Azubis und Honorare

„Gratis ist billig, und billig ist schlecht.“ Werbelegende David Ogilvy

Diese Kolumne hat das Ziel aufzuklären. Es geht um den Wert geistigen Eigentums. Anfangs ist von der hellenistischen Übung des autoritären Gesprächs die Rede, heute „Vortrag“ oder „Referat“ genannt. Vorträge sollen die Erfahrungen der Älteren auf die Auszubildenden (Abk.: Azubis) übertragen.

Seit dem Glockenschlag des 50. Geburtstags, der in Österreich aus jedem Depp einen Weisen macht, werde ich mit wachsender Frequenz zu Vorträgen befohlen. Das ist fein, sofern es um politische Akademien, Multis, erfolgreiche KMUs, Rotary, Lions & Co geht. Diese haben viel Geld, ich nicht. Die Referatshonorare sorgen für Ausgleich.

Unglücklicherweise gibt es noch Hochschulen. Deren Führungskräfte wollen alles umsonst bzw. gratis, was in diesem Fall das Gleiche, wenn auch nicht dasselbe ist. Umsonst ist es, weil ich ohne Honorar nicht mehr anreise, rede und in ländlichen Gasthöfen mit fließendem Kaltwasser übernachte. Selbst die einzige Ausnahme, die Caritas, ist ein reelles Geschäft. Der alte Ablasshandel lebt, als hätte es niemals Luther gegeben. Die ausnahmslos klugen, sympathischen Manager dieser christlichen Elitetruppe haben mich überzeugt, dass Gratisarbeiten für sie ein Ticket in den Himmel sind.

Um den Verdacht der Grausamkeit und Geldgier abzuwenden, werde ich meine Haltung begründen. Dies soll auch als künftige Argumentationshilfe für ungeschickte Freunde und Kollegen dienen, die noch in selbstlosem Verzehr ihrer bescheidenen Kräfte jeden Vortrag wahrnehmen, der ihnen schmeichlerisch abgerungen wird.

Tipp 1: Erkläre, dass Studenten-Vorträge nur Sinn machen, wenn sie aufs Leben vorbereiten. Im späteren Erwachsenenleben kostet alles irgendwas. Meist kostet es Geld, manchmal geldwerte Gegenleistungen. Es wäre pädagogisch kriminell, ein Referat zu verschenken. Es würde falsche Erwartungen unterfüttern, in schlimmen Fällen zu Dekadenz führen. Es würde starke Jugendliche aus armen Familien dem Schicksal reicher Jugendlicher preisgeben: Verweichlichung, Lebensuntüchtigkeit und Verlust jedweder Frustrationstoleranz durch zu frühe zu große Geschenke.
Tipp 2: Erkläre, dass die wunderbare neue Einrichtung der Teilrechtsfähigkeit die Unis und Museen endlich zu reifen, selbstständigen Wirtschafts-Companys machte. Sie müssen Überschüsse nicht mehr dem Staatssäckel ausliefern, sondern dürfen sie sinnvoll investieren. Ich sage daher bei dortigen Vortragsverhandlungen: „Sie könnten mich aus Ihren Gewinnen bezahlen. Das möchte ich aber gar nicht. Zeigen Sie Ihr Marketinggeschick. Ich gestatte ausdrücklich, meinen Vortrag durch Unternehmer sponsern zu lassen. Sie können auch Eintritt verlangen. Dann wissen wir gleich, wie echt das Interesse ist.“

Tipp 3: Erkläre höflich, dass Lehrer und Professoren als Auftraggeber eine Pest sind, die eher nach Preisaufschlägen ruft. Ich darf das so grob sagen. In vielen Kolumnen habe ich die Kinder und Lehrer die wichtigste Substanz des Staats genannt. Unübersehbar blieb freilich, dass Professoren an Anschaffen und Gehorchen gewohnt sind. Sie machen keine Unterschiede zwischen Jugendlichen und erwachsenen Referenten.

So erlebte ich Rektoren, Institutsleiter und Pädagogen, die zwar nichts zahlen wollten, aber ihre wertvolle Zeit opferten. Einen halben Tag lang trugen sie mir den Vortrag vor, den ich halten sollte.

Speziell Journalistenkollegen werden beifällig nicken. Alle Chefredakteure gingen durch das Feuer der Lehrer-Leserbriefe. Sie wurden uns unentbehrlich. Sie machen den größten Teil unseres Feedbacks und unserer Weiterbildung aus. Ein Schatten allenfalls, dass die Gelehrten nicht nur meist Recht haben, sondern auch dringend Recht bekommen wollen. Sie vibrieren.

Wir nehmen diese Attitüde als psychologisch verständliches Ventil. In der industriellen Revolution waren die Lehrer blasse Diener, beinahe leibeigen und verachtet. In der klügeren, humaneren, teils schon postindustriellen Welt geht es ihnen besser. Gleichwohl verdienen sie an Image und Geld noch immer nicht, was sie verdienen sollten.

Das ist aber kein Grund, etwa privaten Uni-Referenten bei Honoraren die Salami vom Brot zu ziehen. Gratisvorträge sind ein Elendszeichen so wie Gratispräsentationen in der Welt der Werbung und der Public Relations.

Wer als Auftraggeber oder Auftragnehmer darauf eingeht, hat wahrscheinlich noch keine Zeit gefunden, sich mit der Würde des geistigen Eigentums zu beschäftigen. Solange er kein subjektives Schuldgefühl entwickeln konnte, ist er (oder sie) objektiv so unschuldig wie ein Kind, das den Wahnsinn hinter Raubkopien aller Art nicht begreift.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente