Bildung – wozu? Ohne lebenslanges Lernen ist an Karriere nicht zu denken

Ohne Lebenslanges Lernen ist an Karriere nicht zu denken, ja es drohen Stagnation und Jobverlust. Deshalb setzen jährlich 850.000 Österreicher auf Weiterbildung und vertrauen sich dabei 5000 verschiedenen Seminaranbietern, Trainern und Coachs an. Sind sie dabei aber in guten Händen? Bringen Seminare, Kurse und Lehrgänge tatsächlich eine Jobgarantie oder gar einen Karriereschub?

Peking. Betriebsbesichtigung. Vierundzwanzig Manager werden durch die Maschinenhalle geführt. „Wer hat schon die Chance, dass sich ihm die Türen chinesischer Unternehmen öffnen“, schwärmt Gregor S., 39, von diesem einmaligen Erlebnis. Eine Woche ist er im Rahmen seines MBA-Programms im Fernen Osten unterwegs. „Gregor war immer schon einer der Begabtesten und so wissbegierig“, erzählt seine Mutter. Deshalb schickten ihn die Eltern auch auf ein Elitegymnasium und finanzierten das Studium in England. Der erste Job im internationalen Elektronikkonzern brachte ihn bald ins mittlere Management, zeigte ihm aber auch, wo es noch Wissenslücken zu füllen gab. Mit Begeisterung absolvierte er einen Marketing- und Verkaufskurs, belegte Präsentationstechnik-, Rhetorik- und Kundenorientierungsseminare, lernte Tschechisch, besuchte einen Projektmanagementlehrgang und investierte insgesamt 200 Arbeitstage in verschiedenste Ausbildungsmodule zum Thema Führungstechniken und Strategieentwicklung. Vor einem Jahr wurde seine gesamte Abteilung eingespart und auch Gregor S. – mittlerweile dreifacher Familienvater – gekündigt. Bei sechzig Bewerbungen wurde er bereits abgewiesen. „Natürlich zahlen wir ihm die Hälfte der MBA-Kosten, das ist ja quasi eine Investition in die Zukunft“, meint die betagte Mutter. In einem halben Jahr wird er mit dem Lehrgang fertig sein. „Es ist wirklich hochinteressant“, ist Gregor begeistert. Ob sich dadurch seine Jobchancen verbessern, „kann ich nicht sagen, derzeit schaut es nicht so rosig aus, und bislang hieß es eher, ich sei überqualifiziert“.

Lebenslanges Lernen. Weiterbildung scheint allen ein Gebot der Stunde zu sein. Jeder tut es: Verkäufer und Abteilungsleiter, Sachbearbeiter und Senior Consultant, Sekretärin und Unternehmer, Controller und Generaldirektor. Und jeder bekennt sich gerne dazu: Magna-Vorstand Siegfried Wolf, der bestbezahlte Manager des Landes, tut es genauso wie Billa-Chef Wolfgang Wimmer oder Volksbanken-General Franz Pinkl.

850.000 Erwerbstätige haben in den letzten zwölf Monaten an einer Weiterbildungsveranstaltung teilgenommen. Bildung wird nach wie vor als höchstes Gut des Landes angesehen. Nicht umsonst hat das schlechte Abschneiden österreichischer Schüler bei der letzten PISA-Studie so hohe Wellen geschlagen und zu einer andauernden Diskussion geführt.

Gerade in Zeiten großer Arbeitslosigkeit wird ständige Weiterbildung zur Bürgerspflicht erklärt, denn Stillstand bedeutet angeblich Jobverlust. Wer rastet, der rostet! Die Anforderungen im beruflichen Alltag ändern sich so rasch, dass man nur mit lebenslangem Lernen am Ball bleiben kann – heißt es. Kein Wunder, dass die Ausgaben am Weiterbildungsmarkt beachtlich sind. „Österreichs private Unternehmen geben mindestens 850 Millionen Euro jährlich für Weiterbildung aus“, weiß Jörg Markowitsch, Geschäftsführer der 3s Unternehmensberatung, die den Weiterbildungsmarkt untersucht. „Die Ausgaben der öffentlichen Hand liegen bei rund 800 Millionen Euro, wobei der Großteil auf Schulungsmaßnahmen des AMS entfällt. Dazu kommen noch die Ausgaben von Privatpersonen für berufliche Weiterbildung mit 250 Millionen Euro pro Jahr.“

Wie viel davon gewinnbringend investiert ist, bleibt ein teures Geheimnis. Denn jeder Seminarteilnehmer tendiert stark zur positiven Bewertung. Schließlich will er Zeit und Geld nicht vergeudet, sondern sinnvoll angelegt haben.

Selbst ernannte Heilsbringer. Doch auf tatsächlich gute Trainer, Lehrgangsleiter oder Ausbildner zu stoßen ist gar nicht so einfach. Schließlich kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, Seminare anbieten.

„Das ist ein Riesenproblem, denn jeder kann sich Trainer, Coach oder Ausbildner nennen“, weiß Christine Wirl, eine profunde Kennerin der Seminarszene, die seit acht Jahren das Magazin „Training“ herausgibt. Neben einer großen Anzahl renommierter Bildungsanbieter mit hervorragenden Trainern strömen immer mehr selbst ernannte Ausbildner in den Markt. „In den meisten Fällen sind sie begnadete Selbstdarsteller“, sagt Wirl.

