Besser handeln im Basar?

Am 17. Dezember entscheidet der EU-Rat über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. trend befragte österreichische Top-Manager, ob ein Beitritt ökonomisch Sinn macht.

Europa stürzt sich kopflos in ein Mammutprojekt – da ist sich Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl ganz sicher. Mit einer Aufnahme der Türkei verkomme die EU zu einer „besseren Freihandelszone“, wie sie die Engländer und die USA anstreben. Die Idee einer echten politischen Union im Geist der EU-Gründerväter Konrad Adenauer und Robert Schuman werde verwässert. „Ich halte einen Beitritt nicht für zielführend“, warnt der wortgewaltige Stahl-Boss, der im Übrigen von den Geschäften seiner Firma in der Türkei und der dortigen Business Community schwärmt.

Raidl ist nicht nur erfolgreicher Manager, sondern steht als Wirtschaftsberater der ÖVP auch dem Kanzler nahe. Wolfgang Schüssel selbst muss die Position der Europäischen Volkspartei (EVP) zur Türkei-Frage koordinieren – wahrlich keine leichte Aufgabe. Auch nach der Entscheidung des EU-Rats am 17. Dezember über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen werden die Meinungen quer durch alle weltanschaulichen Lager gespalten bleiben. Die vom trend befragten österreichischen Unternehmer und Manager schwanken zwischen Hurra und Fundamentalskepsis.

Wie EU-tauglich ist die türkische Wirtschaft – und wie Türkei-tauglich die österreichische? Von der Wirtschaftsleistung her ist das 70-Millionen-Einwohner-Land winzig: In einer Gesamtwirtschaft der EU-28, also inklusive Rumänien und Bulgarien, käme die Türkei aktuell laut einer Berechnung der CA-IB auf 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, noch hinter Österreich mit 2,3 Prozent.

Aufholjagd. Aber das Land am Bosporus holt auf: Unglaubliche 13,5 Prozent ist die türkische Wirtschaft im ersten Halbjahr 2004 gewachsen. „Das ist die am stärksten wachsende Wirtschaft weltweit“, beobachtet Simon Quijano-Evans, Türkei-Spezialist der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). Nach dem großen Erdbeben 1999 und der Währungskrise 2001 kehrt wieder Vertrauen ein, der Konsum der privaten Haushalte ist mit einem Wachstum von über 16 Prozent im zweiten Quartal geradezu explodiert. Die nationalen Investoren kehren in die türkische Lira zurück, lokale Aktien werden ebenso gekauft wie türkische Staatsanleihen.

Schon jetzt profitieren österreichische Unternehmen von der Aufbruchstimmung oder sehen die Türkei als eindeutigen Hoffnungsmarkt für ihre Produkte, von Edelmöbeln bis zu Zigarettenschachteln. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat die Türkei in einer aktuellen Studie über „Interessante Absatzmärkte und Exportpotenziale für die österreichische Industrie“ als ein Schwerpunktland für die heimische Exportindustrie identifiziert, etwa für Autozulieferer sowie die Fernseh- und Nachrichtentechnik.

Würde ein EU-Beitritt diese Perspektive noch beflügeln? „Wenn die Türkei im Rahmen eines EU-Beitritts politisch stabil wird, sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sicher noch besser“, meint Wifo-Studienautorin Yvonne Wolfmair.

Freilich wird sich das Land nicht so schnell ändern können, als dass ein Beitritt für die EU nicht auch erhebliche Risken hätte. Neben den viel diskutierten kulturellen Spannungen und einer möglichen Schwächung der EU-Institutionen sind die finanziellen Auswirkungen schwer absehbar. Die EU-Kommission, die Anfang Oktober grünes Licht für Beitrittsverhandlungen gegeben hat, hat in ihrem „Impact Report“ über die Auswirkungen eines Vollbeitritts im Jahr 2015 Transferzahlungen von bis zu 33,5 Milliarden pro Jahr ab dem Zeitpunkt eines Vollbeitritts geschätzt, davon 8,5 Milliarden für die Landwirtschaft. Bei zu erwartenden Beitragszahlungen aus Ankara in der Höhe von 5,6 Milliarden Euro hieße das maximal 27,9 Milliarden Euro pro Jahr (nach Preisen von 2004). Änderungen der EU-Agrar- und -Strukturpolitik sind in diesem Szenario aber ebenso wenig berücksichtigt wie Transformationen im Land selbst. „Die Schätzungen scheinen plausibel zu sein“, meint Experte Quijano-Evans, der auch mit Übergangsfristen am Arbeitsmarkt rechnet.

Aktuell hat nach Einschätzung des BA-CA-Mannes die türkische Regierung aber ein ganz anderes Problem zu lösen: das hohe Leistungsbilanzdefizit, das mit 4,5 Prozent des BIP 2004 US-Dimensionen erreichen wird. „Das sollte eigentlich durch ausländische Direktinvestitionen gedeckt werden“, so Quijano-Evans, „die sind in der Türkei mit rund einer Milliarde Dollar pro Jahr aber sehr gering.“ Deshalb wird bei den ersten großen Privatisierungen – demnächst dürfte die türkische Telekom dran sein – entscheidend sein, wie transparent sie ablaufen. Fassen auch ausländische Investoren Vertrauen in den Reformkurs, könnten sie für einen Wachstumsschub wie in Ungarn, Tschechien & Co sorgen.

Wirtschaftlich, so der Tenor der Experten und Manager, ist ein Heranführen der Türkei an die Europäische Union sinnvoll. Politisch bleibt ein solcher Prozess höchst umstritten. Anders als der skeptische Böhler-Uddeholm-General Raidl ist etwa BA-CA-Vorstand Wilhelm Hemetsberger davon überzeugt, dass allein die Perspektive eines Vollbeitritts, die der Türkei am 17. Dezember eingeräumt werden dürfte, beflügelnd wirkt: „Man darf die Karotte nicht wegziehen, sie stärkt die Reformkräfte.“

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