Bösendorfer: Gebrochene Flügel

Rapide sinkende Verkaufszahlen, verheerendes Betriebsklima und gravierende Managementfehler: Knapp vier Jahre nach der Übernahme der Traditionsfirma Bösendorfer durch die Bawag steht der Flügelhersteller vor massiven Problemen.

Kaiser Franz Joseph hat „es sehr gefreut“, auf diesem Instrument zu spielen, und mit ihm teilten diese Freude Franz Liszt und Johannes Brahms, Gustav Mahler und Lorin Maazel, Leonard Bernstein und Bela Bartók, Roland Batik und Paul Badura-Skoda, Dave Brubeck und Oscar Peterson, Abdullah Ibrahim und Billy Joel, André Previn und Ingrid Marsoner, Friedrich und Paul Gulda, die Brüder Kutrowatz, András Schiff, Stevie Wonder, Frank Zappa … Die Wiener Klaviermanufaktur Bösendorfer gilt seit 175 Jahren als Inbegriff reinster Musikkultur. Bösendorfer-Flügel genießen den weltweiten Ruf vollendeter Qualität, Pianisten schätzen vor allem den besonders weichen Klang und die leichtgängige Mechanik.

In perfekter Harmonie schien sich die Komposition aufzulösen, als mit Jahresbeginn 2002 die Bawag unter Generaldirektor Helmut Elsner das Traditionsunternehmen seinem damaligen amerikanischen Eigentümer Kimball abkaufte und somit Bösendorfer wieder in österreichischen Besitz führte. Von einer einmaligen Rettungsaktion eines großen österreichischen Kulturgutes war damals die Rede. Doch nun werden grobe Dissonanzen hörbar, die gar nicht zum vollendeten Klang eines Bösendorfer-Flügels passen wollen.

Arg verstimmt. Trotz der ungebrochen hohen Loyalität der Mitarbeiter soll das Kommunikationsniveau auf einem Tiefpunkt angelangt sein und das Betriebsklima am Sitz von Geschäftsleitung, Administration und Service in der Wiener Graf-Starhemberg-Gasse und am Produktionsstandort in Wiener Neustadt nicht gerade verbessern. Doch das schlechte Betriebsklima ist nicht die einzige Dissonanz im Unternehmen.

Anfang 2003 trennte sich der nunmehrige Bawag-Vorstand Johann Zwettler von Bösendorfer-Geschäftsführer Rudolf Arlt und bestellte Manfred Aichinger, den ehemaligen und bereits pensionierten Steyrermühl-Direktor, an die Spitze der Klaviermanufaktur. Offenbar ist Papier geduldiger als Klavier. Jedenfalls haben seither rund fünfzig Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, unter anderem wurde die gesamte zweite Führungsebene ausgetauscht. „Bösendorfer ist ein österreichisches Kulturgut, da sollte man auch im Kommunikationsstil eine gewisse Kultur pflegen“, ist Bruno Weinberger, Inhaber des Klavierhauses Weinberger, überzeugt, der selbst einmal Mitarbeiter des Traditionsunternehmens war.

Kurz nach seinem Amtsantritt beschied der neue Geschäftsführer dem damaligen Verkaufs- und Marketingleiter Christian Höferl: „Sie sind ab sofort nicht mehr Marketingleiter. Bösendorfer braucht kein Marketing.“ Diese interessante Sichtweise scheint Aichinger auch auf den Verkauf auszuweiten. Bösendorfer-Verkäufer, die den Markt seit Jahrzehnten kannten, haben das Unternehmen verlassen oder wurden in andere Abteilungen versetzt. „Eine so hohe Personalfluktuation ist in einem Bereich, der von langjährigen persönlichen Kontakten geprägt ist, sehr schwierig zu verkraften“, meint Gustav Sych, Inhaber der Klavierhandlung Gustav Ignaz Stingl.

Die neu installierte Verkaufscrew setzt sich aus durchwegs branchenfremden Personen zusammen, die mit allen Mitteln versuchen, ihr Bestes zu geben. Große Unterstützung vonseiten der Geschäftsführung wird ihnen darin nicht zuteil, vielmehr beschloss Aichinger, den Verkäufern die Provisionen zu streichen und ihnen nur noch ein Fixum zu bezahlen. Aber vielleicht braucht Bösendorfer bald auch keine Verkaufsabteilung mehr. Denn selbst die Händler glauben sich mit ihrer uneingeschränkten Loyalität zum klangvollen Markenprodukt mittlerweile auf verlorenem Posten. Bertold Hess, ein langjähriger Bösendorfer-Händler aus Süddeutschland: „Ich liebe diese Firma, als wäre sie meine eigene, und würde alles tun, um einen Untergang zu vermeiden. Aber die hohe Personalfluktuation schadet dem Image, und Negativimage mindert den Warenabsatz.

In ihren Glanzzeiten verkaufte die Klaviermanufaktur im Jahr 800 Flügel weltweit. Heuer werden 420 Stück produziert. 80 Prozent der Instrumente gehen in den Export. Hauptmarkt sind die USA, gefolgt von Europa und Asien. Ein Bösendorfer kostet zwischen 20.000 und einer Million Euro.

Verkauf in Moll. Im vergangenen Jahr verkaufte Bösendorfer 378 Flügel. Der ausgewiesene Verlust von einer Million Euro wäre weit höher ausgefallen, hätte nicht die Bawag als Eigentümerin sechs Stück der teuersten Modelle gekauft und sie an Bösendorfer zurückgeleast.

Heuer hat Bösendorfer bis Ende Mai weltweit erst 107 Stück verkauft. Traditionell ist der Absatz in den Sommermonaten äußerst gering. Insider schätzen daher, dass Bösendorfer insgesamt in diesem Jahr nicht mehr als 240 Flügel verkaufen kann. Damit wird 2005 das schlechteste Geschäftsjahr in der Geschichte Bösendorfers. „Die Firma steht vor dem Abgrund“, erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter.

Freuen kann sich darüber nur der Mitbewerb. Steinway-Hamburg-Chef Thomas Kurrer meint: „Uns geht es in Europa gut, weil sich ein wichtiger Mitbewerber offenbar aus dem Markt zurückgezogen hat.“ Auch die schlechte Lage auf dem internationalen Klaviermarkt kann nicht als Entschuldigung für die katastrophalen Bösendorfer-Zahlen dienen. Im Gegenteil: Steinway und auch Fazioli konnten sogar Verkaufssteigerungen verzeichnen.

„500 Konzertflügel müssen im Jahr verkauft werden, damit Bösendorfer einen Gewinn machen kann. Mit 420 Stück kann man noch eine schwarze Null schreiben“, weiß Christian Meyer, Direktor des Arnold Schönberg Centers und früherer Bösendorfer-Mitarbeiter. Er wurde von der Eigentümerin Bawag gebeten, Bösendorfer als Berater zur Verfügung zu stehen, und ist Mitglied eines Beirates, der aus lauter honorigen kunstinteressierten Personen besteht: Unter anderem bemühen sich der Staatsoperndirektor Ioan Holender und die Unternehmer Hannes Androsch und Josef Taus durch Einsatz ihrer persönlichen Kontakte und viel Engagement den Absatz von Bösendorfer zu fördern. „Im Prinzip macht der Beirat ehrenamtlich genau das, was früher die Künstlerabteilung gemacht hat, die aber auf eine halbe Stelle zusammengestrichen wurde“, kommentiert Meyer.

„Die Betreuung der Künstler ist die eigentliche Werbung für Bösendorfer gewesen“, ist ein ehemaliger Mitarbeiter überzeugt. „Wenn Lenni Bernstein auf einer Fund Raising Party einer texanischen Ölmilliardärin von seinem Bösendorfer vorgeschwärmt hat, kaufte die sich halt auch einen Flügel. Warum sollte ein Künstler heute von Bösendorfer schwärmen, wenn er überhaupt nicht mehr betreut wird?“

Kein Kommentar. Trotz des rigorosen Sparkurses, dem Marketingabteilung und Künstlerbetreuung zum Opfer fielen, und der katastrophalen Verkaufszahlen bezieht Aichinger ein Bruttomonatsgehalt von 11.700 Euro und – unabhängig vom Geschäftserfolg – eine garantierte Bonifikation in der Höhe von fünf Gehältern.

Zu Bösendorfer und den Verkaufszahlen möchte er keine Stellungnahme abgeben und verweist auf die Eigentümerin Bawag. Konzernsprecher Thomas Heimhofer betont, dass „die Bawag ihr Engagement als patriotisches Kulturinvestment und als Beitrag zum Erhalt einer wichtigen österreichischen Institution“, sieht, „darüber hinaus wollen wir derzeit keine Zahlen bekannt geben oder Aussagen machen“. Ganz in diesem Sinne betonte auch Aichinger gegenüber Bösendorfer-Händlern: „Wir müssen nichts verkaufen und keine Gewinne machen, wir sind ein Kultursponsoring der Bawag.“ Wenn das Kulturgut Bösendorfer allerdings nicht mehr bespielt wird, ist es auch mit dem Kultursponsoring nicht weit her. Die Philosophie des ehemaligen Geschäftsführers Rudolf Arlt lautete daher: „Das Unternehmen muss auf jeden Fall Gewinne machen, egal, wie reich der Eigentümer ist, sonst ist es auf lange Sicht nicht lebensfähig.“

Meyer hat sich jedenfalls aus der Beraterfunktion für Bösendorfer zurückgezogen: „Herr Aichinger wollte den Sanierungskurs lieber alleine fahren!“ Dabei agiert er allerdings wenig glücklich. In den USA erwirtschaftete man mit dem Verkauf von so genannten Konservatoriumsflügeln fünfzig Prozent der Umsätze. „Konservatoriumsflügel sind genauso ausgefeilt wie normale Flügel, nur beim optischen Feinschliff werden zum Schluss zwei bis drei Arbeitsschritte eingespart“, erklärt Meyer. Der Verkauf der Konservatoriumsflügel wurde auf Entscheid von Aichinger abgeschafft, mit der Begründung, dann werde man stattdessen vollwertige und vollpreisige Flügel verkaufen. Die Folge war, dass in den USA die Hälfte der Verkäufe weggebrochen ist.

Flügel unter Denkmalschutz. Bis Ende des Jahres sollte Bösendorfer in die Villa Skywa-Primavesi in der Gloriettegasse im 13. Wiener Gemeindebezirk übersiedeln. Die von Josef Hoffmann 1913 bis 1915 erbaute Villa samt Garten zählt zu den wichtigsten Jugendstilbauten in Wien und ist 1994 vom ÖGB mithilfe des Altstadterhaltungsfonds und in Absprache mit dem Denkmalamt restauriert worden. 1999 verkaufte der ÖGB an die Bawag P.S.K. Leasing. Nachdem die Villa schon seit Jahren leer steht, glaubt man nun eine ideale Zusammenführung zweier Kulturjuwele zu schaffen. Aufgrund der Denkmalschutzauflagen scheint sich ein Umbau für die Bedürfnisse der Klavierfirma allerdings schwierig zu gestalten. Die Bawag will auch zur Übersiedlung nicht Stellung nehmen, und Aichinger erklärt nur: „Durch den Denkmalschutz ist alles sehr schwierig!“

Bösendorfer-Kenner meinen allerdings, die Villa sei für ein solches Unternehmen völlig ungeeignet. Sych von der Klavierhandlung Stingl wundert sich: „Das Haus Primavesi ist von der Türschnalle bis zum Firstziegel unter Denkmalschutz. Wie man dort nur die Instrumente bewegen will, ist mir schleierhaft.“

„Die Villa ist als großbürgerliches Privathaus mit 1500 Quadratmetern denkbar ungeeignet, um dort Flügel zu präsentieren“, glaubt auch Schönberg-Center-Direktor Meyer und wundert sich: „Und über die Parketten und Intarsien von Hoffmann sollen die tonnenschweren Konzertflügel drüberrollen? Gleichzeitig ist der Akademiehof mit 2400 Quadratmetern zu haben? Bösendorfer gehört in die Kulturmeile nicht in eine Hietzinger Wohngegend.“

Aktive Bösendorfer-Mitarbeiter fragen sich hingegen, ob der Betrieb in der Lage ist, nur die Zinsen der nötigen Investitionen, die dort anstehen, zu verdienen?

Derzeit hat der Firmensitz in der Graf-Starhemberg-Gasse durch die gänzliche Übersiedlung der Produktion nach Wiener Neustadt ein großes ungenutztes Raumpotenzial und beherbergt überdies den Bösendorfer-Saal. Im Gebäude des Musikvereins in der Wiener Innenstadt befindet sich der Bösendorfer-Stadtsalon, eine der schönsten Präsentationsmöglichkeiten, nur einen Steinwurf von der Oper entfernt. Doch ob man sich diese Räumlichkeiten noch zusätzlich zur Primavesi leisten kann, ist mehr als fraglich. „Nach der Übernahme durch die Bawag haben wir die Miete für den Bösendorfer-Stadtsalon auf eine fast ortsübliche Miete angehoben. Früher wurde hier ja nur ein geschützter Mietzins bezahlt“, erklärt Thomas Angyan, Intendant des Wiener Musikvereins. „Aber der Stadtsalon – so wird mir vonseiten der Geschäftsführung Bösendorfers gesagt – wird nie und nimmer aufgegeben.“

Diesen unerschütterlichen Glauben an das Wort des Geschäftsführers teilen nicht alle. „Offiziell sagt Aichinger Nein. Aber intern wurde die Stadtsalon-Auflassung auch schon diskutiert, weil es nicht leistbar ist“, weiß Ex-Marketing- und Verkaufschef Höferl. Jedenfalls zahlt die Klaviermanufaktur derzeit für Firmenzentrale und Stadtsalon gemeinsam 200.000 Euro Miete im Jahr. Bösendorfer-Händler Weinberger hofft für das Unternehmen, dass aus der Übersiedlung in die Primavesi nichts wird: „Was sollen die denn dort? Nur damit die Bawag sagen kann, dann zahlen sie die Miete in unseren Sack? Die Primavesi ist zurzeit wirklich nicht das Hauptthema bei Bösendorfer: Das Instrument ist in Ordnung, die Kunden lieben es noch immer! Aber das Unternehmen braucht einen neuen jungen Geschäftsführer, der eine Ahnung vom Metier hat.“

Im Augenblick läuft die Bawag jedenfalls massiv Gefahr, ihr Image als Retter gegen das eines Totengräbers des Traditionshauses Bösendorfer einzutauschen.

von Martina Forsthuber

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