Billig-Airlines: Der große Ticket-Schwindel

Mit sagenhaft günstigen Flugtarifen werben Airlines um Kunden, doch in Wahrheit sind die Billigsttickets kaum zu bekommen. RyanAir und SkyEurope wurden jetzt in Musterprozessen verklagt. Österreichs Luftfahrtbehörde schaut dem Treiben tatenlos zu.

Bahnhof Wien-Mitte. Hierher bringt der noch immer neu riechende CAT-Zug tausende Reisende pro Jahr vom Flughafen Schwechat in die Stadt. Und genau hier findet sich ein grelles Leuchtplakat von SkyEurope, das – wie aktuelle Zeitungsinserate auch – großzügig verkündet: Kopenhagen ab neun Euro.

Was für ein Schlaraffenland für Reisende, in dem man zum Preis von neun Wurstsemmeln von Wien in die dänische Hauptstadt reisen kann! Toll!

Wir rufen sofort im Callcenter von SkyEurope an. „Hallo, wir sind begeistert von Ihrem 9-Euro-Angebot und möchten ein Ticket nach Kopenhagen zu diesem Preis buchen. Wir sind total flexibel, egal wann.“

„Da kann ich Ihnen nicht helfen“, antwortet uns die Dame von SkyEurope leicht genervt. „Ich weiß nicht, ob es noch solche Tickets gibt, und wenn es sie noch geben sollte, weiß ich nicht, wann die Flüge dazu wären.“ Hmm, grübel. „Aber Sie sind doch die Buchungsstelle von SkyEurope.“ „Ja, aber wir buchen nur nach Datum.“

Aha. Wir sind erstaunt, bleiben aber hartnäckig: „Gut, wie sieht es denn morgen aus – und in drei Tagen zurück?“ „In diesem Fall“, hören wir, „kostet ein Flug nach Kopenhagen hin und retour zusammen 139 Euro.“ So so. „Und in einem Monat?“, lassen wir nicht locker. „98 Euro plus Abgaben.“ Und in einem halben Jahr? Jetzt wird die SkyEurope-Dame ein wenig barsch und schickt uns zum Salzamt: „Suchen Sie doch im Internet. Vielleicht haben Sie Glück, und Sie finden noch ein 9-Euro-Ticket.“

Ein Pech, das wir haben. Die 9-Euro-Tickets, die uns in Andersens Märchenstadt führen sollten, bleiben auch im Internet unauffindbar. Ein Märchen, zu schön, um wahr zu sein. Aber es muss ja nicht unbedingt Kopenhagen sein. Wir sind ja flexibel. Ryanair zum Beispiel verspricht uns gnadenlos ein Ticket nach London um 15 Euro. Dann besuchen wir eben die Queen. Schnell auf die Ryanair-Website! Aber Überraschung, Überraschung: Morgen würde der Flug 328,27 Euro kosten (hin – und drei Tage später retour, plus Abgaben), was doch nicht ganz dem 15-Euro-Offert entspricht. Wir waren einfach zu spontan, Schnäppchenjäger müssen eben langfristig denken. Genau einen Monat später wäre der Flug tatsächlich deutlich billiger: 103,32 Euro. Eigentlich günstig, aber weit entfernt vom Lockangebot 15 Euro. Probieren wir also einen Termin in sechs Monaten. Wieder nix: 208,32 Euro müssten wir dann berappen. Die 15-Euro-Tickets nach London aus der Werbung bleiben auch dann unauffindbar. Dabei birgt das langfristige Buchen ohnehin das lästige Risiko, das etwas dazwischenkommt. Zurückgeben kann man die Tickets von Billigfliegern bekanntlich nicht. Michael O’Leary, Chef von Ryanair, hat öffentlich zugegeben, dass ein Drittel der Erträge der Airline aus nichtbenützten Tickets stammt: Die Leute zahlen den Ticketpreis, die Abgaben, Gebühren usw., fliegen dann nicht, und das Geld ist perdu, Pardon, bei Ryanair.

Aber zurück zu unserem kleinen Buchungsproblem. Vielleicht kann unser Nationalheld Niki Lauda helfen, selbst bekanntlich extra sparsam? Fly Niki verspricht in der aktuellen Werbung, uns um 29 Euro nach Palma de Mallorca zu bringen. Wunderbar. Wir fragen artig an, es ist Anfang August, und wir sind bescheiden und würden ohnehin erst im September auf die Ferieninsel fliegen, wo doch schon die Nachsaison herbstschwer über Mallorca hängt. Wie steht’s also mit dem 29-Euro-Angebot? Tja, sagt uns der freundliche Herr im Callcenter, also im September müssten wir leider geringfügig mehr zahlen, nämlich 366 Euro hin und retour – statt 29. Aber die gute Nachricht: Es gibt tatsächlich einen Hinflug nach Mallorca um 29 Euro: am 15. November. Da könnten wir dann verspätet Allerheiligen feiern am Ballermannstrand. Für den Rückflug müssten wir allerdings 43 Euro auslegen. Herrje! Wurden die Billigtickets aus der Werbung von Außerirdischen entführt, oder hat sie Bill Gates alle aus Sparsamkeit aufgekauft? Wir wissen es nicht.

Unkontrollierbare Versprechungen. Die irrlichternden Lockangebote vieler Fluggesellschaften sorgen jedenfalls für zunehmenden Unmut. Gibt es sie überhaupt in einer ernst zu nehmenden Zahl? „Aber selbstverständlich“, sagt Elena Konopkova, Sprecherin von SkyEurope in Bratislava, treuherzig, „aber eine genaue Zahl, wie viele 1-Euro-Tickets pro Maschine wir anbieten, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Das variiert nämlich. Man muss auch bedenken, dass es Leute gibt, die frühzeitig alle solchen Tickets aufkaufen.“ Das ist aber traurig. Die Bösen stehen wahrscheinlich am Naschmarkt und verhökern neben den Karotten 1-Euro-Flugscheine.

„Natürlich existieren die Tickets zum beworbenen Mindestpreis“, macht uns Matthias Burkard von der Low-Cost-Airline Germanwings wieder Mut. „Es sind zehn bis fünfzehn Prozent aller Plätze pro Maschine und an bestimmten Aktionstagen sogar mehr.“ Auch andere Airline-Manager schwören Stein und Bein, zehn bis fünfzehn Prozent aller Tickets gingen zum beworbenen Mindestpreis weg.

Aber stimmt es auch? Fragen wir Profis aus der Branche. Hannes Schwarz zum Beispiel, Chef von Carlsson Wagonlit, einem der größten Geschäftsreisebüros in Österreich, verkauft 75.000 Flugtickets im Jahr, und er lächelt nur milde bei solchen Geschichten: „Wenn jemand erzählt, seine Airline verkaufe fünfzehn Prozent der Tickets zum Mindestpreis, da kann ich nur lachen. In Wirklichkeit sind es allerhöchstens fünf Plätze pro Maschine. Die 1-Euro-Tickets von SkyEurope gibt es schon, aber in so begrenztem Maß, dass es auch nicht hilft, ein Dreivierteljahr vorher zu buchen. Das Hauptproblem bei den Lockangeboten besteht darin, dass niemand, auch kein einziges Reisebüro, kontrollieren kann, wie viele Plätze tatsächlich pro Maschine zum Mindesttarif verkauft werden. Das halten die Fluggesellschaften topsecret.“ Vielleicht hatte ja Lenin doch Recht: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Na vielleicht ist das ein bisschen zu schwarz gesehen von Herrn Schwarz. Fragen wir Sabine Savara, Flugmanagerin von STA-Travel, dem größten Studentenreisebüro in Österreich (verkaufte Tickets pro Jahr: 70.000): „Wenn eine Airline mit 1-Euro-Tickets wirbt, können wir mit unseren Buchungsmaschinen nicht feststellen, wie viele es davon gibt. Es gibt keine Kontrolle. Wir wissen aber, dass diese Tickets extrem schwer zu kriegen sind und wenn, dann nur an unattraktiven Terminen mit wesentlich teureren Rückflügen.“ Sehr problematisch ist auch, dass mit Preisen geworben wird, die Abgaben und Zuschläge und sonstige Kosten nicht enthalten. Savara: „Die Kerosinzuschläge zum Beispiel ändern sich fast alle drei Wochen. Echte Preisvergleiche sind dadurch für einen normalen Kunden extrem schwierig und würden auch ein überraschendes Bild ergeben. Ich bin sicher, dass zum Beispiel British Airways im Schnitt nicht teurer ist als die Ryanair, wenn man alles zusammenrechnet. Auch die Air-Berlin ist im Schnitt nicht wirklich billiger als die AUA.“

