Bawag-Skandal: Herbert Tumpel. Ein Nachruf?

Der Präsident der Arbeiterkammer war von 1987 bis 1997 Aufsichtsratspräsident der Bawag. Einst ein starker Sozialpartner, ist er nun aufgrund seiner Zustimmung zu den Karibik-Geschäften schwer angeschlagen und Hauptzielscheibe der politischen Gegner.

Das einzige wirklich auffallende Accessoire des kleinen Büros: Am Kleiderständer hängen zwei rote Boxhandschuhe. Vielleicht deshalb: Der Präsident betritt dieser Tage wieder den innenpolitischen Ring, kehrt nach zwei Monaten zurück in den Fight Club. Erstmals seit einem dürren Radiointerview vor mehr als einem Monat redet Herbert Tumpel über seine Zeit als Aufsichtsratspräsident der Skandal-Bank Bawag (Interview Seite 44). Er spricht langsam, manchmal stockend. Bekannt als harter Kämpfer und als Mann der starken Worte, wirkt er angeschlagen, fast schon stehend k.o.

Kein Wunder: Die Rücktrittsaufforderungen gegen ihn kamen in den letzten Wochen im Stakkatotakt; ja selbst Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ließ sich nicht lumpen und bezeichnete die Rolle, die Tumpel im Bawag-Skandal spielte, als „völlig unverständlich“. In anderen Causen zurückhaltender, forderte der Kanzler eine „lückenlose Aufklärung“ der Vorkommnisse und schmähte den Arbeitnehmervertreter gar in seiner groß angelegten Rede zur Lage der Nation. Er nannte ihn als einzigen Politiker der Opposition beim Namen und warf ihm vor, „auf Tauchstation gegangen“ zu sein.

Nun ist Herbert Tumpel also wieder aufgetaucht. Und wehrt sich im trend-Gespräch vehement gegen alle Vorwürfe: Die Karibik-Geschäfte, die zu seiner Zeit abgewickelt wurden, seien ohne Verluste rückgeführt worden. „Ich weise den Vorwurf, das seien hoch spekulative Heuschreckengeschäfte gewesen, entschieden zurück.“

Diametral anderer Ansicht ist da Tumpels Parteikollege Ferdinand Lacina, der 1994 Finanzminister war. Als die problematischen Deals zwischen dem damaligen Bawag-Chef Walter Flöttl und seinem Sohn Wolfgang ruchbar wurden, beantragte er die Prüfung durch die Notenbank und berichtet nun, dass ihm „die Prüfer damals nach längeren Recherchen mitgeteilt“ hätten, dass bei den innerfamiliären Flöttl’schen Geschäften ein „Klumpenrisiko in beträchtlichem Ausmaߓ bestanden habe. Tumpel gibt nun an, diesen Bericht nie gesehen zu haben.

Und während der AK-Präsident kein Wort der Kritik zum optisch verheerenden Vater-Sohn-Business über die Lippen bringt, hält Lacina das Bild, das sich da bot, für völlig schief: „Es macht ein Generaldirektor doch nicht Geschäfte mit seinem Sohn. Das war schon sehr komisch.“ Lacina, der in der Causa damals „tunlichst jeden persönlichen Kontakt zu den Funktionären der Bawag vermied“, fragte sich schon bald, warum 1995 unter dem neuen Generaldirektor Elsner – und unter dem gleichen Aufsichtsratspräsidenten Herbert Tumpel – die Karibik-Geschäfte überhaupt wieder aufgenommen wurden. „Aus späterer Sicht hat mit Gewissheit erneut ein Klumpenrisiko bestanden“, sagt Lacina – und das offensichtlich trotz der von Tumpel so oft zitierten strengen Auflagen.

Rauer Umgangston. Herbert Tumpel, Sohn eines Schriftsetzers, 58 Jahre. Wer ist der Mann, der nichts bedauert und jetzt um sein Überleben an der Spitze der AK kämpft? Persönliches weiß man von dem medienscheuen Sozialpartner herzlich wenig – außer dass er mit der angesehenen EU-Notenbankerin Gertrude Tumpel-Gugerell verheiratet ist.

Seine Karriere begann in den goldenen siebziger Jahren und verlief sozialdemokratisch-mustergültig. Unmittelbar nach dem Studium der Nationalökonomie trat er in das volkswirtschaftliche Referat des ÖGB ein. Unter seinen linken Mitstudenten galt er als gescheit, aber auch als Mann fürs Grobe. Er war der Arbeiter, der harte Kämpfer, der sich auch im ÖGB Zug um Zug nach oben boxte.

1983 wurde er Leiter des volkswirtschaftlichen Referats, 1987 für die Finanzen verantwortlicher leitender Sekretär des ÖGB – und oberster Eigentümervertreter in der eigenen Bank.

Viel und gern wird über die rauen Umgangsformen des ausgebildeten „Rangers“ erzählt. Unter anderem, dass er einst mit dem Ökonomen und heutigen Professor der ETH Zürich, Ernst Fehr, zu vorgerückter Stunde in Streit geriet und diesem dabei die Faust unter die Nase hielt. Was dieser, ein vormaliger Ringer, mit einem glatten Schulterwurf quittierte. Der weitere Verlauf des Raufhandels ist nicht überliefert, wohl aber die Tatsache, dass in der Wiener AK 1987 blankes Entsetzen ausbrach, als ruchbar wurde, dass der ruppige, ansonsten farblose ÖGB-Funktionär die Leitung des roten „Think Tanks“ übernehmen sollte. Seine Wahl wurde, völlig unüblich, gleich zweimal vereitelt, der Tiroler AK-Präsident Fritz Dinkhauser tat sich als lautstarker Kritiker hervor. Bei einer Probeabstimmung unter den SP-Kammerräten erhielt er nur 47 der 70 Stimmen, daraufhin nominierte die Fraktion christlicher Gewerkschafter gar einen Gegenkandidaten.

Tumpel wurde erst in der dritten Runde installiert – ein nie gekannter Affront.

Nach der mütterlich-freundlichen Lore Hostasch hielt nun der Kasernenhofton im Haus in der Wiener Prinz-Eugen-Straße Einzug. „Er ist zu den Mitarbeitern unwirsch, unhöflich, rau. Er redet im Gewerkschaftsjargon. Viele Kollegen fürchten sich, wenn sie zu ihm hineinmüssen. Er fährt sie an, er ist wirklich ungut“, redet sich ein langjähriger AK-Mitarbeiter seinen Frust vom Leib. Selbst Christoph Matznetter, der Budget- und Finanzsprecher der SPÖ, kann seinen AK-Präsidenten in dieser Angelegenheit nicht freisprechen. „Der liebevoll kosende Übervater der AK ist er wahrlich nicht und will das auch gar nicht sein. Er verlangt Leistung“, sagt der Parteifreund. Und fügt hinzu: „Er hat sicher eine polternde Stimme, aber ich wünsche mir als Arbeitnehmervertreter genau jemanden, der poltert.“

„Da war’s nicht leicht mit ihm.“ Für Gepolter sorgt der AK-Präsident auch auf politischer Ebene. „Tumpel hat bei der EU-Erweiterung 2004 tatsächlich Töne geäußert, die genauso gut aus der Freiheitlichen Partei hätten kommen können“, analysiert der Politikwissenschaftler Anton Pelinka. Mit seinen Positionen zur europäischen Integration und zur Ausländerbeschäftigung rückte er sich selbst ins äußerste rechte Eck der SPÖ. Auch Matznetter erinnert sich, dass „die SPÖ mit ihm nicht immer einer Meinung“ war, etwa bei den Übergangsfristen für ausländische Arbeitnehmer. „Da war’s nicht leicht mit ihm.“ Selbst Karl Öllinger, lange Zeit vehementester EU-Kritiker der Grünen, bemerkt, dass er „gerade in EU-Fragen Positionen vertritt, mit denen man keine Zukunft machen kann, denn die Erweiterung kommt beziehungsweise ist schon da“.

Viel dicke Freunde machte sich Herbert Tumpel in seinen bislang neun Jahren als Präsident wahrlich nicht; wohl auch deshalb, weil er „weder nach innen noch nach außen kommuniziert“, wie es ein AK-Mitarbeiter nobel ausdrückt. Sein sperriger Auftritt fällt Tumpel auch jetzt, in der aktuellen Causa, auf den Kopf. „Er verkörpert die alte Arbeiterführermentalität, grummelt und brummt, da finden sich viele nicht wieder“, referiert Karl Öllinger. Tumpel bunkert sich zurzeit im Haus ein. Nach außen betreibt er, wie ein „Parteifreund“ feststellt, „absolut kein Agenda Setting. Er kommuniziert seit Jahr und Tag die immer gleichen Inhalte, Arbeitsmarkt und Jugendarbeitslosigkeit. Das ist wichtig, aber nicht alles.“

Der Anti-Medien-Held wirkt oft schlecht bis gar nicht gecoacht. So nahm er den Verzetnitsch-Abschied, nicht besonders weit blickend, „mit großem Bedauern und großem Respekt“ zur Kenntnis, attestierte dem flüchtenden ÖGB-Chef hohe „politische Verantwortung“. Als dessen schwere Fehler öffentlich wurden, ging er nicht wie andere Genossen deutlich auf Distanz – sondern schwieg sich eisern aus. Verzetnitschs Penthouse stört ihn auch heute noch nicht: „Es war seine Entscheidung.“

Offene Fragen. Das Resultat: Tumpel verlor laut APA-OGM-Vertrauensindex signifikant an allgemeiner Zustimmung. Die Verteidigung des in die Defensive geratenen Präsidenten musste SPÖ-Geschäftsführer Norbert Darabos übernehmen: „Es ist völlig klar, welcher Versuch hier gestartet wird: Die Regierung will unbequeme Kritiker mundtot machen.“

Ein gutes Wort legt auch der Budgetexperte der AK für seinen Präsidenten ein. „Tumpel hat durchaus Gespür für wichtige politische Fragen“, glaubt Bruno Rossmann, der diesen Herbst für die Grünen in den Nationalrat einziehen will. „Er ist ein guter Ökonom.“ Freilich geht sein Lob auch mit gröberen Einschränkungen einher: „Früher hatte die AK auch in Umweltthemen die Themenführerschaft inne. Heute hat Umweltpolitik in der AK nicht mehr so große Bedeutung.“

Dass Tumpel die AK im Beratungsbereich erfolgreich neu positionierte, fällt auf die Habenseite seiner Präsidentschaft; auch die konsumentenpolitische Abteilung sorgt immer wieder für positive Auftritte. Doch nun wird das frisch polierte AK-Image durch den Präsidenten selbst gefährdet; zu viele Fragen aus seiner Zeit als ÖGB-Finanzchef und Bawag-Aufsichtsratspräsident stehen nach wie vor unbeantwortet im Raum.

So konnte Ex-Bawag-General Flöttl anno 1996 sein 600 Quadratmeter großes Penthouse am Dach des Bawag-Hauses am Wiener Fleischmarkt erwerben – zum Okkasionspreis. Zu Tumpels Zeit fiel die Entscheidung über das heftig kritisierte Bawag-ÖGB-Engagement im Casino Jericho, das 1998, ein Jahr nach seinem Wechsel in die AK, eröffnet wurde. Und, noch einmal: Tumpel selbst war es, der mit seiner Zustimmung die Wiederaufnahme der letztendlich desaströsen Karibikgeschäfte ermöglichte. „Wenn er gewusst hätte, was da abgeht, hätte er anders reagiert. Er hat die Tragweite, die Art des Geschäfts nicht durchschaut, er musste, so wie alle anderen Aufsichtsratsmitglieder auch, dem Vorstand vertrauen“, attestiert ihm da ein Aufsichtsratskollege ein gerüttelt Maß an Naivität. Ein wunder Punkt, an dem Erich Becker, der Präsident des Vereins der Aufsichtsräte einhakt: Die vordringlichste Aufgabe des Aufsichtsrats sei eben „die Überwachung der Geschäftsführung. Ein Rollenverständnis des Aufsichtsrats als bloßer Berichtsempfänger, gleichsam als Briefkasten dessen, was der Vorstand zur Post gibt, ist gesetzeswidrig“, gibt er Nachhilfeunterricht in Belangen des Aktienrechts.

Wahl zwischen Pest und Cholera. Tumpel wird, so viel ist sicher, ein Hauptthema im anrollenden Wahlkampf sein. „Er hat mitgespielt, er ist ja nicht dumm, er ist Mitwisser und Mittäter“, eröffnet Max Walch vom BZÖ das Sperrfeuer mit heftigen Worten. „Er wollte, dass die Bawag eine eierlegende Wollmilchsau ist. Das konnte nicht aufgehen. Er sicherte mit den Karibik-Geschäften dem ÖGB über Jahre die Rendite und verhinderte damit indirekt die Sanierung des ÖGB“, schimpft Karl Öllinger. ÖAAB-General Werner Amon hält ihn überhaupt für „untragbar“. Denn: „Seine Aussagen und sein Handeln liegen zu weit auseinander.“ Die Doppelmoral – hier Kritik an der neoliberalen Ideologie, dort selbst Zustimmung zu dubiosen Spekulationsgeschäften – ist es, die auch den Politologen Peter A. Ulram von Fessel-OGM hörbar stört: „Der Widerspruch zwischen seinem Handeln in der Bawag-Causa und seiner oftmals geäußerten Globalisierungskritik macht ihn angreifbar.“ Auch in Zukunft werde Tumpel nur beschränkt handlungsfähig sein, „seine politische Argumentation wird unglaubwürdig bleiben“.

Trotz aller herben Haken und Schläge: Herbert Tumpel steht noch. Zwar hat er auch schon hausintern Rücktrittsaufforderungen über sich ergehen lassen müssen, viele Arbeiterkämmerer erwarten seinen Abgang, doch noch halten ihm die Länder-AKs, hält ihm die SPÖ die Stange. Der Partei ist ein angezählter AK-Präsident offenbar noch lieber als – neben Verzetnitsch – ein zweites rotes Knock-out. Tumpel darf unter anderem auch deshalb noch nicht gehen, weil er, so plaudert ein Genosse aus der SPÖ-internen Giftküche, im Herbst wohl den Buhmann für die verlorene Wahl abgeben wird müssen. „Da hat der Mohr dann seine Schuldigkeit getan, dann kann er gehen.“

Dass der schwer gezeichnete Präsident für die ebenfalls waidwunde SPÖ bis auf Weiteres ein „Klotz am Bein“ bleiben wird, hält der Politologe Ulram für gegeben. Einen sofortigen Rücktritt empfiehlt er jedoch nicht, denn die SPÖ habe den richtigen Zeitpunkt dafür schon verpasst. „Hält sie ihn, bleibt er in der Schusslinie der anderen Parteien. Drängt sie ihn zum Rücktritt, rollt sie die Causa selbst nochmals massiv auf.“ Ulrams bitteres Fazit: „In Wahrheit hat die SPÖ in der Causa Tumpel nur mehr die Wahl zwischen Pest und Cholera.“

Von Othmar Pruckner

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