Budgetdrama: Tanz der Vampire

Der Finanzbedarf bei den Vereinigten Bühnen Wien explodiert. 2006 erhalten sie mit 31 Millionen Euro doppelt so viel Subventionen wie in den Jahren zuvor.

Am 8. Juli, so zirka um 22 Uhr, stirbt Romeo für immer, Julia knapp danach. Die Tränen werden reichlich fließen. Denn dann endet nach 153 Vorstellungen (2006) die Spielzeit des aktuellen Musicalhits der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), „Romeo & Julia“, am Wiener Raimundtheater. Und bei Abschiedsvorstellungen gehen die Emotionen aller Beteiligten, nicht nur des Publikums, üblicherweise noch einmal so richtig hoch.

Doch auch am Tag danach wird manchen durchaus noch zum Weinen sein. Denn wirtschaftlich gesehen, beginnt für die VBW das Spiel auf Leben und Tod dann erst richtig. Eine Reihe von Aufführungsflops und eine kulturpolitische Hauruck-Entscheidung in den vergangenen drei Jahren haben den bestimmenden Theaterkonzern Wiens nämlich schwer in die Bredouille gebracht. Passiert nicht bei der nächsten Produktion ein zweites „Wunder“, wie Generaldirektor Franz Häußler die Eigenproduktion „Elisabeth“, den einzig wirklichen kommerziellen Erfolg der mittleren Vergangenheit (aus den Neunzigern) nennt, dann sind die VBW so gut wie handlungsunfähig: Die Rücklagen in der Bilanz sind aufgebraucht, eine Spielstätte – das Ronacher – umbaubedingt unbespielbar, die Subventionen auf Rekordniveau und die Zuschauerzahlen rückläufig. Häußler gesteht: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“

Böses Erwachen. Die Bilanzen der VBW (mit den Spielstätten Theater an der Wien, Raimundtheater, Ronacher), formal eine Tochtergesellschaft der Wien Holding, zeigen die Historie und das Ausmaß der Malaise: Vor allem das Musical „Wake Up“ von Rainhard Fendrich und Harald Faltermeyer riss bekanntermaßen mit minus zwölf Millionen Euro ein tiefes Loch in den Kulturbeutel. Im Hauptspieljahr 2003 lag der Anteil der voll zahlenden Zuschauer laut Kontrollamtsbericht bei mageren 29,1 Prozent. Auch das Nachfolgemusical „Barbarella“ (2004) galt nicht gerade als Erfolgsmodell.

Seit damals wird nicht einmal die Hälfte des Aufwandes für Honorare und Gehälter der VBW-Beschäftigten durch Einnahmen gedeckt, von den eigentlichen Produktionskosten eines Theaterprojekts ganz zu schweigen. Umsatzerlösen von 12,1 Millionen Euro im Jahr 2003 und 14,2 Millionen im Jahr 2004 stehen 25,6 Millionen Euro (29,6 Millionen 2004) alleine an Personalkosten gegenüber. Die Folge: In beiden Jahren mussten die Rücklagen der Gesellschaft beinahe zur Gänze aufgelöst werden, rund sechs Millionen Euro waren das 2004. Nur so konnte damals ein drohendes Bilanzminus von 6,5 Millionen Euro ausgeglichen werden – und das, obwohl die Subventionen gleichzeitig ohnehin um 54,3 Prozent erhöht wurden (siehe Grafik).

Subventionsrekord. Während über das Jahr 2005 offiziell noch Stillschweigen bewahrt wird, liegt nun immerhin der aktuelle Subventionsantrag der Vereinigten Bühnen Wien für das Jahr 2006 vor. Und er sieht um keinen Deut besser aus als die Jahre zuvor: Mit den Subventionen in bisheriger Höhe, so lamentieren die VBW, wäre 2006 gar mit einem Minus von 16 Millionen Euro zu rechnen, die Einsparungsmöglichkeiten seien leider minimal, detto Einnahmensteigerungen. Der Antrag von Generaldirektor Häußler an den öffentlichen Subventionsgeber Stadt Wien lautet daher auch folgerichtig: Heuer müssen noch 31,187 Millionen Euro her.

Noch bevor das Ansinnen im Kulturausschuss des Gemeinderates behandelt werden konnte, war es auch schon so gut wie genehmigt, ärgert sich ÖVP-Kultursprecher Franz Ferdinand Wolf über den verantwortlichen Stadtpolitiker Andreas Mailath-Pokorny: „Der Kulturstadtrat deckt scheinbare Sachzwänge per Bankomatkasse ab, ohne auf Sparsamkeit oder Effizienz zu achten.“ Was dieser kühl kontert: „Wir sind uns bewusst, dass das viel Geld ist, aber es ist durchaus berechtigt, denn wir versorgen damit einen Gutteil des Wiener Theaterpublikums.“

Hauptgrund für die explodierenden Subventionen ist zum einen die Umwidmung des Theaters an der Wien in eine Opernbühne. Im ersten Jahr der kulturpolitisch schwer umstrittenen Entscheidung – schließlich hat Wien bereits einige einschlägige Spielplätze – können die VBW heuer dort nicht mehr als drei Millionen Euro einnehmen, die Kosten liegen dagegen bei 23 Millionen. Die Opernmacher kalkulieren in ihrem Subventionsantrag somit mit einem Deckungsgrad von knapp über zehn Prozent. Ein bisschen wenig, auch wenn ein klassischer Opernbetrieb (auch in der geplanten „Stagione“-Form im Gegensatz zum täglich das Stück wechselnden Repertoirebetrieb) ohne Zuschüsse nicht vorstellbar ist. Zum Vergleich: Die Staatsoper spielt 47 Prozent ein, die Volksoper immer noch 20 Prozent.

