„Ausland muss für Studenten zahlen“

Helmut Kramer, Rektor der Donau-Uni Krems, über zu geringe Hochschulbudgets, bildungsfeindliches Klima sowie mangelndes Engagement der Wirtschaft.

trend: Haben es Studenten heute schwerer als vor dreißig Jahren?
Kramer: Ich kann beurteilen, wie es vor vierzig Jahren war. Und ich bin mir sicher: Die Studenten heute haben es leichter.

Damals aber waren Studienabgänger doch sehr gesucht …
Natürlich gab es viel bessere Berufseintrittschancen. Unsere Jahrgänge wurden direkt übernommen. Unter diesem Aspekt haben es die Studenten heute sicher schwerer. Aber in den Studien selbst ist viel verbessert worden. Gemessen an heutigen Standards, waren die Studienbedingungen damals vorsintflutlich. Wenn man heute an der Wirtschaftsuniversität inskribiert, macht man das per Computer und hat eine halbe Stunde später die Immatrikulationskarte. Damals gab es schreckliche Hürdenläufe, um zur Immatrikulation zu kommen.

Sind damals auch schon Studienplätze verlost worden?
Nein, aber es gab auch schon vor dreißig Jahren zu wenig Laborplätze, es gab Zugangsbeschränkungen und Wartelisten.

Die Verlosung von Studienplätzen schlägt aber doch alles andere, oder?
Es ist kein erfreuliches Bild. Aber wenn man knappe Kapazität und zu viel Nachfrage hat, dann ist es eine gerechte, wenn auch nicht wünschenswerte Möglichkeit.

Sind Sie ein Vertreter des freien Hochschulzugangs?
Was heißt freier Zugang? Die Voraussetzung ist in jedem Fall ein Maturazeugnis. Ich bin natürlich dafür, dass man so weit wie möglich frei und möglichst ohne einen auf eine Note abgestützten Numerus clausus eine Universität besuchen kann. Die Erfüllung von Qualifikationen halte ich im Sinne der Qualität aber für richtig.

Wie können die Zugangsbestimmungen fair und gerecht gestaltet werden?
Ich halte Eingangsprüfungen nach ein oder zwei Semestern für den richtigen Weg.
Der Zuzug aus Deutschland kann durch Eingangsprüfungen nicht gelöst werden.
Dass die Kapazität für eine international offene Universitätslandschaft in einigen Fächern nicht reicht, ist unbestreitbar. Das gilt für Medizin und einige andere Fächer. Was den Zuzug von ausländischen Studenten betrifft, kann man sehr wohl die Frage nach einem Finanzausgleich mit den Heimatländern der Studenten stellen. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist zwar nachvollziehbar, aber dass Österreicher in hohem Maß Steuern zahlen, damit ausländische Studenten hier studieren können, halte ich für nicht richtig. Das ist eine unausgegorene, föderalistische Entwicklung, die korrigiert werden muss. Es muss einen Finanzausgleich geben.

Das Problem liegt in der Umsetzung ...
Wenn der Europäische Gerichtshof ablehnt, dass die Studiengebühren differenziert werden, dann müssen die Heimatstaaten den Ausgleich direkt durchführen. Wenn man die EU als Art Bundesstaat begreift, so ist das notwendig. Das Land Vorarlberg etwa hat keine eigenen Universitätskliniken und zahlt, weil die Patienten dort aufgenommen werden, an das Land Tirol für den Unterhalt. Ich halte es für richtig, dass die österreichische Politik endlich dieses Problem thematisiert.

In Österreich gehen 35 Prozent eines Maturajahrgangs auf die Universität, in Schweden sind es 80 Prozent. Kann man mit verschärften Zugangsbedingungen die niedrige Akademikerquote heben?
Natürlich nicht. Aber man muss sagen, dass Österreich noch immer ein überdurchschnittliches Bildungssystem hat. Zu sagen: Vor uns ist die Wüste, das ist nicht richtig. Was stimmt: In der Veränderung haben wir manchmal nicht mithalten können.

Österreich ist über dem Durchschnitt, aber sicher nicht bei den Besten mit dabei.
Das stimmt. Wir sollten uns messen an Ländern wie Schweden und Finnland, und wir sollten nicht sagen: So gut wie Deutschland sind wir auch. Man muss sich schon die Frage stellen, warum die Übertrittszahlen in Schweden und Finnland so viel höher sind.

Warum?
In Österreich besteht eine Schwellenangst, die Kinder auf die Uni zu schicken. Die muss man beseitigen. Die Leistungen und der Aufwand im primären und sekundären Bildungssystem sind gut, das Problem scheint an den Universitäten zu liegen.

Was sind die Hauptprobleme?
Die Universitäten sind nicht so dotiert, wie man sich das gewünscht hätte. Das hat mit der Konsolidierungspolitik des Budgets zu tun. Die Ministerin hat gekämpft, konnte sich aber nicht voll durchsetzen.

Liegt die Krise der Unis nur am Geld?
Viele Universitäten schleppen eine Vielzahl von Traditionen, Einrichtungen und Gepflogenheiten mit, die nicht in die Zukunft passen.

Zum Beispiel?
Ich bemerke, dass die Professoren, wenn sie einmal ernannt sind, ihr Fach mehr oder weniger in völliger wissenschaftlicher Freiheit pflegen. Das kann gut gehen, kann aber auch sehr unbefriedigende Ergebnisse bringen.