Wenn sich am Arbeitsmarkt gar nichts mehr tut, bleibt immer noch der Weiterbildungssektor. Hausfrauen bilden sich zu Lebensberaterinnen und arbeitslose Projektmanager zum Seminarleiter aus. Nach dem Motto: Wenn wir es schon selbst nicht geschafft haben, zeigen wir den anderen, wie es gehen könnte. „Die Lehre ist frei, daher ist auch das Lehren jedem freigestellt“, bedauert Peter Jelinek, Inhaber der Wiener Trainerakademie, den unkontrollierten Zustrom in die Branche.

Der Markt der Seminaranbieter ist groß und wird für die Kunden immer unübersichtlicher.

„Ungefähr 5000 Seminaranbieter gibt es in Österreich, in Deutschland sind es etwa 50.000“, weiß Christiana Iro, Vertriebsleiterin der Seminar-Shop GmbH, die im letzten Monat 150.000 Besucher auf ihrer Internetsite registrierte. 600 Anbieter aus Österreich, Deutschland und der Schweiz offerieren in diesem Internetshop über 35.000 Seminare. „Bei uns buchen private User genauso wie Firmen“, erzählt Iro, „und das Themenspektrum reicht von Persönlichkeitsbildung bis Brandschutz.“

Große Unternehmen vertrauen bei ihren Ausbildungsprogrammen für Mitarbeiter meist eigenen Schulungsteams und hausinternen Trainingsakademien. Doch auch sie können nicht das gesamte

Spektrum der erforderlichen Weiterbildungsthemen abdecken. „Ein starker Fokus gilt Führungskräftetrainings, Kundenorientierung und Methoden wie Projektmanagement“, erzählt IBM-Personaldirektor Johann Hainzl, „aber auch Standardthemen der Persönlichkeitsentwicklung wie Kommunikation, Präsentation und Rhetorik sind ständig nachgefragt.“ IBM investiert weltweit rund 800 Millionen Dollar in die Weiterbildung von 320.000 Mitarbeitern.

In Österreich ist es ein mittlerer einstelliger Millionen-Euro-Betrag für 2000 Beschäftigte.

Die Qual der Wahl. Dass die Personalchefs zu wenig gezielt bei der Auswahl jener Bildungsanbieter vorgehen, an die sie Gunst und Geld verteilen, wirft ihnen Christian Joksch, Geschäftsführer der Imadec University, vor: „Die österreichische Szenerie zeichnet sich ja durch besondere Ignoranz und wenig Information aus. Da müssten sich die Personalverantwortlichen damit beschäftigen, und das wäre Arbeit.“

Doch meist erschwert weniger die Scheu vor der Arbeit als vielmehr die Vielfalt der Anbieter mit sehr ähnlichen Versprechen eine gezielte Auswahl. Auch im Verpackungsunternehmen Greiner Packaging mit über 2000 Mitarbeitern setzt man daher auf ein eigenes Ausbildungszentrum im technischen Bereich, in dem bis zum Facharbeiter ausgebildet wird. „In der Greiner Akademie für Führungskräfte arbeiten wir mit dem Managementzentrum St. Gallen zusammen“, berichtet Personalchef Manfred Huemer, „doch bei Sprachen, EDV etc. müssen wir uns auf externe regionale Seminaranbieter verlassen.“

Ob die Bildungsinvestition für den Mitarbeiter und schließlich das Unternehmen lohnend war, kann erst im Nachhinein und auch dann nur sehr vage festgestellt werden. Umso verlockender wirkt auf die Investoren das Versprechen einer Messbarkeit des Wissenszuwachses. Manche Firmen investieren daher in die Illusion eines lückenlos funktionierenden Bildungscontrollings bereits mehr als in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter.

Eines steht jedenfalls fest: Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit. Zumindest statistisch gesehen. Denn alle arbeitslos Gemeldeten, die in Schulungen eingebunden sind, fallen aus der Arbeitslosenstatistik heraus. Ein Grund, warum trotz der derzeitigen bundesweiten Rekordarbeitslosigkeit das Bundesland Wien sogar einen Rückgang von minus 5,4 Prozent verzeichnen konnte. Stieg doch die Zahl derer, die in Schulungen eingebunden sind, seit vergangenem Jahr in der Bundeshauptstadt um 54,1 Prozent. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 48.065 Arbeitslose in Weiterbildungsmaßnahmen des AMS eingebunden.

Leider führen sie nicht immer zu einer neuen Anstellung. Und längst macht die Arbeitslosigkeit nicht mehr vor der Managementetage halt. „Der Grundsatz, je höher die Ausbildung, desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko, stimmt noch immer. Der Unterschied zu früheren Jahren besteht darin, dass Arbeitskräfte der höchsten Bildungsstufe heute auch in relevantem Ausmaß von Arbeitslosigkeit betroffen sind“, weiß AMS-Chef Herbert Buchinger. „Bei Führungskräften kommt allerdings meist ein besonderes Problem hinzu: Sie haben oft lange Jahre in einem Unternehmen gearbeitet. Die Kompetenzen, die sie sich dabei erworben haben, sind oft so spezifisch, dass sie schwer auf andere Unternehmen übertragbar sind. Zumindest glauben das oft diejenigen, die über die Einstellung neuer Arbeitskräfte entscheiden.“ Welche Weiterbildungsmaßnahmen aber schützen vor Jobverlust und unterstützen ein flottes Weiterkommen auf der Karriereleiter? Oder kann man Weiterbildung auch übertreiben und viel Geld in garantiert unnütze Seminare und Kurse investieren?

trend hat sich die aktuellsten Entwicklungen am Weiterbildungsmarkt angesehen und Personalchefs, Manager und Seminarprofis gefragt, welches Wissen tatsächlich weiterbringt, welchen Trainern sie vertrauen und ob man auch den Bildungshunger übertreiben kann.

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