Autobranche: Geisterfahrer aus dem Osten

Die EU-Erweiterung bringt Österreichs Autobranche ins Schleudern. Denn in Ungarn, Tschechien oder der Slowakei sind nicht nur die Autos billiger, sondern vor allem auch die Reparaturen.

Es passiert nicht oft, dass sich Heinz Havelka Journalisten gegenüber grantig zeigt. So trist kann die Situation gar nicht sein, dass dem Honda-Händler und obersten Gremialvorsteher des Kfz-Handels nicht noch ein positiver Aspekt oder ein munteres Wort einfiele. Doch diesmal …

Der Neuwagen-Preisvergleich mit den EU-Beitrittskandidaten, knurrt er, sei ja völlig falsch.

Wie bitte? Hat nicht sein eigenes Gremium diese Studie, die von den heimischen Kfz-Importeuren in Auftrag gegeben wurde und die trend exklusiv vorliegt, mitfinanziert?

Na ja. Aber da seien keine Ausstattungsunterschiede berücksichtigt. Außerdem sei dieser Preisvergleich alt. Havelka: „Die Daten wurden im Oktober erhoben und haben sich seither komplett geändert.“

Richtig sauer wird Havelka allerdings, als er auf den zu erwartenden Reparaturtourismus angesprochen wird. „Man will uns ruinieren“, entfährt es ihm. Und: „Auch die Medien werden es spüren, wenn sich die Automobilbranche keine Inserate mehr leisten kann.“

Der Unmut des obersten Gremialvertreters ist verständlich. Denn zurzeit beträgt das Preisgefälle bei Neuwagen zwischen Österreich und Ländern wie Ungarn, Tschechien oder der Slowakei in Einzelfällen bis zu 35 Prozent. Zwar basteln Hersteller und Importeure bereits heftig an Strategien, um diese Unterschiede bis zur EU-Erweiterung zu bereinigen. So soll es bereits Pläne in der Schublade geben, die Autopreise in Polen mit dem Stichtag 1. Mai kräftig anzuheben. Doch im Reparatur- und Servicebereich, der preislich sogar noch wesentlich interessanter ist (siehe Preisvergleich Seite 62), werden solche Harmonisierungen nur sehr langsam – abhängig vom Steigen des allgemeinen Lohnniveaus in diesen Ländern – vor sich gehen. „Der Servicetourismus im grenznahen Bereich“, meint Denzel-Chef Günter Sieber, „ist das wesentlich größere Problem.“

Oder die größere Chance – wenn man es von der Warte der Autofahrer aus betrachtet. Denn gerade im Reparaturbereich sind die von der EU-Kommission im Zuge der Neuordnung des Kfz-Marktes1) versprochenen Preissenkungen bislang nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil. „Laut Autokostenindex sind die Reparaturkosten in Österreich im Vorjahr sogar um 5,6 Prozent gestiegen“, ärgert sich ARBÖ-Sprecherin Lydia Ninz. Umso verlockender ist die Idee, diverse Reparaturen künftig in Györ, Bratislava oder Brünn machen zu lassen, noch dazu, wo die Arbeitskosten dort um 60 bis 80 Prozent billiger sind. Bei annähernd gleicher Qualität, wohlgemerkt. Denn die EU-Standards der Hersteller bezüglich Ausstattung der Werkstätten und Ausbildung des Personals gelten spätestens mit dem EU-Beitritt auch für unsere Nachbarländer.

Weststandards zu Ostpreisen. Wenn es nicht ohnehin alte Bekannte sind, die man dort antrifft: So unterhält der Eisenstädter Opel-Händler Erich Horvath seit acht Jahren eine Niederlassung in Sopron. Ford-Händler Strauss ist von St. Michael ins nahe gelegene Szombathely expandiert. Und Autohäuser wie Pappas, Wiesenthal oder die Salzburger Porsche-Holding sehen Märkte wie Ungarn oder die Slowakei ohnehin längst als zweite Heimat und wesentliche Ertragsstütze an.

„Wir bieten sicherlich dieselbe Qualität wie die Österreicher an“, meint Mirjana Urosevic, Geschäftsführerin des zur Bank-Austria-Gruppe zählenden Autohauses AWT Bavaria, das in der Slowakei den BMW- und Mini-Import überhat und zwei Handelsbetriebe samt Werkstatt unterhält. Um auf sich aufmerksam zu machen, inserierte AWT vergangenen Herbst sogar im Bordmagazin der AUA. „Die EU“, sagt Urosevic achselzuckend, „will einen offenen Markt haben, und wir auch.“ Zurzeit, ergänzt ihr Co-Geschäftsführer Peter Kramár, betrage der Anteil österreichischer Servicekunden in der AWT-Niederlassung Bratislava drei bis fünf Prozent: „Nach der Öffnung der Grenzen erwarten wir uns das Doppelte.“