Null-Euro-Schmäh. Airlines können in Österreich also problemlos mit 9-Wurstsemmel-Tarifen werben, und keiner kann kontrollieren, ob und wie viele solche Tickets tatsächlich verkauft werden. Sie bewerben Preise, die die beträchtlichen Nebenkosten verschweigen und die Kundschaft eigentlich irreführen. Ja, ist denn so was erlaubt? Wir fragen einen Spezialisten. Klaus Keider ist ein im Wettbewerbsrecht versierter Wiener Anwalt und weiß: „Wenn zum Beispiel Flugtickets nach London um 29 Euro beworben werden, ist juristisch entscheidend, wie ein normaler Konsument ein solch marktschreierisches Angebot versteht. Er wird annehmen, dass dieses Ticket auch tatsächlich verfügbar ist, und zwar nicht erst in sechs Monaten. Es handelt sich daher meiner Meinung nach um Lockangebote, die den Tatbestand des Paragrafen zwei des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb erfüllen, die so genannte Irreführung von Verkehrskreisen, wie es im Gesetz heißt. Ähnliche Fälle sind eindeutig ausjudiziert. Man darf nicht einen Griller zu einem extrem attraktiven Preis anbieten, aber im Geschäft gibt es ihn dann überhaupt nicht.“

Ist es nicht erschütternd? Die Flugwelt sieht in der Werbung so schön aus, warum bloß ist das Buchen so frustrierend? Ryanair warb im Vorjahr zum Beispiel mit einem unschlagbaren, wirklich verlockenden Angebot: Flugtickets nach Rom um null Euro. Wer hätte da nicht zugreifen wollen! Man hätte nicht einmal eine Wurstsemmel für den Rom-Trip investieren müssen, vielleicht doch, um sie im Flieger mit Serviette zu verzehren. Aber, wir ahnen es schon, etwas lief schief … und das beschäftigt jetzt erstmals in Österreich die Gerichte.

„Wir haben Ryanair und SkyEurope verklagt und ziehen jetzt beim Handelsgericht Wien Musterprozesse durch“, sagt Margit Handschmann, eine erfahrene Juristin der Arbeiterkammer. „Die Klage gegen Ryanair wurde eingereicht, weil wir feststellen konnten, dass es in Wahrheit keinen einzigen Flug nach Rom um null Euro gegeben hat, wie er überall beworben wurde. Die Durchführung der Klage erwies sich als schwierig. Das Handelsgericht Wien benötigte allein ein halbes Jahr, um den juristischen Sitz der Gesellschaft in Irland zu finden. Es sieht jetzt aber so aus, dass Ryanair klein beigibt und einen Vergleich anstrebt mit der Begründung, die Fluglinie habe damals aus reinem Versehen keine Null-Euro-Tickets verkauft.“

Gut, wir glauben das Ryanair sofort. Das kann ja mal passieren, dass man in Zeitungsinseraten aufwändig für etwas wirbt, was man gar nicht verkauft, die Welt ist voller solcher Irrtümer.

Auch die in Bratislava ansässige Fluggesellschaft SkyEurope, die zu 17 Prozent dem Österreicher Christian Mandl gehört, rührt bekanntlich besonders viel versprechend die Werbetrommel: Mal sind es 1-Euro-Tickets, mal 9-Euro-Tickets, mal 25-Euro-Flugscheine, die verlockend winken. Doch auch SkyEurope ist – wie konnte das nur passieren – ins Visier der Arbeiterkammer geraten. AK-Anwältin Handschmann: „SkyEurope hat mit Flügen nach London um einen Euro geworben. Wir überprüften das Angebot und stellten fest, dass es zwar solche Tickets gab, dass aber die Rückflüge erheblich teurer waren, was man aus der Werbung nicht schließen konnte.“

Teures Gepäck. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich für Flugtickets keinerlei gesetzliche Vorschrift zu einer Bruttopreisauszeichnung. Die Neben- bzw. Gesamtkosten können also ganz legal in der Werbung verschwiegen werden. Dabei machen Abgaben und Gebühren gerade bei Low-Cost-Carriern mitunter mehr aus, als das Ticket kostet. Der Rückflug ist häufig wesentlich teurer als der Hinflug, dazu kommen, so man das Ticket im Reisebüro bucht, noch Buchungsgebühren von 35 bis 45 Euro. Und bei Low-Cost-Carriern ebenfalls zu bedenken: die Transferkosten zu entfernten „Nebenflughäfen“, zum Beispiel der Transfer von Wien nach Bratislava und retour. Weiters schlagen happigere Gepäckvorschriften zu Buche. Bei Ryan zum Beispiel dürfen Passagiere nur 15 Kilo Gepäck mitnehmen statt der sonst üblichen zwanzig Kilo. Jedes Extrakilo muss bei der Diskont-Airline teuer bezahlt werden.

