dass Sie Fußballer waren. Welche Position haben Sie gespielt?
Zehetner: Meistens im Mittelfeld.

trend: Den Dirigenten?
Zehetner: Ein bisschen. Viel laufen. Vorne, hinten. Wenn man älter wird, geht das nicht mehr so gut. Dann kommt man nach vorne oder nach hinten. Dort habe ich dann meine Tage beschlossen.

trend: War der Fußball als Teamsport für Sie eine gute Schule fürs Manager-Leben?
Zehetner: Ja, sicher. In einer Fußballmannschaft muss jeder seine Aufgabe an seiner Position erfüllen. Das ist die Grundvoraussetzung. Wenn dann noch das Spielerische passt, dann kommt eine Bewegung zustande, und man kann miteinander spielen. Wenn Einzelne beginnen, ihre eigenen Spielchen zu spielen und die Aufgaben nicht mehr erfüllen, hat man ein Problem.
Das ist auch in Unternehmen so. Jeder hat seine Aufgabe, die er erfüllen muss. Wenn das klappt, dann hat man einen Vorteil. Wenn ein Außendecker keinen Ball stoppen und keinen Flügelstürmer decken kann, dann brauche ich jemand anderen an der Position.
Beim Fußballspielen sieht man außerdem genau, wie jemand bei der Arbeit ist. Die Leute machen beim Kicken genau die gleichen Fehler, haben dieselben Stärken und Schwächen wie bei der Arbeit. Wenn jemand keinen Überblick hat, dann spielt er nicht ab. Wenn jemand feig ist, geht er nicht in die Zweikämpfe. Das ist genau das Gleiche wie im Beruf. Beim Fußballspielen kommt die Psyche des Einzelnen hervor.

trend: 2012 muss die Immofinanz zwei Wandelanleihen in der Höhe von knapp 866 Millionen Euro bedienen. Wird das ohne Kapitalerhöhung möglich sein?
Zehetner: Ja, die werden dann ohne Kapitalerhöhung refinanziert werden.

trend: Wäre die Immofinanz-Sanierung damit für Sie abgeschlossen?
Zehetner: Die Restrukturierung ist jetzt abgeschlossen. Jetzt sind wir in der Optimierungsphase. Ich habe immer gesagt, dass ich mindestens drei Jahre brauche, um aus dieser Gruppe ein Unternehmen zu machen, das professionell geführt ist. Ich habe da einen gewissen Anspruch. Ich komme aus der Industrie, in der die Prozessabläufe, das Kostenbewusstsein und viele weitere Dinge wesentlich weiter entwickelt sind als in der Immobilienwirtschaft. Wir sind ja ein großes Unternehmen. Der Bauplatz ist hergerichtet, das Fundament steht. Jetzt geht es um den Innenausbau. Mein Vertrag läuft im November 2011 aus. Ob ich bis dahin fertig bin, weiß ich nicht.

trend: Ihr Vertrag läuft aus, Sie werden 60 Jahre alt sein, und es wird dann wieder ein Unternehmen geben, bei dem der Hut brennt. Würden Sie da noch einmal Feuerwehr spielen, oder war es das dann für den Manager Eduard Zehetner?
Zehetner: Das hier ist mit Sicherheit mein letzter Job.

trend: Fürchten Sie nicht, dass Ihnen langweilig wird, wenn Sie keinen 15-Stunden-Arbeitstag mehr vor sich haben?
Zehetner: Nein, sicher nicht. Ich werde den Luxus Zeit genießen. Ich habe kein Problem damit, nicht mehr wichtig zu sein. Ich habe das ja schon alles erlebt. Ich wurde schon einmal gefeuert, weil ich dem Marketingmann im Weg gestanden bin. Der Aufsichtsratschef wollte mich in die Schweiz schicken, aber ich hatte keine Lust mehr, für ihn zu arbeiten, weil er nicht ehrlich war. Ich habe ihm gesagt, dass er sich seinen Dreck selbst machen muss und ich sicher anderswo einen Job finde, bei dem ich mehr verdiene. Dann ist man eben eine kurze Zeit wichtig, und danach nicht mehr. Ich bin ja auch bei der RHI von einem Tag auf den anderen hinausgegangen. Ich halte es auch aus, nicht mehr mächtig zu sein. Damit kann ich hervorragend leben. Ich habe durchaus konkrete Vorstellungen von meiner Pension. Ich werde nicht fischen oder segeln gehen, aber Hunderte andere Dinge machen, und ich freue mich schon darauf.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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