Wie kann dem abgeholfen werden?
Ich glaube, dass durch das neue Universitätsgesetz ein erheblicher Druck auf jene Teile der Universität kommt, die bisher sehr viel Beharrungsvermögen gehabt haben. Auf jene, die bequem sind und sich nicht an der Konkurrenz messen lassen wollen.

Ist die Hochschulreform also gelungen?
Nicht in allen, aber in wesentlichen Punkten schon. Das Mehr an Autonomie und Eigenverantwortung geben die Rektoren an die Professoren weiter, nehmen sie mit Zielvereinbarungen in die Pflicht. Der Professor, der sagt, ich forsche und ich lehre, was ich will, passt nicht mehr in eine moderne Universitätslandschaft.

Manche Rektoren sind durch die plötzliche Selbstständigkeit überfordert.
Ich kenne dazu kein konkretes Beispiel. Aber wenn sich ein Rektor nicht sofort mit allen neuen Anforderungen zurechtfindet: Die Ministerialbürokratie vergangener Zeit hat das noch viel weniger gekonnt.

Zurzeit laufen Verhandlungen zwischen der Rektorenkonferenz und dem Finanzminister. Ist die Dreiviertelmilliarde Euro, die die Rektoren jetzt zusätzlich wollen, zu viel? Zu wenig? Rektoren von Privatunis werfen den öffentlichen Universitäten ja vor, viel zu teuer zu sein.
In der Forschungsfinanzierung wurde bereits eine wesentliche Verbesserung erreicht. Zu knapp sind die Mittel dagegen im normalen Lehrbetrieb. Da ist das Budget wirklich nicht ausreichend. Und so kann es sein, dass einige Rektoren von der Budgetsituation her überfordert sind und Leistungskürzungen durchführen. Da müsste substanziell mehr Geld hineingebracht werden. Ich kenne Beispiele, wo medizinische Assistenten seit drei Jahren auf die Genehmigung eines eigenen PCs warten. Welcher Wissenschafter kann heute ohne Computer arbeiten? Auch das Chemie-Gebäude der TU Wien bedürfte einer dringenden substanziellen Verbesserung. Österreich täte gut daran, mehr in den Betrieb der Universitäten zu investieren.

Es heißt, Wien als Standort der meisten Universitäten tut zu wenig zur Pflege seiner Hochschulen. Stimmt das?
Der Bund hat die Verantwortung. Man kann Wien nicht die Verantwortung zuschieben.

Niederösterreich schafft aber engagierter neue Uni-Standorte. Die Donau-Universität ist ein Beispiel dafür.
Dass Niederösterreich nicht nur Interesse deklamiert, sondern auch investiert, ist offensichtlich. Es wird auch in Tulln ausgebaut. Der Standort des neuen Elite-Instituts von Zeilinger ist in Verhandlung.

Hat die Unterdotierung der Unis auch volkswirtschaftliche Konsequenzen?
Das hat sicher Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort. Es ist aber ein gemeinsames europäisches Problem, dass die Universitäten nicht hinreichend ausgestattet sind. Das Modell der europäischen Gesellschafts- und Wirtschaftsform kann nur gehalten werden, wenn wir innovativ sind. Sonst geht’s in negative Lohnspiralen, Preiswettbewerb, in Abbau von Leistungen hinein. Wir brauchen Innovation. Und die kommt weit gehend von einer optimalen Ausbildung. Die skandinavischen Länder gehen uns voraus. Man muss sicher dafür werben, dass wir mehr Universitätsausbildung in Österreich brauchen. Und zwar auf hohem Niveau.

Ist das Meinungsklima in Österreich bildungsfeindlich?
Nicht feindlich, aber traditionell nicht sehr universitätsnahe. Die Gesellschaft weist zu wenig Akademiker im Arbeitsprozess auf, bei vielen Menschen ist das Verständnis für die Notwendigkeit der Universitäten nicht da. Verglichen mit Sport und Kultur, ist der Bereich Wissenschaft in Österreich sicher unterbelichtet. Die Medien berichten nicht so interessiert wie über andere Themen. Und die Universitäten müssen lernen, ihre Leistungen besser in die Öffentlichkeit zu transportieren. Auch wir in Krems fühlen uns noch nicht ganz von der Bevölkerung verstanden. Wir müssen daran arbeiten, dass die Bevölkerung weiß, was hier alles geboten wird.

Braucht es neue Universitätsstandorte? Müssen die Unis näher zu den Menschen kommen?
Erste Priorität ist, die vorhandenen Standorte gut auszustatten, damit sie mit der Nachfrage mithalten können. Zweitens entstehen ja laufend neue Privatuniversitäten, zumindest in bestimmten Segmenten.

Wie wird sich die Bildungs- und Universitätslandschaft entwickeln?
Auf längere Sicht wird es im tertiären Bildungsbereich einen größeren privaten Sektor geben. Zurzeit sprießen da aber etliche Standorte so schnell, dass sich vermutlich gar nicht alle halten können.

Engagiert sich die heimische Wirtschaft ausreichend im Universitätsbereich?
Die Wirtschaft engagiert sich generell zu wenig. Man kann nicht immer nur mit dem Finger auf die staatliche Universitäts- und Bildungspolitik zeigen und nicht selbst die Konsequenzen daraus ziehen. Die Wirtschaft ist schon im Hinblick auf den Wirtschaftsstandort verpflichtet, mehr zu tun.

Interview: Othmar Pruckner

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