Notbetrieb. Die politisch gewollte Umstellung des Theaters an der Wien auf einen Opernbetrieb ausgerechnet im Jahr 2006 scheint umso riskanter, als gleichzeitig die wesentliche Einnahmequelle der VBW, das Musical, noch spärlicher sprudelt als ohnehin schon. Der Hauptgrund in diesem Bereich: Musicalintendantin Katrin Zechner fehlt schlicht eine zweite Musicalbühne. Das als Ersatz für das umgewidmete Theater an der Wien vorgesehene Ronacher-Etablissement wird gerade erst umgebaut. Außerdem: Selbst das als Erfolg gepriesene aktuelle Musical „Romeo & Julia“, mit Auslastungszahlen von weit über 90 Prozent, rangiert mit kalkulierten 400.000 Besuchern weit hinter vergangenen Erfolgsproduktionen.

Von der Vorgabe, rund 70 Prozent der Kosten einzuspielen, ist Zechner laut Vorschaurechnung jedenfalls meilenweit entfernt, wird sie doch nicht einmal die Hälfte davon einnehmen können (Summe Aufwand: 24,9 Millionen Euro, Summe Erlöse: 11,4 Millionen Euro). Wobei die Kosten für den Umbau des Ronacher-Etablissements (genehmigte Kosten: bis zu 45 Millionen Euro) gar nicht von den VBW getragen werden müssen, sondern direkt über die Kostenstelle von Finanzstadtrat Sepp Rieder abgewickelt werden. Der größte Kostenblock Zechners ist vielmehr ein großes Orchester mit fix angestellten Musikern, lässt Generaldirektor Häußler doch einiges Unbehagen erkennen: „Die müssen auch in Zeiten des Umbaus und Umstrukturierung weiterbeschäftigt werden.“

Wer glaubt, mit dem Umbau des Ronachers zu einer zweiten Musicalbühne wären die gröbsten Unsicherheiten für die VBW beseitigt, liegt falsch. Das wirtschaftliche Risiko scheint eher zu steigen. Erstens: Es ist keineswegs sicher, dass der Betrieb wie geplant schon im Herbst 2007 starten kann. Die verpflichtend EU-weiten Ausschreibungsmodalitäten waren Neuland für die Kunstmanager – dementsprechend falsch wurde der Fristenlauf eingeschätzt.

Und zum anderen: Garantie für einen wirtschaftlichen Erfolg einer Musicalproduktion gibt es keine, so Häußler, außer die Hoffnung, „dass da wieder ein Stück kommt, das mindestens zwei Jahre durchhält – dann erspare ich mir zumindest für ein Jahr die Produktionskosten“.

Das Prinzip Hoffnung dürfte systemimmanent sein. Zum einen fühlt sich Zechner für Finanzen nicht zuständig, so wie sich umgekehrt der wirtschaftliche Generaldirektor Häußler künstlerisch nicht einmischen will. Das führe zu einer Subventionsautomatik, kritisiert VP-Kultursprecher Wolf: „Wer in Wien einmal eine Förderung erhalten hat, gilt ab da als quasi pragmatisierter Subventionsempfänger.“ Was Mailath-Pokorny so nicht auf sich sitzen lassen will: „Das ist auch eine Frage der Umwegrentabilitäten: Nach Wien kommen mehr Leute wegen der Musik als wegen des Finanzplatzes. Und die politische Entscheidung zur Förderung der Großbühnen macht erst viele zusätzliche künstlerische Initiativen möglich.“

Zechner besteht indes darauf, das anderswo in angepasster Form kommerziell erfolgreiche Genre Musical in künstlerisch wertvollerer Spielart aufpeppen zu dürfen. Zechner: „Man leistet sich einen kreativen Prozess und fördert damit das kreative Potenzial in Wien, zimmert einen Exportartikel, bekommt einen Tourismusmagneten.“ Wobei die vergangenen Produktionen („Wake Up“, „Barbarella“) nicht gerade an einem überhöhten, kreativ-wertvollen Anspruch gescheitert sind.

Zechners erstes Jahr als Musicalintendantin war noch eher der wirtschaftlichen Absicherung gewidmet. „Elisabeth“ war als Wiederaufnahme so etwas wie eine sichere Bank und „Romeo & Julia“ trotz einiger Freiräume bei der Bearbeitung eher eine Fingerübung. Nun allerdings geht sie ins volle Risiko: Mit der Eigenproduktion „Rebecca“ unter der führenden amerikanischen Opern- und Theaterregisseurin Francesca Zambello soll an alte Erfolgszeiten angeknüpft werden. Zechner ob der Finanzlage mehr als selbstbewusst: „Für so eine hochkarätige Produktion muss man sich eine ebensolche Regisseurin leisten.“ Geht’s gut, bleiben alle Einnahmen in Wien, geht’s schlecht, sind die üble Nachrede und ein noch höheres Bilanzminus sicher.


Von Markus Groll

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