Benita Ferrero-Waldner: Die Kandidatin, eine strategische Arbeiterin

trend: Frau Minister, Sie haben einmal gesagt: „Mit gut erzogenen, gut gebildeten Menschen kann ich reden, aber bei einfacheren Menschen habe ich es oft schwer, da finde ich nicht den richtigen Zugang.“
Ferrero: Das ist lange her. Ich habe eigentlich einen Zugang zu allen Menschen, und zwar einen sehr guten. Ich mag die Menschen. Ich bin am Land aufgewachsen, ich war die Tochter des Dentisten Bruno Waldner. Ich habe immer mit allen geredet.

Wie kommt dann so ein Satz zustande?
Er ist uralt. Außerdem ist er aus dem Kontext herausgegriffen. Ich erzähle Ihnen etwas: Ich kam als junge Diplomatin nach Dakar im Senegal. Der Botschafter hat gesagt: Du wirst dich hier mit der Armut auseinander setzen müssen. Am besten, du suchst dir jemanden, dem du immer gibst. Ich habe einen leprakranken Bettler gefunden, der auf einem Wägelchen am Boden gesessen ist und nur mit den Handstümpfen anschieben konnte. Das hat mich wahnsinnig berührt. Aus dieser Erfahrung habe ich auch einen Zugang zur Armut in Österreich gefunden.

Sie betonen stets Ihre soziale Ader. Wie werden Sie die soziale Frage angehen? Der Leprakranke kann’s ja nicht sein.
Nein, aber das hat mich geprägt. Ich werde Sprechtage und auch Telefonsprechstunden einführen. Dabei werde ich mit vielen sozialen Fragen konfrontiert werden. Ich könnte dann meine Kanäle nützen, um für den einen oder anderen Lösungen zu suchen.

Da werden aber sicher nicht die Schwächsten anrufen …
Das sehe ich anders. Ich merke, dass mich Leute jetzt schon anrufen und sagen, ich habe dies oder jenes Schicksal. Können Sie mir nicht helfen? Und ich helfe ja auch schon. Hunderttausend Euro aus meinem Wahlkampfbudget spende ich für Härtefälle.

Wie schaffen Sie allgemeine Betroffenheit? Werden Sie beispielsweise in einem Obdachlosenquartier aushelfen?
Ich will sicher ein Bewusstsein schaffen. Wie ich das dann aber im Detail mache, muss ich mir noch anschauen. Ich will zeigen, dass es Menschen in unserer Leistungsgesellschaft gibt, die durch das soziale Netz fallen. Man muss auch mit Sozialeinrichtungen zusammenarbeiten. Natürlich kann ich nicht alles alleine machen.

In Ihrem Tagebuch schreiben Sie zum Thema Pensionsreform, dass „wir“ – gemeint sind die Regierungsmitglieder – „noch viel mehr mit den Menschen reden müssen“. Ist das Selbstkritik, Kritik an der Kommunikationspolitik der Regierung?
Es ist eine Art Selbstkritik an uns alle. Ich bin immer wieder hinausgegangen, um den Menschen Rede und Antwort zu stehen. Und das muss man bei den großen Reformthemen noch stärker machen.

Sie wollen mehr Arbeitsbesuche absolvieren und als Lobbyistin für die österreichische Wirtschaft tätig sein ...
Ich würde das Wort nicht mehr verwenden. Ich möchte jemand sein, der für Österreichs Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Tourismus wirbt. Und man kann auch in der Konzeption solcher Besuche noch besser mit der Wirtschaft zusammenarbeiten.

Kommen Sie bei Ihrer Reisetätigkeit dann nicht dem Wirtschaftsminister und dem Bundeskanzler ins Gehege?
Der Wirtschaftsminister hat die täglichen Aufgaben zu machen. Als Bundespräsidentin werde ich mich sicher nicht in die Tagespolitik einmischen. Und selbstverständlich würde ich auch den Wirtschaftsminister einladen mitzukommen, wenn er das will. Ich möchte die Regierungsmitglieder gerne auf meine Reisen mitnehmen. Die haben dann mit ihren jeweiligen Kollegen die Dinge im Detail auszuverhandeln.

Sie sagen, Sie wollen als Präsidentin „die großen Richtungen vorgeben“. Das wird den Bundeskanzler nicht sehr freuen.
Ich möchte keine Gegenkanzlerin sein. Aber ich kann als Bundespräsidentin zum Beispiel zu einem Wissenschaftsdialog einladen. Ich habe viele Auslandskontakte, auch zu Universitätskreisen.

Was können Sie, gespeist aus Ihrer Erfahrung in der Privatwirtschaft, der heimischen Unternehmerschaft raten?
Mir hat immer die Diversifizierung der Exportwirtschaft gefehlt. Ich habe mich schon als Staatssekretärin bemüht, den Nahen Osten für die österreichische Wirtschaft zu erschließen. Das war immer schwierig. Heute gibt es mehr Exportförderungsinstrumente, und trotzdem sehe ich noch immer Sprachbarrieren, kulturelle Barrieren. Ich bin auch immer bewusst nach Lateinamerika gegangen, um diese riesigen Märkte aufzureißen. Ich würde zu mehr Risikobereitschaft und Mut raten.

Hängen Sie eher der neoliberalen Schule an oder doch jener von Keynes?
Der Keynesianismus führt sicher nicht zum Ziel. Man verschuldet sich auf Jahre hinaus. Aber auch Neoliberalismus pur ist abzulehnen, weil die soziale Komponente fehlt. Die soziale Marktwirtschaft, die uns prägt, ist jedenfalls sehr wichtig.

Die Regierung wollte immer sparen. Wie werden Sie das in der Hofburg machen?
Manchmal wird zu viel Aufwand getrieben. Man kann bei den Autos etwas zurücknehmen. Das Wichtigste ist, die Besuche klarer, einfacher zu machen, auch bei der Einladungspolitik in die Hofburg kann man in vielem einfacher sein.

Rote Teppiche werden weiterhin ausgerollt?
Das ist eine Frage, die ich mir noch nicht überlegt habe. Meine Devise lautet: Einfacher werden. Das beste Protokoll ist eines, das man nicht merkt ... Ja, wirklich!

In Ihrem Tagebuch schreiben Sie, dass Sie bei einem Ihrer Besuche einen Schäferhund „Kathi“ ins Herz geschlossen haben. Als Bundespräsident bekommt man ja häufig Tiere geschenkt. Was werden Sie mit solchen Geschenken machen?
Wenn, dann werde ich sie nur für die Republik Österreich übernehmen. Ich werde vorher anfragen, ob der Zoo in Schönbrunn mit einem lebenden Tier etwas anfangen kann.

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