Aufruf zur Revolte

Gehrers dritter Fehler in kurzer Zeit weckt den Verdacht, wir bräuchten keine Frauen-Quoten, sondern Jugend-Quoten.

„Der Idealismus der Jugend ermöglicht die Weisheit des Alters.“ Hans Arndt

Es ist Kanzler Schüssel unbenommen, sich bei jeder Gelegenheit vor Elisabeth Gehrer zu werfen. Vielleicht bringt es ihm Gutpunkte, nach jeder wunderlichen Gehrer-Performance zu jubeln: „Die Lisl hat Recht, tausendmal Recht!“ Dies mag ihm den Ruf eintragen, notfalls auf Kosten der Wahrheit ein Gentleman und treuer Chef seines Teams zu sein.

Jedenfalls ist es sympathischer, als wenn ein dahergelaufener Kolumnist wiederholt aufschreit, die Frau Gehrer sei geradezu Angst erregend unterwegs. Hätte sie nicht einen der spürbar höchsten Intelligenzquotienten, könnte man witzeln, nichts sei gefährlicher, als wenn ein Dummer fleißig sei. Sie ist angreifbar, weil sie vieles angreift. Das muss man ihr zugute halten. Es ist zunächst imponierender als das feige Nichtstun der vielen Fehlervermeidungsweltmeister. Es gibt ja Minister, die unbekannt kommen und unbekannt gehen, „mit Gedanken ohne Spur und Geschwister“ (Joseph Roth).

Ministerin Gehrer verdient redlich ihr Geld für die viele Mühe, mit der sie uns schadet. Es gibt zwei Möglichkeiten, warum allein die drei letzten Aktionen, mit denen sie auffällig wurde, dreimal dramatisch falsch waren. Entweder ist sie in einer Welle, in der alles misslingt. Das gibt es. Niemand ist vor schwarzen Zeiten gefeit. Nur fürchte ich, es gibt einen anderen Grund, den ich nur ungern nenne, weil er ohne Charme ist. Wir haben uns aber der Gleichberechtigung der Frau verschrieben, das schließt auch uncharmante Kritik ein, wie man sie früher nur gegenüber Männern erheben mochte.
Frisch heraus: Ministerin Gehrer ist nicht mehr jung. Das kann in der Diplomatie ein Vorteil sein. Auch die Wirtschaftspolitik verlangt oft Reife. Wenn es aber um Schulen, also wesentlich um Kinder und Jugendliche geht, ist eine zu große Altersdistanz ein Nachteil.

Gehrers erster Fehler, Teile des Deutschunterrichts mit Computer-Textverarbeitung ersetzen zu wollen, wirkte eigentlich auf den ersten Blick modern, auf den zweiten nicht mehr, sondern gleich mehrfach irregeleitet. Der zweite Fehler führte ohnehin zu einem Entrüstungssturm: ihre ungerechtfertigte, von der Schwesterzeitschrift „profil“ sachlich zerlegte Generalattacke auf die Jugend – man feiere zu viel und mache zu wenig Kinder. Und nun, zum entsetzlichsten Nachteil der Kinder, wurden in einem einzigartigen Organisationsdesaster die Lehrer mitten im Schuljahr ersetzt oder ersatzlos wegpensioniert, als gäbe es keine großen Ferien für dergleichen. Selbst erzkapitalistische Autofirmen sind in dieser Frage sensibler. Sie wissen, dass man nicht mitten im Fluss die Pferde wechselt. Sie rüsten ihre Werkzeugmaschinen in den Werksferien auf die neuen Modelle um.

Umgelegt auf die betroffenen Kindern könnte man sagen, Gehrer habe sogar das Kunststück zuwege gebracht, mitten in den Pferden die Flüsse zu wechseln.

Gehrer ist in ihrer Empfindungsfreiheit gegenüber dem eigentlichen Kern aller Schulen – der Seele der Jugend – der schrecklichste Missgriff als Ministerin. Leider ist sie darin nur die Spitze eines Eisbergs, der Österreichs wichtigstes Zukunftspotenzial per Kälteschock paralysiert.

Österreich ist generell zu alt. Dass die Gesellschaft im Ganzen immer älter wird, gemessen am Durchschnittsalter, ist schon kein Frühlingssignal. Nur können wir uns da trösten.

Nirgendwo in der hoch entwickelten Industriewelt ist dies deutlich anders (abgesehen vielleicht vom neuen, letztlich unbedeutenden Wirtschaftswunderkind Irland). Was wirklich entsetzt, ist die Überalterung der Politik.

Oberflächliche wenden an dieser Stelle ein, mit dem Senioren-Prinzip seien oft Weltreiche stabil gehalten worden. Das ist schon richtig. Nur gleicht es der Anmerkung, der Marxismus habe tatsächlich Gleichheit bewirkt, nämlich Armut für alle. Eine Überalterung der politischen Spitze diente immer dem Entwicklungsstillstand (bei afrikanischen Stämmen etwa, die leichte Beute der Eroberer wurden) oder der Stabilisierung von Diktaturen wie in Rotchina und Lateinamerika und, wenn man dies höflich hinzufügen darf, im Vatikan.

Versuch einer resümierenden Dialektik. Ob fixe Frauen-Quoten gut oder schlecht sind, wissen wir nicht. Sie sind zunächst weiter demütigend, weil ein nicht sachlich begründetes Geschenk für Schwache, die anders nicht ausreichend repräsentiert wären. Das Argument, man schaffe damit kurzfristige Ungerechtigkeit, um eine langfristige Ungerechtigkeit wiedergutzumachen, ist aber mit gutem Willen akzeptabel.

Ob eine zwingende Jugend-Quote sinnvoll wäre, ist durch keinerlei Zweifel belastet. Sie wäre hoch an der Zeit.
Als Synthese ergäbe sich daraus, dass wir in der Politik mehr junge Frauen brauchen.

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