Börse Istanbul: Türkische Träume

Die bevorstehende Entscheidung über die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei entscheidet über Wohl und Wehe der Börse Istanbul. Mutige können ihre persönliche Erweiterung aber schon jetzt versuchen.

Praktisch jeder türkische Staatsbürger verliert in wenigen Wochen mindestens einige hundert Millionen seiner Landeswährung, der Lira. Obwohl das jeder weiß, gibt es keine Unruhen, die Geschäfte nehmen unbeirrt ihren Lauf, und niemand stopft die Sparstrümpfe voll, hortet Überlebensrationen oder flieht in Sachwerte. Sind die Türken ganz verrückt? Keineswegs. Die Türkei streicht bloß sechs Stellen aus ihrer Währung.

Aus einer Million alten türkischen Lira wird am 1. Jänner eine neue Lira – sicher der kleinste, ganz sicher aber auch der augenscheinlichste Schritt, um die Wirtschaft weiter an westlichen Usancen zu orientieren. Eine Lira wird dann etwa 52 Cent wert sein – für Urlauber ein praktisches Maß, das eine ungefähre Umrechnung wesentlich erleichtert: Zwei Lira sind dann etwas mehr wert als ein Euro.

Ein wichtigeres Datum für die Zukunft des Landes fällt aber noch vor die Währungsumstellung: Am 17. Dezember entscheiden die EU-Regierungschefs über die Aufnahme von Verhandlungen über den EU-Beitritt des Landes an der Südostecke Europas. „Für die Börse Istanbul ist das jedenfalls ein Lostag“, meint Mike Bayer, Manager des Türkei-Fonds der deutschen Ceros Vermögensverwaltung AG. Sein Fonds ist einer von lediglich zwei in Österreich zugelassenen Türkei-Fonds. Freilich lockt auch deutsche Anleger keine nennenswert größere Fondspalette: Wer keine Einzelaktien kaufen will – ein in Wachstumsmärkten, so genannten „Emerging Markets“, immer besonders riskantes Unterfangen –, kann auch in Deutschland nicht mehr als drei verschiedene Türkei-Fonds kaufen. Aber: Soll man überhaupt kaufen?

Top-Performance. Einiges spricht dafür. Da ist zunächst die blendende Kurzzeit-Performance der Istanbuler Börse. Selbst verwöhnte Wiener Anleger können die Kurssteigerungen türkischer Aktien noch locken: Zwischen Mai und Oktober 2004 legte der ISE (Istanbul Stock Exchange) National-100 Aktienindex (er umfasst die 100 wichtigsten türkischen Aktien) um fast 50 Prozent zu.

Da ist aber auch das Wirtschaftswachstum. Die gesamte (Anleger-)Welt starrt fasziniert auf China, das heuer ein Wachstum von acht bis neun Prozent erreichen wird. Aber wer spricht über die acht bis neun Prozent, die voraussichtlich das Bruttoinlandsprodukt der Türkei zulegen wird? Noch zum Halbjahr lautete die Prognose auf (ebenfalls beneidenswerte) fünf Prozent. Ende Oktober veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dann einen aktualisierten Länderbericht, in dem von einem BIP-Anstieg auf acht Prozent die Rede ist. Analysten halten sogar neun Prozent für möglich. Die Türkei – ein Konjunkturparadies.

Da sind außerdem die Wirtschaftsreformen. Sichtbarstes Zeichen für den geplanten Aufbruch in die ökonomische Normalität ist wohl die Einführung der „neuen“ Währung. Weitaus tiefer gehen aber die geplanten Privatisierungsmaßnahmen. Erdölbusiness, Lotterie, Telekom – im Wesentlichen sind es die gleichen Unternehmen wie in Österreich, die zur Privatisierung anstehen. Nach Berichten der türkischen Nachrichtenagentur Andalou hält die Regierung überdies um die Hauptstadt Ankara 53 Millionen Quadratmeter an geeigneten Ländereien parat, die zu extrem niedrigen Preisen an ausländische Unternehmen, die bereit sind, hier zu investieren, vergeben werden sollen. Die Türkei – ein Investorenparadies.

Und da ist auch noch die geschäftige türkische Börse. „Mit Tagesumsätzen von durchschnittlich 300 Millionen Euro ist die Liquidität der Börse Istanbul rund fünf- bis sechsmal so groß wie die Liquidität an der Börse Wien. Das ist auch der Grund, warum ausländische Investoren so gern in die Türkei gehen“, weiß Manfred Zourek, Manager des Espa Stock Instanbul, des einzigen in Österreich aufgelegten Türkei-Fonds. Die Türkei – ein heimliches Anleger-Dorado und Hort unentdeckter Aktienperlen?

Wechselvoll. Nicht ganz. Einigermaßen wechselvoll ist nämlich das Schicksal, das ausländischen Anlegern in der Vergangenheit widerfuhr. Ende Februar 2001 gab es in der Bosporus-Metropole einen veritablen Aktiencrash. Auslöser war wachsender Druck auf die Währung, dem die türkische Zentralbank immer höhere Zinsen entgegenzusetzen versuchte. Bis rund 400 Prozent schnellten die Zinsen hinauf – doch dann geschah das Unvermeidliche: Die Dämme brachen, innerhalb weniger Tage sackte der Lirakurs um rund 50 Prozent ab. In den Währungsstrudel wurden auch die Aktienkurse gerissen: Zwar legten die Notierungen an der Istanbul Stock Exchange im gleichen Zeitraum rund zehn Prozent zu, doch auf Euro-Basis gaben sie um rund ein Drittel nach. Die Inflation schnellte auf 54 Prozent, in der Folge kollabierte auch das Wirtschaftswachstum. 2001 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 7,5 Prozent.

Einen „Minischock“ versetzten den Anlegern erst kürzlich die türkischen Ängste vor ehelicher Untreue. Weil die EU hinter einem Gesetz, das Ehebruch unter Strafe stellen sollte, frauenfeindliche Tendenzen vermutete und drohte, daran mögliche Beitrittsverhandlungen scheitern zu lassen, verlor der Istanbuler Börsenindex am 17. September dieses Jahres vier Prozent. Erst die Zusicherung, auf das umstrittene Gesetzesvorhaben zu verzichten, beruhigte die internationale Finanzszene wieder einigermaßen.

Sorgen bereitet den Anlegern schließlich die immer noch flotte Geldentwertung. Bei einer Inflationsrate von elf bis zwölf Prozent laufen die türkischen Banknotendruckmaschinen, verglichen mit den europäischen Industriestaaten, viel zu schnell. Diese hohe Inflation führt im Zusammenhang mit den hohen Zinsen – nominell rund 22 Prozent – dazu, dass die Zinszahlungen das türkische Budget empfindlich belasten: Unglaubliche 41 Pro-zent des Budgets gehen heuer für Zinszahlungen auf. Das klingt zwar heftig, doch noch 2001 fraßen die Tilgungsraten sogar mehr als die gesamten Steuereinnahmen auf. Dass der angenehme und praktische Umrechnungsfaktor zwischen neuer Lira und Euro bei rund 2:1 hält, hängt somit von weiteren Regierungserfolgen bei der Inflations- und Defizitbekämpfung ab.

Die jüngsten Erfolge sind da aber ermutigend: Zwar wird die durchschnittliche Inflationsrate heuer noch über zehn Prozent liegen, doch der Mai 2004 brachte mit 8,9 Prozent erstmals seit 32 Jahren eine Monatsinflationsrate unter zehn Prozent.

Freilich, Anleger müssen sich an die Kombination aus hohen Zinsen, hoher Inflation und hohem Budgetdefizit (es beträgt rund zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes) und der daraus resultierenden schleichenden Abwertung der türkischen Lira erst gewöhnen. „Wir bekommen immer wieder Anfragen von Kunden, die die immer neuen Rekorde des Istanbuler Aktienindex sehen und wissen wollen, warum denn der Fonds nicht auch auf Rekordniveau steht. Wir müssen dann eben erklären, dass die Kursgewinne in Landeswährung gemessen werden und die Performance für Euro-Anleger eben erst nach Abzug der Währungsverluste berechnet wird“, so Türkei-Fondsmanager Bayer.

Vor Euphorie warnt Sparinvest-Fondsmanager Zourek daher eindringlich – vor allem, was die kommende EU-Entscheidung betrifft. „Ich glaube, momentan sind so gut wie alle positiven Nachrichten in den Aktienkursen bereits eingepreist. Das EU-Thema bewegt den Markt ja schon sehr lang.“ Als Beweis für diese Einschätzung nennt Zourek die Reaktion der Istanbuler Börse auf den – positiv ausgefallenen – Bericht von Kommissar Günter Verheugen, der sich für Verhandlungen mit der EU aussprach. „Dass da nicht gleich die große Kursrally losgebrochen ist, zeigt, wie sehr Anleger diese positive Empfehlung vorweggenommen haben. Ich sehe eher das – von mir nicht erwartete – Risiko, das vom Gipfel am 17. Dezember ausgeht. Wenn es am 17. Dezember eine negative Äußerung über die Verhandlungen gibt, trifft das die Börse sicher stark.“

Fazit: Ein Investment vor dem 17. Dezember birgt ein unkalkulierbares, aber eher geringes Restrisiko. Und wer sich zu einem Engagement entschließt, sollte einerseits über gute Nerven und andererseits über ausreichende Geduld verfügen.

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