Aggressive Werbung. „Den Servicetourismus“, meint Peter Rejtö, Österreichs Außenhandelsdelegierter in Budapest, „gibt es ja jetzt schon. Und er wird mit der EU-Erweiterung sicher zunehmen.“ Denn ab dem Stichtag 1. Mai ist es nicht mehr nötig, Änderungen am Auto an der Grenze zu melden und dafür Zoll zu zahlen. Und die Wartezeiten werden geringer sein. „Wir rechnen zwar frühestens 2007 mit der Umsetzung des Schengen-Abkommens in Ungarn“, sagt Rejtö, „aber die Grenzkontrollen werden vermutlich schon ab Mai nur noch pro forma sein. Und es gibt konkrete Pläne, etwa in Hegyeshalom noch mehr Kontrollstellen aufzumachen.“

Die ungarischen Autohändler beginnen auch bereits, die potenzielle Kundschaft in Österreich zu umwerben. So fanden Autofahrer in Pamhagen unlängst Flugblätter einer nahe gelegenen ungarischen Werkstätte an der Windschutzscheibe (siehe Faksimile Seite 55). Und ab Mai, fürchtet Opel-Händler Horvath, werden die Ungarn den österreichischen Markt noch viel aggressiver beackern: „Uns trifft es ja nicht so stark, weil wir selbst einen Standort in Sopron haben. Aber für einige Kollegen im Grenzbereich ist das eine richtige Gefahr.“

Aus diesem Grund liebäugeln manche – etwa der Badener Ford-Händler Wilhelm Weintritt, der auch in Eisenstadt und Neusiedl präsent ist – bereits heftig mit der Gründung einer Filiale jenseits der Grenze, um sich gegen die neue Konkurrenz zu wappnen. Weintritt: „Wir halten die Ohren offen und schauen, was sich anbietet.“

Auch an der Grenze zu Tschechien ist der Servicetourismus gang und gäbe. Bereits seit längerem reisen Wiener nach Südmähren oder Linzer nach Südböhmen, um sich einige Euro zu ersparen. Hyundai-Händler Jan Reitinger aus Ceske Budejovice erzählt, dass monatlich fünf bis sechs Österreicher in seine Werkstatt kommen: „Sie kaufen gerne Zubehör wie Skiboxen, Schneeketten oder Glühbirnen ein. Und ich überlege, eine Zweigstelle in Kaplice in der Nähe des Grenzübergangs von Dolni Dvoriste zu errichten. Dorthin fahren viele Österreicher einkaufen.“

Opel-Händler Vojtech Sojka aus Breclav berichtet über „täglich zwei Kunden für die Servicewerkstatt aus Österreich“. Und Renault-Händler Stanislav Cerny aus Ceske Budejovice sagt, dass zehn bis fünfzehn Prozent seiner Werkstattkunden aus Österreich kommen. Teilweise würden diese Kunden sogar Ersatzteile aus Österreich mitbringen, um sie in Tschechien einbauen zu lassen. Denn billig ist im Osten nur die Arbeitszeit. Auf die Ersatzteile, die im Schnitt etwa fünfzig Prozent der Reparaturkosten ausmachen, trifft dies nicht immer zu.

Alexander Martinowsky, Vorstand von Mercedes Wiesenthal, rechnet vor, dass aufgrund der Ersatzteilpreise, die je nach Marke unterschiedlich sind, der Preisvorteil manchmal beträchtlich schrumpfen oder sich in Einzelfällen sogar ins Gegenteil verkehren kann. So ist die Erneuerung einer Windschutzscheibe bei Wiesenthal in Bratislava mit 544 Euro unterm Strich nur um achtzehn Prozent billiger als in Wien. Und die Erneuerung von Bremsklötzen und Bremsscheiben an der Vorderachse kostet in Bratislava 391,21 Euro, das sind sogar um exakt 11,11 Euro mehr als im Wiener Stammhaus.

Vorsicht beim Import. Wer sich vor unliebsamen Überraschungen schützen will, sollte deshalb genau prüfen, worauf er sich einlässt. Dies gilt für den Neuwagenkauf noch mehr als für den Servicetourismus. Denn gerade hochpreisige Automarken wie Mercedes, BMW oder Jaguar sind im Osten bisweilen sogar teurer als im Westen (siehe Tabelle Seite 60). „Wirklich billig sind in Tschechien oder Ungarn vorwiegend kleine Autos bis zur Polo-Klasse, die dort mehr als 50 Prozent des Marktes ausmachen“, meint Porsche-Austria-Sprecher Hermann Becker, „in diesem Bereich werden so genannte Basismodelle, die nur die allernotwendigste Grundausstattung enthalten, preisgestützt angeboten.“ Bei gleicher Ausstattung hingegen, so Becker, schrumpfen die Preisunterschiede gleich enorm. So werde etwa der Skoda Fabia in den Reformländern zum Teil ohne ABS, Beifahrer-Airbag und Zentralverriegelung angeboten. „Würde man in Tschechien diese Zusatzausstattung dazukaufen, käme das sogar etwas teurer als in Österreich.“

Mag sein. Aber wenn ein fünftüriger Peugeot 307 DS in Slowenien vor Steuern um knapp 4000 Euro billiger ist, werden die Käufer vielleicht gerne auf die in Österreich im Preis inkludierte Klimaanlage verzichten. Auch ein Opel Astra G ist, selbst wenn es sich nicht um das allerneueste Modell handelt, in Ungarn mit gut 30 Prozent Differenz vor Steuern allemal noch ein interessantes Schnäppchen, ebenso wie der Daewoo Kalos, der bei den Magyaren netto gleich um 37 Prozent weniger kostet als bei uns.