„Die Preisauszeichnung bei Flugtickets in Österreich ist derzeit haarsträubend schlecht, ja geradezu ein kompletter Nonsens“, urteilt AK-Expertin Handschmann. „Bei uns müssten das Verkehrsministerium und das Wirtschaftsministerium dringend aktiv werden, aber die machen auf diesem Gebiet gar nichts. Es gibt aber jetzt wenigstens in Brüssel einen viel versprechenden Vorstoß zur Bruttopreisauszeichnung auf europäischer Ebene.“

Untätige Beamte. Keine Regelung für eine ehrliche Ticketpreisauszeichnung wie in Deutschland, keine Vorschriften über eine minimale Anzahl von Billigtickets pro Maschine wie in der Schweiz. In Österreich gilt das Anschwindeln von hunderttausenden Flugpassagieren als Kavaliersdelikt.

Was macht dagegen eigentlich Österreichs Luftfahrtbehörde? Oder tun wir ihr da Unrecht? Vielleicht hilft ein Lokalaugenschein. Im Verkehrsministerium am Wiener Radetzkyplatz leitet Manfred Bialonczyk die Gruppe Luftfahrt und Schifffahrt – eine originelle Mischung im Übrigen –, alles zusammen ist eine Unterabteilung der Sektion II (Infrastruktur). Hier sind wir bei Österreichs oberster Luftfahrtbehörde gelandet. 46 Beamte mühen sich unter Bialonczyks Leitung darum, dass in der heimischen Luftfahrt alles stimmt. „Unsere Hauptaufgabe ist die Erteilung der Konzessionen und die jährliche Überprüfung der finanziellen Leistungsfähigkeit der österreichischen Luftfahrt“, sagt Bialonczyk. Letzteres geschieht unter anderem dadurch, dass überprüft wird, ob die Airlines 80.000 Euro verfügbar haben, um drei Monate ohne Einnahmen fliegen zu können. Um die Flug- und Betriebssicherheit kümmert sich die ausgegliederte, aber weisungsgebundene Austrocontrol.

Bruttopreisauszeichnung, Lockangebote, schwindlige Marketing-Strategien? Österreichs oberster Luftfahrtkontrolleur sieht sich in diesem Fall völlig machtlos: „Ja, das ist ein knallharter Markt, aber wir mischen uns in die Tarifgestaltung nicht ein. Wir sind da einfach nicht zuständig. Konsumentenschutz fällt nicht in unser Ressort.“ Gut, wegen Brüssel musste Bialonczyks Abteilung zwar jene Konsumentenschutz-Verordnungen umsetzen, die Fluggesellschaften bei Überbuchungen zu empfindlichen Zahlungen verpflichten, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Vielleicht hat Bialonczyk ja Recht, und Flugtickets haben mit der Fliegerei gar nichts zu tun. In Wirklichkeit, meint der Chef der Luftfahrtbehörde, sei dies Sache des Wirtschaftsministeriums.

Im Wirtschaftsministerium hingegen weiß man: Ja, für die Preisauszeichnung wäre man schon zuständig, aber Flugtickets seien eine Ausnahme, und überhaupt wäre die Überprüfung wieder Landessache. Vielleicht sei aber auch das Sozialministerium zuständig … Jetzt haben wir ein richtig schlechtes Gewissen, da nachgestochert zu haben.

Vielleicht, wer weiß, fallen Fluggesellschaften in Wahrheit unter das Glücksspielgesetz. Und jedes tatsächlich real existierende Billigticket ist so etwas wie ein kleiner Lottotreffer. SkyEurope jedenfalls schickt uns gerade unverzagt einen neuen Newsletter mit einem echten Jackpot: Rad fahren in Amsterdam ab 25 Euro wird uns unter anderem versprochen. Wenn wir, alles ist möglich, ein solches Ticket fänden: Wie dürfen wir das jetzt verstehen? Können wir dann hinfliegen nach Amsterdam, und müssen wir zurückradeln? Und wie hoch ist die Gebühr für das Fahrrad?

Von Karl Riffert

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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