Ab Mai wird der Import dieser Fahrzeuge jedenfalls einfacher als bisher. Neuwagen müssen dann hüben wie drüben denselben EU-Normen entsprechen und können somit problemlos in Österreich angemeldet werden. Zumindest auf dem Papier. Denn ARBÖ-Experte Gerald Hufnagel warnt, dass die Zulassung durch die Prüfstelle Wien oft zwei bis drei Monate dauert. Auch die Generalimporteure, an die man sich ebenfalls wenden kann, haben es mit der Bearbeitung solcher Fälle nicht gerade eilig. Im Fall Ungarn gilt es außerdem zu beachten, dass dort per 1. Februar eine Registrierungssteuer eingeführt wurde, die sich ähnlich wie die österreichische Nova an der Umweltfreundlichkeit des Fahrzeuges orientiert und laut Rejtö beim Import nach Österreich nicht rückerstattet wird. Beim ÖAMTC meint man zwar, dass diese Steuer den EU-Bestimmungen nicht standhalten wird. Trotzdem sollten Unerfahrene vor einem Eigenimport die Beratung eines der beiden großen Autofahrerclubs in Anspruch nehmen.

Marke X beim Beyschlag. Mindestens ebenso interessant für Österreichs Autofahrer sind allerdings die Auswirkungen des Ost-West-Gefälles auf die Preise in Österreich. Hier kommen Hersteller und Importeure gleich doppelt unter Druck: Denn nicht nur die Privatkunden werden immer agiler und selbstständiger bei der Beschaffung ihrer fahrbaren Untersätze. Auch größere Autohäuser nützen interessante Preisdifferenzen sofort aus. Etwa die Augsburger Avag-Gruppe, die einer der größten Opel-Händler Europas ist und seit der Übernahme des Autohauses Sulzbacher in Traun bei Linz auch in Österreich einen Fuß in der Tür hat. Denn die Avag, die demnächst auch in Linz und in Wien Filialen gründen will, ist längst auch in Osteuropa präsent. Österreich-Geschäftsführer Harald Wolf: „Die Preisangebote laufen derzeit quer durch Europa, und wir decken uns natürlich dort ein, wo wir einen guten Preis bekommen.“

Firma als Dachmarke. „Autohändler, die clever sind, kreieren eine neue Marke – den eigenen Firmennamen“, meint der Kfz-Journalist Gerhard Lustig, „denn jahrzehntelang solide geführte Firmennamen sind heute mehr wert als jede Markenkraft. Einem Denzel, Wiesenthal oder Beyschlag wird der Kunde viel eher ein Kontingent an Billigfahrzeugen welcher Marke auch immer abkaufen als irgendeinem No-Name.“

Tatsächlich bastelt Opel&Beyschlag-Chef Johannes Hall bereits eifrig an einem neuen Werbeslogan, der „die Marke X beim Beyschlag“ lauten könnte. Und Denzel-Chef Sieber, der vermutlich konsequenteste Anhänger der Mehrmarkenpolitik in Österreich, zählt mit den Neuzugängen Jaguar, Landrover, Range Rover und Volvo bereits dreizehn Marken zu seinem Portfolio.

Mit einem generellen Sinken der Autopreise rechnen weder Hall noch Sieber. Eher schon mit partiellen Preiserhöhungen bei den EU-Beitrittskandidaten und einer verstärkten Staffelung der diversen Modelle durch länderspezifische Ausstattungspakete. Und bis es so weit ist, wird in Österreich weiter heftig Preispolitik in Form von Sonderaktionen und Tageszulassungen gemacht. Aber nicht nur wegen Osteuropa. „Denn wenn wir ehrlich sind, ist der wirtschaftliche Aufschwung, der immer wieder vorausgesagt wurde, bis heute nicht eingetreten“, meint der St. Pöltner Autohändler Josef Schirak, der auch Havelkas Stellvertreter im Gremium des Fahrzeughandels ist. „Die Automobilindustrie muss ihre Überproduktionen loswerden, und deshalb wird das ganze Jahr über nur mehr in Aktionen verkauft. Stutzig macht mich, dass mittlerweile auch die Marktführer Handlungsbedarf haben und sogar VW beim neuen Golf oder Mercedes Aktionen laufen haben, was früher undenkbar gewesen wäre.“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente